Start-ups: Hoch motiviert, niedrig finanziert

Der Start-up-Monitor 2025 weist Österreich und insbesondere Südösterreich als durchaus vielversprechenden Boden für Neugründungen im Start-up-Bereich aus. Mit einem Riesenproblem: der fehlenden Venture Capital-Kultur.

Die österreichische Start-up-Szene zeigt sich 2025 technologisch breit aufgestellt, gleichzeitig bleibt die Dynamik bei Neugründungen verhalten. Das zeigt der jüngst erschienene Austrian Startup Monitor. Ihm zufolge wurden seit 2014 mehr als 3.600 Start-ups in Österreich gegründet, nach dem Gründungsboom bis 2019 sei jedoch „kein erneuter Aufwärtstrend bislang erkennbarc. Besonders stark vertreten sind technologieorientierte Unternehmen: 71 Prozent der österreichischen Start-ups entwickeln Schlüsseltechnologien, darunter künstliche Intelligenz, Life Sciences, Energie- und Umwelttechnologien oder fortgeschrittene Produktionstechnologien. Außerhalb Wiens gewinnen dabei insbesondere die südlichen Bundesländer an Bedeutung.

Die Steiermark zählt laut ASM gemeinsam mit Oberösterreich zu den größten Start-up-Standorten Österreichs und weist einen „besonders hohen Anteil akademischer Spin-offs“ sowie überproportional viele Deep-Tech-Start-ups auf. Auffällig ist zudem die hohe Technologie- und Patentorientierung steirischer Unternehmen: 46 Prozent der Start-ups haben Patente angemeldet, deutlich mehr als im österreichweiten Durchschnitt von 29 Prozent. Auch Kärnten ist überdurchschnittlich stark bei sogenannten Manufacturing-Start-ups vertreten, also technologieorientierten Unternehmen mit eigener Produktion oder Hardware-Fokus. Gleichzeitig verweist der Monitor weiterhin auf Herausforderungen bei Finanzierung und Skalierung. 52 Prozent der befragten Unternehmen fordern bessere Rahmenbedingungen für privates Risikokapital.

Gute TUs und FHs im Süden

Dass der Anteil an Spin-offs in Südösterreich so hoch ist, liegt u.a. an der Dichte der technischen Universitäten und Fachhochschulen. Das ZAT (Zentrum für angewandte Technologie) Leoben etwa ist ein steirisches Gründerzentrum aus dem Umfeld der Montanuni, das technologieorientierte Start-ups bei Entwicklung, Vernetzung, Finanzierung und Markteintritt unterstützt.

„Rund um das ZAT sehen wir aktuell besonders viele Gründungen in den Bereichen Industrial Tech, Green Tech und Circular Engineering. Viele Teams kommen direkt aus dem Umfeld der Montanuniversität Leoben und entwickeln Lösungen für nachhaltige Industrieprozesse, neue Materialien, Recyclingtechnologien oder digitale Anwendungen für Produktion und Anlagenbetrieb. Spannend ist dabei, dass unsere Startups sehr stark technologie- und forschungsgetrieben sind. Es geht also nicht nur um Apps oder Software, sondern oft um echte industrielle Innovationen mit internationalem Potenzial – von Wasserstoff- und Energiethemen bis hin zu KI-Anwendungen für industrielle Prozesse. Genau darin liegt auch eine große Stärke des Standorts Leoben: die Verbindung aus technischer Exzellenz, Industrie-Know-how und praxisnaher Forschung“, erklärt Angelika Hierzer-Königsberger, die Leiterin des Projektes „Green Startupmark“ am ZAT.

„Vor allem für Scale-ups bleibt die Situation kritisch: Große Anschlussfinanzierungen im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich sind kaum realisierbar.“ Florian Haas

Dass die Risikokapitalkultur hierzulande nicht besonders ausgeprägt ist, hat einen einfachen Grund: Das Fehlen der großen, privaten Pensionsfonds, die etwa im angloamerikanischen Raum sehr viel Risikokapital beisteuern können. Darunter leiden heimische Gründer, die es schwer haben, das nötige Kapital für ihre Ideen aufzubringen. „Österreich erhält nur rund 17 Prozent jener Investitionen, die seinem wirtschaftlichen Gewicht in Europa entsprechen würde“ berichtet das Beratungsunternehmen EY in seinem letzten der European Start-up Barometer. Bereits 2024 hatte Florian Haas, Head of Start-up bei EY gewarnt: „Vor allem für Scale-ups bleibt die Situation kritisch: Große Anschlussfinanzierungen im zwei- oder dreistelligen Millionenbereich sind kaum realisierbar.“

