Warum Handwerk ein Wunder ist

Am Sonntag, 10. Mai, ist Muttertag. Wer auf der Suche nach einem persönlichen, handgefertigten Geschenk ist, wird bei Ausseer Porzellan fündig: Astrid Wichert fertigt Unikate aus Porzellan – von Schmuck bis hin zu Geschirr.

Im Ausseerland, einer Region, die seit Jahrhunderten für ihr gelebtes Brauchtum und ihre Handwerkskultur bekannt ist, hat sich in den vergangenen zwölf Jahren ein bemerkenswerter Keramikbetrieb etabliert. Ausseer Porzellan, gegründet von Astrid Wichert, verbindet traditionelles Kulturerbe mit zeitgenössischem Design und individueller Fertigung.

Der Liebe wegen

Astrid Wichert ist keine klassische Vertreterin ihres Berufsstandes. Die gebürtige Wienerin studierte Biologie und arbeitete zunächst in der Forschung sowie im Wissenschaftsmanagement. Ihr Weg ins Ausseerland war ursprünglich nicht unternehmerisch motiviert, sondern ergab sich aus einem Kuraufenthalt im Jahr 2010. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen – und traf eine Lebensentscheidung: gegen die Rückkehr nach Wien, für ein Leben in der Region.

Beruflich bedeutete das zunächst einen Bruch. Die Qualifikationen aus der Wissenschaft fanden im ländlich geprägten Ausseerland nur begrenzt Anwendung. Nach einer Übergangsphase begann Wichert, sich mit Keramik zu beschäftigen – zunächst aus Interesse, ohne konkrete Vorkenntnisse oder Ausbildung. Der Zugang war pragmatisch: ausprobieren, lernen, weiterentwickeln. Aus einem zeitlich begrenzten Experiment wurde ein dauerhafter Berufsweg. 2015 gründete sie ihr Unternehmen.

Geschäft von außen. In der Auslage sieht man Schmuck,Porzellan, Papierdruck.
Die Manufaktur Bad Aussee – Handwerksquartier vereint vier Handwerkerinnen, die gemeinsam authentisches Kunsthandwerk aus der Region präsentieren. Foto: Tritscher

Zwischen Tradition und technischer Präzision

Holzmodel mit Stricken und Einkerbungen
Alte Holzmodel. Foto: Tritscher

Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal von Ausseer Porzellan liegt in der Verbindung von regionaler Tradition und innovativer Materialbearbeitung. Bad Aussee gilt historisch als Zentrum des Stoffdrucks, bei dem handgeschnitzte Holzmodeln verwendet werden. Wichert greift dieses kulturelle Erbe auf, aber in einer ungewöhnlichen Form.

Anstatt die historischen Modeln weiterhin für den Textildruck zu nutzen, überträgt sie deren Muster in das Material Porzellan. Dabei entsteht kein einfacher Abdruck: Der Prozess ist mehrstufig und technisch anspruchsvoll. Zunächst werden Prototypen aus Kunstharz gefertigt, in die die empfindlichen Modeln vorsichtig eingedrückt werden. Auf dieser Basis entstehen Gipsformen, die wiederum für den Gießprozess benötigt werden. Die teils über hundert Jahre alten Holzmodeln hat sie aus Nachlässen, auf Flohmärkten oder in Antiquitätengeschäften gekauft.

Die Herausforderung liegt aber nicht nur in der Formgebung, sondern auch in den physikalischen Eigenschaften des Materials. Porzellan schrumpft beim Brennen um bis zu 14 Prozent, reagiert empfindlich auf Spannungen und Temperaturunterschiede und verzeiht kaum Fehler. Jeder Produktionsschritt – vom Trocknen über mehrere Brennvorgänge bis zur Nachbearbeitung – erfordert Erfahrung und Präzision.

