Workation: zwischen Sehnsuchtsbild und Realität

Was passiert, wenn man Arbeit dorthin mitnimmt, wo andere Erholung suchen? Und was heißt das für UnternehmerInnen, die über Workation-Modelle nachdenken, für sich selbst oder ihr Team? Unsere Redakteurin Franziska hat es ausprobiert und teilt ihre Einblicke in die Realität fern von daheim.

In Präsentationen klingt Workation nach Leichtigkeit: vormittags Mails, nachmittags Meer, dazwischen ein bisschen Strategie in der Hängematte. Viele Unternehmen diskutieren inzwischen, wie sie ihren Mitarbeitenden mehr Ortsflexibilität ermöglichen können, und fast jede zweite befragte Person in aktuellen Umfragen sagt, sie würde gerne zumindest zeitweise aus dem Ausland arbeiten.

Meine Realität in diesem Herbst war deutlich weniger glatt. Meine Route führte mich mit einem alten Auto über Italien, Frankreich und Spanien… ungeplant wieder zurück nach Frankreich. Auf dem Papier gut geplant, sorgfältig recherchiert, mit Unterkünften, die ausdrücklich als „ideal fürs remote Arbeiten“ beworben waren. In der Praxis eine Abfolge von Höhen und Tiefen; von idyllischen Ausblicken und inspirierenden Momenten bis hin zu wackeligem Internet, lärmenden Nachbarn und der Erkenntnis, dass Bewertungen manchmal mehr rosarote Brille als Realität abbilden.

Italien: Idyllischer Ausblick, null Empfang

Die erste Station lag in Italien. Ein Haus, das online nach einem Traum für Remote Worker aussah mit eigenem Arbeitsplatz, gutem Internet und ruhiger Lage. Genau das, was ich gesucht hatte. Ich wusste, dass ich stabile Verbindungen für Kundentermine, Dateien und laufende Projekte brauche und habe entsprechend kritisch vorab geprüft: Bewertungen, WLAN-Hinweise, Fotos.

Angekommen stellte ich schnell fest, das WLAN war mehr Wunsch als Wirklichkeit. Produktiv arbeiten konnte ich nur draußen auf der Terrasse und war plötzlich sehr dankbar, dass ich vor der Abreise mein EU-Roaming aufgestockt hatte. Die Szene war gleichzeitig schön und absurd: Ich sitze draußen mit Laptop, Blick über die Hügel, die Luft noch mild und versuche neben Wind und gelegentlichem Nieselregen Zoom-Calls zu jonglieren. Direkt vor der Nase der Kirchturm des Ortes, der im Viertelstundentakt läutete. Klanglich eine Postkarte. Für Konzentrationsarbeit eine Art natürlicher Timer, der jeden Gedankengang spätestens nach 15 Minuten unterbricht. Es war ein Ort, an dem ich viel lachen konnte, auch über die eigene Naivität. Als Blaupause für stressfreies, ortsunabhängiges Arbeiten taugt diese Kombination aus schönem Ausblick, fragwürdiger Infrastruktur und akustischer Dauerbeschallung jedoch nur bedingt.

Kaffeetasse die vor eine idyllische Umgebung gehalten wird
Guter Kaffee, schlechter Empfang.
Laptop auf Tisch auf Terrasse
Idyllische Umgebung bei der Arbeit.
Berge und Wald
Umgeben von Grün in Italien.

Spanien: Ein Lehrstück in Erwartungsmanagement

Der nächste Abschnitt führte mich nach einem kurzen Aufenthalt im idyllischen Frankreich nach Spanien. Und um es gleich zu sagen: es war nicht alles „schlecht“. Es gab wunderschöne Orte, Landschaften, die einen aufatmen lassen, und Momente, in denen alles passte. Aber die Strecke war von Pech geprägt und hat mir deutlich gezeigt, wie fragil eine Workation sein kann, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig kippen.

Natürlich hatte ich im Vorfeld intensiv nach passenden Unterkünften recherchiert. Mir war bewusst, dass ich dort nicht „ein bisschen arbeiten“, sondern voll im Projekttagesgeschäft stehen würde; inklusive Deadlines, KundInnenmeetings und strategischen Aufgaben. Genau deshalb habe ich Bewertungen und Beschreibungen sehr genau gelesen. Vor Ort zeigte sich dann eine andere Wahrheit. Unterkünfte, in denen Sauberkeit eher ein Interpretationsvorschlag war, Internet, das formal „vorhanden“ war, aber bei größeren Dateien oder Online-Calls praktisch zusammenbrach und Nächte mit Dauerbeschallung, in denen aggressive und extrem laute Nachbarn dafür sorgten, dass an Schlaf kaum zu denken war.

Sternebewertungen und Arbeitsrealität

Es war eine Mischung aus Pech und strukturellem Problem. Viele Bewertungen sind freundlich, weil sie von Urlaubsbrillen aus geschrieben werden – „tolles Flair“, „lebendige Nachbarschaft“, „alles da, was man braucht“. Für Urlaub mag das stimmen. Für 8–10 Stunden konzentriertes Arbeiten am Tag ist es etwas völlig anderes. Und genau diese Differenz bildet sich aktuell in vielen Plattformen noch nicht ab. Workation verlangt eine andere Art von Transparenz und sie stellt andere Fragen an Unterkünfte, als es der klassische Tourismus gewohnt ist. Solange Plattformen diesen Unterschied nicht systematisch abbilden, bleibt ein Teil der Planung Glückssache.

