Künstliche Intelligenz, Circular Economy, Green Jobs und New Work – diese und weitere Megatrends prägen unsere Debatten. Im M.U.T-Interview spricht der Grazer Trendexperte Manfred Ninaus über langfristige Trends und kurzfristige Hypes sowie deren Auswirkungen auf die Wirtschaft.
M.U.T.: Die Forschungsinstitutionen scheinen sich nicht ganz einig über die einzelnen Begrifflichkeiten zu sein. Welche aktuellen Megatrends würden Sie als solche definieren?
Manfred Ninaus: Am Institut für Innovations- und Trendforschung (IITF) in Graz betrachten wir Trends nicht isoliert, sondern als Wirkungsnetzwerk, in dem Technologie und Ökologie eine neue industrielle Symbiose eingehen. Unser Institut gibt es seit 2008 und wenn ich zehn Megatrends nennen müsste, würde ich diese wie folgt definieren.
- Neo-Ökologie & Circular Economy
- Digitalisierung Künstliche Intelligenz & Agentic AI
- New Work & Wissenskultur
- Mobility & Connectivity (Glokalisierung)
- Silver Society & Demografie
- Sicherheit (Cyber- & System-Resilienz)
- Gesundheit (Holistic Health & Longevity)
- Individualisierung & Gender Shift
- Urbanisierung & Smart Cities
- Sinn-Ökonomie (Purpose Economy)
Die Uneinigkeit rührt oft daher, dass Megatrends mit technologischen Treibern verwechselt werden. Wir definieren für die nächste Dekade vor allem die Neo-Ökologie, die sich massiv in Richtung der Circular Economy entwickelt und Nachhaltigkeit zum harten Effizienz-Faktor macht.
Ein zweiter dominanter Megatrend ist die Konnektivität, die durch Künstliche Intelligenz eine neue Qualität erreicht: Wir bewegen uns von der Vernetzung von Geräten hin zur Vernetzung von Intelligenz.
Flankiert wird dies durch New Work, was weit über Homeoffice hinausgeht und eine komplette Reorganisation der Wertschöpfungskette durch Wissenskultur und ortsunabhängige Kollaboration bedeutet.
Zu welchen Megatrends wird am Institut für Innovations- und Trendforschung in Graz am häufigsten geforscht?
Das IITF hat sich auf die „Real-World-Transformation“ spezialisiert – also die Frage, wie abstrakte Megatrends in einer Industrieregion wie der Steiermark physisch implementiert werden und nutzbar gemacht werden können.
Zudem forschen wir intensiv zur Arbeitswelt der Zukunft im Kontext der Individualisierung. Wir analysieren, wie Unternehmen in Zeiten des extremen Fachkräftemangels durch hochflexible, Trend-basierte Arbeitsmodelle attraktiv bleiben können. Als Leuchtturm-Projekt forschen wir derzeit auch an Green Jobs.
Ein singulärer Forschungsschwerpunkt liegt außerdem auf Holzinnovationen im Kontext der Bioökonomie. Wir untersuchen, wie der nachwachsende Rohstoff Holz durch High-Tech-Verfahren Kunststoff, Beton und Stahl in der urbanen Architektur wie der seriellen Sanierung mit Holzelementen ersetzen kann.
Parallel dazu liegt ein Fokus auf der Mobility der Zukunft, insbesondere auf E-Mobility und Railway. Wir verknüpfen die physischen Innovationen stets mit der digitalen Ebene der KI und dem Service Design.

Wann wird aus einem Trend ein wirtschaftlich tragfähiger Markt?
Im Endeffekt geht es um die Akzeptanz des Trends und es gibt unterschiedliche Formen. Ein technischer Trend wird von einem schwachen Signal zu einem Hype, der die Wahrnehmbarkeitsgrenze überschreitet, um danach zu einer Schlüsseltechnologie und letztlich zu einer Basistechnologie zu werden.
Von Megatrends spricht man, wenn sie 25+ Jahre anhalten, wie etwa die Digitalisierung. Dazu gibt es kurzlebigere Trends wie jene der Mode. Ein Trend ist nie singulär zu sehen, denn jeder Trend ist mit einem anderen verknüpft.
