Wo Fachkräfte Heimat finden

Von Manhattan bis ins Ausseerland – Sarah May Stangl-Feliciano hat ein Leben voller Neuanfänge hinter sich. Heute nutzt sie ihre internationale Erfahrung, um mit ihrer Agentur „24HelfendeHände“ Pflege- und Fachkräfte aus den Philippinen nach Österreich zu bringen.

Wenn Sarah May Stangl-Feliciano über ihr Leben spricht, wirkt es wie eine Abfolge von Roman-Kapiteln, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Kindheit in Wien, Musikunterricht und Theater, ein Mode-Label in New York, Arbeit auf Privatjets – und schließlich die Gründung einer Fachkräfteagentur im Ausseerland. Ein roter Faden zieht sich jedoch durch all diese Stationen: der Mut, Neues zu wagen.

Bereits in der Volksschule entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben und Geschichtenerzählen. Später an der Wiener Musikhauptschule lernte sie Klavier und Saxophon, spielte in einer Big Band und fand Freude an der Bühne. „Kreatives lag mir immer schon“, sagt sie. Das Schreiben ließ sie nie los – noch heute verfasst sie christliche Kinderbücher in englischer Sprache, die in den USA veröffentlicht wurden. Ihr Weg führte sie dann zunächst in die Welt der Kunst und Mode. In New York war sie als Travelling Tailor tätig und schneiderte Maßanzüge für Broker an der Wall Street – eine der „lässigsten Zeiten“, wie sie rückblickend erzählt. Doch während in Manhattan die Maßarbeit geschätzt wurde, stieß sie in Österreich auf wenig Resonanz. Also schlug sie ein neues Kapitel auf – und ging in die Luft: drei Jahre lang begleitete sie als Additional Crew Member internationale Flüge auf Privatjets.

Mutig in die Selbstständigkeit

Der Wendepunkt kam mit der Liebe und dem Ausseerland. Eine Freundin hatte sie 2003 nach Krungl (Gemeinde Bad Mitterndorf) eingeladen, und seither ist das Ausseerland ihre Heimat. Hier gründete sie mit ihrem Mann eine Familie, hier kamen ihre Tochter und ihr Sohn zur Welt. „Der Grimming hat mich sofort verzaubert“, sagt sie über die Region. Beruflich war sie zunächst in der Hotellerie tätig, bevor sie sich nach der Geburt ihrer beiden Kinder neu orientierte.

Ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit unternahm Stangl-Feliciano mit einer Social-Media-Agentur. Doch die Pandemie machte vielen Unternehmen einen Strich durch die Rechnung – Marketingbudgets wurden gekürzt, Aufträge blieben aus. Dann kam der entscheidende Wendepunkt: Österreich unterzeichnete 2023 das „Memorandum of Unterstanding“ mit den Philippinen, das den Bereich der Fachkräfteanwerbung und Zusammenarbeit in der Berufsbildung umfasst.

Für Stangl-Feliciano war dieses Thema nicht abstrakt, sondern Teil ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihre Mutter war bereits in den 1970er-Jahren als Krankenschwester von den Philippinen nach Österreich gekommen – eine der ersten überhaupt. Auch persönlich erlebte die Familie, wie schwer es ist, Pflegekräfte zu finden, wenn man sie braucht. Aus dieser persönlichen Erfahrung und den politischen Entwicklungen entstand die Idee zur Gründung einer Fachkräfteagentur. 2024 war es so weit: Gemeinsam mit ihrer Familie und Partnern rief sie „24HelfendeHände“ ins Leben mit der Mission philippinische Fachkräfte nach Österreich zu bringen.

Vier Personen am Bild, zwei Frauen, zwei Männer
Beim Besuch ihrer Partneragentur auf den Philippinen – gemeinsam im Einsatz für neue Fachkräfte in Österreich. Foto: Stangl-Feliciano
„Wenn sich die Menschen nicht willkommen fühlen, sind sie nach zwei Wochen wieder weg.“ Sarah May Stangl-Feliciano

All-in-Paket

Die Agentur vermittelt nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Fachkräfte aus Mangelberufen. Dabei geht es um mehr als um reines Recruiting. „Wir kümmern uns um ein All-in-Paket“, erklärt Stangl-Feliciano. Dazu gehören Sprachkurse, Unterstützung bei Behördenwegen, Hilfe bei der Anerkennung von Abschlüssen und die Organisation der Rot-Weiß-Rot-Karte. Eine ihrer größten Prioritäten ist die Integration. „Wenn sich die Menschen nicht willkommen fühlen, sind sie nach zwei Wochen wieder weg“, sagt sie. Deshalb bietet „24HelfendeHände“ auch Workshops für Betriebe an. Darin geht es darum, neue Mitarbeiter willkommen zu heißen, Verständnis füreinander aufzubauen und kulturelle Brücken zu schlagen.

Die Zahlen sprechen für sich: Bis 2050 werden in Österreich rund 90.000 Pflegekräfte fehlen. Doch Stangl-Feliciano denkt weiter: Auch Schweißer, Köche oder Schlosser stehen bereits auf der Liste der Mangelberufe. „Wir müssen langfristige Lösungen für Betriebe finden“, betont sie. „Ohne Fachkräfte und ohne Wirtschaft werden wir unseren Standard nicht halten können.“

Brücken bauen

Neben ihrem Unternehmen engagiert sie sich bei „Frau in der Wirtschaft“ und nutzt die Netzwerktreffen, um Synergien zu schaffen. So spannt sich der Bogen ihrer Geschichte von der Wiener Volksschule über die Wall Street bis ins Ausseerland. Ein Leben, das zeigt, wie persönliche Erfahrungen, familiäre Prägungen und unternehmerischer Mut zusammenwirken können. „Meine Mutter hat mir vorgelebt, dass Pflege ein ehrenwerter Beruf ist“, sagt Sarah May Stangl-Feliciano.

Heute sieht sie es als ihre Aufgabe, Brücken zu bauen – zwischen Österreich und den Philippinen, zwischen Unternehmen und jenen Menschen, die hier gebraucht werden mit dem Ziel, das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft zu stärken.

Tina Tritscher
Tina Tritscher
Autorin | Steiermark
Ressorts: Life | Style, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich
tritscher@mut-magazin.at

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