Was UnternehmerInnen aus dieser Workation lernen können

  1. Workation ist kein Lifestyle-Projekt, sondern ein organisatorisches Modell
  2. Infrastruktur schlägt Romantik
  3. Bewertungen kritisch lesen und eigene Standards definieren
  4. Kommunikation mit KundInnen bewusst gestalten
  5. Workation ersetzt keinen Urlaub

Frankreich: Aprés la pluie, le beau temps

Nach diesen Erfahrungen war die Rückkehr nach Frankreich wie das logische Einsetzen eines Puzzleteils. Die Unterkunft war gemütlich, das Internet stabil, der Lärmpegel niedrig. Statt mit Fragen á la „Wie kann ich heute überhaupt arbeiten?“ beschäftigt zu sein, konnte ich mich endlich auf Inhalte konzentrieren. Ironischerweise war ausgerechnet dieser Abschnitt, der super „instagrammable“ wirkte, die produktivste Zeit der gesamten Workation.

Ich arbeitete deutlich mehr als ursprünglich geplant. 12 bis 15 Stunden am Tag waren keine Seltenheit. Nicht aus Überforderung, sondern weil die Kombination aus Ruhe, Fokus und Ortswechsel eine erstaunliche Tiefe ermöglicht hat. Komplexe Strategiethemen, langfristige Konzeptionen, Texte, die am Stück wachsen durften; all das war hier möglich, weil der Rahmen stimmte.

Workation = Dauerverfügbarkeit?

Ein Aspekt, der in vielen Debatten unterschätzt wird, ist die Wahrnehmung von außen. Sobald der Begriff „Workation“ fällt, sind bei manchen automatisch Urlaubsbilder im Kopf. Strand, Aperol, Sonnenuntergang. In der Praxis erlebte ich immer wieder Situationen, in denen KundInnen oder Kontakte annahmen, dass nun „jeder Tag ein Arbeitstag“ sei, weil ja „jeder Tag auch Urlaubstag“ wäre. Anfragen am Samstag, Korrekturen am Sonntag, Erwartungshaltungen, dass Dinge „noch schnell am Abend“ erledigt würden, weil ich ja „ohnehin unterwegs“ sei.

Grundsätzlich ist Flexibilität für mich kein Problem, weder im Büro noch unterwegs. Wenn aus Ausnahme jedoch Routine wird, verschiebt sich eine Grenze. Man verliert leicht das Gefühl für Zeit. Einerseits im Positiven, weil sich Tage anders anfühlen als zuhause; andererseits im Negativen, weil die klassische Trennung von Woche und Wochenende verschwimmt. Workation ist nur dann nachhaltig, wenn auch im Kopf klar bleibt, dass Arbeitszeit nicht beliebig dehnbar ist – egal, ob der Laptop am Küchentisch steht oder auf einem französischen Holztisch mit Blick auf Weinberge.

Welche Workation-Erfahrung kommt Ihrer Realität am nächsten?

„Schönen Urlaub!“

Fast noch nerviger als schlechtes WLAN waren manchmal die Reaktionen aus dem Umfeld. „Wie ist dein Urlaub?“
„Genieß die freie Zeit!“
Das sind freundlich gemeinte Sätze. Aber sie verkennen komplett, was in diesen Wochen tatsächlich passiert ist: Ich habe gearbeitet. Teilweise mehr, intensiver und konzentrierter als in vielen Phasen im Büro. Auch aus Sicht der Arbeitskultur ist das interessant, denn wir stecken mitten in einer Phase, in der Remote- und Hybridmodelle neu verhandelt werden. Eurofound-Daten zeigen, dass zwar viele Beschäftigte sich flexible Arbeitsformen wünschen, gleichzeitig aber der Anteil an reinen Remote-Jobs seit 2023 wieder zurückgeht. Die klassische Präsenzlogik ist also noch tief verankert. Auch in Köpfen von KollegInnen, KundInnen und manchmal sogar uns selbst.

Keine Verklärung, kein Zynismus

Franziska Haiduk lächelt in Kamera
Happy End für mich in der Provence.

Meine Workation über Italien, Spanien und Frankreich war keine Heldengeschichte. Sie war auch kein Scheitern. Sie war ein realistischer Ausschnitt aus einer Arbeitswelt, die sich gerade neu zwischen Büro, Homeoffice, Hybridmodellen und temporärem Arbeiten im Ausland neu sortiert. Arbeiten kann man theoretisch überall. Gut, konzentriert und nachhaltig arbeiten, hängt an Rahmenbedingungen, an Kommunikation und an der Ehrlichkeit, mit der wir unsere eigenen Erwartungen prüfen. Vielleicht ist das eigentliche Learning: Workation ist kein Zauberwort, sondern ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug funktioniert sie nur dann, wenn man weiß, was man damit tun will – und was nicht.

Alle Fotos: Haiduk

Franziska Haiduk
Franziska Haiduk
Redakteurin | Kärnten
Ressorts: Öko | Logisch, Life | Style, Leben | Arbeiten
haiduk@mut-magazin.at

M.U.T. auf Youtube

M.U.T.letter

Wissen, was die Wirtschaft bewegt.

Das könnte Sie auch interessieren