Wie halten Sie’s mit der Wirtschaft, Herr Landeshauptmann?

Kärntens neuer Landeshauptmann ist Daniel Fellner. Eingebunden in eine Koalition mit der ÖVP und verflochten in ein komplexes juristisches Zusammenspiel von Kollegium der Landesregierung, Amt der Landesregierung und Kärntner Landtag sowie unter Aufsicht von Medien und Parteien kann der 49-jährige HTL-Absolvent aus Unterkärnten nur beschränkt schalten und walten, wie er will. Dennoch wird er den Kurs des Landes in den kommenden Jahren entscheidend prägen. M.U.T. hat dem neuen Landeshauptmann daher „Fragen für 2030“ gestellt, um seine wirtschaftspolitischen Haltungen und Standortambitionen kennenzulernen. Derzeit ist nur eines sicher: Gesundheitlich muss sich niemand in der Landesregierung Sorgen machen, Fellner ist ausgebildeter Notfallsanitäter.

Standort & strategische Haltung

M.U.T.: Welche Vision haben Sie konkret für den Wirtschaftsstandort Kärnten in den nächsten zehn Jahren?

Daniel Fellner: Meine Vision ist, Kärnten zur dynamischen Schnittstelle im Alpen-Adria-Raum zu entwickeln. Das Ziel ist eine technologiegetriebene Region, die durch die Koralmbahn als Teil der AREA Süd zum zweitgrößten Ballungsraum Österreichs zusammenwächst. Wir haben enormes Potenzial – das müssen wir nutzen und sichtbar machen!

Wo sehen Sie Kärnten aktuell im Wettbewerb der Bundesländer – und warum?

Kärnten punktet bei der Lebensqualität und Mikroelektronik. Und – was die wenigsten wissen – wir sind sehr stark im Bereich Innovation und Forschung: Da gehören wir zu den Top 10 Regionen von ganz Europa. Zusammen mit der Steiermark sind wir sogar unter den Top 3 Europas! Wenn wir in den USA wären, würde uns die ganze Welt kennen. Ich sehe hier ein riesiges Potenzial, um den Standort Kärnten zukunftsfit zu gestalten.

Kärnten leidet besonders unter dem demografischen Wandel. Was wollen Sie gegen den Verlust von 24.000 Erwerbspersonen bis 2040 unternehmen?

Der demographische Wandel trifft uns alle. Zudem verschieben sich auch die beruflichen Prioritäten – Stichwort work-life. Es geht also darum, mehrere Hebel gleichzeitig zu bedienen – wie Attraktivierung für RückkehrerInnen, Anreize für ältere ArbeitnehmerInnen oder qualifizierte Zuwanderung.

Woran messen Sie persönlich den Erfolg Ihrer Standortpolitik?

Aus dem Herzen heraus sage ich: Das ist die Stimmung im Land, das ist der Optimismus, das ist die positive und leidenschaftliche Grundstimmung. Und es ist die Wahrnehmung Kärntens außerhalb unseres Landes. Objektiv sind es die Zahlen: Betriebe und Arbeitsplätze.

Wo muss Kärnten mutiger werden – und wo realistischer?

Mutiger beim Selbstbewusstsein und beim Vertrauen auf unsere Stärken – wir haben allen Grund dazu! Aber auch beim Aufbrechen und Vereinfachen von komplizierten Strukturen. Realistischer bei der Einsicht, dass das nicht von heute auf morgen und nicht auf Knopfdruck geht. Es ist ein Prozess.

Daniel Fellner spricht während eines Interviews über Wirtschaftsstandort, Digitalisierung und Zukunftsperspektiven für Kärnten.
Kärnten soll unter dem neuen Landeshauptmann Daniel Fellner mit Koralmbahn, Digitalisierung und schnelleren Verfahren zur starken Technologie- und Innovationsregion im Alpen-Adria-Raum werden. Foto: Büro LH Fellner

Bürokratie & Verwaltung

Verfahren dauern laut Wirtschaft oft bis zu zwei Jahre – was werden Sie konkret dagegen tun?

Einerseits hat es etwas damit zu tun, was ich unter anderem mit dem Aufbrechen und Vereinfachen von komplizierten Strukturen gemeint habe. Andererseits werden Verfahren oft unnötigerweise in die Länge gezogen, weil Projektwerber notwendige Unterlagen nicht vorlegen oder sie erst im Laufe des Prozesses (im Nachhinein) darauf hingewiesen werden. Das kommt öfter vor, als man denkt.

Warum scheitert das One-Stop-Shop-Prinzip bisher – und wie wollen Sie es umsetzen?

Es geht um eine Kompetenzentflechtung, an der aktuell auch im Bund gearbeitet wird. Übrigens: Kärnten nimmt in dieser Steuerungsgruppe eine zentrale Rolle ein.

Werden Sie die Harmonisierung von Gesetzen und Verordnungen in der AREA Süd unterstützen?

Ein klares Ja. Allerdings nicht nur für die Steiermark und Kärnten, sondern – als Vision – für ganz Österreich.

Unterstützen Sie die Forderung, Bagatellverfahren innerhalb von 14 Tagen abzuschließen?

Klingt natürlich toll, ist aber nicht realistisch. Da darf ich auf Ihre Frage „wo muss man realistischer werden“ verweisen – mit der Ergänzung „und weniger populistisch“…

Warum erleben UnternehmerInnen Behörden oft als Bremse statt als Partnerschaft?

