„Nicht immer mehr, sondern besser“

Schladming-Dachstein zählt zu den führenden Tourismusregionen Österreichs. Im Interview erklärt Andreas Keinprecht, Vorsitzender des Tourismusverbandes Schladming-Dachstein, wie die Destination mit Ganzjahrestourismus, Qualitätsoffensive und klimafitten Angeboten ihre wirtschaftliche Zukunft absichern will.

M.U.T.: Wie hat sich der Sommertourismus in der Region Schladming-Dachstein in den vergangenen Jahren entwickelt?

Andreas Keinprecht: Wir blicken auf eine positive Entwicklung des Sommertourismus in Schladming-Dachstein. Die Region konnte sich als attraktive Ganzjahresdestination weiter stärken. Besonders die Kombination aus Natur, Erholung sowie Wander- und Aktivurlaub kommt bei den Gästen sehr gut an und sorgt für eine hohe Nachfrage im Sommer.
Die Nächtigungszahlen lagen in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich auf hohem Niveau. Im Jahr 2025 konnte Schladming-Dachstein rund vier Millionen Nächtigungen verzeichnen, davon ca. 50 Prozent im Sommer und 50 Prozent im Winter. Im Vergleich zu 2021 ergibt sich ein Plus von mehr als sechs Prozent.

Welche strategische Bedeutung hat der Sommer mittlerweile im Vergleich zum Wintergeschäft?

Der Sommer ist strategisch ein wesentlicher Bestandteil auf dem Weg zur Ganzjahresdestination. Ein starker Sommer ist – ähnlich wie der Winter – ein wichtiges Signal für die Stärkung regionaler Betriebe, die Sicherung von Arbeitsplätzen und eine nachhaltige Wertschöpfung in der Region. Wir orientieren uns dabei stark an unserer Next-Level-Strategie mit Fokus auf Qualitätstourismus, Ganzjahrestourismus und auf eine verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Tourismusentwicklung.

Kirche auf einem Berg mit Panoramaaussicht
Traumhaftes Schladming-Dachstein: Wandern zwischen Bergen, Wasser und beeindruckender Naturkulisse. Das Friedenskircherl am Stoderzinken in Gröbming ist der österreichische Landessieger und der schönste Platz Österreichs 2022 der ORF-Sendung „9 Plätze – 9 Schätze“. Foto: Tritscher

Welche Zielgruppen stehen aktuell besonders im Fokus Ihrer Sommerstrategie? Was sind die Kernmärkte?

Die Hauptmärkte im Sommer sind Deutschland, Österreich, Tschechien und die Niederlande. Besonders Tschechien entwickelt sich dabei sehr positiv und zeigt eine klare Aufwärtstendenz. Ergänzend wachsen auch Märkte wie Ungarn, Polen, die Slowakei und Dänemark und bieten weiter vielversprechendes Potenzial.

Gibt es Veränderungen bei Aufenthaltsdauer, Auslastung oder Ausgabenverhalten der Gäste?

Die Aufenthaltsdauer in den Hauptsaisonen pendelt sich bei 4 bis 5 Nächten ein. In den Nebensaisonen ist sie kürzer, und wir beobachten, dass kurzfristiger und stärker wetterabhängig gebucht wird. Den Gästen ist ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis insgesamt sehr wichtig.

Welche Herkunftsmärkte wachsen aktuell besonders stark?

Insbesondere Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei zählen aktuell zu den besonders stark wachsenden Herkunftsmärkten. Diese Dynamik zeigt sich sowohl im Sommer als auch im Winter. Entsprechend richten wir auch unsere Marktbearbeitung und Marketingaktionen verstärkt darauf aus.

Auf welche touristischen Schwerpunkte setzt die Region im Sommer konkret?

Im Sommer setzt die Region klar auf die Themen Wandern, Familienerlebnisse, Biken, Klettern und Golf, ergänzt durch Events und Kulinarik als wichtigen Erlebnisfaktor. In der Bewerbung spielt auch die Schladming-Dachstein Card als beliebte Inklusivkarte (Gästekarte) eine große Rolle. Sie beinhaltet zahlreiche Erlebnisse und Attraktionen, etwa die Sommerbergbahnen.

Welche Rolle spielen Themen wie Nachhaltigkeit, sanfter Tourismus und Regionalität?

