Wörthersee: Von der Riviera Österreichs zur Karpfenzucht- und Schilfschutzzone?

Vor fast zwei Jahren sorgte ein 500.000 Euro teurer Trailer für die TV-Serie „Am Wörthersee“ mit Stars wie Manuel Rubey, Reinhard Nowak und Julian Waldner für Aufsehen: Ein Geologe lässt dem See das Wasser ab, um drei Hoteliersfamilien zu ruinieren, die die „Riviera Österreichs“ regieren. Auch in der Realität ist die heimische Bürokratur drauf und dran, ein mondänes Kapitel heimischer Tourismusgeschichte zu beenden.

Allein auf Youtube hat der professionell gemachten Trailer mehr als 1,5 Millionen Menschen erreicht. Während der von Tourismusmanager Roland Sint initiierte und von der Region Wörthersee-Rosental – recht aufwändig – finanzierte Weckruf leider wieder in Vergessenheit geraten ist, wird eine Handvoll grünbewegter Beamter nicht müde, dem Wörthersee tatsächlich das Wasser abzugraben.

Hohe Wellen

Pünktlich zum Beginn der Sommersaison 2024 schlug ein in die Medien gelangter Bericht der Wasserwirtschaftsabteilung des Landes Kärnten hohe Wellen besonders unter Touristikern: Der ökologische Zustand des Sees sei mäßig und erfordere Gegenmaßnahmen, ließen die Beamten wissen. Sie bezogen sich auf EU-Regelungen und ließen gleich ihrer Kreativität beim Gewässerschutz freien Lauf, wobei unter anderem die Auflassung öffentlicher Seezugänge, ein Veranstaltungsverbot z.B. für Wasserskischulen sowie ein Wochenend- oder sogar Sommerfahrverbot für Moorboote zum Vorschein kam. Ein besonders praxisnahes Beispiel beamteten Einfallsreichtums: „Die Zahl der Motorboote wird reduziert, indem an geraden Tagen nur Boote mit geraden Bootsnummern fahren dürfen und an ungeraden Tagen nur Boote mit ungeraden Bootsnummern.“

„Skandalöses Machwerk“

Der Gegenschlag der ohnehin von Gästeschwund und Kostensteigerungen geplagten Tourismusbranche ließ nicht lange auf sich warten. „Skandalöses Machwerk“, „persönlich motivierte Fleißaufgabe einiger Beamter“, „Negativpropaganda mitten in der touristischen Sommersaison“ lautete die deftige Gegenwehr, sogar rechtliche Schritte wegen Ruf- und Kreditschädigung sowie Schadenersatzklagen standen kurz im Raum. In einem elf Punkte umfassenden Fragenkatalog verlangten die Touristiker Aufklärung über Auftrag, Aufwand, Kosten und wissenschaftliche Grundlagen des Berichts.

Paar beim Essen auf einer Seeterrasse am Wörthersee mit Motorbooten im Hintergrund.
Blanker Neid auf die „Boat People“ oder Sorge um den See? Der Bootsbummel am Wörthersee zu dem zahlreichen auf dem Wasser erre3ichbaren gastronomischen Hotspots könnte bald der Vergangenheit angehören. Foto: Kärnten Werbung/Franz Gerdl

Nächster Angriff auf den Seetourismus

Im Sommer 2026 will nun das Land Kärnten in unheiliger Allianz mit dem Umweltministerium die nächste Eskalationsstufe zünden: In einem breit angelegten „Seendialog“ sollen sowohl Anrainer als auch Urlauber online zu ihren Eindrücken und Vorschlägen für die Zukunft des Wörthersees befragt werden. Bisher handelt es sich allerdings eher um einen Seenmonolog der Naturschützer: Zur Diskussion stehen zeitweise Motorboot-Fahrverbote, zudem soll es keine neuen Lizenzen geben. Am Wörthersee gibt es derzeit rund 800 Bootslizenzen, rund 320 davon für Motorboote. Dazu kommen neue Schutzzonen, in denen keine Boote mehr fahren dürfen. Das soll die Belastung von Pflanzen durch Wellenschlag reduzieren.

