Selbstständigkeit ist ein echter Job

In seiner Kolumne „Selbst & ständig“ schreibt unser Autor Ljubisa Buzic über das Leben als Ein-Personen-Unternehmen – mit persönlichen Erfahrungen, Aha-Momenten und einer Portion Selbstironie. Diesmal: Warum Selbstständigkeit in Österreich nicht ernst genommen wird.

Letztens teile ich auf Instagram eine Jobausschreibung von einem Kunden, mit dem ich seit einer Weile zusammenarbeite: Ausgeschrieben ist eine Stelle als Social Media Manager für einen mittelgroßen Tourismusbetrieb in Kärnten. Ein paar Minuten später schreibt mir ein Freund: „Klingt cool. Nix für dich?“

Dasselbe ist mir ein paar Wochen zuvor passiert. Auch hier hat einer meiner Kunden eine Stelle in seiner Website-Redaktion ausgeschrieben. Ich erzähle das einer Freundin, die gerade auf Jobsuche ist, und auch sie fragt: „Warum bewirbst du dich nicht selbst? Das würde doch passen.“

Bin ich etwa arbeitslos?

Warum glaubt man, jemand, der selbstständig ist, wäre permanent auf der Suche nach einer Anstellung? Wie kommen die Menschen darauf, einen Selbstständigen zu fragen, ob er sich nicht lieber einen Job suchen will? Ich bin doch nicht arbeitslos, bloß weil ich nirgendwo angestellt bin.

Ich habe eine Arbeit, auch wenn sie vielleicht nicht für alle verständlich ist: Ich bin selbstständiger Journalist, Texter und daneben auch als Fotograf und Videograf tätig. Ich bekomme Aufträge von Magazinen und Zeitungen, ich schreibe Texte für Agenturen und Tourismusregionen und mache Fotos und Videos im Tourismus-Bereich. Das ist eine Menge Arbeit für eine Person.

„Kann man davon wirklich leben?“

Ich bin nicht der einzige Selbstständige, der so etwas erlebt. Kolleginnen in meinem Bekanntenkreis bekommen ähnliche Fragen gestellt – vor allem am Anfang ihrer Selbstständigkeit: „Das ist aber nur vorübergehend, bis du etwas gefunden hast?“ oder „Du suchst aber schon noch was, oder?“ Und am schönsten: „Kann man davon wirklich leben?“

Die Fragen meiner Freunde waren sicher nicht böse gemeint. Aber solche Fragen zeigen auch: Selbstständigkeit wird in Österreich nicht richtig ernst genommen. So als wäre man ein besserer Arbeitsloser und müsste doch froh sein, wenn man wo unterkommt. Als wäre es keine echte Arbeit.

Dabei gibt es kaum eine echtere Arbeit als das. Ich bin in meinem Ein-Mann-Unternehmen für alles zuständig – Akquise, Marketing, Buchhaltung, Strategie. Manches davon kann ich gut, bei anderem improvisiere ich mich so durch, wie es eben geht. So oder so trage ich die ganze Verantwortung für meine „Firma“. Also warum wird die Arbeit als Selbstständiger so wenig ernst genommen?

Gründungen sind auf dem Höchststand

Die Antwort ist einfach: Wir leben in einem Land der Angestellten. Das ist paradox, denn gleichzeitig gibt es in Österreich derzeit einen regelrechten Boom in Sachen Selbstständigkeit und Gründungen. Die Zahl der Unternehmensgründungen ist im ersten Halbjahr 2026 um 4,5 Prozent gestiegen. Trotzdem scheint das in vielen Köpfen noch nicht angekommen zu sein.

Ich kenne Selbstständige, die ihre Arbeit seit Jahrzehnten machen und das mit großem Erfolg. Nicht jeder will unbedingt eine Anstellung in einem Betrieb haben. Ich kenne Menschen, die sich mit Dingen selbstständig gemacht haben, die viele von uns gar nicht auf dem Schirm hätten. Eine Bekannte von mir produziert handgemachte Papeterie für Hochzeiten. Eine andere ist seit über zehn Jahren erfolgreiche Hundesitterin und hat ein Einkommen, von dem viele Angestellte nur träumen können.

Ein Job nach eigenem Zuschnitt

Und genau das ist das Schöne an der Selbstständigkeit. Du kannst und musst alle deine Fähigkeiten und Talente nutzen und dich dabei immer ein bisschen weiter strecken. Meistens ist kein Monat wie der andere und oft weißt du nicht genau, was im nächsten Jahr passieren wird. Das ist sicher nichts für jeden, aber man kann es nicht einfach so abtun.

Lasst uns alle gründen!

Und ich bin überzeugt: Selbstständigkeit ist ein Zukunftsmodell, gerade in Zeiten, in denen sich viel verändert. Die Wirtschaft ist im ständigen Wandel, Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Die Geburtenraten sinken, es gibt Mangelberufe und gleichzeitige Arbeitslosigkeit. Selbstständige können hier viel abfangen und flexibel agieren und die Zahlen zeigen den Trend zur Selbstständigkeit.

Aber vor allem sind es vollwertige Berufe und sie tragen die Wirtschaft des Landes mit. Also wenn euch ein Selbstständiger oder eine Selbstständige nächstes Mal von ihrer Arbeit erzählt, fragt sie doch bitte nicht, ob sie sich nicht lieber einen Job suchen würde. Wer das wollte, hätte es längst getan.

Ljubisa Buzic
Ljubisa Buzic
Autor | Kärnten
Ressorts: Menschen | Meinungen, Hart | Herzlich, Arbeiten | Leben

buzic@mut-magazin.at

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