Kann eine einzige Bahnverbindung genug Bewegung erzeugen, um eine komplette Wirtschaftsregion neu zu ordnen? Die Koralmbahn stellt genau diese Frage. Zwischen Graz und Klagenfurt formt sich eine Achse, die viel mehr sein könnte als nur eine schnellere Verbindung. Welche Unternehmen profitieren also vom neuen Korridor?
Es hat etwas Erhabenes, wenn ein Land über Jahrzehnte an einer Vision festhält. Die Koralmbahn ist so ein Fall. Was 1990er-Jahre-Beamtenakten, EU-Verkehrspläne und zähe Budgetverhandlungen waren, wird ab Dezember 2025 für alle sichtbar: eine 130-Kilometer-Hochleistungsstrecke mit einem fast 33-Kilometer-Tunnel quer durch die Koralpe, in rund 26 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Eine Verbindung, die zwei Regionen aus ihrer Randlage zieht und sie in den Kern europäischer Wirtschaftsachsen rückt. Auf einmal schrumpft die Strecke zwischen Graz und Klagenfurt von knapp drei Stunden auf etwa 45 Minuten. Das ändert alles.
Eingebettet in europäischem Kontext
Wer die Geschichte kennt, weiß: diese Achse war nie nur ein österreichisches Projekt. Schon früh wurde sie Teil des europäischen TEN-T-Netzwerks, genauer des Baltisch-Adriatischen Korridors. Also jener Lebensader, die Häfen wie Koper und Triest mit Industriezentren in Polen, Tschechien und Deutschland verbindet. Das Europa, in dem man die Koralmbahn konzipiert und begonnen hatte, dachte noch in Transportketten – und diese Verbindung war ein fehlendes Puzzleteil. Jetzt schließt es.
Wirtschaftsräume wachsen zusammen
Das klingt natürlich nach Brüssel-Power-Point, aber im Kern geht es um etwas Bodenständigeres: Staaten und Regionen, die ihre Zukunft nicht dem Zufall überlassen wollen. Ein Tunnel ist immer auch eine Reduktion von Distanzen, und gleichzeitig eine Ausweitung von Möglichkeiten. Wenn Fahrzeiten schmelzen, wachsen Räume zusammen: Kärnten und Steiermark werden zu einem Ballungsraum, Fachkräfte bewegen sich schneller, Lieferketten werden effizienter, Häfen im Süden plötzlich logistisch interessant. Kurz gesagt: Die Koralmbahn ist in Stahl gegossene und in Stein gehauene Infrastrukturpolitik, die einem einzigen Ziel dient: Wertschöpfung zu erzeugen.
Aus dieser Dynamik entstehen Gewinner. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Unternehmen, die von dieser Achse profitieren werden, stehen entlang der Strecke wie Perlen auf einer Schnur – beispielhaft bitten wir einige willkürlich ausgewählte Unternehmen vor den Vorhang, die alle in unterschiedlicher Weise von der Koralmbahn profitieren.
Unternehmen bewerten Koralmbahn positiv
Auch in den Unternehmen ist man sich der damit verbundenen Chancen bewusst. Das zeigt eine gemeinsame Umfrage der Wirtschaftskammern Steiermark und Kärnten unter 1.085 Mitgliedsbetrieben. Demnach bewerten 90 Prozent die verstärkte Kooperation zwischen den beiden Bundesländern „positiv“ oder zumindest „überwiegend positiv“. Als größte Chancen werden die höhere Arbeitskräftemobilität (61 Prozent), die bessere Erreichbarkeit des jeweiligen Bezirks (59 Prozent) und dessen wirtschaftlicher Bedeutungsgewinn (52 Prozent) gesehen, ist der Aussendung der beiden Wirtschaftskammern zu entnehmen.
Neue Metropolregion entsteht
„Durch die gute Erreichbarkeit und das größere Einzugsgebiet ergibt sich ein starker Impuls für die Zukunft. Nun gilt es, diese Jahrhundertchance für die Steiermark und Kärnten sowie die gesamte Alpen-Adria-Region zu nutzen“, erklärt der steirische WK Präsident Josef Herk. Sein Kärntner Amtskollege Jürgen Mandl stößt ins gleiche Horn: „Die Koralmbahn lässt ab 2025 die Zentralräume rund um die beiden Landeshauptstädte zusammenwachsen und einen neuen Wirtschaftsraum Süd entstehen: eine europäische Metropolregion mit mehr als einer Million Menschen, hunderttausend Unternehmen und unendlichen Chancen für mehr Wachstum, noch mehr Lebensqualität und weniger Abwanderung.
Die bessere Sichtbarkeit als Wirtschaftsstandort und Logistikdrehscheibe, die stärkere Vernetzung von Bildungseinrichtungen, die bequeme Mobilität zwischen Stadt und Land – all das macht Kärnten und die Steiermark zu einem neuen Lebensmittelpunkt im Alpen-Adria-Raum.

Infrastrukturausbau ist Top-Priorität
Eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Bundesländern werde vor allem in den Bereichen Wirtschaft (75 Prozent), Bildung (64 Prozent), Verwaltung (60 Prozent) und Gesundheitsvorsorge (55 Prozent) als sinnvoll erachtet, heißt es in der Pressemeldung. Nachgefragt, was es brauche, damit das Jahrhundertprojekt Koralmbahn ein Erfolg wird, antworteten 67 Prozent mit einem rascheren Ausbau der Infrastruktur (Top3-Themen in diesem Bereich: Breitbandausbau, Photovoltaik und Pumpspeicherkraftwerke), 57 Prozent plädierten für eine Vereinheitlichung von Landesgesetzen und 51 Prozent bereits jetzt für einen gemeinsamen Markenauftritt.