„Gerade Deep-Tech- und Industrial-Tech-Startups brauchen oft deutlich mehr Kapital, längere Entwicklungszeiten und starke Industriepartner. Dafür fehlt in Österreich noch zu oft ausreichend privates Wachstumskapital.“ Angelika Hierzer-Königsberger

Deep-tech braucht mehr Kapital

Das bestätigt auch Angelika Hierzer-Königsberger. „Die größte Herausforderung liegt derzeit ganz klar in der Wachstums- und Skalierungsphase. Für die ersten Schritte – also Ideation, Prototyping oder erste Förderungen – gibt es in Österreich mittlerweile gute Programme und Unterstützungsangebote. Schwieriger wird es, sobald Startups industrielle Pilotanlagen, Hardware oder komplexe Technologieentwicklungen finanzieren müssen. Gerade Deep-Tech- und Industrial-Tech-Startups brauchen oft deutlich mehr Kapital, längere Entwicklungszeiten und starke Industriepartner.

Dafür fehlt in Österreich noch zu oft ausreichend privates Wachstumskapital. Viele Startups müssen deshalb früh internationale InvestorInnen suchen oder ins Ausland ausweichen. Wenn wir langfristig mehr industrielle Innovation „Made in Austria“ aufbauen wollen, braucht es genau in dieser Phase mutigere Investments und stärkere Verbindungen zwischen Industrie, Forschung und Venture Capital.“

Forscher an der Montanuniversität Leoben
Forscher an der Montanuni Leoben haben mit dem ZAT eine perfekte Unterstützung am Weg in die Unternehmensgründung. Bild: Montanuni/Tauderer

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung inzwischen auch in Kärnten. Lange galt das Bundesland wirtschaftlich eher als verlängerter Werkbankstandort entlang der Adria-Alpen-Achse, heute wächst rund um den Lakeside Science & Technology Park, die Silicon Austria Labs und den Mikroelektronikstandort Villach ein technologieorientiertes Ökosystem, das zunehmend internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dabei profitiert Kärnten vor allem von seiner Nähe zu Industrie, Forschung und Mikroelektronik. Der Halbleiterkonzern Infineon Technologies wirkt dabei wie ein industrieller Magnet für hochqualifizierte Fachkräfte, Spin-offs und technologiegetriebene Neugründungen.

„In der Wachstumsphase fehlt oft ausreichend Kapital für größere Finanzierungsrunden, die Internationalisierung und Marktdurchbruch ermöglichen.“ Dietmar Böckmann

Fehlendes Kapital für Wachstum

Allerdings hat man auch hier – wie in ganz Österreich – mit der Finanzierung von Erfolg ein Thema. BKS Vorstand Dietmar Böckmann: „Österreich bringt starke Technologien und talentierte Teams hervor – die eigentliche Hürde beginnt beim Skalieren. In der Frühphase funktioniert die Unterstützung mittlerweile gut. In der Wachstumsphase fehlt jedoch oft ausreichend Kapital für größere Finanzierungsrunden, die Internationalisierung und Marktdurchbruch ermöglichen.“ Gleichzeitig, so der BKS-Vorstand, würden weiterhin viele private Ersparnisse auf Spar- und Girokonten liegen, anstatt in Anlageformen wie Beteiligungs- und Wachstumsfonds zu fließen.

Böckmann: „Das schwächt den Eigenkapitalstock heimischer Tech-Unternehmen und erschwert anschlussfähiges Fremdkapital.“ Und obwohl die Förderlandschaft an sich wertvoll sei, könnte sie noch gezielter auf spätere Finanzierungsphasen und nahtlose Anschlussfinanzierungen ausgerichtet werden, konstatiert er. Hinzu kommt ein noch zu flacher Kapitalmarkt: „Wenige große Exits und eine begrenzte IPO-Perspektive drücken Bewertungen und ziehen internationales Wachstumskapital weniger an.“

„Entscheidend sind attraktivere steuerliche Anreize sowie ein stärkerer Ausbau von Co-Investment-Modellen. Beides würde das Risiko für private InvestorInnen reduzieren und Investitionen in Start-ups deutlich attraktiver machen.“ Dagmar Eigner-Stengg

Politische Maßnahmen notwendig

Die Einschätzung, es gäbe in Österreich starke Forschung, aber schwache Venture Capital Finanzierungen, teilt auch Dagmar Eigner-Stengg, Leitung Förderservice & Außenhandel bei der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG. Eigner-Stengg: „Österreich verfügt über eine hervorragende Forschungsbasis und eine gut ausgebaute Förderlandschaft. Gleichzeitig fehlt es vor allem in Wachstumsphasen an ausreichend Venture Capital, was die Skalierung vieler Start-ups erschwert.“ Um das zu ändern, brauche es u.a. politische Maßnahmen.

