Was mit der US-Army begann, erobert heute die Märkte

Ein Rohstoff, 588 Bauern, 58 Länder: Zum „Tag der Milch“ am 1. Juni blickt das M.U.T.-Magazin hinter die Kulissen der Ennstal Milch.

In den Produktionshallen der Ennstal Milch in der Gemeinde Stainach-Pürgg im Bezirk Liezen beginnt der Tag lange bevor draußen die ersten Sonnenstrahlen die steirischen Berge erreichen. Tankwagen rollen an, einer nach dem anderen. Sie bringen, was hier seit mehr als einem Jahrhundert das Fundament bildet: Milch aus einer Region, die klein strukturiert ist.

Junge Frau steht vor einer Produktionsanlage für Eiskaffee.
Moderne Produktionsprozesse sichern Qualität, Effizienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit der Ennstal Milch. Foto: Ennstal Milch

Wer heute durch die Hallen geht, sieht eine hochautomatisierte Lebensmittelproduktion, die in alle Welt exportiert. Was man nicht sofort sieht: Die Ennstal Milch ist kein klassischer Industriebetrieb. Sie gehört jenen, die die Milch liefern. Rund 1719 bäuerliche Eigentümer bilden die Basis der Landgenossenschaft Ennstal, unter deren Dach auch Unternehmen wie Landena, Tierfreund und Landmarkt organisiert sind. Es ist ein Modell, das tief in der Geschichte verwurzelt ist.

Die Anfänge reichen zurück ins Jahr 1902. Damals gründete der Landwirt Franz Haiger gemeinsam mit 26 weiteren Bauern in Gröbming eine Emmentaler-Käserei. Die Idee war so einfach wie revolutionär: Milch sollte nicht mehr nur ein verderblicher Rohstoff sein, sondern zu einem lagerfähigen Produkt werden. Für die Bauern bedeutete das planbare Einnahmen über das ganze Jahr hinweg. Für die Region war es der Beginn einer wirtschaftlichen Entwicklung, die bis heute anhält.

Schwarz-weiß Bild. Molkeei vor einem Berg.
Die Molkerei in Stainach anno dazumal. Foto: Ennstal Milch

Ein Unternehmen im Besitz der Bauern

Schwarz-weiß Bild, Traktor mit Milchkannen vor Betrieb
Milchanfuhr im Jahr 1925. Foto: Ennstal Milch

Nur wenige Jahrzehnte später wurde aus einzelnen Initiativen eine Organisation. 1921 bündelte die neu gegründete Landgenossenschaft Ennstal die Aktivitäten der Bauern. Ein Jahr darauf entstand die milchwirtschaftliche Abteilung, die als Muttergesellschaft der heutigen Ennstal Milch KG gilt. Bereits 1925 wurde in Stainach ein neues Molkereigebäude eröffnet.

Milch für die US-Armee

Der entscheidende Durchbruch kam jedoch in einer Zeit, die für viele Betriebe von Unsicherheit geprägt war. In den 1950er-Jahren, nach der notwendigen TBC-Befreiung der Rinderbestände, eröffnete sich plötzlich ein internationaler Markt. Die Ennstal Milch erfüllte als eines der wenigen europäischen Unternehmen die strengen Anforderungen der US-Armee. Reinheit, Keimfreiheit, Geschwindigkeit: Die Milch durfte bei Anlieferung nicht älter als vier Stunden sein.

Am 1. Oktober 1953 begann die tägliche Belieferung amerikanischer Dienststellen in Salzburg, Linz und Wien mit 12.000 Litern Milch. Was zunächst wie ein Auftrag wirkte, wurde zu einem strategischen Meilenstein. Über Jahrzehnte hinweg blieb die US-Armee ein wichtiger Kunde – bis in die 2000er-Jahre hinein, auch über Europa hinaus bis in die Türkei. Die Erfahrung aus dieser Zeit prägt das Unternehmen bis heute: Qualität ist keine Option, sondern Voraussetzung für Zugang zu Märkten.

