Die Viertagewoche ist in vielen Betrieben längst Realität. Was für Fachkräfte gilt, bleibt Lehrlingen allerdings meist verwehrt. Der Grund liegt im österreichischen Jugendarbeitsrecht. Denn Lehrlinge dürfen grundsätzlich nicht mehr als neun Stunden täglich arbeiten – bei einer Vollzeitverpflichtung von meist 40 Wochenstunden.
Eine „echte“ Viertagewoche würde daher die tägliche Arbeitszeit überschreiten. Doch in der Praxis sorgt genau das für wachsenden Unmut – bei Betrieben wie bei Bewerbern.
„Das ist heute eine Standardfrage“
„Bei Bewerbungsgesprächen werde ich mittlerweile fast immer gefragt, ob wir eine Viertagewoche für Lehrlinge anbieten“, sagt Unternehmer Bernhard Stranzl von Stranzl Energie- und Elektromaschinentechnik. Für viele Jugendliche sei das längst ein Entscheidungskriterium. Stranzl sieht auch weitere klare Vorteile wie niedrigere Pendelkosten, weniger Fahrzeit – gerade im ländlichen Raum ist das ein wichtiges Argument. Zudem passt die Viertagewoche besser ins Teamgefüge, wenn sowohl die Lehrlinge als auch die Fachkräfte nur vier Tage pro Woche arbeiten.
„Den Lehrlingen ist ein langes Wochenende wichtig. Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern die Arbeitszeit anders zu verteilen.“ Bernhard Stranzl
Ein längeres Wochenende führt zu mehr Erholung und damit zu einer höheren Motivation, besseren Konzentration und aktiveren Mitarbeit. „Als Ausbildungsbetrieb verstehen wir die Integration in den laufenden Arbeitsprozess als Teil unserer sozialen Verantwortung und als Grundlage für eine effiziente Koordination der Ausbildung“, so Stranzl.
Baupraxis trifft Gesetz
Auch aus anderen Branchen kommt Kritik an der starren derzeitigen Regelung. „In Spitzenzeiten sind am Bau auch längere Tage üblich – manchmal bis zu zehn Stunden und darüber. Lehrlinge können dabei nicht immer mitfahren und bleiben dann im Betrieb. Flexible Arbeitszeiten helfen, Praxis und Ausbildung besser zusammenzubringen“, sagt etwa Zimmermeister Reinhard Hansmann.
Gerade bei Montage- oder Baustelleneinsätzen entsteht ein organisatorisches Problem. Denn, wenn die Ausbildner zehn Stunden arbeiten, die Lehrlinge aber maximal neun, dann müssten sie früher zurückkehren – was realistisch aber nicht möglich ist. Paradoxerweise erlaubt das Gesetz bereits in bestimmten Fällen einen Zehn-Stunden-Tag, etwa wenn Reisezeit anfällt.
Klare Unterstützung aus der Wirtschaft
Sowohl der Kärntner als auch der steirische Wirtschaftsbund positionieren sich in dieser Frage eindeutig. Sie befürworten die Einführung einer flexiblen Viertagewoche für Lehrlinge. Aus Sicht des Wirtschaftsbundes geht es nicht um Mehrarbeit, sondern um eine Anpassung an die betriebliche Realität und um die Sicherung der Ausbildungsstandorte Kärnten und Steiermark.
Argumentiert wird vor allem mit der Wettbewerbsfähigkeit der Lehre. Wenn Betriebe zunehmend auf Vier-Tage-Modelle umstellen, dürfe die Lehrlingsausbildung nicht zum strukturellen Nachteil werden. Eine Modernisierung des Jugendarbeitsrechts sei daher notwendig, um Ausbildungsplätze zu sichern und neue zu schaffen.
Die steirische Wirtschaftsbund-Landtagsabgeordnete Martina Kaufmann fordert eine Modernisierung des Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetzes und spricht von einer „Arbeitszeitfestung“, die jungen Menschen Chancen verbaue.