Koch mit Kochjacke, kurzen Haaren. Im Vordergrund sieht man einen Tisch mit verschiedenen Gerichten.
Wie sich Regionalität und Kreativität am Teller vereinen lassen, zeigt Haubenkoch Richard Rauch gemeinsam mit 17 Betrieben aus Schladming-Dachstein auf beeindruckende Weise. Foto: Martin Huber

Eine große Rolle. Deshalb haben wir im Rahmen unserer strategischen Initiative „Next-Level“ gemeinsam mit Partnern und der einheimischen Bevölkerung eine Roadmap 2035 als Leitlinie für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung erarbeitet. Damit wollen wir ökologische, soziale und wirtschaftliche Verantwortung für die Region verbinden. Dieses Handeln zeigt sich bereits in vielen Bereichen – von Mobilitätsinitiativen, z. B. Wanderbussen, über Initiativen in der regionalen Kulinarik, wie die Genusspartner und Almkulinarik, bis hin zu nachhaltigen Maßnahmen von Betrieben und Bergbahnen.

Wie differenziert sich Schladming-Dachstein im Wettbewerb mit anderen alpinen Sommerdestinationen?

Mit einer hohen Produktvielfalt und längeren Saisonzeiten sowie einer gezielten Stärkung der Nebensaisonen. Weiters mit starken, sichtbaren Impulsen durch Top-Events wie das Summer- und Winter-Opening. Mit einem klaren Fokus auf Qualitätstourismus und der konsequenten Weiterentwicklung bestehender Stärken. Und insbesondere auch mit vielen familiär geführten Betrieben und einer ausgeprägten Gastgeberkultur, die der Region ihren besonderen Charakter verleiht.

Welche neuen Infrastrukturprojekte oder touristischen Angebote wurden zuletzt umgesetzt? Was wird aktuell neu gebaut oder ist in Planung?

Wir konzentrieren uns die kommenden zwei bis drei Jahren speziell auf den Bike-Trailbau. Auf der Schattenseite liegen unsere klassischen Skiberge, auf denen den ganzen Winter über Schnee liegt. Auf der gegenüberliegenden Seite, in Richtung Ramsauer Plateau, zeigt sich hingegen auch die aktuelle Klimaentwicklung: Wo früher viel länger Schnee gelegen ist, werden die Winter heute spürbar kürzer und die Bedingungen verändern sich.

Besonders stolz bin ich hier auf das Bike-Projekt Sonnseitn Trails. Der Baustart erfolgte im März, ab Frühjahr 2027 dürfen wir die ersten zehn Kilometer eröffnen. Entstehen wird ein Angebot von rund 60 Kilometern für alle Bike-Begeisterten – vom Kind über Familien bis hin zu ambitionierten Sportlern. Die Trails bieten passende Strecken für alle Alters- und Könnerstufen und machen das Vorhaben zu einem echten Vorzeigeprojekt für Bewegungs- und Gesundheitsförderung in unserer Region.

Was macht dieses Konzept so besonders?

Die neue Route beginnt in der Unteren Klaus und führt hinauf bis nach Ramsau. Von dort geht es weiter in Richtung Kulm, Rittisberg und runter auf Pichl, ehe man vorne wieder herunterkommt. Gebaut wird das Ganze in mehreren Etappen. Dadurch entsteht eine gewaltige Panoramarunde: Man kann theoretisch auf der anderen Seite wieder hinauffahren, über die Reiteralm, weiter auf den Reiteralm-Trails, anschließend Richtung Planai und schließlich wieder nach Schladming hinunter. Als „Backbone“ dient dabei der Ennsradweg, über den jeder Biker flexibel in die Runde ein- oder aussteigen kann. Das ist ein echtes Pionierprojekt für die Region — eine neue, attraktive Verbindung zwischen den bestehenden Bergen, Trails und Talräumen, die den Sommertourismus stärkt und gleichzeitig eine zeitgemäße Antwort auf die Veränderungen im Wintertourismus gibt.

Mountainbiker fahren durch den Wald
Die Sonnseitentrails verbinden künftig Schladming und Ramsau am Dachstein. Foto: Christoph Oberschneider

Welche Trends sehen Sie im Sommertourismus der kommenden Jahre?

Das Thema Biken wird weiter an Bedeutung gewinnen. Wir setzen dabei auf hochwertige Qualitätsangebote für die Zukunft. Auch der Trend zum bewussten Urlauben im Sinne von „Coolcation“, also der Suche nach erfrischenden Urlaubserlebnissen in den Bergen, wird sich weiter abzeichnen. Dabei dreht sich alles rund ums Wasser, wie beispielsweise am Themenweg „Wilde Wasser“ in Schladming oder bei der Wörschachklamm. Kulinarische und authentische Erlebnisse sowie Regionalität gewinnen ebenfalls an Bedeutung. Das Persönliche und Echte wird noch stärker in den Mittelpunkt rücken.

