Technikstudien boomen in Kärnten

Die Technische Fakultät ist inzwischen so etwas wie das Aushängeschild der Uni Klagenfurt. Schade, dass das außer den vielen internationalen Studierenden und einigen Insidern kaum jemand weiß.

Eine vorsichtige Umfrage im Bekanntenkreis bestätigt den Verdacht: Kaum jemand im Land weiß, welch exzellente Forschung an der Technischen Fakultät der Uni Klagenfurt geleistet wird. Noch schlimmer: Den meisten ist völlig entgangen, dass diese Fakultät mit ihren heute neun Instituten schon seit dem Jahr 2007 existiert und hier inzwischen 1300 Studierende inskribiert sind. Vor drei Jahren hat man das bis dahin europaweit ziemlich einzigartige Bachelor-Studium „Robotics & AI“ (also die Kombination aus Robotik und Künstlicher Intelligenz) gestartet. Und zwar gleich in Englisch. Nicht ohne Stolz registrieren Dekan Clemens Heuberger und Univ.-Prof. Gerhard Friedrich, dass dieses Studium inzwischen das beliebteste an der Uni Klagenfurt ist. Im aktuellen Wintersemester haben hier 120 Studierende begonnen, 100 davon aus dem Ausland!

Technikstudien boomen an der Uni Klagenfurt
Dekan Clemens Heuberger freut sich über die wachsende Begeisterung von ausländischen Studierenden an der Technischen Fakultät. Foto: Gilbert Waldner

Top-Platzierung im Uni-Ranking

Das Paket aus kompetenten Lehrenden, erstklassiger Betreuung und Infrastruktur sowie einer spannenden Überleitung in die angewandte Forschung bzw. die Wirtschaft zieht. In all den Rankings, in denen echte Werte wie Zitationen und wissenschaftliche Publikationen zählen, schneidet die Klagenfurter Informatik mit ihren speziellen Anwendungen hervorragend ab. Im M.U.T.-Gespräch klappt Gerhard Friedrich seinen Laptop auf und ruft eines der wichtigsten dieser internationalen Rankings auf: THE (Times Higher Education) – die Informatik Klagenfurt nimmt hier schon ziemlich lange nicht nur innerhalb Österreichs Spitzenränge ein. Dass in dünkelhaften großbürgerlichen Kreisen die Propheten im eigenen Land wenig gelten, ja die Uni despektierlich immer wieder in die Nähe von Minimundus, der kleinen Welt der Miniaturnachbauten von weltbekannten Sehenswürdigkeiten gerückt wird, quittieren die Professoren der Technischen Fakultät inzwischen mit Gleichmut oder vielleicht sogar einem kleinen überlegenen Lächeln.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Qualität statt Quantität

Sie wissen es besser. Sie spielen in der Top-Liga nicht nur der österreichischen Forschungsszene mit. „Alma Mater Minimunda“ ist diese in den Siebzigern noch als „Universität für Bildungswissenschaften“ gegründete Institution längst nicht mehr. So bildet die Klagenfurter Informatik etwa auch einen wesentlichen Baustein in einem der wichtigsten Exzellenzcluster des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF für „Bilateral Artificial Intelligence“. Solche Beteiligungen bringen wichtige so genannte Drittmittel, welche die regulären Budgets der betroffenen Institute auffetten. Dekan Heuberger sieht die Technische Fakultät auf sehr gutem Weg. Über viele Jahre habe man auf Qualität statt Quantität gesetzt, sich in vielen kleinen Schritten verbessert. Das mache sich jetzt bezahlt.

Überleitung in die Wirtschaft

Die Kooperation mit der Wirtschaft gestaltet sich hingegen nicht immer ganz einfach, wie Friedrich im Gespräch einräumt. Mit großen Unternehmen wie Siemens oder Infineon gibt es langjährige gute Kooperation. Das sei gelernt. Beide Seiten seien sowohl hinsichtlich ihrer Erwartungen als auch der zur Verfügung zu stellenden Ressourcen aufeinander eingestimmt. Kleinere Unternehmen versuche man hingegen oft über Konsortien in Projekten der FFG (Forschungsförderungsgesellschaft mit stärker wirtschaftlichem Fokus) einzubinden. Da spielen dann auch die angewandten Forschungszentren wie KI4LIFE (Fraunhofer-Institut für Künstliche Intelligenz im Lakeside Park) oder das Robotics-Institut (Joanneum Research ebenfalls im Lakeside Park) eine wichtige Rolle.

Technikstudien boomen in Kärnten
Prof. Gerhard Friedrich: Technische Fakultät kooperiert mit großen und kleinen Unternehmen. Foto: Gilbert Waldner

Erfolgreiche Startups

So etwas wie die Königsdisziplin sind hingegen die Unternehmens-Ausgründungen von Uni-Wissenschaftlern, oft auch Spin-offs genannt. Natürlich gibt es da Hilfestellung wie etwa über das Build!-Gründerzentrum. Aber die spektakulären Erfolge sind hier bisher eher dünn gesät, wie Friedrich einräumt. Ihm fällt gleich BITMOVIN ein, das als kleines Startup begann und wesentlichen Anteil am Erfolg des weltweiten Videostreamings hatte. Oder Dynatrace, das Unternehmen hilft, mit Unterstützung von KI schneller zu automatisieren, analysieren und Innovationen umzusetzen. Solche Unternehmen kehren dann wieder mit größeren Forschungsvolumina zurück an die Universität. Die Befruchtung ist somit eine gegenseitige.

