Innovation entsteht nicht durch Einzelleistungen. Kollaboration und Vielfalt sind ebenso wichtig, wie Mut und Ausdauer. Themen, die beim heurigen WB-Zirkel in der Eventlocation der Droneberger Showtechnik in Klagenfurt viel Raum einnahmen und mit einer beeindruckenden Keynote von der Unternehmerin, Investorin und Bestsellerautorin Tijen Onaran eindringlich erläutert wurden.
Als Tijen Onaran die Bühne betrat, war der Raum sofort erfüllt von Energie – und von Humor. „Ich bin mit der Bahn gekommen, aber nicht mit der Deutschen Bahn. Deshalb war ich pünktlich“, eröffnet sie augenzwinkernd. Was folgte, war kein gewöhnlicher Vortrag. Es war eine Einladung, neu über Vielfalt, Mut und den Wert von Meinungsfreiheit in Wirtschaft und Gesellschaft nachzudenken.
Vom Politik-Talk im Kinderzimmer zum Unternehmertum
„Ich war schon immer die, die den Status quo hinterfragt“, erzählte Onaran. Ihre Geschichte beginnt im deutschen Karlsruhe mit einem improvisierten Polit-Talk-Format am Esstisch: „Mama, du bist SPD, Papa, du bist CDU – und ich moderiere.“
Daraus wurde bald mehr als ein Kinderspiel. Über die Jungen Liberalen fand sie den Weg in die deutsche Politik, kandidierte später für den Landtag und arbeitete in höchsten Ämtern – unter anderem für Silvana Koch-Mehrin, Guido Westerwelle und den deutschen Bundespräsidenten, Christian Wulff.
Es waren jedoch nicht die Machtzentren selbst, die sie prägten, sondern die Dynamiken dahinter. „Ich habe Aufstiege und Abstiege begleitet. Und überall, wo Vielfalt fehlte, fehlte auch Meinungsvielfalt. Das führt zu Fehlern – und letztlich zu Stillstand.“
Vielfalt ist kein „Nice-to-have“
Onaran räumt mit Missverständnissen auf: Vielfalt ist für sie weit mehr als eine Frage von Geschlecht oder Quote. Sie beschreibt sie als strategischen Erfolgsfaktor und Innovationsprinzip. „Wenn alle am Tisch gleich denken, führe ich im Grunde ein Selbstgespräch mit der Kopie meiner selbst“, sagt sie und fügt hinzu: „Und das ist der Erzfeind von Innovation.“

Onaran erzählte, wie sie in den sozialen Netzwerken Shitstorms erlebte, nur weil sie Politikerinnen und Politiker aller Parteien interviewte. Ob Olaf Scholz, Robert Habeck oder Friedrich Merz. Jede Ankündigung löste eine Welle der Empörung aus. „Ich habe gemerkt, dass der Meinungskorridor unglaublich eng geworden ist. Wir müssen wieder lernen, andere Sichtweisen zu ertragen.“
Mut als Wachstumsmuskel
„Mut ist wie ein Muskel – man kann ihn trainieren“, sagte Onaran. Und sie weiß, wovon sie spricht. Ihre Karriere führte sie in die TV-Investorenrunde „Die Höhle der Löwen“, eine Bühne, auf der man sich nicht verstecken kann.
„Ich habe meine Mutter angerufen, um mich zu beraten“, erzählte sie lachend. „Sie sagte: Wenn du da sitzt, wird es eine geben, die sich inspiriert fühlt, ihren eigenen Weg zu gehen.“ Dieses Gespräch, so Onaran, habe sie überzeugt. „Was du sehen kannst, kannst du werden.“
Mut bedeutet für sie keine Tollkühnheit, sondern Haltung: Den eigenen Weg zu gehen, auch wenn niemand ihn vorgibt und sichtbar zu bleiben, selbst wenn man damit aneckt.
Sichtbarkeit ist kein Eitelkeitsthema
Onaran sprach über den Wert von Personal Branding mit der Überzeugung einer Unternehmerin, die es selbst gelebt hat.