Klamm, Klammsteig und Wasser
Die wildromantische Wörschachklamm mit ihren imposanten Felswänden, Steigen und Wasserfällen ist ein wahres Naturdenkmal. Foto: Tritscher

Wie bereitet sich die Region auf den Klimawandel vor?

Die Region begegnet den Herausforderungen des Klimawandels mit innovativen Ideen und konkreten Lösungsansätzen. Im Rahmen unserer Roadmap 2035 wurden zwölf zentrale Handlungsfelder definiert, die eine nachhaltige und klimafitte Weiterentwicklung der Region vorantreiben. Dazu zählen neue Angebote für heißere Sommer und schneeärmere Winter sowie der Umgang mit Extremwetterereignissen.

Ein konkretes Beispiel dafür sind die Sonnseiten-Trails: Wenn rund um Ostern auf der Sonnseite kein Schnee mehr liegt, bieten sie eine attraktive Alternative zum klassischen Wintersport. Fällt Ostern mitten in die Übergangszeit, kann man am Vormittag noch Skifahren und am Nachmittag bereits auf den Trails biken. Die Bike- und Wanderangebote werden erweitert, um die Outdoorsaison nahezu ganzjährig attraktiv zu gestalten. Natur-, Klima- und Umweltschutz stehen dabei im Einklang mit dem Tourismus.

Welche Rolle spielen Digitalisierung und neue Technologien im Gästeerlebnis?

Digitalisierung begleitet heute die gesamte Customer Journey – von der ersten Inspiration bis lange nach dem Urlaub. Gäste entdecken Regionen über Social Media, KI-Tools oder digitale Inhalte, buchen online, nutzen Apps und digitale Karten vor Ort und bleiben über Clubs, Newsletter oder personalisierte Angebote mit der Region verbunden. Neue Technologien und KI verändern dabei bereits heute massiv, wie Gäste suchen, Informationen konsumieren und Urlaub wahrnehmen. Relevante Inhalte, aktuelle Informationen und eine starke digitale Präsenz sind damit zentrale Erfolgsfaktoren für Sichtbarkeit. Und trotzdem bleibt eines unverändert wichtig: echte Gastfreundschaft, persönliche Begegnungen und Menschen, die Erlebnisse besonders machen.

Was genau ist die Kleinvermieterakademie, und welches Ziel verfolgt sie?

Mit der Kleinvermieterakademie haben wir im vergangenen Jahr gestartet. Für mich ist das ein echtes Herzensprojekt, weil es uns sehr wichtig ist, die Klein- und Mittelbetriebe in der Region gezielt zu unterstützen und in ihrer Weiterentwicklung zu stärken. In der Kleinvermieterakademie, die in dieser Form einzigartig ist, wird praxisnah in verschiedenen Kursen gezeigt, wie Gastgeber ihren Betrieb erfolgreich weiterbringen können. Diese Betriebe prägen mit ihrer Vielfalt das touristische Angebot und tragen entscheidend dazu bei, dass sich so viele Gäste für einen Urlaub in Schladming-Dachstein entscheiden.

Viele Damen lachen in die Kamera
Die Vermieterakademie richtete sich an Klein- und Mittelbetriebe mit bis zu rund 30 Betten und bot eine vielseitige Auswahl an Kursen. Foto: Marlene Eggmayr

Wo sehen Sie die Region Schladming-Dachstein im Sommertourismus in fünf bis zehn Jahren?

Uns geht es nicht um „immer mehr“ sondern um „immer besser“. Ein zentrales Thema bleibt für uns für die nächsten Jahre ganz klar der Qualitätstourismus. Wir wollen Angebote schaffen, die gleichermaßen Gäste begeistern und den Lebensraum für Einheimische bereichern. Dazu zählen eine hochwertige Infrastruktur, intelligente Besucherstromlenkung und der Schutz von sensiblen Naturbereichen.

Was sind die größten Herausforderungen – und wo liegen die größten Chancen?

Die größten Herausforderungen sehen wir im Klimawandel und auch in geopolitischen Entwicklungen. Deshalb setzt Schladming-Dachstein auf mehr Krisenresilienz, flexible Strategien und klimafitte Angebote für Sommer und Winter.

Die größten Chancen liegen in der familiären Betriebsstruktur, der starken regionalen Zusammenarbeit und der Vielfalt an nachhaltigen Qualitätsevents, die das Profil der Region weiter stärken.

Tina Tritscher
Tina Tritscher
Autorin | Steiermark
Ressorts: Life | Style, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich
tritscher@mut-magazin.at

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