Was einst als altmodisch und verstaubt galt, wird heute neu interpretiert und von der jungen Generation gefeiert: Die Tracht. Ganz besonders spürt man das bei Trachten Roll in Villach. Ein Betrieb mit hundertjähriger Geschichte, der gerade jetzt seinen größten Boom erlebt – und das vor allem Dank Social Media.
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Was hier zu lesen ist, ist nur ein kleiner Auszug von Kommentaren auf Social Media: Jede Menge Emojis, Herzchen, Flammen und Sterne. In dem Ton geht es endlos weiter. Nur dass wir uns hier nicht auf der Seite einer jungen Influencerin befinden, sondern beim Instagram-Auftritt von Trachten Roll, einem kleinen Trachtengeschäft in Villach mit hundertjähriger Geschichte.
„Unsere Hauptkundschaft sind eindeutig die jungen Leute“, sagt Wolfgang Roll, Inhaber und Geschäftsführer von Trachten Roll. „Zu uns kommen Kunden, die ein Bild auf Instagram gesehen haben und das Stück gleich kaufen wollen. Oder sie rufen an und fragen: Haben Sie die Größe, ich komm vorbei und hole es.“ Schon seit Jahren nutzt der Betrieb die sozialen Netzwerke und erreicht damit tatsächlich das, was sich viele wünschen: Einen ständigen Zustrom an neuer Kundschaft. Aber von Anfang an.
Von Kärnten bis zu den Cayman Islands
Dass er überhaupt eines Tages ein Trachtengeschäft in Villach besitzen würde, hätte Wolfgang Roll in seiner Jugend nicht geahnt. Anfang der 1980er machte er die Kochlehre beim Bleiberger Hof, einem der ersten Haubenlokale des Landes. Später war er als Food and Beverage Manager in der Spitzenhotellerie tätig, mit Stationen in München, Miami und den Cayman Islands.

„Das war damals eine ganz andere Zeit“, erinnert er sich. „Man ist schon ein bisschen ins Ungewisse gereist. Es gab kein Internet, telefonieren aus Übersee war teuer. Ich hab meinen Eltern eine Postkarte von den Caymans geschickt, dass ich angekommen bin.“
Nach Jahren in der Tourismusbranche kehrte er Mitte der 1990er nach Kärnten zurück, gerade dann als sein Vater überlegte, in Pension zu gehen das Geschäft der Familie zu schließen. „Da habe ich gesagt: Ok, ich bleibe hier und übernehme es.“
Hundert Jahre Familiengeschichte
Seit einem Jahrhundert ist das Geschäft am Villacher Rathausplatz in Familienbesitz. Begründet wurde es im Jahr 1927 von Wolfgang Rolls Großmutter. „Sie war Modistin und stellte Hüte her“, erzählt Roll. „Später machte mein Vater daraus ein Geschäft für Stoffe.“ Roll entschied sich für einen weiteren Neustart und konzentrierte sich auf das Thema Trachten. Dabei hat er in einer Zeit begonnen, in der das alles andere als trendig war.

„Das war Mitte der 1990er-Jahre. Die Jungen sind damals in Jeans auf den Villacher Kirchtag gegangen. Tracht war etwas, wofür man sich geniert hat“, erinnert er sich. „Du hast den Kärntneranzug vom Großvater anziehen müssen, und eigentlich wollte den damals keiner tragen. Meine Idee war von Anfang an, Tracht mit einem modernen Dreh anzubieten.“
An der eigenen Vision festzuhalten, zahlte sich auf lange Sicht aus. Ähnlich wie Musik in deutscher Sprache oder im Dialekt trat das Brauchtum samt Tracht und Kirchtag in den letzten Jahren eine rasante Rückkehr an.
Neues Heimatgefühl
Seit etwa zehn Jahren spürt Roll einen regelrechten Boom: „Ich glaube, dass die Menschen wieder das Bedürfnis nach dieser Heimatverbundenheit haben. Und der Kirchtag ist ein Fest, wo man wieder traditioneller gekleidet hingeht“, so Roll. „Die Jungen sind da heute viel selbstbewusster als es meine Generation in dem Alter war.“
Was auch auffällt sind immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, die sich an diesen Traditionen beteiligen wollen. Das merkt Roll im Bekanntenkreis, aber auch bei der Kundschaft: „Das sind Menschen, die vielleicht zuhause serbisch oder kroatisch sprechen, aber am Kirchtag kommen sie mit der Lederhose. Sie wollen dazugehören, da merkt man auch den Wandel.“
Social Media ist keine Nebensache
Heute gibt es eine ganz neue Generation von Kunden – und ganz neue Kanäle für Werbung. Auf der Instagram-Seite von Trachten Roll sieht man die aktuellen Modelle. Trachten, die neu interpretiert werden. Dirndl und Lederhose werden mit Sneakern getragen, wirken frisch und zeitgemäß.
Tracht mit einem modernen Dreh anzubieten, Wolfgang Roll.
Die moderne Inszenierung ist kein Zufall. Regelmäßig organisiert das Team um Roll professionelle Shooting-Tage mit Fotografen, die die Dirndl- und Lederhosenmodelle in Szene setzen. Dabei wird Material vor mehrere Monate produziert, das dann laufend ausgespielt wird. Wolfgang Roll hat Social Media sehr früh ernst genommen.

„Früher haben wir Anzeigen geschaltet in der Kleinen Zeitung oder der Krone. Aber da zahlst du gleich einmal 2.000 Euro und weißt nicht wirklich, ob das überhaupt neue Kunden bringt. Auf Instagram kriegst du echtes Feedback: Du hast ein Like, ein Herz, die Leute schreiben etwas darunter.“
Glaube an die nächste Generation
Dass es nicht nur bei den Likes und Herzen bleibt, ist das, was Roll letztlich von Social Media überzeugt hat. Der kreative Geist hinter dem Social Media Auftritt ist die junge Shop Managerin Marie Wieser. Sie ist diejenige, die entscheidet, welches Dirndl am Donnerstag auf Instagram erscheint und welches nicht. Der Instagram-Account mit seinen zweieinhalbtausend Followern läuft im Wesentlichen durch ihr Gespür. Unterstützt wird sie von den Töchtern von Wolfgang Rolls Lebensgefährtin.

„Es heißt immer ‚Die Jugend kann nichts‘, das war schon in unserer Zeit so, aber es stimmt nicht“, sagt Wolfgang Roll. „Die alte Generation sagt immer bei etwas Neuem, es geht nicht, bis es dann doch funktioniert. Die Jungen gestalten sich ihre Welt. So war es immer, und wird es immer sein.“
Was seinen eigenen Betrieb ausmacht, ist die stetige Bereitschaft zur Weiterentwicklung. „Wenn ich nicht bereit gewesen wäre, mich zu verändern und nur noch Kunden in meinem Alter hätte, dann hätte ich langsam ein Problem“, sagt der 60-Jährige.
Die Idee verfolgen
Unternehmerische Erfolgsrezepte will Roll nicht so pauschal abgeben. Außer vielleicht eines: „Dass man an sich glaubt, an die eigene Vision“, so Roll. „Deshalb bist du ja Unternehmer: Du hast eine Idee, du rechnest es durch und probierst es aus. Dazu gehört Selbstvertrauen und dahinter zu stehen.“

