Nicht alles lässt sich planen – weder in der Kunst noch im Unternehmertum. Genau damit beschäftigt sich die 6. Ausgabe des Mahler Forums, das am 10. und 11. Juli unter dem Motto „Improvisiert euch!“ bei freiem Eintritt nach Klagenfurt und Maiernigg lädt. Initiatorin Felicitas Thun-Hohenstein erklärt im Interview, warum der produktive Umgang mit dem Unvorhergesehenen zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Zeit zählt.
M.U.T.: Improvisation gilt als Kernkompetenz von Künstlerinnen und Künstlern. Warum wird sie aus Ihrer Sicht auch für Unternehmerinnen und Unternehmer immer wichtiger?
Felicitas Thun-Hohenstein: Vielleicht wird Improvisation für Unternehmerinnen und Unternehmer gerade deshalb so wichtig, weil Künstlerinnen und Künstler diese nie als Ausnahme verstanden haben. In der Kunst gehört das Unvorhergesehene zur Arbeit: ein Raum, der anders antwortet; ein Material, das Widerstand leistet; ein Gegenüber, das etwas verschiebt. Nicht alles lässt sich planen, aber vieles lässt sich wahrnehmen, aufnehmen und in eine neue Form des Handelns übersetzen. Genau darin liegt für mich die Kraft der Improvisation. Ein künstlerischer Prozess besteht nicht nur darin, eine Idee umzusetzen, sondern auch darin, sich von dem verändern zu lassen, was währenddessen entsteht. Diese Fähigkeit hat auch für Unternehmen großes Potenzial. Dort geht es nicht nur um Strategie, sondern um Wahrnehmung, Beziehung und Reaktionsfähigkeit. Improvisation heißt, handlungsfähig zu bleiben, ohne die Welt auf das zu reduzieren, was bereits geplant war.
In der Wirtschaft spricht man von Agilität, in der Kunst von Improvisation. Wo sehen Sie die größten Parallelen zwischen beiden Welten?
Die größte Parallele liegt – denke ich – in der Beweglichkeit, aber Beweglichkeit ist nicht nur eine Frage der Methode. Sie entsteht daraus, wie wir uns zu einer Situation verhalten, wie wir wahrnehmen, was im Raum ist: Spannungen, Widerstände, Möglichkeiten. Agilität will steuern, Improvisation will antworten. Ob auf der Bühne oder im Unternehmen, entscheidend ist, sich von einer Situation berühren zu lassen, ohne die Verantwortung für das Handeln abzugeben.

Viele Unternehmen stehen derzeit unter hohem Veränderungsdruck. Was kann die Wirtschaft von der künstlerischen Praxis des Umgangs mit dem Unvorhergesehenen lernen?
Etwa dass eine Störung nicht nur ein Problem darstellt, sondern auch Information. Wenn etwas nicht funktioniert wie geplant, zeigt sich oft, worauf eine Struktur gebaut ist und wo sie verletzlich ist. Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit genau diesen Momenten. Sie versuchen nicht immer, das Unvorhergesehene sofort zu glätten, sondern fragen: Was wird dadurch sichtbar? Was lässt sich daraus entwickeln? Diese Fähigkeit, aus Reibung Erkenntnis zu gewinnen, ist heute enorm wertvoll.
Kulturförderung gerät in wirtschaftlich schwierigen Zeiten oft unter Rechtfertigungsdruck. Warum sollte gerade dann weiter in Kunst und Kultur investiert werden?
Kunst und Kultur sind keine Reserve für bessere Zeiten, sondern bieten Formen, durch schwierige Zeiten hindurchzugehen. Gerade wenn Gesellschaften unter Druck geraten, brauchen sie Räume, in denen anders gedacht, gefühlt und gesprochen werden kann. Kultur schafft Orientierung, aber nicht im Sinne einfacher Antworten. Sie lässt Spannungen sichtbar werden, statt sie vorschnell aufzulösen. Sie gibt Ambivalenz einen Ort. Und sie hält offen, was unter Druck oft verloren geht: die Fähigkeit, sich eine andere Zukunft vorzustellen.
Inwiefern verkörpern die diesjährigen Mitwirkenden das Forumsthema?
