Vernetzte Wissenschaft erlangt kritische Masse

Zwischen Graz und Klagenfurt entsteht nicht nur ein neuer Wirtschaftsraum, sondern auch ein länderübergreifender Wissenschaftsraum. Universitäten, Forschungszentren und Technologieparks beider Länder arbeiten heute enger zusammen als je zuvor und werden damit zum Motor für Innovation, industrielle Transformation und internationale Sichtbarkeit werden kann.

Wissenschaftliche Institutionen befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Universitäten und Forschungszentren konkurrieren global um die besten Köpfe, um Fördermittel und um industrielle Partner. Gleichzeitig werden Forschungsfragen immer komplexer: Klimaneutrale Industrie, Wasserstoffwirtschaft, digitale Transformation oder neue Materialien für die Energiewende lassen sich kaum mehr innerhalb einzelner Disziplinen – oder einzelner Standorte – lösen. Abgesehen davon müssen sich Universitäten und Fachhochschulen in kleineren Ballungsräumen aktiv um Studenten bemühen. Was sich angesichts der österreichischen Hochschultradition, die bis vor wenigen Jahren frei von der Sorge um studentischen Nachwuchs war und dementsprechend nicht ausgerichtet auf einen marktwirtschaftlich orientierten Bildungsraum ist, überraschend schwierig gestaltet. Immerhin gilt es, einen Bildungsmarkt zu bedienen, der seit wenigen Jahren auf die Gesetze von Angebot und Nachfrage eher reagiert als auf akademische Meriten.        

Kritische Masse entlang der Koralmbahn

Vor diesem Hintergrund gewinnt Kooperation eine neue strategische Bedeutung. Denn nur Regionen, denen es gelingt, ihre Kompetenzen in Wissenschaft und Lehre zu vernetzen, schaffen jene kritische Masse, die im internationalen Wettbewerb notwendig ist. Genau diesen Weg beschreiten Kärnten und die Steiermark nicht zuletzt angesichts der Chancen, die die Koralmbahn bietet, zunehmend konsequent. Zwischen Graz und Klagenfurt entsteht nun Schritt für Schritt ein gemeinsamer Forschungsraum, der Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Industriepartner miteinander verbindet. Und es entsteht ein Bildungsraum, der Studenten ermöglicht, das jeweils beste Angebot zu nutzen, ohne Wohnort und familiär-finanziellen Rückhalt überzustrapazieren.

Neue Möglichkeiten werden ausgelotet

Freilich ist Zusammenarbeit und Kooperation auf diesem Niveau und mit den Möglichkeiten, die sich durch den neuen Wirtschaftsraum ergeben, für die Bildungsinstitutionen beider Ländern noch ein wenig unerforschtes Terrain. Hier hilft ein Gremium, das 2012 erstmals zusammengetreten ist: Die Hochschulkonferenz, ein, wie das Bundesministerium für Wissenschaft es formuliert, „informeller Zusammenschluss mit beratender Funktion”, mit dem Ziel, „Empfehlungen und Lösungsvorschläge zur Weiterentwicklung des österreichischen Hochschulraums gemeinschaftlich zu erarbeiten”. In der Steiermark und Kärnten tagt diese Hochschulkonferenz grenzüberschreitend – vergangenen Herbst trat sie bereits das zweite Mal im Schloss Maria Loretto am Wörthersee zusammen.

Bis auf Weiteres tagt diese Konferenz jährlich, erklärtes Ziel ist eine gemeinschaftliche Hochschulstrategie bis 2030. Bei der Eröffnung der Konferenz steckte der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser die Eckpunkte der Zusammenarbeit ab: „Mit der Fertigstellung der Koralmbahn erleben wir ein neues Zeitalter für die Wirtschaft sowie den Forschungs- und Bildungssektor in den beiden Bundesländern“, unterstrich Kaiser und hob hervor: „Ein neu erstarkter Süden wird jedoch nur dann bestehen, wenn ein hoher Grad an nationaler und internationaler Sichtbarkeit, eine weitere Attraktivierung des Bildungsraumes, und die Internationalisierung des Bildungsstandortes gelingt. Ein gemeinsamer und einheitlicher öffentlicher Auftritt ist daher ein wichtiger zu setzender Schritt.“ 

Mit der Fertigstellung der Koralmbahn erleben wir ein neues Zeitalter für die Wirtschaft sowie den Forschungs- und Bildungssektor in den beiden Bundesländern.“ Peter Kaiser

Wasserstoff als gemeinsames Zukunftsfeld

Die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Exzellenz heute selten isoliert entsteht, ist indes nicht wirklich neu. Die Kooperation zwischen den beiden südösterreichischen Bundesländern ist inzwischen zu einem strategischen Standortfaktor geworden, der von Energie- und Materialforschung über Robotik bis hin zu digitalen Technologien reicht. Die Kärntner Stärkefelder Mikroelektronik, IKT und Kreislaufwirtschaft sind ebenso mitentscheidend für die grüne und digitale Transformation wie die steirische Expertise etwa in Sachen erneuerbarer Energien. Ein besonders sichtbares Beispiel dieser Zusammenarbeit ist das sogenannte Hydrogen Industrial Inland Valley, ein groß angelegtes Innovationsprojekt zur Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft in Österreich. Die Initiative wird gemeinsam von Kärnten, der Steiermark und Oberösterreich getragen und umfasst zahlreiche Forschungs- und Demonstrationsprojekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion über Transport und Speicherung bis zur industriellen Anwendung von grünem Wasserstoff.

