Eine Momentaufnahme, die zur Metapher taugt: Seit Monaten geht die große, zentrale Uhr über dem ebenso beliebten wie bevölkerten Benediktiner Markt falsch. Mittlerweile sorgt die Klagenfurter Zeitverschiebung schon in den sozialen Medien für Belustigung – doch die Stadtverwaltung bringt das Interesse, das Pflichtbewusstsein und das Geld nicht auf, für die Reparatur zu sorgen. Mit mutigen Vorschlägen will jetzt der Unternehmer Franz Ahm die Landeshauptstadt wieder auf eine angemessene Flughöhe bringen.
Über dem Markt ist die Zeit nicht stehengeblieben, aber hier gehen die Uhren falsch. Was wie eine Randnotiz klingt, erzählt viel über den Zustand einer Stadt, die sich zwischen satter Selbstzufriedenheit und strukturellem Stillstand eingerichtet hat. Während andernorts längst an Zukunftsräumen geplant und gebaut wird, wirkt Klagenfurt, als wäre es aus der Zeit gefallen. Hier setzt Franz Ahm an: Er ist Unternehmer, Netzwerker und Bezirksgruppenobmann des Wirtschaftsbundes Klagenfurt – vor allem aber jemand, der die Stadt nicht kleiner denkt, als sie sein könnte. Für ihn ist die kaputte Uhr kein Ärgernis, sondern ein Symptom: „Klagenfurt ist ein Wirtschafts- und Lebensstandort, der mit anderen im Alpen-Adria-Raum in engem Austausch, aber auch im Wettbewerb steht. Sie alle entwickeln sich weiter, während hier der Stillstand regiert. Wir diskutieren zu viel im Kleinen und verlieren dabei das große Bild aus den Augen.“

Bahnhof als Mittelpunkt der „Station City“
Dieses große Bild hat längst einen Namen: Koralmbahn. Mit ihr rückt Klagenfurt plötzlich ins Zentrum einer neuen Wirtschaftsachse zwischen Graz und dem Alpen-Adria-Raum. Was bisher Peripherie war, wird zur Schnittstelle. Doch Infrastruktur allein macht noch keine Zukunft – sie muss übersetzt werden in Raum, Nutzung, Dynamik. An dieser Stelle kommt Ahms Vorschlag einer „Station City“ ins Spiel: ein urbanes Entwicklungsgebiet rund um den neuen Koralmbahnhof, das Arbeiten, Wohnen, Mobilität und Innovation verbindet. Der Begriff ist bewusst gewählt: Es geht nicht um ein weiteres Bauprojekt, sondern um einen Perspektivenwechsel weg vom verstreuten Denken in Einzelmaßnahmen hin zu einem klar definierten urbanen Zentrum, das internationale Maßstäbe anlegt. Ein Ort, an dem Unternehmen andocken, Talente bleiben und neue entstehen. Kurz: ein zweiter Taktgeber neben der historischen Innenstadt.

Standort im Wettbewerb
Und doch zeigt sich gerade hier die provinzielle Ambivalenz. Während die Chancen auf dem Tisch liegen, bleibt die Umsetzung zäh. Zuständigkeiten sind verteilt, Entscheidungswege lang, der politische Mut begrenzt. Visionen werden schnell als zu groß, zu teuer oder zu unrealistisch abgetan. Dabei wäre genau das Gegenteil notwendig: der Wille, sich an ambitionierten Projekten zu messen. Ahm: „Nova Gorica/Gorizia war Kulturhauptstadt Europas 2025. Graz war 2003 als erste österreichische Stadt alleinige Kulturhauptstadt Europas und präsentierte sich mit rund 6.000 Veranstaltungen und 108 Projekten als dynamische Kulturmetropole. Das Projekt lockte 2,8 Millionen Besucher an, pushte nachhaltig den Tourismus und hinterließ architektonische Wahrzeichen wie die Murinsel und das Kunsthaus. Unsere Vorschläge mögen hierzulande für manche futuristisch klingen – aber es muss allen klar sein: Das ist das Umfeld, in dem wir uns bewegen. Hier findet der Wettbewerb um Menschen, um Betriebe, GründerInnen, Investitionen, um Lebensqualität und Entwicklungschancen statt. Mit dem Anspruch einer verschlafenen Kleinstadt, die weder ihre Straßen noch ihre Kunstszene erhalten kann, werden wir da nicht weit kommen.“
Zukunft urbaner Mobilität
Aus dieser Überzeugung heraus wagt sich Ahm auch an das Tabu, über die Wiedereinführung einer „Straßenbahn“ nachzudenken. Drei Linien stehen im Raum: vom Hauptbahnhof über die Innenstadt bis zum Wörthersee, in den Norden Richtung Annabichl und Wölfnitz sowie in den Osten nach Welzenegg und Hörtendorf. Was heute wie ein nostalgischer Rückgriff wirkt, ist in Wahrheit ein hochmodernes Mobilitätskonzept. Städte in ganz Europa investieren wieder in schienengebundene Systeme – weil sie effizient, klimafreundlich und stadtbildprägend sind. Ahm: „Die vorhandene Straßenbahn musste in den Sechzigerjahren dem zunehmenden Autoverkehr weichen. Heute wissen wir, dass die Zukunft der urbanen Mobilität schienengebunden und elektrisch ist. Viele Städte Europas errichten neue Straßenbahnen, andere bauen vorhandene Netze aus. Wir müssen raus aus dem Retro-Mode!“

Raus aus dem Retro-Mode
Die Stadt habe alle Voraussetzungen – Lage, Lebensqualität, Zuwanderung, wirtschaftliche Substanz. Was fehle, sei die strategische Klammer, die aus einzelnen Projekten ein Gesamtbild formt. Einen Diskussionsprozess darüber will Ahm mit seinen Vorschlägen anstoßen: „Die kaputte Marktuhr wird sonst zum Sinnbild einer Stadt, die hintennach ist, die Rückstand hat. Wir sollten im Gegenteil der Zeit voraus sein und als Landeshauptstadt den Takt vorgeben!“