Behörden werden tatsächlich öfters – zu Unrecht – als Bremse wahrgenommen. Beispiel: Wenn Einreichunterlagen fehlen und diese nachgefordert werden, wertet man das als Blockade. Da wird allzu oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Rolle der Behörden & Sachverständigen

Wie stellen Sie sicher, dass Amtssachverständige wirtschaftsfreundlicher agieren?

Eines vorausgeschickt: Vorgaben sind selbstverständlich einzuhalten. Bei Einwänden oder Ablehnungen kommt es aber auf das Wie an – biete ich eine Alternative an? Oder kommt nur ein barsches Nein?

Digitalisierung & E-Government

Wann wird es eine zentrale digitale Verwaltungsplattform für Kärnten geben?

Die Digitalisierungsstrategie des Landes Kärnten hat zum Ziel, zentrale Verwaltungsleistungen für BürgerInnen und Unternehmen noch einfacher und transparenter zugänglich zu machen. Laufende Verfahren, Anträge und Förderungen werden künftig über ein zentrales digitales Portal eingesehen und verwaltet werden können. Das heißt, man kann jederzeit nachvollziehen, in welchem Bearbeitungsstatus sich der Antrag oder das Verfahren befindet. Zudem wird es eine durchgängige Digitalisierung der Verwaltungsprozesse geben.

Warum sind viele Verfahren noch immer nicht vollständig digital möglich?

Oft fehlen die Schnittstellen zwischen alten Gemeindesystemen und dem
Land. Hier muss das Land die Software-Standards vorgeben.

Wird es einen digitalen Leitungskataster geben, der rund um die Uhr abrufbar ist?

Ja, ein digitaler, transparenter Leitungskataster ist Infrastruktur-Voraussetzung für jedes moderne Bauprojekt.

Wie wollen Sie verhindern, dass Digitalisierung nur ein Schlagwort bleibt?

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss die Bearbeitungszeit messbar senken. Und genau das tut sie im Land Kärnten: Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass durch gezielte Digitalisierungsschritte und Prozessoptimierungen bereits deutliche Verbesserungen erzielt werden konnten.

Energie & Klimapolitik

Stehen Sie hinter dem Prinzip, erneuerbare Energieprojekte als „überwiegendes öffentliches Interesse“ zu behandeln?

Der Ausbau erneuerbarer Energien bedeutet: Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und damit Unabhängigkeit von Anbietern aus dem Ausland und Unabhängigkeit von internationalen Krisen; es bedeutet Versorgungssicherheit für jeden Haushalt, für jedes Unternehmen und damit Preisstabilität; es bedeutet zukunftssichere Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung und Standortstärkung.

Sind Sie bereit, Naturschutzverfahren zugunsten der Energiewende zu vereinfachen?

Es braucht – etwa wie wir es in Kärnten bei der Windkraft haben – Vorrangzonen, wo Projekte räumlich priorisiert werden. Wertvolle Lebensräume dürfen dabei nicht verlorengehen.

Wie wollen Sie Zielkonflikte zwischen Landschaftsschutz und Energieausbau lösen?

Das verlangt klare Regelungen mit Fingerspitzengefühl: etwa klare Zonierungen.

Infrastruktur & Raumordnung

Welche Priorität hat für Sie der Breitbandausbau – und warum geht er so langsam voran?

Die Bundesländer, so auch Kärnten, sind dabei auf die Förderungen des Bundes angewiesen. Diese stocken nun: Im Oktober 2025 wurde Kärnten mit einer nachträglichen Budgetkürzung konfrontiert, nur 16 von 44 Gemeinden haben eine Zusage für Fördermittel erhalten. Und jetzt sollen auch diese nicht fix sein. Das kann’s ja bitte nicht sein. Wir, die Kärntner Landesregierung, haben deshalb gerade eine Resolution an die Bundesregierung gerichtet.

Unterstützen Sie gemeindeübergreifende Genehmigungen für Infrastrukturprojekte?

Ja, das Kirchturmdenken bei Gewerbegebieten ist der sprichwörtliche Schnee von gestern. Der Blick in die Zukunft sieht das „Wir“ und das „Gemeinsame“.

Wie wollen Sie Planungsverfahren im Baurecht vereinfachen und beschleunigen?

Da gilt es, den sprichwörtlichen „Spagat“ zu schaffen – einen „Verfahrensturbo“, etwa mit digitalisierten Genehmigungsverfahren zu zünden, und gleichzeitig drohenden Risiken wie Landschaftsbild, Nachhaltigkeit, Nachbarschaftsrechten etc. vorzubeugen.

Wirtschaft & Investitionen

Warum werden Anlagen bzw. Technologien, die in anderen Bundesländern als „Stand der Technik“ gelten, in Kärnten oft nicht anerkannt und müssen neu geplant bzw. mittels teurer Gutachten doppelt und dreifach abgesichert werden?

Ist das so? Um darauf eine verbindliche Antwort zu geben, lassen Sie mich das bitte genau prüfen.

Was tun Sie konkret, um Investoren schneller zu Entscheidungen zu bringen?

Aktuell werden alleine von der BABEG 443 Ansiedlungsprojekte bearbeitet – und die kommen aus 45 Ländern! Sie fühlen sich in Kärnten bestens betreut, beraten, unterstützt und sind vor allem von den hochqualifizierten Fachkräften begeistert. Das heißt: Es geht nicht nur um Speed, sondern um ein Bündel von Aspekten.

Werden Sie Projektmanager für große Zukunftsprojekte einsetzen?

Wir haben Top-Leute im Land. Je nach Großprojekt haben wir konkrete Zuständigkeiten und beste Betreuung.

Isabella Schöndorfer
Isabella Schöndorfer
Chefredakteurin
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Wert | Voll, Life | Style
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