„Entscheidend sind attraktivere steuerliche Anreize sowie ein stärkerer Ausbau von Co-Investment-Modellen. Beides würde das Risiko für private InvestorInnen reduzieren und Investitionen in Start-ups deutlich attraktiver machen“, so Eigner-Stengg. Gerade regionale Banken würden eine wichtige Vermittlerrolle zwischen öffentlicher Förderung und privatem Kapital übernehmen, meint die Expertin. „Sie agieren als Risikopartnerin bei Finanzierungen und unterstützen Start-ups zudem durch Beratung und Netzwerke beim Wachstum.“

Luftaufnahme Lakesidepark
Die Universität Klagenfurt mit den angrenzenden Lakesidepark Labs sind das Technologie- und Startt-up-Zentrum Kärntens. Bild: Lakesidepark/DavidPitschmann

Prominente Beispiele zeigen, wie’s geht

Dass aus Südösterreich durchaus international konkurrenzfähige Unternehmen entstehen können, zeigen einige prominente Beispiele. Das Grazer Unternehmen Blackshark.ai entwickelte KI-gestützte Geodatenlösungen und arbeitete unter anderem mit Microsoft am neuen Flight Simulator zusammen. Bitmovin, das international bekannteste Kärntner Start-up entstand aus einem Forschungsprojekt der Universität Klagenfurt und entwickelte sich zum globalen Anbieter für Video-Streaming-Technologie. Ebenfalls aus dem Süden Österreichs stammt SunnyBag, das mit mobilen Solarlösungen international expandierte, oder Nuki, das sich mit smarten Zutrittssystemen vom Grazer Start-up zu einem europaweit bekannten Unternehmen entwickelte.

Auffällig ist dabei, dass viele erfolgreiche südösterreichische Start-ups nicht aus der Plattformökonomie kommen, sondern aus industriellen Nischen mit hoher technologischer Spezialisierung. Gerade in Bereichen wie Green Tech, Sensorik, Industrial AI, Recyclingtechnologien oder Mikroelektronik entstehen Unternehmen, deren Produkte eng mit realer Produktion, Forschung und Hardwareentwicklung verbunden sind. Darin liegt allerdings auch ein strukturelles Problem: Diese Geschäftsmodelle benötigen deutlich mehr Kapital, längere Entwicklungszeiten und industrielle Pilotprojekte. Während Software-Start-ups oft mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz skalieren können, sind Deep-Tech-Unternehmen auf langfristige Investoren angewiesen, die in Österreich vielfach fehlen.

Drei Hebel entscheidend

Das muss allerdings nicht zwangsläufig so bleiben, so BKS-Vorstand Dietmar Böckmann: „Entscheidend sind drei Hebel: Anreize, Fondsstrukturen, Exits. Erstens sollten institutionelle Investoren – Pensionskassen und Versicherungen – mehr Spielraum bekommen, um ihr Engagement in heimische VC- und Growth-Fonds auszubauen. Das braucht klare aufsichtsrechtliche Leitplanken und gegebenenfalls Quoten, die marktgerecht, aber ambitioniert sind. Zweitens benötigen wir entsprechende Fondsstrukturen. Es ist positiv, dass auf politischer Ebene über einen Dachfonds diskutiert wird. Ein professionell gemanagter, nationaler Fund-of-Funds mit regionalen Fenstern für Steiermark und Kärnten könnte private Mittel hebeln und heimische VC-Teams stärken.“

Und Böckmann weiter: „Steuerliche Impulse – etwa attraktivere Verlustverrechnung für Angel-Investments und einfachere, planbare Mitarbeiterbeteiligungen – verbreitern das Eigenkapital. Drittens braucht Österreich bessere Exit-Perspektiven. Ein leichterer Zugang zu KMU-Wachstumsmärkten und eine innovationsfreundliche öffentliche Beschaffung können helfen, jungen Unternehmen wichtige Referenzkunden und Wachstumsperspektiven zu verschaffen. Mehr erfolgreiche Exits und realistische IPO-Chancen erhöhen Bewertungen, ziehen internationale Investoren an und stärken den Standort. Ergänzend dazu können öffentliche Co-Investments mit raschen Entscheidungen – besonders in Serie-A- und Serie-B-Phasen – dazu beitragen, dass mehr Start-ups überhaupt die Größe und Reife für erfolgreiche Exits erreichen.“

Hannes Roth
Hannes Roth
Autor | Steiermark
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Start | Up
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