Villach darf nicht Klagenfurt werden

Kärntens Industriehochburg kämpft hart mit der schleichenden Deindustrialisierung. Österreichs Versäumnisse in der Energiepolitik kommen sie teuer zu stehen.

Seit 15. Feber 2025 hat Villach, die Hauptstadt des Fasching in Österreich, viel von ihrem leichten südlichen Lebensgefühl verloren, sagt man. Das Messerattentat eines jungen Syrers in der Innenstadt war buchstäblich ein Einschnitt, hat die Drau-Metropole unsanft aus ihrem fröhlichen Image zwischen „Lei Lei“ im Winter und Kirchtag im Sommer gerissen. Der Erfolgslauf der seit Jahrzehnten SPÖ-regierten zweitgrößten Stadt Kärntens scheint irgendwie gebrochen. Dabei hatte man so viel richtig gemacht. Kaum jemand erinnert sich noch an Bürgermeister Helmut Manzenreiters großen Coup im Jahr 1995, als man Villachs Kelag-Anteile verkaufte, gewinnbringend anlegte und aus den Erträgen u.a. den Vorzeige-Technologiepark auf dem „belasteten“ Gelände des einst spektakulär pleitegegangenen Zellstoffwerks in St. Magdalen mitfinanzierte. Oder aber den Ausbau der Therme in Warmbad, wo man im Gegensatz zu Klagenfurt rechtzeitig zur Tat schritt.

Steinzeit in Klagenfurt

Die Landeshauptstadt laboriert hingegen gefühlt ewig an einer Entscheidung. Grund sind die leeren Kassen und die unklaren politischen Verhältnisse. Der englische Philosoph Thomas Hobbes hatte dafür im 17. Jahrhundert die treffliche Definition „Bellum omnium contra omnes“ – der Krieg aller gegen alle“ – parat. Gemeint ist damit der vorzivilisatorische Naturzustand, die vorpolitische Steinzeit sozusagen. Und dieses Bild gewinnt sogar noch an Kontur, wenn man am Neuen Platz vor dem Rathaus des steinernen Herkules ansichtig wird, der mit seiner Keule ausholt, um den steinernen Lindwurm zu erschlagen. Die reformfreudige Kaiserin Maria Theresia will allerdings so gar nicht ins Ensemble passen.

Mekka der Elektronik

Aber zurück zu Villach und zu seinen Standortdaten. Da fällt zunächst einmal die überragende Bedeutung der Elektronikindustrie auf. Laut der von Joanneum Research im Auftrag des Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds erstellten Wibis-Datenbank beträgt ihr Beschäftigtenanteil im Villacher Produktionsbereich stolze 61,6 Prozent! (2024). Kärntenweit sind es noch 21,5 Prozent, österreichweit sogar nur bescheidene 12,6 Prozent. Zu verdanken ist das natürlich in erster Linie Österreichs forschungsstärkstem Paradebetrieb Infineon. Dessen Beschäftigung aber auch Wertschöpfung schlägt sogar noch massiv auf die Kärntenwerte durch. Eine derart überragende Bedeutung nur eines Unternehmens für den Standort birgt aber natürlich auch Risiken in sich. Allein die Tatsache, dass es das Management in Villach in Jahrzehnten immer wieder geschafft hat, Großinvestitionen an Land zu ziehen, ist noch lange keine Garantie für die Zukunft. Genauso wenig die 1,6-Milliarden-Euro-Investition am Standort oder die inzwischen rund 3.000 Leute, die beim Elektronikriesen in Forschung & Entwicklung tätig sind.

Villach darf nicht Klagenfurt werden
Reinraum beim Elektronikriesen Infineon, Foto: Gilbert Waldner

Regionale Verankerung fehlt

Die Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG, Sabine Herlitschka, hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die Verankerung in der regionalen Wirtschaft noch einige Luft nach oben hat. Klar, da gibt es kleinere Zulieferer wie Ortner Reinraumtechnik oder größere wie Lam Research, die Maschinen für die Chips-Produktion liefern. Auch die Anbindung an das regionale Bildungsangebot der Fachhochschule oder die Forschungsleistungen der Silicon Austria Labs sind vorbildlich. Aber reicht das?

