Wer holt die Forschungsmillionen?

Will der Süden Österreichs Wien Paroli bieten, wird vor allem auf universitärer Ebene mehr nötig sein als die aktuell überschaubare Anzahl von steirisch-kärntnerischen Kooperationsprojekten. Am Unternehmenssektor braucht es hingegen mehr Risikokapital.

„Wien, Wien nur Du allein, sollst die Stadt meiner Forschung sein“, könnte man es in Abwandlung des berühmten Lieds von Rudolph Sieczynski formulieren. Der Liedtext stammt in unserem Fall aber nicht wie das Original aus dem Jahr 1913, sondern von der Statistik Austria 2025. Mehr als die Hälfte der öffentlichen sowie privaten und gemeinnützigen Forschung im Jahr 2023 von insgesamt 4,786 Mrd. Euro, nämlich 2,456 Mrd. Euro, wird in Wien verbraten und „ver“-fördert. Die übrigen Bundesländer kämpfen um den bescheidenen Rest. Größere Uni-Standorte haben die Nase vorne.

Die Steiermark mit ihrer Karl-Franzens-Uni, der TU Graz, der Montan-Uni in Leoben und mehreren für Investoren attraktiven Fachhochschulschwerpunkten kommen immerhin auf ein Volumen von 803,6 Mio. Euro, Tirol mit seiner großen Medizinuni auf 484,2, Niederösterreich mit u.a. seinem Institute of Science and Technology Austria (ISTA) auf 402,8 Mio., Oberösterreich auf 311 Mio. und Kärnten nur noch auf bescheidene 87,2 Mio.

Wer holt die Forschungsmillionen
Wien schöpft mehr als die Hälfte der öffentlichen Forschungsgelder in Österreich ab. Grafik: Gilbert Waldner

Alma Mater Minimunda

Die Uni Klagenfurt, die wegen der nahegelegenen „Kleinen Welt am Wörthersee“ in der Vergangenheit gerne als „Alma Mater Minimunda“ verballhornt wurde, hatte es von Anfang an schwer. Wäre sie – wie zu Gründungszeiten – allein eine Uni für Bildungswissenschaften geblieben, sie hätte wohl längst das Zeitliche gesegnet. Aber die Wirtschaft und vor allem die noch jüngere Technische Fakultät haben ihr zu einiger Reputation verholfen. Mit so bescheidener finanzieller Ausstattung wissenschaftliche Exzellenz zu erzielen und gleichzeitig für Studierende von außerhalb attraktiver zu werden, ist aber mühsam. Denn die hohe Abwanderung aus Kärnten und die sinkenden Geburtenzahlen haben das Potenzial im eigenen Land deutlich schrumpfen lassen.

FH Kärnten mit Sprung nach vorne

Dazu kommt, dass die Fachhochschule Kärnten im selben Teich fischt und mit ihrer Praxisorientierung viel stärker auch berufsbegleitend Studierende anzieht. Gerade in den für die Entwicklung der heimischen Wirtschaft und Wertschöpfung so wichtigen technischen Studienrichtungen spielt das eine große Rolle. In der Forschung und im Startup-Bereich hat die FH Kärnten in den vergangenen Jahren ohnehin einen großen Sprung nach vorne gemacht. (Details dazu hier)

Mehr Studien-Pendler?

Kurz vor Inbetriebnahme der Koralmbahn, die die Entfernung der beiden Zentralräume von Kärnten und Steiermark zeitlich auf Pendeldistanz verkürzen wird, herrscht in den Hochschulen dies- und jenseits der Pack hektisches Treiben. Gerade erst Mitte September beschworen die Führungsetagen der betroffenen Institutionen den „gemeinsamen Hochschulraum bis 2030“.

Die Sitzung der Kärntner und steirischen Hochschulkonferenzen Mitte September im Klagenfurter Schloss Loretto war eine der letzten Amtshandlungen von LH Peter Kaiser als Bildungsreferent. Das ist hoffentlich kein böses Omen. Wenn es aufgrund des Studierenden-Schwunds im Süden Österreichs zu einer Art institutionellem Darwinismus („Überleben der am besten Angepassten“) im tertiären Bildungssektor käme, dann hätten die renommierten, deutlich größer forschenden Unis in der Steiermark wohl die besseren Karten.

EU-Forschung: Steiermark ist top

Unterlegen lässt sich das etwa mit einer sehr spannenden Statistik. Schon mal was von „Horizon Europe“ gehört? Dabei handelt es sich um das weltweit größte transnationale Programm für Forschung und Innovation. Die EU stellt hier zwischen den Jahren 2021 und 2027 insgesamt ein Budget von 95,5 Mrd. Euro zur Verfügung. Eine Stange Geld also. Für den Österreich-Anteil ist die heimische Forschungs-Förderungs-Gesellschaft FFG Kontakt- und Beratungsstelle. Das M.U.T.-Magazin hat sich die Bundesländer-Auswertungen schicken lassen. Und siehe da: Kärntner und steirische Unis belegen in der Top-Ten-Liste der wichtigsten Fördernehmer im jeweiligen Bundesland Spitzenplätze ein. Allerdings in völlig verschiedenen Dimensionen!

