Wirtschaftsforum Steiermark – Zeitenwende für den Standort?

Was früher Konjunkturschwankung hieß, fühlt sich für viele steirische Unternehmen heute wie eine  Dauerkrise an. Beim Wirtschaftsforum der Steirischen Volkspartei ging es daher um hohe Energiepreise, fragile Lieferketten, geopolitische Spannungen und den akuten Fachkräftemangel, der Industrie, Gewerbe und exportorientierte Betriebe unter Druck setzt.

Wer heute in der Steiermark investiert, entscheidet nicht nach politischer Stimmung, sondern nach klaren Standortfaktoren wie Energie, Infrastruktur, Kapitalverfügbarkeit und Planungssicherheit. Rund 350 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und Politik diskutierten beim ersten Wirtschaftsforum Steiermark der Steirischen Volkspartei in der Grazer Helmut-List-Halle über Wettbewerbsfähigkeit, Internationalisierung und Zukunftstechnologien. Die zentrale Frage lautete: Rechnet sich der Standort Steiermark noch – oder wandern Wertschöpfung, Produktion und Entwicklung dorthin ab, wo die Rahmenbedingungen stabiler sind?

Christian Helmenstein: Stabilisierung statt Aufschwung

Die ökonomische Einordnung lieferte der Wirtschaftsforscher Christian Helmenstein. Seine Diagnose für die österreichische Wirtschaft lautet, dass es heuer keinen klassischen Aufschwung geben werde, sondern eine „Stabilisierung mit positiven Tendenzen“ – bei weiterhin erhöhter Inflation und strukturellem Anpassungsdruck. Österreich befindet sich, so Helmenstein, in einer wirtschaftlichen Zeitenwende.

Er sprach von einer fragilen Erholung, die einen gezielten Strukturwandel erfordere. Innovation sei kein Schlagwort, sondern Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Die Steiermark als Industriestandort verfüge über konkrete Stärkefelder, die noch besser genutzt werden müssten. Er nannte die Logistik im Alpen-Adria-Raum, große Rechenzentren als digitale Infrastruktur sowie gute Voraussetzungen für die Wasserstofftechnologie als industriepolitischen Schlüsselbereich.

„Wenn die Steiermark ihre Stärkefelder wie Logistik, Rechenzentren oder Wasserstoff konsequent nutzt, kann sie aus dieser Phase gestärkt hervorgehen.“ Christian Helmenstein

Gerade im Bereich Wasserstoff und Industrieinnovation sieht Helmenstein erhebliches Potenzial. Auch bei der Internationalisierung empfahl er strategische Diversifizierung – mit stärkerem Fokus auf Lateinamerika, Indien, Indonesien und die Türkei. Zukunftsbranchen wie die Weltraumtechnologie müssten europäisch gedacht und global vermarktet werden.

Seine zentrale Botschaft an die Politik: Planungssicherheit bei Energie, Infrastruktur und Regulierung entscheidet über Investitionen.

Manuela Khom: Wettbewerbsfähigkeit als politischer Auftrag

Die politischen Hebel definierte Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom. Sie erklärte die Standortpolitik offiziell zum Jahresschwerpunkt der steirischen Volkspartei und formulierte einen klaren Anspruch: Transformation müsse wirtschaftsnah erfolgen.

Ein Schwerpunkt ihrer Ausführungen war die steirische Energiepolitik. Sie trat für die raschere Einführung eines Industriestrompreises, die Beschleunigung des Sachprogramms Wind, die Überarbeitung des Photovoltaik-Programms 2026, einen stärkeren Netzausbau sowie mehr Mittel für Geothermie-Projekte ein.

Ziel sei es, die Energiepreise nachhaltig zu senken und den Betrieben mehr Planungssicherheit zu geben.

„Wir wollen keine Festung Steiermark – wir müssen Brücken zu unseren Nachbarn und Handelspartnern bauen.“ Manuela Khom

Als zweites zentrales Handlungsfeld nannte Khom die weitere Internationalisierung der steirischen Wirtschaft. Die Steiermark dürfe niemals eine „Festung“ sein, sondern müsse aktiv Brücken zu Märkten und Partnerregionen bauen. Fokusmärkte seien Großbritannien, Dubai, Deutschland, Indien und China sowie wirtschaftsstarke Regionen wie Bayern, Baden-Württemberg oder die Emilia-Romagna.