Erfolgreiche Drohnenforschung

Prominent vertreten ist an der Klagenfurter Technischen Fakultät aber auch die Drohnenforschung. Univ.-Prof. Stephan Weiss vom Institut für intelligente Systemtechnologien ist seit 2015 dabei. Aber geforscht wird in diesem Bereich eigentlich schon seit die allerersten Drohnen das Fliegen lernten, wie er betont. Ein Quantensprung war hier sicher die Installation der bis dahin größten Drohnenhalle Europas im Klagenfurter Lakesidepark (2019). Hier könne gefahrlos und unter geregelten Bedingungen das Verhalten von sowohl einzelnen Drohnen als auch ganzen Drohnenschwärmen untersucht werden. Ähnliches gibt es inzwischen übrigens auch outdoor. Die Anwendungen sind enorm vielfältig. So werden mit Klagenfurter Knowhow Brücken, Windräder oder Schiffe inspiziert. Wird es etwa im Tunnel gefährlich und unberechenbar, dann schickt man erst Drohnen voran. Häufig werden diese Innovationen im Rahmen von FFG-Projekten entwickelt. Oft wird inzwischen aber auch mit der KI- und Robotics-Forschung am Standort kooperiert.

Technikstudien boomen in Kärnten
Prof. Stephan Weiss berichtet von großem praktischen Nutzen der Drohnenforschung. Foto: Gilbert Waldner

Ernte-Prognose massiv verbessert

Und auch hier gibt es natürlich immer wieder spannende Unternehmens-Ausgründungen. Weiss nennt hier die Firma Avemoy, die sich mit komplett autonomen und störungsresistenten Einsätzen von Drohnen z.B. in der Landwirtschaft beschäftigt. Begonnen hat alles mit einer Dissertation, das schließlich in ein Vorgründerprogramm und eben in ein FFG-Projekt mündete. Das so entwickelte System wird inzwischen etwa in holländischen Gewächshäusern zur schnelleren und genaueren Prognose der Ernte eingesetzt. Die Vorhersagequalität habe sich damit um 50 Prozent verbessert, schwärmt Weiss.

Eklatante Wohnungsnot

Die beachtlichen Erfolge und die so gewonnene internationale Reputation haben aber auch ihre Schattenseiten, wie Dekan Heuberger kritisch anmerkt. Da spricht er die katastrophale Wohnsituation der Studierenden an. Er meint die zunehmend internationalen High-Potentials, die hier den Grundstein für ihre Karriere legen wollen. Sie finden keine Wohnung, kein Zimmer, keine Unterkunft. Ein Studierenden-Wohnprojekt nach dem anderen verzögert oder zerschlägt sich, weil Geld und/oder Widmungen fehlen. So sieht man sich zunehmend mit dem Problem konfrontiert, dass internationale Bewerber für Studienplätze absagen müssen, weil sie hier keine Bleibe finden. Heuberger appelliert an Stadt und Land, größere Anstrengungen zu unternehmen.

Rettet den Informatikunterricht!

Massives Kopfzerbrechen bereiten Informatik-Professor Gerhard Friedrich aber auch die Pläne des Bildungsministeriums, den Informatikunterricht in der AHS-Oberstufe um „Medien“ oder vielmehr Medienkompetenz zu erweitern. Das sei natürlich ein wichtiges Anliegen, betont Friedrich, aber es dürfe nicht zulasten des Informatikunterrichts gehen. Tobias Kohn, Professor für Informatik-Didaktik am Karlsruher Institut für Technologie hat sich die für dieses neue Fach „Medien und Informatik “ vorgesehenen Lehrpläne angesehen und kommt zu dem Schluss: „Informatik steht nur drauf, um zu suggerieren, dass auch dieses Fach abgedeckt wäre…“ (dazu berichtet etwa Der Standard hier ) Wäre man gehässig, würde man schlicht von Etikettenschwindel sprechen. Für die Anbieter von Informatikstudien in Österreich steht viel auf dem Spiel. Ein kompetenter Unterricht in den Schulen weckt die Begeisterung für das spätere Studium in einem Fach, das am Arbeitsmarkt stark nachgefragt ist. Friedrich wird deutlich: „Wird die Informatik in den Schulen zurückgefahren, dann bringt uns das um“. Kein Wunder, dass auch die universitäre Plattform „Informatik Austria“ protestiert und einen anderen wichtigen Aspekt einbringt: „Eine Gesellschaft, die ihre digitalen Systeme nicht selbst verstehen und gestalten kann, wird abhängig von ausländischen Technologien und Konzernen.“ Ihr Wort in Gottes Ohr oder viel mehr in das des umtriebigen Bildungsministers!

Technikstudien boomen in Kärnten
So wird der Neubau an der Uni Klagenfurt innen aussehen. Foto: Architekturbüro Snøhetta

Uni-Ausbau genehmigt!

Gerade eben hat das Wissenschaftsministerium (BMFWF) den kolossalen 90-Mio.-Euro Ausbau der Uni Klagenfurt genehmigt, der im Jahr 2027 starten soll und an dem sich auch das Land Kärnten mit 12,5 Mio. Euro beteiligen wird. Die Rede ist von Campus-Kultur, von einem Willkommens- und Lernplatz. Ein paar Hausaufgaben wird man im regionalen Umfeld aber schon noch erledigen müssen, damit sich all die frommen Wünsche erfüllen.

Technische Fakultät

Auf der sehr übersichtlich gestalteten Website der Fakultät für Technische Wissenschaften der Uni Klagenfurt findet man nicht nur Forschungs-Schwerpunkte, Institute oder aktuelle Highlights, sondern auch Kooperationen und natürlich AnsprechpartnerInnen: Link

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

M.U.T. auf Youtube

M.U.T.letter

Wissen, was die Wirtschaft bewegt.

Das könnte Sie auch interessieren