Im Quartier West in Klagenfurt trifft Kaffee auf Haltung. Gründer Herbert Miglar hat auf kleinen 21,4 m² nicht nur ein Café eröffnet, sondern einen Lebensraum geschaffen, der ein Viertel verändert. Was er bewegt hat, was er sich von der Stadt wünscht und warum es für echte Veränderung vor allem eines braucht: Mut.

Am Rand des Maria-Theresia-Parks in der Herbertstraße, wo einst wenig passierte, ist heute ein kleines Café mit großer Wirkung: das Quartier West. Wer vorbeigeht, sieht Menschen plaudern, Bücher tauschen, Kunst betrachten oder einfach nur sein. Für die meisten ist es mittlerweile mehr als ein Kaffeehaus: „Ich wollte Lebensräume schaffen, einen Ort, an dem sich alle willkommen fühlen.“

Vom leeren Eck zum lebendigen Viertel
Was als mutige Idee begann, hat längst das Viertel geprägt. An starken Tagen besuchen mehrere hundert Menschen nicht nur das Café mit seinen 21 Quadratmetern, sondern auch den Park davor. Ein Mini-Raum mit Maxi-Ausstrahlung. „Der öffentliche Raum war ja immer da; er muss nur bespielt werden“, sagt Miglar. Das tut er und mittlerweile nicht mehr allein. Seit Kurzem unterstützt ihn ein Mitarbeiter im Cafébetrieb, damit mehr Raum bleibt für die Ideen, die drumherum wachsen.
Ein Ort, der mehr will als verkaufen

Mitten in einem digitalisierten, oft anonymen Alltag hat das Quartier einen Ort geschaffen, der Verbindlichkeit und Zwischenmenschlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Miglar nennt es „Gastronomie als People-Business“. Wer hier einen Kaffee trinkt, spürt, dass es um mehr geht: „Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind mit allem, was sie bewegt.“ Die Menschen aus dem Viertel bringen eigene Ideen mit. Manche wollen mitgestalten, andere suchen Unterstützung für ein eigenes Vorhaben. „Ich würd’ am liebsten jedem helfen, der was ausprobieren will. Gerade wenn jemand ein eigenes Projekt oder Business starten will, bin ich gern im Austausch“, erzählt er. Auch kleine Maßnahmen können viel bewegen: Zum Beispiel können Gäste im Park kostenlos Federball spielen, es gibt einen offenen Büchertisch im Café und wechselnde Ausstellungen lokaler KünstlerInnen. Sogar der Stadtarbeitsplatz mit Schreibtisch im Grünen wurde installiert. Strom und WLAN? Gibt es leider nicht. Das war der Stadt zu teuer. Auch dies ein Statement: Stadtentwicklung fängt (leider) oft nicht im Rathaus an, sondern vor der eigenen Tür.
Quartiersentwicklung von unten
„Mir war wichtig, dass wir nicht nur Kaffee verkaufen, sondern den Stadtteil beleben. Begegnung ermöglichen. Eine andere Art von Urbanität zeigen.“ Das Café ist für ihn nur das Vehikel. Die eigentliche Vision reicht weiter. Es geht um eine offene Nachbarschaft, in der Raum nicht nur konsumiert, sondern gestaltet wird. Initiativen wie das Buch-Tausch-Event „Swap your Book“ oder wechselnde Ausstellungen lokaler KünstlerInnen zeigen, wie niedrigschwellig Beteiligung aussehen kann. Menschen treffen sich auf ein Gespräch, bringen Bücher vorbei, fragen aktiv an, ob sie ausstellen dürfen oder trinken einfach in Ruhe ihren Cappuccino. Ein kleines Café und doch ein kultureller Knotenpunkt.
Was sich andere Stadtteile abschauen könnten
Wer ihn fragt, wie man beginnt, ein Viertel zu verändern, bekommt eine einfache Antwort: „Indem man authentisch ist. Und macht, was man gut kann.“ Das könne ein Café sein, ein Tanzstudio, ein Kulturprojekt. Entscheidend sei, dass es von Herzen kommt und Menschen verbindet. Die Community im Quartier ist gewachsen; nicht nur durch Gäste, sondern durch Menschen, die Ideen einbringen, mitdenken, weiterspinnen. Dieses Miteinander, das gegenseitige Stärken, ist vielleicht das, was das Quartier am meisten ausmacht.
Wunschzettel an die Stadt
Herbert Miglar ist keiner, der laut klagt. Aber wenn man ihn fragt, was er sich von der Stadt erwarten würde, zögert er nicht lange: „Mehr Mut zur Offenheit. Weniger Hürden für spontane Ideen. Und bitte: Steckdosen für den Stadtarbeitsplatz.“ Er lacht, aber meint es ernst. Auch das ist ein Appell, charmant verpackt wie so vieles im Quartier West.
Was er sich wünscht? Mehr Mut zur Veränderung. Eine zentrale Anlaufstelle für Ideen zur Stadtentwicklung. Und Offenheit gegenüber Projekten, die – wie das Quartier West – von unten wachsen. Denn, so Miglar: „Man darf nicht vergessen, dass auch kleine Maßnahmen große Wirkung haben können. Man muss sie nur zulassen.“
- Mehr Ermöglicher-Mentalität: Behörden, die Ideen nicht ausbremsen, sondern aktiv begleiten
- Budget für echte Viertelentwicklung: auch für kleine Formate, die große Wirkung entfalten
- Partizipation ermöglichen: BewohnerInnen zu Mitgestaltenden machen, nicht zu StatistInnen
Und zum Schluss?
Als wir am Ende über Wirkung sprechen, sagt er: „Ich will, dass mehr Leute merken, sie können selber was machen.“ Vielleicht ist das das Schönste am Quartier West: Es erinnert uns daran, dass Stadt das ist, was wir daraus machen. Dass Begegnung kein Luxus sein muss. Und dass Veränderung leise beginnt mit einem offenen Ohr, einem geteilten Buch, einem Platz, an dem man einfach willkommen ist.
Oder wie Herbert Miglar es sagt: „Ich hab das Café aufgesperrt, aber es sind die Leute, die es gefüllt haben.“
Fotos: Franziska Haiduk