Investitionsfonds – Kapital für mehr Wachstum

Ein weiterer Kernpunkt des Wirtschaftsforums war die Infrastruktur. Genannt wurden der zweigleisige Ausbau der Strecke Graz–Maribor, der Neubau des Bosruck-Tunnels, die Weiterentwicklung der Tauern-Pyhrn/Schober-Achse sowie der Ausbau von A9, S36 und S37. Mobilität – für Güter, Daten und Fachkräfte – ist ein entscheidender Standortfaktor.

Für Aufmerksamkeit sorgte zudem Khoms Überlegung, dass sich das Land wieder am Flughafen Graz beteiligen solle, um ihn als Business-Hub strategisch abzusichern.

Zukunftsorientiert ist auch der angekündigte erste steirische Investitionsfonds. Dieser soll sich mit Kapitalmarktmitteln – nicht mit Budgetgeldern – an wachsenden Unternehmen beteiligen. Schwerpunkte seien Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Sicherheit und Verteidigung sowie industriegetriebene Innovationen. Khom will die Fördergießkanne endgültig durch gezielte Beteiligungen ersetzen.

Standortpolitik als Sozialpolitik

STVP-Klubobmann Lukas Schnitzer brachte die Stoßrichtung der Steirischen Volkspartei auf den Punkt: Wirtschaftspolitik ist Sozialpolitik. Nur wettbewerbsfähige Unternehmen sichern Arbeitsplätze – und damit den Wohlstand.

Ehrengast beim Wirtschaftsforum Steiermark war übrigens US-Botschafter und bekennender MAGA-Fan Arthur Graham Fisher. Er bezeichnete die transatlantische Wirtschaftspartnerschaft als langfristig und belastbar und sieht demnach in der aktuellen US-Politik – anders als die meisten steirischen Unternehmerinnen und Unternehmer – keine Zäsur.

Das Wirtschaftsforum Steiermark setzte auf die klare Botschaft, dass die Zeitenwende mit realen Veränderungen einhergehen muss. Entscheidend ist, ob auf die richtige Analyse und die richtigen politischen Ankündigungen auch konkrete Handlungen bei Energiepreisen, Infrastrukturprojekten und Investitionen folgen.

Die Schlüsselaussagen des ÖVP-Wirtschaftsforums

Günstige Energie = Wettbewerbsfähigkeit

  • Rascher Industriestrompreis nach deutschem Vorbild
  • Beschleunigung des Sachprogramms Wind
  • Überarbeitung des Photovoltaik-Programms 2026
  • Mehr Geothermie und Netzausbau
    Ziel: planbare, leistbare Energie für Industrie und Gewerbe.

Strukturwandel statt Konjunkturillusion

Es steht „kein Aufschwung wie früher“ bevor, sondern eine Stabilisierung mit positiven Tendenzen – verbunden mit der Notwendigkeit von Innovation und Strukturreformen.

Internationalisierung weiter stärken

Fokusmärkte: Großbritannien, Dubai, Deutschland, Indien, China.
Zusätzlich stärkere Orientierung an europäischen Powerregionen (z. B. Bayern, Baden-Württemberg, Emilia-Romagna).
Keine „Festung Steiermark“, sondern aktive Brückenpolitik.

Infrastruktur als Standortfaktor

  • Zweigleisiger Ausbau Graz–Maribor
  • Bosruck-Tunnel
  • Tauern-Pyhrn/Schober-Achse bis 2040
  • Ausbau A9, S36, S37
  • Strategische Beteiligung am Flughafen Graz geprüft

Neuer steirischer Investitionsfonds

Kapitalmarktfinanziert, nicht aus dem Landesbudget.
Ziel: Beteiligungen an wachsenden Unternehmen – Innovation statt Gießkanne.
Schwerpunkte: KI, Wasserstoff, Sicherheit & Verteidigung.

Johannes Tandl
Johannes Tandl
Autor | Steiermark
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich

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