Die Uni Graz hat Fördermittel von 40,1 Mio. Euro an Land gezogen, die TU Graz von 28,8 Mio. Euro, Joanneum Research von 25,8 Mio. Euro, um nur die Top 3 zu nennen. In Kärnten liegt die Uni bei 2,6 Mio. Euro, die FH bei 2,3 Mio. Euro. Die Kärntner Statistik führt hingegen mit abartig weitem Vorsprung Infineon an, das 15,8 Mio. Euro aus dem Horizon-Europe-Topf schöpft! Der bestplatzierte steirische Betrieb kann das übrigens noch toppen. AVL List (Motorenentwickler, Autozulieferer) erhält 23,5 Mio. Euro. Da geht es um die ganz großen, für die zukünftige strategische europäische Entwicklung wichtigen Projekte, um wissenschaftliche Exzellenz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

Wer holt die Forschungsmillionen
Beim Abholen von EU-Forschungsmillionen ist die Steiermark viel besser aufgestellt als Kärnten. Grafik: Gilbert Waldner

Kärnten: Ein Betrieb forscht wirklich?

In Kärnten erweist sich also einmal mehr, dass im Konzert der Großen tatsächlich nur ein Betrieb wirklich mitspielen kann: Infineon. Klar, auch andere Unternehmen spielen in internationalen Forschungsprojekten eine Rolle, aber eben keine so tragende und steuernde, wie das beim Elektronikriesen der Fall ist. Der Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds KWF bemüht sich mit Erfolg, die Forschungsförderung im Land voranzubringen. Die Steigerung von 75 Prozent in der Zahl der Projekte (2024) liest sich erfreulich. Die insgesamt 7,1 Mio. Euro sind fast ein Viertel des gesamten Fördervolumens des KWF.

Aber vergleichen wir das mal mit den EU-Förderungen von Infineon allein aus dem Topf von Horizon Europe (15,8 Mio. Euro allerdings für die Jahre 2021 bis 2027), und vergleichen wir es mit den Forschungsausgaben der Kärntner Elektronikindustrie allein im Jahr 2023: 682 Mio. Euro! Man darf davon ausgehen, dass der Löwenanteil wieder Infineon zuzuordnen ist. Übrigens war das eine Steigerung um fast 200 Mio. Euro gegenüber dem Jahr 2021. Allein dieser Zuwachs ist mehr als doppelt so hoch wie die gesamten Forschungsausgaben des Burgenlands! Von der beachtlichen Steigerung der Zahl der in der Kärntner Forschung Beschäftigten gehen 80 Prozent auf das Konto der Elektronik (672 von 851).

Steiermark viel breiter aufgestellt

Gemeinsam ist der Steiermark und Kärnten übrigens der hohe Anteil der Forschungsausgaben des Unternehmenssektors. In der grünen Mark sind es rund drei Viertel von insgesamt 3,25 Mrd. Euro, in Kärnten rund 90 Prozent von 902 Mio. Euro. Die Steiermark ist laut Förder-Statistik der FFG aber deutlich diverser aufgestellt als Kärnten. Auch da dominiert die Elektronik mit einem Anteil von 39,4 Prozent der österreichischen Fördermittel in diesem Bereich. Bei „Abfallwirtschaft“ erreicht sie sogar 70,3 Prozent, bei „Messverfahren“ 57,4 Prozent, in den „Biowissenschaften“ 53,3 Prozent, in der Energiespeicherung 65,5 Prozent.

Klar, letztere sind insgesamt kleinere Themen, aber sogar in großen Forschungsbereichen wie der „industriellen Fertigung“ ist die Steiermark mit einem Anteil von 27,3 Prozent ganz vorne dabei. In Kärnten ticken die Uhren anders. Nur dessen Anteil im Bereich Elektronik kann sich mit fast einem Viertel sehen lassen. Bei der „industriellen Fertigung“ sind es immerhin noch 10 Prozent, bei der „nachhaltigen Entwicklung“ ebenso. Alles andere liegt deutlich darunter.

Elektronik-Forschung gehört in den Süden

Man beachte: Der Süden Österreichs (Steiermark und Kärnten) streift fast zwei Drittel der Elektronikförderung der FFG ein, weil sich hier auch die wichtigsten Betriebe der Branche konzentrieren (ams-OSRAM, AT&S, Flex, Infineon, NXP Semiconductors, Siemens, Wild etc.). Mit den Silicon Austria Labs hat die wichtigste österreichische angewandte Forschungseinrichtung in Villach und Graz zwei wichtige Standorte. Wäre da nicht auch die Frage erlaubt, warum die öffentliche Forschung nicht noch stärker in der Region Süd konzentriert ist, um wissenschaftliche und unternehmerische Exzellenz noch besser miteinander zu verschränken?