Von Maresi bis H-Milch

Mit dem Wachstum kam die Notwendigkeit, neue Wege zu gehen. Österreich wurde bald zu klein. Also setzte die Ennstal Milch früh auf Export und Innovation. Zudem wurde eine neue Produktgruppe ins Leben gerufen: Nach langwierigen Forschungen und Entwicklungen entstand die hochqualitative Kondensmilch, die unter dem Markennamen „Maresi-Alpenmilch“ sofort auf dem österreichischen Markt Anklang fand. Der Erfolg war deutlich: 1959 wurden 1,5 Millionen Flaschen verkauft und drei Jahre später waren es bereits acht Millionen. In Spitzenzeiten erreichte die Produktion schließlich über 30 Millionen Flaschen.

Ein weiterer Wendepunkt folgte 1966 mit der Einführung der H-Milch. Als erster österreichischer Betrieb errichtete die Landgenossenschaft ein Werk zur Herstellung haltbarer Milch. Diese Technologie war nicht nur eine Antwort auf steigende Produktionsmengen, sondern auch ein Türöffner für internationale Märkte. Griechenland wurde einer der ersten Exportmärkte – ein frühes Beispiel für die globale Ausrichtung, die heute selbstverständlich erscheint.

145 Millionen Umsatz

588 Milchlieferanten aus dem Bezirk Liezen liefern jährlich rund 93 Millionen Kilogramm Milch*. Die durchschnittlichen Betriebe sind klein, mit etwa 21 Kühen. Und doch entsteht aus dieser Struktur ein Unternehmen, das 2025 einen Umsatz von 145 Millionen Euro erzielt und Produkte in 58 Länder liefert.

Älterer Herr lehnt an einem Bürotresen und lacht ins Bild.
Harald Steinlechner ist Geschäftsführer der Ennstal Milch KG. Foto: Ennstal Milch

Zwei Standorte

In den Hallen von Stainach und Gröbming arbeiten 288 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Saisonarbeit gibt es hier nicht. Die Produktion läuft konstant, getragen von einer stabilen Nachfrage und einem hohen Automatisierungsgrad. Während in der Molkerei in Spitzenzeiten im Vier-Schicht-Betrieb gearbeitet wird, folgt die Käseproduktion einem Zwei-Schicht-Rhythmus. In Gröbming entstehen Blauschimmelspezialitäten, in Stainach Weißschimmelkäse und eine Vielzahl an Milchprodukten.

Doch die Ennstal Milch hat sich längst von der klassischen Molkerei weiterentwickelt: Neben Milchprodukten entstehen hier Eiskaffees, Kakaogetränke, Fruchtsäfte, Smoothies, Desserts, Aufstriche und zunehmend auch pflanzliche Alternativen. Vegane Getränke, Desserts und sogar Käsealternativen gehören inzwischen zum Portfolio. Es ist eine Anpassung an einen Markt, der sich verändert.

„Der Kunde kann Marke. Wir können Produkt.“ Leitsatz der Ennstal Milch KG

Co-Manufacturing: Oatly, Schärdinger & Co.

Ein wesentlicher Teil des Geschäfts läuft im Hintergrund. Im sogenannten Co-Manufacturing produziert die Ennstal Milch für internationale Marken: Schärdinger, Maresi, Hakuma, Löfbergs oder Oatly zählen zu den Kunden des Unternehmens. „Der Kunde kann Marke. Wir können Produkt“, lautet die Beschreibung dieses Geschäftsmodells. Nur rund ein Fünftel der Produktion entfällt auf eigene Marken wie „Landessa“ oder „Ennstaler“.

Der eigene Eiskaffee der Marke „Landessa“ ist sogar auf den Malediven zu finden. Heute werden im Unternehmen insgesamt jährlich 42 Millionen Einheiten produziert. Spanien ist der größte Markt, doch auch Regionen wie der Irak oder Serbien zählen zu den wichtigen Abnehmern. Neue Märkte in Kanada, der Karibik und Saudi-Arabien sind bereits in Vorbereitung.