Das Ergebnis sind Unikate, insbesondere im Bereich Porzellanschmuck. Die traditionellen Ausseer Muster sind nun in einer dreidimensionalen, haptisch erfahrbaren Form übersetzt und finden sich als gestalterisches Element in Accessoires wieder.

Regale an einer Wand mit Porzellankunst. Teller, Becher
Foto: Wichert

Dialog mit dem Material

Beige Schale aus Ton
Handgefertigte Schale aus Ton vom Grundlsee. Foto: Tritscher

Neben der Arbeit mit Porzellan beschäftigt sich Wichert zunehmend mit anderen keramischen Materialien. Besonders im Fokus steht derzeit lokaler Ton aus dem Ausseerland, der von verschiedenen Fundstellen stammt und jeweils unterschiedliche Eigenschaften aufweist. „Entweder ich gehe selbst mit dem Rucksack los und suche nach geeigneten Tonvorkommen – oder ich arbeite beim Ton aus dem Grundlsee mit einem Taucher zusammen“, erklärt Wichert.

Diese neusten Arbeiten, die in kurzer Zeit erhältlich sind, markieren eine inhaltliche Verschiebung: weg vom rein funktionalen Produkt hin zum künstlerischen Objekt. Während Geschirr und Schmuck weiterhin Teil des Sortiments sind, entstehen zunehmend freie Arbeiten, die weniger auf Gebrauch ausgerichtet sind. Wichert beschreibt diesen Prozess als „Dialog mit dem Material“ – eine Herangehensweise, bei der nicht allein die Idee, sondern auch die Eigenschaften des Werkstoffs den Gestaltungsprozess bestimmen.

Ein Beispiel für die Verbindung von handwerklicher Präzision und gestalterischem Anspruch sind handgefertigte Goldrandteller. Jeder Teller wird aus einer relativ großen Menge Porzellanmasse von Hand auf wenige Millimeter Dicke gebracht, bewusst mit sichtbaren Unregelmäßigkeiten. Nach mehreren Brennvorgängen und Schleifprozessen wird der Goldrand in einem eigenen Brand aufgebracht. Das Resultat ist ein Objekt, das sowohl funktional als auch ästhetisch anspruchsvoll ist. Zu erwerben sind ihre Produkte im Onlineshop sowie im Geschäft in Bad Aussee.

Fotos: Wichert (5) / Tritscher

Schwarzer Knoblauch

Der Betrieb von Ausseer Porzellan beschränkt sich jedoch nicht auf die Werkstatt. In der Bad Ausseer Hauptstraße 150 betreibt Wichert eine Manufaktur, die zugleich Verkaufsraum ist. Das ursprüngliche Konzept ging jedoch darüber hinaus: Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte sie einen Concept Store, der Porzellan mit Delikatessen und gastronomischen Angeboten kombinierte.

Diese Verbindung von Handwerk und Kulinarik spiegelt sich auch in Wicherts persönlichem Interesse wider. Sie experimentierte mit schwarzem Knoblauch, entwickelte ein eigenes Produkt und veröffentlichte ein Kochbuch. Die Herangehensweise ähnelt dabei jener in der Keramik: Neugier, Experimentierfreude und die Bereitschaft, sich Wissen autodidaktisch anzueignen. „Kochen ist kreativ. Ich komponiere im Kopf, wie zwei Geschmäcker zusammenpassen könnten, und so habe ich ein Kochbuch kreiert“, erzählt sie. Schwarzer Knoblauch schmeckt nach Zwetschke, Balsamico und leicht geröstetem Knoblauch. Diese Geschmackskombination passt zu allen erdigen Aromen.