Sie verweist auf sinkende Zahlen: 2025 gab es in der Steiermark nur noch 14.442 Lehrlinge – deutlich weniger als noch 2016. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe sank seit 2021 um 388 auf 4695. Gleichzeitig stehen 5088 offene Lehrstellen 8477 suchenden Personen gegenüber.
Ein Antrag zur Modernisierung des Jugendarbeitsrechts wurde im steirischen Wirtschaftsparlament übrigens einstimmig beschlossen – auch mit den Stimmen der SPÖ.
Auch EU-rechtlich ist die Viertagewoche für Lehrlinge möglich
Denn eine Viertagewoche für Lehrlinge liefert im Wettbewerb um junge Talente tatsächlich ein starkes Argument. Ein dreitägiges Wochenende wirkt für viele Jugendliche deutlich attraktiver als die klassischen Fünf-Tage-Modelle. Flexible Arbeitszeitmodelle könnten daher helfen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Lehre wieder stärker ins Blickfeld junger Menschen zu rücken.
Aus betrieblicher Sicht spricht so gut wie alles für mehr Flexibilität. Wenn die Ausbildner nur vier Tage arbeiten, die Lehrlinge aber fünf Tage gebunden sind, entsteht natürlich ein Bruch im Ausbildungsprozess.
Rechtlich wäre eine Verlängerung der Tagesarbeitszeit auf zehn Stunden problemlos möglich. Die EU-Jugendarbeitsschutzrichtlinie lässt unter bestimmten Voraussetzungen Abweichungen vom Acht-Stunden-Tag zu. Österreich nutzt diesen Spielraum bislang nur sehr begrenzt.
Den Skeptikern geht es um den Jugendschutz
Gleichzeitig gibt es gewichtige Gegenargumente. Lehrlinge sind meistens minderjährig, weshalb der Jugendschutz eine zentrale Rolle spielt. Und Zehn-Stunden-Tage sind körperlich und psychisch belastender als Acht- oder Neun-Stunden-Tage. Auch die Ausbildungsqualität steht zur Diskussion. Das sogenannte Vollzeitprinzip soll sicherstellen, dass Lehrlinge umfassend ausgebildet werden und nicht primär als günstige Arbeitskräfte dienen.
Nicht jede Branche eignet sich außerdem für ein komprimiertes Modell. Und jede Gesetzesänderung hat Signalwirkung. Eine generelle Ausdehnung der Jugendarbeitszeit auf zehn Stunden täglich würde daher unweigerlich als Aufweichung des Jugendschutzes interpretiert werden. Aber selbst die Gewerkschaften stellen sich nicht grundsätzlich gegen eine Viertagewoche für Lehrlinge. Sie warnen jedoch vor einer Arbeitszeitausweitung ohne klare Schutzmechanismen.
Lösung statt Lagerdenken
Ein Kompromiss könnte daher die Gesamtarbeitszeit unverändert lassen, jedoch deren Verteilung auf vier statt fünf Tage ermöglichen. Als Voraussetzung könnte die ausdrückliche Zustimmung der Lehrlinge bzw. deren Erziehungsberechtigten eingezogen werden. Auch längere Ruhezeiten, zusätzliche Pausen und die Sicherung der Ausbildungsqualität könnten verpflichtend verankert werden. Eine befristete Einführung mit Evaluierung würde zusätzliche Sicherheit schaffen.
So ließe sich die Lebensrealität vieler Betriebe anerkennen, ohne den Jugendschutz preiszugeben. Modernisierung und Schutz müssen kein Widerspruch sein – wenn die Regeln klug gesetzt sind.
Es geht nicht um mehr oder weniger Arbeitszeit – sondern um die Verteilung der StundenViertagewoche für Lehrlinge – Modernisierung oder Risiko?
Ausgangslage
PRO – Argumente für mehr Flexibilität
KONTRA – Argumente für Zurückhaltung
Möglicher Kompromiss – Lösung statt Lagerdenken
Kern der Debatte

