Netzraum Kärnten: Land am Strome, zukunftsreich

Wie eine Hochspannungsleitung zum Rückgrat für Wirtschaft, Energiewende und Lebensqualität im Süden wird.

Kärnten gilt als Land der Seen, Berge und Lebensqualität. Doch während viele auf die landschaftliche Schönheit blicken, entsteht im Hintergrund ein Projekt, das über die Zukunft des Wirtschafts- und Lebensraums im Süden Österreichs entscheidet: der Netzraum Kärnten. Hinter dem Technikerjargon steht ein Schlüsselinvestment in Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit – und in eine erfolgreiche Energiewende.

Ein Netz, das verbindet

Das Ziel ist klar: Der südliche Netzraum Österreichs – Kärnten und Osttirol – soll vollständig mit einer 380-kV-Ringleitung erschlossen werden. Zwischen Lienz und Obersielach entsteht damit eine der wichtigsten Stromverbindungen des Landes. Heute ist der Süden noch eine Art „Energieinsel“: begrenzte Leitungen, eingeschränkte Lastflüsse, hohe Abhängigkeit von wenigen Trassen. Ein durchgängiges, ringförmiges Hochspannungsnetz schafft hier Abhilfe – es stärkt das Rückgrat des Systems, sorgt für Stabilität und macht Kärnten fit für die Zukunft.

„Die Energiewende braucht Netze, die mitwachsen“, heißt es seitens der Austrian Power Grid (APG), die das Projekt gemeinsam mit der Kärnten Netz GmbH umsetzt. Ohne leistungsfähige Stromverbindungen können viele gute Ideen – von Photovoltaik bis E-Mobilität – nicht Wirklichkeit werden. „Es gibt keine Alternative zum Bau, wenn die Energiewende geschafft und die Netzstabilität und damit die Versorgung nicht gefährdet werden soll“, stellt APG-Vorstand Gerhard Christiner klar.

IV-Präsident Timo Springer und WK-Präsident Jürgen Mandl
Die Wirtschaft steht hinter dem Netzraum Kärnten: Timo Springer (IV) und Jürgen Mandl (WK). Foto: Helge Bauer

Leitungskorridor festgelegt

Vor wenigen Tagen haben APG und Kärnten Netz GmbH die sogenannte Grobtrasse vorgestellt: eine erste räumliche Vorplanung für die Leitung zwischen Lienz (Osttirol) und Obersielach (Unterkärnten). Die Grobtrasse erstreckt sich über rund 190 km und bindet 36 Gemeinden ein. Interessant: Über eine Strecke von etwa 173 km ist die Mitführung einer 110-kV-Leitung vorgesehen, d. h. das 110-kV-Verteilnetz wird integrativ mit dem 380-kV-Korridor gebündelt. Danach können 140 bestehende Leitungskilometer im Mittelspannungsnetz abgebaut und der Landschaft zurückgegeben werden.

Mit der Veröffentlichung der Grobtrasse beginnt nun ein intensiver Beteiligungs- und Prüfprozess – bis Ende 2026 soll die Feintrasse definiert werden (mit Maststandorten, Zufahrtswegen etc.). Eine UVP mit 23 Einzelverfahren, geologische Gutachten, ökologische Erhebungen und lokale Dialoge sind Teil dieses Rahmens. „Diese Vorgehensweise – zuerst Grobtrasse, dann exakte Feinplanung – ermöglicht, dass Mensch, Landschaft und Technik gleichermaßen berücksichtigt werden können“, unterstreicht APG-Projektleiter Wolfgang Hafner.

Mehr Power für den Wirtschaftsstandort

Strom ist längst mehr als Licht und Wärme – er ist das Lebenselixier moderner Produktion. Für Kärntner Betriebe bedeutet ein stabiles Hochspannungsnetz vor allem eines: Planungssicherheit. Industrieunternehmen, Maschinenbauer oder Rechenzentren brauchen konstante Spannung und genügend Netzkapazität. Fällt der Strom aus, steht die Wertschöpfung still. Mit dem Ausbau des Netzraums Kärnten entsteht die Grundlage, um auch energieintensive Betriebe anzusiedeln – vom Halbleitersektor über die Metallverarbeitung bis zur Datenwirtschaft. Wer hier investiert, kann auf Versorgungssicherheit setzen – und das ist in Zeiten globaler Energieverunsicherung ein vielleicht entscheidender Standortvorteil.

Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Mandl: „Ein Modernisierungsschub für die in die Jahre gekommene Strominfrastruktur ist die Voraussetzung für die nachhaltige, dezentrale Energieproduktion, für sichere Produktion und den Wohlstand von morgen. Ohne moderne Leitungen riskieren wir Versorgungsengpässe und damit auch unsere Wettbewerbsfähigkeit. Mit dem Ausbau der Stromversorgung treiben wir Innovation, Investitionen und die Energiewende in Kärnten voran. Damit sichern wir Wertschöpfung und hochqualifizierte Arbeitsplätze im Land“, betont Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Mandl.