Die Mitwirkenden verkörpern das Thema, weil sie nicht einfach nebeneinander auftreten, sondern aufeinander reagieren. Ein Text wird zur Grundlage einer Komposition, eine Komposition wird interpretiert, ein Gespräch öffnet den künstlerischen Prozess, eine Intervention verändert den Ort, ein musikalischer Impuls verändert unsere Wahrnehmung dieses Ortes. Genau darin liegt Improvisation: nicht in der Geste des Spontanen, sondern in der Bereitschaft, sich von anderen Praktiken, Stimmen und Räumen beeinflussen zu lassen. Mich interessiert daran besonders, dass das Forum selbst zu einer Art Versuchsanordnung wird. Niemand besitzt das Thema allein. Es entsteht zwischen Literatur, Musik, Wissenschaft, Kunst, Publikum und Ort. In diesem Sinn ist Improvisation auch ein leiser Entwurf demokratischer Praxis: Unterschiedliche Stimmen treten nicht nur auf, sie geraten miteinander in Beziehung. Sie hören, antworten, verschieben einander. Das Unvorhergesehene ist hier nicht nur Inhalt, sondern Methode und vielleicht auch eine Übung darin, wie wir miteinander Zukunft verhandeln.
Die diesjährigen KünstlerInnen des Mahler Forums:
Wenn die Familie Mahler heute ein Unternehmen führen würde: Worin läge ihre größte Stärke?
Das ist eine schöne Frage, weil sie die Familie Mahler nicht nur historisch betrachtet, sondern in die Gegenwart übersetzt. Wenn die Mahlers heute ein Unternehmen führen würden, läge ihre größte Stärke vielleicht darin, Intensität mit Aufmerksamkeit zu verbinden und aus einem künstlerischen Erbe eine lebendige Praxis zu machen.
Gustav Mahler konnte große Formen denken und zugleich auf kleinste Verschiebungen hören. Alma Mahler bewegte sich in künstlerischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Netzwerken und verstand Kultur auch als Beziehungsraum. Anna Mahler bringt eine andere, sehr körperliche Dimension ein: das Arbeiten mit Material, Widerstand, Form und Berührung. Und Marina Mahler steht für die Weitergabe dieses Erbes nicht als bloße Bewahrung, sondern als Öffnung in neue Zusammenhänge. Wenn man das in unternehmerisches Denken übersetzt, wäre ihre Stärke vermutlich nicht bloß Effizienz, sondern Resonanzfähigkeit. Ein solches Unternehmen würde nicht nur fragen: Wie kommen wir schneller ans Ziel? Sondern auch: Wer ist im Raum? Welche Stimmen fehlen? Welche Spannungen nehmen wir wahr? Was verändert sich, wenn wir wirklich zuhören? Das wäre für mich eine sehr zeitgemäße Stärke: große Visionen zu haben, ohne die feinen Signale der Gegenwart zu überhören und Tradition nicht als Besitz zu verstehen, sondern als Verantwortung, sie immer wieder neu in Beziehung zu setzen.
Das Mahler Forum für Musik und Gesellschaft lädt dieses Jahr am 10. und 11. Juli 2026 unter dem Motto „Improvisiert euch! Das Potenzial des Unvorhergesehenen“ bereits zum sechsten Mal zu einem zweitägigen Kulturformat nach Klagenfurt und Maiernigg. Im Mittelpunkt steht die Improvisation als künstlerische Praxis und gesellschaftliche Haltung.
Freitag, 10. Juli 2026, 18 Uhr
Künstlerhaus Klagenfurt
Programm-Highlights:
- Performative Lesung „Engel der Improvisation“ mit Autorin Tamara Štajner
- Gespräch mit Elisabeth Oberzaucher (Evolutionspsychologin), Josef Marketz (Diözesanbischof) und Felicitas Thun-Hohenstein
- Impulse von Musikwissenschaftler & Gustav Mahler-Experten Morten Solvik
- Uraufführung des Kompositionsauftrags – powered by Kelag zur Förderung Neuer Musik:
„Uno Stravagante Rituale“ von Marco Sau (Gustav Mahler Privatuniversität für Musik) - Musikalische Umsetzung durch das Ensemble des Alma Mahler Musikvereins unter der Leitung von Alja Klemenc
- Publikumspartizipation im Format „Improvisiert euch!“
Samstag, 11. Juli 2026, 11 Uhr
Gustav Mahler Komponierhäuschen Maiernigg
(Treffpunkt: Anfang des Fußwegs zum Komponierhäuschen)
Programm-Highlights:
- Eröffnung der Installation „Symphony in Nylon – all in all lifelong red tights“
- Künstlerin: Carola Dertnig
- Musikalische Intervention: Susanna Gartmayer (Bassklarinette)
- Künstlerinnengespräch mit Carola Dertnig und Susanna Gartmayer
Mitwirkende
InitiatorInnen: Felicitas Thun-Hohenstein, Morten Solvik
Projektmanagement & Co-Kuration: section.a
(Julia Bildstein, Katharina Boesch)
Kompositionsauftragssponsor: Kelag
Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter: info@mahler-forum.org
Die Installation von Carola Dertnig kann nach der Eröffnung noch bis 31. Oktober 2026 beim Gustav Mahler Komponierhäuschen besucht werden.
Programmdetails: www.mahler-forum.org