Aus für Events

An den Kragen gehen soll es auch den beliebten Veranstaltungen: Es könnten nur noch jene Events am See genehmigt werden, die keine zusätzlichen Schäden in der Ökologie erwarten lassen. Und im Interesse der Renaturierung sollen verbaute Uferzonen rückgebaut werden. „Es entsteht der Eindruck, dass Ergebnisse bereits vorweggenommen werden. Dass es am Ende ohnehin auf weniger Nutzung, weniger Sport, weniger Boote hinauslaufen muss – und dass das öffentlich bereits mitschwingt, bevor der Dialog sauber gestartet ist“, kritisiert Nika Basic, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Kärnten und Vorsitzende der Jungen Wirtschaft.

Porträt von Nika Basic vor EU- und Kärntner Landesflagge.
Nika Basic, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer und Vorsitzende der Jungen Wirtschaft, kämpft für den Tourismus am Wörthersee. Foto: WKK/Helge Bauer

Der Glanz verblasst

Die Mühlen der Bürokratur mahlen langsam, aber unerbittlich. Zwei Jahre nach dem ominösen „Bericht“ werden nun erste Konsequenzen der selbst angezettelten Debatte sichtbar. Die Veranstalter der beliebten Wasserskishows in Pörtschach warten immer noch auf die behördlichen Genehmigungen für die heuer geplanten Events. Und die ersten Motorbootbesitzer haben angesichts drastischer Erhöhungen der Motorbootabgabe bereits angekündigt, diesen Sommer nicht am Wörthersee verbringen zu wollen. Die Riviera Österreichs, deren internationale Bekanntheit jene von Kärnten weit überstrahlt, droht, ihre gehobene Gästeschicht und damit ihren Ruf als mondäner Hotspot für gehobenen Sommertourismus, Wassersport und Freizeitkultur zu verlieren.

Millionenschaden droht

Die Folgen eines solchen selbst verursachten Reputationsschadens wären dramatisch. Sie beträfen nicht nur die Top-Hotels in der ersten und zweiten Reihe, die klassische Ferienhotellerie oder die im Sommer nach wie vor florierende Privatzimmervermietung. Nachgelagert in der Wertschöpfungskette wären auch Bootsverleihe, Service- und Reparaturbetriebe, der Handel, Event-Veranstalter, Sportvereine und – ganz massiv – auch die Gastronomie betroffen. „Da geht es nicht nur um Image, das ist Umsatz und Beschäftigung von der Auslastung in Hotels über Frequenz in der Gastronomie bis zur Kaufkraft im Handel“, unterstreicht Hannes Markowitz, Tourismuschef von Velden am Wörthersee. Eine Wertschöpfungsstudie der Wirtschaftskammer zeigt auf: Verliert die Tourismusregion Wörthersee-Rosental durch die anhaltenden Diskussionen um Verbote und Mehrbelastungen nur zehn Prozent ihrer Tages- und Nächtigungsgäste, kostet dieser Rückgang knapp 34 Millionen Euro an Bruttowertschöpfung.

Titelbild der TV-Serie „Am Wörthersee“ mit mehreren Figuren vor See-Hintergrund.
Aufwecker und Denkanstoß: Von der Serie „Am Wörthersee“ gibt es bis heute nur einen 500.000 Euro teuren Trailer. Aber der macht Lust auf mehr. Foto: www.am-wörthersee.com/Region Wörthersee-Rosental Tourismus GmbH

Fischereimanagement, Uferverbau

Die Touristiker und Wirtschaftsvertreter pochen nun auf andere Lösungen wie mobile Uferverbauungen, Schutzzonen oder die Reduktion der Karpfen-Population, um einerseits den Gewässerschutz am Wörthersee zu verbessern und andererseits Tourismus weiterhin möglich zu machen. Sonst gelingt den Bürokraten, was der Rächer in der noch nicht gedrehten TV-Serie versucht: Dem Wörthersee als Urlaubsdestination das Wasser abzugraben.

Peter Schöndorfer
Peter Schöndorfer
Autor & Podcaster | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Menschen | Meinungen, Nah | Fern
schoendorfer@mut-magazin.at

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