Adriahäfen wieder in greifbarer Nähe
Dass Unternehmen jetzt schon profitieren, steht außer Frage. Von Norden nach Süden gehend beginnen wir in Graz. Dort sitzt AVL, Weltmarktführer bei Antriebs- und Mobilitätssystemen. Über zwei Milliarden Euro Umsatz, mehr als 12.000 Mitarbeitende weltweit. Für ein global agierendes Technologieunternehmen zählt Geschwindigkeit – nicht nur im Labor, sondern auch in der Erreichbarkeit.
Wenn Graz und Klagenfurt plötzlich eine Pendelstrecke werden, wenn der Adriahafen näher rückt, dann verändert das den Radius, in dem man Talente gewinnt und Kunden bedient. Und die Meldungen aus dem Unternehmensumfeld sind klar: kürzere Wege, bessere Planungssicherheit, mehr logistischer Spielraum. Das ist kein romantischer Regionalbonus, das ist Wettbewerbsfähigkeit pur.
Sichtbarkeit des Raumes erhöht sich
Das bestätigt naturgemäß auch der steirische Wirtschaftslandesrat Willibald Ehrenhöfer: „Die Steiermark und Kärnten arbeiten bereits seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Bereichen eng zusammen – in der Wirtschaft ebenso wie in der Wissenschaft und Forschung. Diese Kooperationen gilt es für die Zukunft weiter zu forcieren, da unsere beiden Länder durch die Fertigstellung der Koralmbahn noch stärker zusammenwachsen. Wir können damit neue gemeinsame Projekte auf den Weg bringen, mit denen wir auch die internationale Sichtbarkeit des Wirtschaftsraums sowie der Forschungsregion Südösterreich erhöhen wollen.“
Beton wird zu Geschwindigkeit
Im Lavanttal sitzt Kostmann, ein Familienunternehmen aus dem Bau- und Rohstoffbereich, das selbst an der Koralmbahn mitgearbeitet hat. Rund 174 Millionen Euro Umsatz, regionale Wurzeln, industrielle Schlagkraft. Wer Infrastruktur baut, weiß genau, was sie wert ist. Und wer entlang einer solchen Achse sitzt, weiß auch, was kommt: mehr Baustellenlogistik, mehr Verkehrsanschlüsse, mehr Investitionen in Gewerbeflächen.
Doch die Achse lebt nicht nur von den großen Namen. Sie wird getragen von jenen Betrieben, die Infrastruktur unmittelbar nutzen oder beliefern. Die Kirchdorfer Gruppe etwa – Betonfertigteile, Straßensicherheit, Infrastrukturkomponenten. Rund 1.700 Mitarbeitende, über 370 Millionen Euro Umsatz. Wenn plötzlich eine Bahnverbindung entsteht, durch die Maschinen und Bauelemente schneller laufen, wird Beton zu Geschwindigkeit.
Supply-Chain-Improvement für hidden Champs
Oder Innofreight aus der Obersteiermark. Mehr als 300 Millionen Euro Umsatz, Spezialist für Schienenlogistik, innovativ bis in die Entladesysteme hinein. Für sie ist die Koralmbahn nicht nur eine Strecke, sondern ein neuer logistischer Muskel. Unternehmen wie dieses denken in Containern, Achslasten und Taktzeiten. Und wenn ein globales Supply-Chain-Improvement plötzlich buchstäblich vor der Haustür durchrollt, dann wächst der Markt.
Dazu kommen Hidden Champions wie Goldeck Textil in Kärnten, die Funktionsbekleidung und technische Textilien produzieren. Ein Betrieb mit über 40 Millionen Euro Umsatz, international tätig, aber regional verwurzelt. Für sie heißt die Koralmbahn: schnellere Märkte, bessere Talentmobilität, interessante Partnerschaften in der steirischen Green-Tech- und Automotive-Szene. Und in der Weststeiermark entstand mit dem Cargo Terminal Graz-Süd ein logistisches Herz, das Waren vom Schiff auf die Schiene, vom Lkw auf die Bahn bringt. Eine Multi-Millionen-Euro-Investition, die darauf ausgerichtet ist, dass sich Containerströme neu orientieren.
Verkehr schafft Wertschöpfung
All diese Unternehmen eint eine Erkenntnis: Infrastruktur schafft Wirtschaftsräume, und Verkehr schafft Wertschöpfung. Nicht als Theorie, sondern als Praxis. Die Koralmbahn ist kein Prestigeprojekt, sondern ein Werkzeugkasten für Wachstum. Sie verbindet Hochschulstandorte wie die Montanuniversität Leoben, die TU Graz und die Universität Klagenfurt enger mit Betrieben, sie macht Regionen pendelbar, sie verbindet Forschung und Industrieachsen, sie schafft Investitionslogik entlang der Strecke.
Tunnel zwischen Vergangenheit und Zukunft
Was hier entsteht, ist kein „Südösterreich light“, sondern ein neuer Wirtschaftsraum, der sich selbstbewusst zwischen Alpenraum, Adria und Mitteleuropa positioniert. Und man darf es ruhig pathetisch sagen: Das ist die Sorte Infrastruktur, die ein Land nicht jedes Jahrzehnt baut, sondern vielleicht einmal pro Generation. Die Koralmbahn ist nicht nur ein Tunnel durch die Berge. Sie ist auch und vor allem ein Tunnel durch mentalen Nebel, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Begrenzt-Denkern und Möglich-Machern.