Wir wenden dafür die Methode der Technologie-Portfolio-Analyse, oft in Verbindung mit dem Lebenszyklusmodell von Technologien, an, um Trends einzuordnen.
Tragfähigkeit entsteht im Moment der Systemintegration. Bei der „Circular Economy“ beobachten wir diesen Übergang gerade: Es wird erst dann ein Markt, wenn „Waste“ nicht mehr als Entsorgungskostenfaktor, sondern als Rohstoffquelle (Asset) in der Bilanz auftaucht.
Ein Trend wird ökonomisch stabil, wenn die technologische Lernkurve (z. B. bei der Effizienz von Photovoltaik oder KI-Algorithmen) so steil wird, dass konventionelle Lösungen zu teuer werden. Sobald Geschäftsmodelle die klassische Verkaufstransaktion ablösen, wissen wir, dass der Trend die Marktreife erreicht hat.

Wie erkennt man als Unternehmen, ob ein Trend nur medial oder tatsächlich ökonomisch relevant ist?
Am IITF nutzen wir die Evaluierung der Trends nach den Parametern Eintrittswahrscheinlichkeit und Relevanz für das Unternehmen. Dazu fragen wir uns, welche Trends aus dem Unternehmensumfeld sonst noch zum Innovationspotenzial des Unternehmens passen.
Mit so genannten „Forecast“ und „Backcast“-Modellen kann man so neue Geschäftsmodelle aufspüren und entwickeln. Dabei muss man sich auch immer fragen: Verändert der Trend die Kostenstruktur oder das Risikoprofil meines Unternehmens fundamental?
Ein medialer Hype erzeugt Rauschen, aber keine Veränderung in der Bilanz. Echte ökonomische Relevanz zeigt sich darin, dass der Trend neue Berufsbilder – wie zum Beispiel sogenannte Green Jobs – schafft, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab.
Wie misst man überhaupt die Wirtschaftlichkeit eines Trends?
Wir messen die Wirtschaftlichkeit durch das Potential für neue Geschäftsmodelle. Ein Trend wird mit der Methodik der Innovationssuchfeldmatrix verwendet, um das potentielle Matching mit bestehenden oder zukünftigen Kompetenzen eines Unternehmens durchzuführen.
Am Institut messen wir das Potenzial über die Kosteneffizienz und die Prozess-Durchführungsgeschwindigkeit. Bei der Automatisierung von Prozessen ist etwa die Digitalisierung und das Reduzieren ineffizienter Prozessinhalte zu verfolgen. In der Circular Economy berechnen wir den „Circular Gap“: Wie viel Primärmaterial können wir durch Kreislaufführung einsparen, und wie korreliert das mit der Marge?
Hier ist die Blue-Economy hervorzuheben, die auf dem Kreislauf-Prinzip beruht, bei dem ich nicht nur den Verbrauch der Energie sondern auch deren Herstellung nachhaltig gestalte.
Bei der KI messen wir die Zeitersparnis in der Wissensarbeit. Wirtschaftlichkeit ist hier nicht nur kurzfristiger Gewinn, sondern die Steigerung der Resilienz gegenüber externen Schocks (wie Energiepreise oder Lieferketten-Unterbrechungen).
Ein Trend ist wirtschaftlich, wenn er den ökologischen Fußabdruck senkt und gleichzeitig den ökonomischen „Handprint“ vergrößert. Ich selbst habe zum Beispiel aus einem Trend heraus und dem Bedürfnis nach technischem Support zum Thema 2017 eine eigene Software-Plattform zur Kostenoptimierung für Unternehmen entwickelt: www.vmcoach.org.
Welche Fehler machen Unternehmen bei Trendentscheidungen am häufigsten?
Die KI sehe ich zum Beispiel als Hype, der teilweise überbewertet wird, denn bei den Projektinitiativen in die KI sind wir in Österreich im vorderen Bereich Europas. Diese Investitionen werden sich nicht immer rentieren. Vor allem, wenn nur isoliert in einzelne KI Applikationen investiert wird.