Bis 2030 sollen Investitionen von rund 578 Millionen Euro mobilisiert werden. Ziel ist es, die energieintensive Industrie – etwa Stahl, Zement oder Chemie – schrittweise zu dekarbonisieren und gleichzeitig eine neue industrielle Infrastruktur aufzubauen. Ein zentraler wissenschaftlicher Akteur ist das Grazer Forschungszentrum HyCentA, das die technische Leitung des Projekts innehat. Gerade für den Wirtschaftsraum zwischen Leoben, Graz und Klagenfurt eröffnet diese Initiative neue Perspektiven: Forschung, Energieinfrastruktur und industrielle Anwendung werden erstmals in einem gemeinsamen regionalen Innovationssystem gedacht.

COMET-Zentren als Rückgrat der Kooperation

Ein weiteres wichtiges Instrument der Zusammenarbeit sind die COMET-Kompetenzzentren („Competence Centers for Excellent Technologies“). Dieses österreichweite Förderprogramm verfolgt das Ziel, universitäre Grundlagenforschung mit industrieller Anwendung zu verbinden und regionale Innovationscluster zu stärken. In der Steiermark und Kärnten entstehen auf dieser Basis zahlreiche Kooperationsplattformen. Ein Beispiel ist das Polymer Competence Center Leoben (PCCL), das an der Montanuniversität angesiedelt ist und international anerkannte Forschung zu polymeren Materialien betreibt. Die Projekte reichen von Automobil- und Luftfahrtanwendungen bis hin zu neuen Materialien für Energie- und Wasserstofftechnologien. Solche Kompetenzzentren funktionieren als Schnittstellen zwischen Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen. Sie sorgen dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse rasch in wirtschaftliche Anwendungen überführt werden – ein entscheidender Vorteil für technologieorientierte Regionen.

Forschungsnetzwerke zwischen Graz, Leoben und Klagenfurt

Neben großen Programmen sind es vor allem institutionelle Netzwerke, die die Zusammenarbeit prägen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Joanneum Research, eine der größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen Österreichs. Die Organisation mit Sitz in Graz betreibt mehrere Forschungsstandorte – unter anderem auch in Klagenfurt – und befindet sich teilweise im Eigentum des Landes Kärnten. Am Lakeside Science & Technology Park in Klagenfurt entsteht beispielsweise ein gemeinsamer Innovationscampus von der Universität Klagenfurt, dem Joanneum Research und zahlreichen Technologieunternehmen. In unmittelbarer Nähe zur Universität arbeiten dort Forschungsgruppen an Themen wie künstlicher Intelligenz, Robotik, Drohnentechnologie oder digitalen Zwillingen. Eine neue strategische Kooperation zwischen der Universität Klagenfurt und Joanneum Research konzentriert sich aktuell auf Robotik- und KI-Forschung. Ziel ist es, universitärer Lehre, angewandte Forschung und industrielle Entwicklung enger miteinander zu verzahnen und so neue Innovationsfelder für den Standort zu erschließen.

Material- und Energieforschung als Brücke

Auch die Montanuniversität Leoben ist ein wichtiger Partner in diesem Netzwerk. Mit Forschungseinrichtungen wie dem Erich-Schmid-Institut für Materialwissenschaft oder dem neuen Zentrum für Wasserstoff- und Kohlenstofftechnologien entwickelt sie Grundlagen für industrielle Anwendungen der Energiewende. Gerade in der Material- und Energie­forschung ergeben sich zahlreiche Schnittstellen zu Kärntner Initiativen – etwa im Bereich erneuerbarer Energiesysteme, Wasserstofftechnologie oder digitaler Industrieprozesse. Die wissenschaftlichen Kompetenzen der Steiermark treffen hier auf die wachsende Technologie- und Start-up-Szene rund um Klagenfurt.

Ein gemeinsamer Innovationsraum

Die zunehmende wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Kärnten und der Steiermark zeigt, dass sich Innovationsräume heute nicht mehr an administrativen Grenzen orientieren. Stattdessen entstehen funktionale Regionen, in denen Forschungseinrichtungen, Universitäten und Unternehmen ihre jeweiligen Stärken bündeln. Vom Wasserstoff-Valley über COMET-Zentren bis zu gemeinsamen Forschungsprojekten im Lakeside Park spannt sich ein Netzwerk, das den gesamten südösterreichischen Raum umfasst. Für Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie bedeutet diese Kooperation vor allem eines: mehr kritische Masse, mehr internationale Sichtbarkeit und damit bessere Chancen, im globalen Wettbewerb um Technologien und Talente zu bestehen.

Wenn der Alpen-Adria-Raum künftig als Innovationsregion wahrgenommen wird, dann liegt das nicht zuletzt an dieser engen wissenschaftlichen Partnerschaft zwischen Kärnten und der Steiermark.

Hannes Roth
Hannes Roth
Autor | Steiermark
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Start | Up
roth@mut-magazin.at

M.U.T. auf Youtube

M.U.T.letter

Wissen, was die Wirtschaft bewegt.

Das könnte Sie auch interessieren