Produktion im Sinkflug

Wichtige Standortfaktoren haben sich seit Beginn der Energiekrise empfindlich verschlechtert. Da ist es wenig tröstlich, dass das nicht nur Kärnten, sondern auch so vermeintlich gut etablierte Bundesländer wie Oberösterreich trifft. Das KIHS (Kärntner Institut für Höhere Studien) meldet in seinem Konjunkturreport vom Juni 2025, dass die Kärntner Industrieproduktion im Durchschnitt der ersten beiden Monate des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 12,2 Prozent (!) eingebrochen sei. In ganz Österreich waren es im Vergleichszeitraum nur 2,5 Prozent. Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer beziffert den Rückgang der Investitionen in Österreich 2024 mit 3,4 Prozent. Investitionen heute sind aber das Wirtschaftswachstum von morgen.

Nicht mehr wettbewerbsfähig

Das korreliert mit der schwachen Performance der Alpenrepublik im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Instituts IMD (Institute for Management Development). Platz 26 unter 69 ist jedenfalls kein Ruhmesblatt. Mit den Energiekosten sind die Löhne massiv gestiegen. Bei den Arbeitskosten liegt Österreich laut Agenda Austria inzwischen hinter Schweiz, Luxemburg und Island an vierter Stelle. Eine traurige Spitzenposition, die indirekt auch die Insolvenzstatistik befeuert. Mit (laut Alpenländischem Kreditorenverband) 4.156 eröffneten Insolvenzverfahren übertrafen wir 2024 sogar die Zahlen der Finanzmarktkrise von 2008.

Schlusslicht bei Arbeitslosenquote

Das könnte jedoch erst ein Vorgeschmack gewesen sein. Denn an den wesentlichen Standortfaktoren ändert sich nichts. Die Energiepreise liegen nach wie vor weit über denen sogar anderer EU-Länder, die Inflation ebenso. Das treibt die Löhne nach oben – ein Teufelskreis! Selbst Unternehmen mit österreichischen Eigentümern suchen produktionstechnisch das Weite – wie dann erst solche mit ausländischen Eigentümern? Für Villach ist die Situation heikel: Die fünf größten Industrieunternehmen befinden sich nicht in österreichischem Eigentum: Infineon, Lam Research (Maschinen für die Elektronikproduktion), Imerys (Schleifmittel), 3M Precision Grinding (Schleifmittel) und Flowserve Control Valves (Ventile) sind außerdem entweder energie- oder arbeitsintensiv oder sogar beides. Da schlummern gewaltige Risiken, wenn Österreich nicht bald die Kehrtwende schafft und der drohenden Entindustrialisierung entgegenwirkt. Die Arbeitslosenstatistik wies Villach 2024 jedenfalls mit einer Quote von 9,7 Prozent an letzter Stelle der Kärntner Bezirke aus. Der Kärntenschnitt lag bei 7,3 Prozent. Vor allem die Industrie hat ein Problem.

Merit-Order überdenken!

Mit ein bisschen Oberflächenkosmetik in Sachen Bürokratieabbau bei Verfahren wird man sicher nicht das Auslangen finden. Aber trotz der angespannten Situation trauen sich erst einige wenige verdiente Ex-Manager wie der ehemalige CEO von Siemens, Wolfgang Hesoun, laut das dringend Notwendige auszusprechen. Er schlug in der Kleinen Zeitung vom 25. Juni 2025 vor, den Merit-Order-Mechanismus, bei dem sich der Strompreis am letzten und teuersten Produzenten orientiert, für Österreich zu überdenken. Denn die heimische Industrie habe sich mit den hohen Energiepreisen aus dem Markt gepreist, stellt er nüchtern fest. Noch revolutionärer sind seine Ideen für einen budgetfreundlichen Ausbau der Strom-Netzinfrastruktur in Form einer Auslagerung der Finanzierung in eine Art Asfinag-Neu, wie wir sie aus dem höherrangigen Straßennetz kennen. Aber das Thema „Industriestrategie“ hat die Bundesregierung ja vorerst einmal auf den Herbst verschoben. Na dann…

Planwirtschaft reagiert zu spät

Betrachten wir nun anhand des Beispiels Villach noch einen anderen wichtigen Aspekt unserer volkswirtschaftlichen Entwicklung, der in der aktuellen Situation immer mehr an Bedeutung gewinnt: ein (un)ausgewogenes Verhältnis zwischen öffentlicher und privatwirtschaftlicher (Dienst)Leistung. Die überaus prekäre finanzielle Schieflage praktisch aller öffentlichen Körperschaften, seien es Gemeinden, Städte oder auch Bundesländer wird immer erdrückender. Die Ertragsanteile aus dem Finanzausgleich sinken. Wie alle planwirtschaftlichen Systeme reagiert die Öffentliche Hand nur äußerst träge auf exogene Einflussfaktoren wie eine einbrechende Wirtschaft oder etwa ein sich veränderndes demografisches Umfeld.