Früher galt die Loyalität zu einer starken Unternehmensmarke als Karriereversicherung. Heute, so sagt sie, zählt die eigene Glaubwürdigkeit mehr. Menschen folgen Menschen, nicht Logos. „Vertrauen ist die größte Währung im Business“, betont sie und fügt hinzu: „Menschen kaufen von Menschen.“
Sichtbarkeit sei kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um Wirkung zu erzielen. Sie schafft Vorbilder – gerade für jene, die sonst keine hätten. So schrieb ihr etwa eine junge Frau nach der TV-Sendung, sie habe wegen ihr den Mut gefasst, für ein Studium in eine andere Stadt zu ziehen. „Das ist die Kraft von Vorbildern“, sagt Onaran. „Und das ist der Grund, warum ich tue, was ich tue.“
Netzwerke sind keine Nebensache
„Ein Netzwerk ohne Leistung ist nichts – aber Leistung ohne Netzwerk ist auch nichts.“ Dieser Satz, einer der prägnantesten des Abends, fasste Onarans Haltung zur modernen Arbeitswelt zusammen. Kooperation, Kollaboration und Austausch sind für sie keine leeren Worte, sondern die Grundlage für Innovation. Sie plädiert für Netzwerke, die Menschen verbinden, die sonst nie an einem Tisch säßen. Denn: Je diverser das Team, desto besser die Perspektive.
Soziale Herkunft – die vergessene Dimension der Vielfalt
Onaran widmete aber auch der sozialen Herkunft besondere Aufmerksamkeit – ein Thema, das in der Diversity-Debatte oft übersehen wird.
Menschen, die sich ihren Weg selbst erkämpfen mussten, bringen laut Onaran oft die entscheidenden Eigenschaften für unternehmerischen Erfolg mit: Resilienz, Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft. „Wenn ich jemanden suche, der die Extrameile geht, dann finde ich ihn selten über klassische Stellenportale“, sagt sie. „Ich muss dorthin gehen, wo diese Menschen sind – in die Netzwerke, die sie tragen.“
Führung braucht Stärke – und Klarheit
Trotz ihres Bekenntnisses zur Kollaboration spricht sich Onaran deutlich gegen eine Führung ohne Struktur aus. „Ich bin kein Fan davon, Hierarchien komplett abzuschaffen. Gerade in volatilen Zeiten braucht es starke Führung – aber eine andere Art von Führung.“
Starke Führung bedeutet heute, Verantwortung zu teilen, ohne sie abzugeben. Es geht darum, Eigenverantwortung zu fördern und dennoch klare Orientierung zu geben. „Die Königsdisziplin ist ein Team, in dem jeder Verantwortung übernimmt und Leistung zeigt.“
Resilienz, Mut, Eigenverantwortung – das Dreieck der Zukunft
Am Ende ihres Vortrags hat sich der Kreis geschlossen. Vielfalt ist für Onaran kein Selbstzweck, sondern das Fundament einer zukunftsfähigen Wirtschaft. „Innovation entsteht dort, wo wir den Mut haben, Unterschiedlichkeit auszuhalten, und die Verantwortung übernehmen, sie zu gestalten.“ Resilienz sei dabei genauso trainierbar wie Mut und notwendig, um durch Krisen zu kommen, sagt sie. „Nicht jammern, sondern gestalten. Das ist die Haltung, die unsere Wirtschaft jetzt braucht.“
Als Tijen Onaran mit Applaus verabschiedet wird, bleibt ein Satz im Ohr „Menschen folgen Menschen – nicht Marken.“ Dieser Satz wirkt weit über den Saal hinaus und wurde auch beim anschließenden Netzwerken am Buffet intensiv diskutiert.
Er beschreibt ihr Verständnis von Führung, Vielfalt und Sichtbarkeit und den Geist einer neuen Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern: selbstbewusst, werteorientiert, mutig. Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft ihres Auftritts.
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