Nach 30 Jahren in der internationalen Wirtschaft zog es Ingrid Rothe zurück in die Heimat. Die gebürtige Klagenfurterin gab New York auf und baute mit ihrem Partner Alberto Gargantini im Mölltal eine Glamping-Lodge auf, die schon jetzt ein Geheimtipp ist.
Einen Tourismusbetrieb in Kärnten zu eröffnen, ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Doch die Geschichte hinter dem Riverside Fishing & Fascination und seiner Mitgründerin Ingrid Rothe ist dann doch etwas ganz Eigenes: „Ich hab mich schon immer getraut, etwas Neues zu probieren“, sagt Ingrid Rothe. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal eine Glamping Lodge für Fischer im Mölltal führe.“
Drei Jahrzehnte lang lebte die heute 51-Jährige im Ausland – von London über New York, Berlin und Frankfurt. Ingrid Rothe hat Jura studiert und sich auf den Bereich Urheberrecht spezialisiert, bevor sie in die Musikindustrie einstieg. Stationen bei Universal Music und als Geschäftsführerin einer Merchandising-Firma folgten.
Internationale Konzernkarriere
„Es waren aufregende Jahre“, sagt sie. „Ich habe in einer Zeit gearbeitet, in der sich die Musikindustrie komplett verändert hat – vom CD-Verkauf hin zum digitalen Geschäft.“ Als viele noch über das Internet lästerten, beschäftigte sie sich bereits mit Online-Lizenzen und der Frage, wie sich kreative Inhalte schützen lassen. Später leitete sie ein Merchandising-Unternehmen, das mit großen Künstlern zusammenarbeitete – von Metallica bis Michael Jackson.
Danach folgte der Wechsel in die Tech-Welt. Fünf Jahre lang arbeitete Rothe für PayPal, drei davon in New York. Eine Stadt, die sie liebte, aber die sie auch an Grenzen brachte. „Kurz nach meiner Ankunft in New York brach die Pandemie aus. Nach drei Monaten Lockdown war das die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich mich wirklich einsam gefühlt habe“, sagt sie. Als der Tech-Markt nach dem Corona-Hoch einbrach, kehrte sie zurück nach Europa. Ohne konkreten Plan, aber mit dem Gefühl, noch einmal neu anfangen zu wollen.
Neue Ufer am Sternsee
In Kärnten traf sie Alberto Gargantini, den Sohn einer Hoteliersfamilie aus Rosegg, der seit Jahren Fischerreisen organisierte. Seine Idee von einer kleinen Hütte am See wurde zu ihrem gemeinsamen Projekt und wuchs schnell zu etwas Größerem: „Ich hab gesehen, was er kann und welches Potenzial in der Idee steckt“, sagt Rothe. „Und ich wollte etwas schaffen, das bleibt.“
Dass das gemeinsame Projekt etwas Besonderes ist, spürt man, sobald man durch das Gelände der Riverside Fishing & Fascination Lodge wandert. Sechs großzügig ausgestattete Chalets blicken auf den klaren Sternsee, dahinter erheben sich die Hohen Tauern. Vor jedem Haus stehen ein gemauerter Grill und eine Feuerschale, daneben ein paar Liegestühle und grob behauene Holzstümpfe, die als Tische oder Hocker dienen. Die Chalets selbst bestehen aus Vollholz, rund 45 Quadratmeter groß, mit zwei Schlafzimmern, einer Wohnküche, Bad und einer Veranda, auf der man am Abend den Sonnenuntergang über dem Wasser sehen kann. Alles hier wirkt durchdacht, nichts zufällig platziert.
Liebe zum Detail
Die Mobile Homes wurden ursprünglich in Sibirien gefertigt, standen dann in Italien, bis sie nach Kärnten gebracht und hier vollständig renoviert wurden. Heute bilden sie das Herz einer Anlage, die Luxus mit Bodenhaftung verbindet: Glamping mitten in der Natur, für passionierte Angler ebenso wie für Familien, die abseits der üblichen Angebote Urlaub machen wollen. Die Atmosphäre ist ruhig, fast familiär. „Wir begrenzen bewusst auf maximal zehn Angler am See“, sagt Rothe. „Es geht um Qualität, nicht um Masse.“

Das Angebot richtet sich an eine Nische: Fliegenfischer und Spinnangler. Gleichzeitig ist das Areal auch für Familien, Hundebesitzer und Erholungssuchende interessant. Die Nachfrage ist hoch, der Betrieb ist bis weit über die Sommersaison ausgebucht. Langfristig soll die Lodge auch im Winter Gäste anziehen: „Zehn Skigebiete liegen im Umkreis von 90 Minuten“, sagt Ingrid Rothe. „Das ist ein starker Anreiz für Wintergäste.“
Für die Saison 2026 plant sie einen Kinderfischer-Wettbewerb und den „Grayling Trophy Club“, ein internationales Treffen für Äschen-Liebhaber. Parallel arbeitet sie an der Markenentwicklung: „Ich will Riverside zu einer Lifestyle-Marke entwickeln, die für naturnahe Erlebnisse steht. Nicht nur in Kärnten, sondern auch in anderen Ländern.“
Unternehmertum lernen
Was Rothe an der Selbstständigkeit fasziniert, ist die Unmittelbarkeit. „In einem Konzern entscheidest du selten etwas allein. Hier trägst du jede Verantwortung für den Erfolg, aber auch für die Fehler.“ Sie spricht von langen Tagen, von Aufgaben, die nichts mit ihrem früheren Berufsleben zu tun haben – vom Putzen über Buchhaltung bis zur Gästebetreuung. „Du musst im Prinzip alles können. Und du hast keinen Sonntag“, sagt sie. „Aber du bekommst unglaublich viel zurück.“

Eines ihrer wichtigsten Learnings beschreibt sie mit einem Satz, der fast wie ein Gegenentwurf zu ihrem früheren Leben klingt: „Ask for help“, sagt Ingrid. „Ich musste erst verstehen, dass man nicht alles allein schaffen muss. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern das, was dich langfristig erfolgreich macht. Wenn du um Hilfe bittest, bekommst du sie. Die Leute wollen, dass etwas gelingt.“
Geduld als unternehmerische Tugend
Gründen, sagt sie, bedeute für sie heute vor allem, Geduld zu lernen. „Ich bin jemand, der immer im fünften Gang fährt. Aber hier habe ich verstanden, dass Dinge Zeit brauchen. Du musst Prioritäten setzen und trotzdem die Vision im Blick behalten.“ Erfolg sei eben eine Abfolge vieler kleiner Schritte.
Das Fischen ist für sie inzwischen fast zu einer Metapher geworden. „Man steht am Wasser, wartet, beobachtet.“ Ob man vom Fischen auch etwas übers Unternehmertum lernen kann? „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt Ingrid Rohte ohne zu zögern. „Das musste ich erst lernen.“