Man muss sich ein strategisches Rahmenkonzept mit Zielen zurechtlegen, welche ich dann hartnäckig verfolge. Was will ich mit der KI? Will ich schneller werden, weniger Ressourcen verschwenden, mehr Leistung erzielen?
Viele verfallen auch in den Fehler der „Insellösungen“. Sie führen zwar KI ein, behalten aber die alten, hierarchischen Strukturen bei, was die Potenziale von New Work völlig blockiert. Ähnliches passiert auch beim Thema „Greenwashing“, statt echte Green Jobs einzuführen: Man versucht, alte Produkte grün anzustreichen, statt das Geschäftsmodell radikal auf Kreislauffähigkeit umzustellen.
Oft fehlt auch der Mut zur Holzinnovation, weil man in etablierten Lieferantenbeziehungen gefangen ist. Man unterschätzt, dass Trends wie die Mobility-Wende nicht nur den Antrieb, sondern das gesamte Nutzerverhalten betreffen.
Der häufigste Fehler ist das Unterschätzen der Komplexität bei gleichzeitigem Überschätzen der Geschwindigkeit. Hektische Pilotprojekte ohne strategisches Fundament, die nicht Aufgabe der Geschäftsführung bleiben („Aktionismus-Falle“), sind nicht empfehlenswert.
Ein weiterer Fehler ist das Ignorieren von Gegentrends: Wer nur auf Digitalisierung setzt und den Wunsch nach physischer Haptik und menschlicher Nähe ignoriert, verpasst oft die lukrativsten Premium-Nischen.

Welche Trends wirken wirtschaftlich attraktiv, sind aber kaum langfristig skalierbar?
Wir können Szenarien machen, aber alles wissen wir auch nicht vorher. Besonders kritisch sehe ich Trends, die auf maximaler Spezialisierung bei gleichzeitigem hohen Personaleinsatz beruhen, ohne durch KI oder Automatisierung unterstützt zu werden.
Auch im Bereich der Nachhaltigkeit gibt es Ansätze, die zwar ökologisch wertvoll, aber logistisch so komplex sind, dass sie über eine lokale Nische nie hinauskommen, wie etwa der Hype der Unverpackt-Läden, die sich nicht bewährt haben.
Manche Formen der Mobility, wie sehr spezifische Nischen-Sharing-Modelle in dünn besiedelten Gebieten, wirken oft attraktiv, scheitern aber an den massiven Infrastrukturkosten bei einer Skalierung.
Gibt es einen Megatrend, mit dem Sie persönlich positive Zukunftsvisionen verbinden?
Meine Vision ist die „Bio-Digital-Synergie“. Wenn wir die Intelligenz der KI nutzen, um die Komplexität der Circular Economy zu steuern, und gleichzeitig natürliche Materialien wie bei unseren Holzinnovationen einsetzen, entsteht ein völlig neues Bild von Wohlstand.
Ich sehe eine Zukunft, in der Green Jobs die erfüllendsten Arbeitsplätze der Welt sind, weil sie Sinnstiftung mit Hochtechnologie verbinden. Die Vorstellung, dass unsere Städte wie Wälder funktionieren – regenerativ, vernetzt und hochgradig effizient –, ist eine schöne Vision und zeigt, dass technischer Fortschritt und Naturschutz keine Feinde mehr sein müssen.
Ich verbinde auch Hoffnungen mit der „Sinn-Ökonomie“ (Purpose Economy), die aus dem Megatrend der Individualisierung und der Neo-Ökologie erwächst. Wir beobachten eine fundamentale Verschiebung: Erfolg wird nicht mehr nur über Akkumulation von Besitz definiert, sondern über die Qualität der Lebenszeit und den positiven Impact auf das Umfeld.
Meine Vision ist eine Wirtschaft, die durch KI-gestützte Effizienz so viel Freiheit schafft, dass der Mensch sich wieder verstärkt kreativen und sozialen Aufgaben widmen kann. Wenn wir es schaffen, den Megatrend der Konnektivität so zu nutzen, dass er menschliche Empathie verstärkt statt sie zu ersetzen, steuern wir auf eine sehr lebenswerte Ära zu.
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