Denn die Zahlen zeigen ganz deutlich, dass in Kärnten und der Steiermark bei moderat steigenden Ausgaben für universitäre Forschung die betrieblichen Aufwendungen massiv steigen. In Wien hingegen steigen nur die universitären Forschungsausgaben deutlich. Was ja auch kein Wunder ist, steht den Betrieben doch nur sehr beschränkter Raum für die oft mit Innovation verbundene Expansion zur Verfügung.

Kärnten hat ein Strukturproblem

Der Kärntner Forschungs- und Wissenschaftsrat anerkennt laut Landespressedienst die Stärken Kärntens im Bereich Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Produktion. Offen spricht er aber auch das Strukturproblem an. Dem hohen Anteil von 99,81 der kleinen und mittleren Unternehmen in Kärnten stehe ein geringer Anteil an von ihnen abgeholten F&E-Förderungen gegenüber. Da läuft offenbar gerade eine wissenschaftliche Analyse, die hoffentlich mit der jüngst so erfolgreichen Strategie des KWF koordiniert ist.

Hoffnungsprojekt „Wasserstoff-Valley“

Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig setzt große Hoffnungen in das zwischen den Bundesländern Kärnten, Steiermark und Oberösterreich vereinbarte „Wasserstoff-Valley“, das entlang der Wertschöpfungskette von der klimafreundlichen Erzeugung des Wasserstoffs bis zu dessen Verteilung, Speicherung und Einsatz reicht. Kärnten will sich hier vor allem im Bereich der Mobilität profilieren. Das Projekt umfasst in den drei Bundesländern 17 Projekte mit einem Investitionsvolumen von 578 Mio. Euro. Die EU steuert 20 Mio. Euro Startförderung bei.

In Arnoldstein soll in Kooperation mit dem Grazer Comet-Forschungszentrum HyCentA Graz eine Elektrolyse entstehen, die etwa Wasserstoff als Treibstoff für Busse liefern soll. Auch die Kelag ist Projektpartner. In der Steiermark sind etwa Projekte für grünen Stahl oder nachhaltigen Brandkalk geplant, außerdem natürlich auch eine Elektrolyse.

Wer holt die Forschungsmillionen
Die Koralmbahn lässt auch die Uni-Standorte zusammenwachsen. Auch hier braucht es mehr Kooperation. Bild: ÖBB

Unter die Räder der Koralmbahn?

Fazit: Als kleiner Bruder oder kleine Schwester des Forschungsriesen Steiermark wird Kärnten aufpassen müssen, angesichts der durch die Koralmbahn zusammenwachsenden Zentralräume nicht unter die Räder zu kommen. Das zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung wenig konkrete Projekt eines gemeinsamen Hochschulraums scheint noch nicht weit über politische Absichtserklärungen hinausgekommen zu sein. Von einer gemeinsamen Strategie oder Aufgabenverteilung gar nicht zu reden.

In Kärnten verdeckt Forschungsriese Infineon die Schwächen im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen. Wenn LH Peter Kaiser (SPÖ) und Technologiereferentin Gaby Schaunig (SPÖ) also über die tolle Performance der Forschungsquote (drittgrößtes Wachstum aller Bundesländer seit 2009, Info hier) jubeln, dann sollten sie auch offen eingestehen, dass das in erster Linie auf die gewaltigen Investitionen eines Betriebs zurückzuführen ist. Eines Betriebs, der gerade angesichts der am Standort viel zu hoher Energie- und Personalkosten sowie schwieriger Rahmenbedingungen nicht mehr „einzementiert“ scheint.

Innovation braucht Kapitalmarkt

Die Steiermark ist da in einer vergleichsweise luxuriösen Position. In vielen Bereichen verfügt man über beachtliche wissenschaftliche Expertise. Mit dem Autocluster hat man die PS buchstäblich auf den Boden gebracht. Der Niedergang der europäischen Autoindustrie relativiert das aber zusehends. In etlichen anderen vielversprechenden Bereichen ist es bisher noch nicht ähnlich überzeugend gelungen, Forschungserfolge in wirtschaftliche umzumünzen. Das ist eine allgemein österreichische, wohl auch europäische Krankheit. Es fehlt an Risikokapital.

Mit mutigen Ideen Neuland zu betreten, dafür bräuchte es deutlich mehr Investoren vom Kapitalmarkt. Regionalbanken mit Fokus im Kreditgeschäft und seinen klassischen „Sicherheiten“ sind da wohl nicht die richtige Adresse. In Österreich mit Instrumenten wie FFG oder Forschungsprämie ein interessantes Förderumfeld zu schaffen reicht also allein nicht, um Forschung und Innovation in Unternehmenserfolge umzusetzen. Denn spannend wird es vor allem beim Hochskalieren nach der Gründungsphase.

P.S.: Der Autor dankt vor allem Joanneum Research, FFG und IV Steiermark für die Lieferung von aktuellen Daten.

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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