Eiskaffee in Kartonverpackungen rollen über ein Förderband.
Erfrischung mit Exporterfolg: Der Eiskaffee „Landessa“ zählt zu den internationalen Bestsellern der Ennstal Milch – produziert im Ennstal, getrunken weltweit. Foto: Ennstal Milch

CartoCan: Eine Verpackung als Strategie

Die globale Präsenz zeigt sich besonders eindrucksvoll bei einem Produkt, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt: der CartoCan. Eine Getränkedose aus Verbundkarton, nahezu vollständig recycelbar, leichter als klassische Verpackungen und effizient im Transport. Seit der ersten Inbetriebnahme hat sich diese Technologie zu einem Markenzeichen entwickelt.

Kakao-Kartons auf einem Fließband
Siggi Kakao Milch in der umweltschonenden CartoCan-Verpackung. Foto: Ennstal Milch

Nachhaltigkeit als gelebte Praxis

Nachhaltigkeit ist in der Ennstal Milch KG kein Schlagwort, sondern Teil der täglichen Arbeit. Die definierten Ziele für Strom- und Dampfverbrauch werden im Rahmen eines Umweltmanagementsystems systematisch verfolgt. Dazu erfasst die Ennstal Milch KG monatlich die Verbrauchsdaten und setzt sie in Relation zur Produktionsmenge, um aussagekräftige Kennzahlen zu erhalten. Abweichungen werden analysiert und durch gezielte Maßnahmen korrigiert.

Ergänzend werden Projekte zur Energieeinsparung umgesetzt und in energieeffiziente Technologien investiert. Am Standort Stainach erfolgt die elektrische Energieversorgung zu hundert Prozent aus Ökostrom. Die thermische Energie wird im genossenschaftlichen Heizkraftwerk der Landgenossenschaft Ennstal erzeugt, das die Dampfversorgung der Ennstal Milch KG sicherstellt. Zusätzlich wird ein Teil der bei der Produktion anfallenden Abwärme genutzt und in das Nahwärmenetz eingespeist, wodurch auch Teile von Stainach mitversorgt werden. Auch am Standort Gröbming erfolgt die Versorgung vollständig aus Ökostrom. Was die Produkte und deren Qualität betrifft, wird ausschließlich Milch verarbeitet, die dem AMA-Gütesiegel Tierhaltung Plus entspricht.

Digitalisierung verändert Arbeitsprozesse

Trotz aller Technologie bleibt die Herausforderung der Zukunft spürbar. Energiepreise schwanken, internationale Krisen wirken direkt auf die Märkte. Gleichzeitig verändert sich der Arbeitsmarkt. Automatisierung wird zur Notwendigkeit, nicht zur Option. Ein automatischer Käsewender, der 2023 in Betrieb ging, ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Arbeitsprozesse verändern – und wie körperliche Belastung reduziert werden kann.

Fachkräfte von morgen

Ein zentraler Baustein für die Zukunftssicherung ist die Ausbildung eigener Fachkräfte. Die Ennstal Milch bietet Lehrstellen in Bereichen wie Milchtechnologie, Labortechnik, Betriebslogistik, Mechatronik, Elektrotechnik sowie im Maschinenbau an. Begleitet werden die Lehrlinge von einer eigenen Lehrlingskoordinatorin.

Während draußen neue Tankwagen eintreffen, wird drinnen bereits an weiteren Optimierungen gearbeitet. Ein neuer Schüttgutsilo für Rohstoffe soll Verpackungsmaterial sparen, Softwarelösungen werden laufend aktualisiert, Prozesse kontinuierlich angepasst. So verbindet die Ennstal Milch auf eindrucksvolle Weise regionale Wurzeln mit globaler Perspektive und zeigt, wie aus Tradition nachhaltige wirtschaftliche Stärke entstehen kann.

*Anm. d. Red.: Milch wird in Molkereien in Kilogramm statt Litern erfasst, da das Gewicht unabhängig von Temperatur und Dichte präziser gemessen werden kann.

Tina Tritscher
Tina Tritscher
Autorin | Steiermark
Ressorts: Life | Style, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich
tritscher@mut-magazin.at

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