Buch mit dem Titel "Das schwarzer Knoblauch Kochbuch"
Foto: Tritscher

Rezept aus dem Buch:

Burger mit Brie und schwarzem Knoblauch

 

  • 1 Burgerbrötchen
  • 100g frisch faschiertes, durchzogenes Rindfleisch
  • 2 Scheiben milder Brie
  • Eisbergsalat in feinen Streifen
  • Fleischtomate, rote Zwiebel, Sauerrahm und Mayonnaise
  • Schwarzer Knoblauch-Paste
  • Salz, Pfeffer

Eisbergsalat mit je 1 TL Mayonnaise und Sauerrahm mischen. Das Fleisch mit Salz und Pfeffer würzen, Burger formen und nach Geschmack anbraten. In derselben Pfanne ganz kurz (!) den Brie anbraten, nur anschmelzen. Das Burgerbrot aufschneiden und kurz antoasten. Von unten aufbauen: erst Salat nach Belieben, dann Burger, 1 flachen TL Schwarzer Knoblauch-Paste darauf verteilen, Brie, 1 Scheibe Tomate, 1-2 Scheiben Zwiebel. Dazu passen hervorragend Süßkartoffel-Pommes.

Aufgrund persönlicher Umstände wurde der gastronomische Teil später reduziert. Heute ist das Ausseer Pozellan Teil eines kooperativen Modells: Mehrere Handwerkerinnen teilen sich Räumlichkeiten und Infrastruktur. Neben Wichert sind unter anderem Lisa Wagenhofer mit ihrem Unternehmen „Loser Silber“, Nora Schönfellinger mit „Grundlseer Papierhanddrucke“ und Bettina Zeh mit „Ausseer Art“ beteiligt. Die Handwerkerinnen teilen sich sowohl Kosten, als auch Zeit. Gemeinsam bieten sie eine Plattform für regionales, authentisches Handwerk.

„Handwerk ist etwas unglaublich Außergewöhnliches und ein Wunder.“ Astrid Wichert

Herausforderungen im modernen Handwerk

Halsketten aus Porzellan in den Farben violett unud blau.
Schmuck von Astrid Wichert. Foto: Tritscher

Trotz kreativer Vielfalt ist die wirtschaftliche Situation anspruchsvoll. „Es macht Spaß, sein eigener Chef zu sein“, sagt die Handwerkerin, betont jedoch: „Die Kombination aus Produktionsaufwand, administrativen Aufgaben und Vertrieb, Steuern uvm. lässt wenig Spielraum.“ Oft müsse man Kundinnen und Kunden zunächst erklären, warum handgefertigte Produkte ihren Preis haben, denn schließlich steckt in jedem Stück ein hoher Zeitaufwand, viel handwerkliches Können und individuelle Arbeit, während auf industrielle Massenproduktion bewusst verzichtet wird. Hinzu kommen regulatorische Veränderungen, insbesondere im Keramikbereich, die Anpassungen im Betrieb erfordern. Dennoch ist sie überzeugt, dass die Wertschätzung wieder steigen wird: „Handwerk ist etwas unglaublich Außergewöhnliches und ein Wunder.“

Perspektiven zwischen Handwerk und Kunst

Für die Zukunft zeichnet sich bei Ausseer Porzellan eine weitere inhaltliche Verschiebung ab. Wichert strebt eine stärkere Positionierung im Kunstbereich an und möchte ihre Arbeit verstärkt als künstlerische Praxis verstanden wissen.

Gleichzeitig bleibt das Unternehmen ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit kleiner Betriebe: Es vereint traditionelle Techniken mit neuen Ideen, reagiert auf persönliche und wirtschaftliche Veränderungen und entwickelt sich kontinuierlich weiter.

Manufaktur Bad Aussee – Handwerksquartier

Astrid Wichert

Hauptstraße 150

8990 Bad Aussee

 

Öffnungszeiten:

Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag: 10 – 13 Uhr und 14 – 18 Uhr

Samstag: 10 – 13 Uhr

 

Werkstatt:

Bräuhof 203

8993 Grundlsee

Führungen nach Anmeldung

 

+43 677 61184288

kontakt@ausseerporzellan.at

www.ausseerporzellan.at

Tina Tritscher
Tina Tritscher
Autorin | Steiermark
Ressorts: Life | Style, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich
tritscher@mut-magazin.at

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