Villach darf nicht Klagenfurt werden
Industriestadt Villach, Beamtenstadt Klagenfurt, Grafik: Gilbert Waldner

Mehr öffentliche Jobs als industrielle

In Villach beschäftigte der Produktionssektor laut Wibis-Datenbank im Jahr 2024 11.055 Personen (31 Prozent der Gesamtbeschäftigung), in Klagenfurt 8.688 (nur 13 Prozent der Gesamtbeschäftigung). Im Öffentlichen Bereich (Verwaltung, Gesundheit, Soziales, Unterricht) sind es in Villach 9.200 Personen (25,8 Prozent der Gesamtbeschäftigten), in Klagenfurt dagegen 25.403 (38,4 Prozent der Gesamtbeschäftigung). Natürlich ist dieser Vergleich unfair, da sich ja ein Großteil der zentralen Verwaltungseinheiten des Landes in der Landeshauptstadt befindet. Aber die Dienststellenpläne der beiden Städte offenbaren interessante Zahlen: Der in Villach weist für 2025 966 Jobs aus, davon 460 in der allgemeinen Verwaltung, der Rest in „handwerklicher Verwendung“. Das wären 2,7 Prozent der Gesamtbeschäftigung. In Klagenfurt sind es (2023) 1.662, davon 866 in der allgemeinen Verwaltung. Das wären wiederum 2,5 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Diese Anteile sind also gar nicht weit voneinander entfernt.

Verdoppelung der Verwaltung

Klagenfurt weist auf seiner Homepage freundlicherweise die Beschäftigtenentwicklung seit Mitte der 70er Jahre aus. Aber während sich die Zahl der Beschäftigten im handwerklichen Bereich seither nahezu konstant gehalten hat, stieg jene der in der Verwaltung tätigen um mehr als das Doppelte (Infos hier ) . Natürlich sind die gesetzlich verordneten Aufgaben seither stark gewachsen. Gleichzeitig wären aber wohl auch analog der Privatwirtschaft Rationalisierungseffekte durch konsequenten Einsatz von Digitalisierung & Co möglich gewesen. Der jetzt erst in höchster finanzieller Not von zumindest Teilen der im Rathaus vertretenen Parteien angepeilte Abbau von 300 Planstellen in Klagenfurt könnte das korrigieren. Die Idee, sie über die Nicht-Nachbesetzung von Pensionisten abzubauen, ist aber von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Stattdessen sollte man lieber mit Hilfe von externen Beratern die unproduktiven Bereiche in der Stadtverwaltung genauer unter die Lupe nehmen und dort den Rotstift ansetzen. Von der Idee, so ein Verwaltungsapparat könne sich von innen heraus reformieren, sollte man sich gleich verabschieden. Das erinnert an die bekannte Lügengeschichte des Barons von Münchhausen, der sich vermeintlich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zog.

Bei uns am Balkan

Den Weg sollte übrigens auch Villach beschreiten, bevor der Hut brennt. So sehr die Draustadt immer wieder von Unternehmern für ihr wirtschaftsfreundliches Handeln gelobt wird, die Strategie mit einer investitionsfreundlichen Wirtschaftspolitik (und steigenden Kommunalsteuern) die gewaltigen Overheadkosten im Griff zu halten, bröckelt. Vor allem in Zeiten bestenfalls stagnativer ökonomischer Perspektiven. Wer nicht rechtzeitig handelt, riskiert irgendwann US-Zustände und wütende Kahlschläge wie die von Elon Musks Department of Government Efficiency“ (DOGE). Denn die sind in trägen reformunwilligen Balkanländern wie Österreich beim Umschlagen der Stimmung in Volkszorn wahrscheinlicher als das rational überlegte und von einer breiten Mehrheit getragene dänische Modell der sukzessiven Gemeindezusammenlegungen im großen Stil und der Eliminierung einer ganzen Verwaltungsebene. Was in einem solchen Fall in Österreich passiert, konnte man etwa zuletzt am Beispiel der Steiermark studieren. Eine Landesregierung wurde wegen der Gemeindefusionen abgewählt, die nächste, weil sie drei Krankenhäuser zusammenlegen wollte. Na dann, gute Nacht!

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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