Grafik, um die Grobtrasse zu veranschaulichen
Übersicht zur Grobtrasse

Motor der Energiewende

Ohne Netze keine Energiewende – dieser Satz gilt nirgends so sehr wie im Süden Österreichs. Kärnten produziert bereits heute viel Strom aus Wasser- und Sonnenkraft. Doch die regionale Netzinfrastruktur stößt an Grenzen: Es fehlt an Kapazität, um den grünen Strom flexibel ins österreichweite Verbundnetz einzuspeisen.

Der neue 380-kV-Korridor schafft die nötige Leitungsfreiheit für erneuerbare Energie, verhindert Netzengpässe und senkt Systemkosten. Das heißt: weniger Eingriffe ins Netz (Redispatch), mehr Effizienz, weniger CO₂. Auch die Sektorkopplung – also das Zusammenspiel von Strom, Wärme und Mobilität – wird durch das Projekt möglich. Speicher, Wasserstofftechnologien und Großanlagen brauchen starke Netze. Genau das liefert der Netzraum Kärnten.

„Die Kärntner Industrie ist das Rückgrat unseres Wirtschaftsstandortes. Sie braucht eine leistungsfähige und zunehmend umweltschonende Energieversorgung, gleichzeitig ist die sichere und stabile Versorgung für die Industrie nicht verhandelbar. Elektrifizierung, Automatisierung und neue Technologien lassen den Strombedarf auch in Kärnten spürbar ansteigen. Der Netzausbau ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, erklärt IV-Kärnten-Präsident Timo Springer.

Energie, die Lebensqualität schafft

Ein stabiles Stromnetz bedeutet nicht nur wirtschaftliche Stärke, sondern auch Lebensqualität. Denn Versorgungssicherheit ist die Basis für funktionierende Haushalte, Krankenhäuser, Schulen und digitale Infrastruktur. Zudem profitieren Regionen direkt: Bau, Wartung und Planung schaffen Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Kärnten. Gemeinden entlang der Trasse gewinnen Aufträge und Einnahmen. Und: Eine effiziente Netzinfrastruktur reduziert langfristig Kosten für StromkundInnen – weil weniger Eingriffe, Umleitungen und Netzverluste bezahlt werden müssen. Klimaschutz und Leistbarkeit gehen hier Hand in Hand.

Transparenz und Verantwortung

Natürlich ist ein Großprojekt dieser Dimension kein Selbstläufer. Fragen zum Landschaftsbild, zum Natur- und Artenschutz oder zu den betroffenen Grundstücken müssen ernst genommen werden. Die Kärntner Landesregierung betont daher, dass nicht die billigste, sondern die bestmögliche Trassenführung umgesetzt werden soll – technisch, ökologisch und gesellschaftlich. Eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) mit 26 Fachbereichen begleitet das Vorhaben. Bürgerinnen und Bürger, Gemeinden und Interessensvertretungen können sich aktiv einbringen: Rund 90.000 Haushalte in den betroffenen Gemeinden werden in den kommenden Wochen und Monaten eingeladen, sich zu informieren.

Zwischen 6. und 16. Oktober 2025 fanden acht regionale Infomessen statt, um Fachleute, Betreiber und BürgerInnen miteinander ins Gespräch zu bringen. Nur so lässt sich Akzeptanz schaffen – und das Projekt als gemeinsamer Erfolg gestalten. Mandl: „Kärnten hat mit seinen zahlreichen Wasserkraftwerken den Grundstein für eine saubere Energieversorgung gelegt. Jetzt geht es darum, diesen Vorsprung mit modernen Netzen abzusichern.“

Ein Projekt mit Weitblick

Der Netzraum Kärnten ist mehr als eine Stromleitung. Er ist ein Symbol für das, was Kärnten im 21. Jahrhundert auszeichnet: Weitsicht, Innovationskraft und Verantwortung für kommende Generationen. Mit der Verbindung von Wirtschaft, Energie und Lebensqualität entsteht ein Fundament, das weit über technische Infrastruktur hinausgeht.

Denn wer den Süden stärkt, stärkt ganz Österreich. Der Ausbau der Strominfrastruktur sichert die Energieversorgung, treibt die Energiewende voran und verbessert langfristig die Lebensqualität im Süden.

Das Projekt in Zahlen

Projektname: Netzraum Kärnten
Verantwortlich: Austrian Power Grid (APG)
Ziel: Vollständige Anbindung des südlichen Netzraums (Kärnten & Osttirol) an das österreichische 380-kV-Höchstspannungsnetz

Trassenverlauf:

  • Verbindung Lienz (Osttirol) – Obersielach (Bezirk Völkermarkt)
  • Gesamtlänge rund 110 Kilometer
  • Anbindung an bestehende 380-kV-Leitung Dürnrohr – Südburgenland – Koralpe

Spannungsebenen:

  • 380 kV (Höchstspannung, überregional)
  • 110 kV (Verteilnetzebene, regional)

Projektvolumen:

  • Geschätzte Investition: über 300 Millionen Euro
  • Inbetriebnahme: schrittweise ab 2033
  • Begleitmaßnahmen: umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) mit 26 Fachbereichen

Wirtschaftliche Effekte:

  • Hohe regionale Wertschöpfung durch Planung, Bau und Betrieb
  • Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen in Bauwirtschaft, Elektrotechnik, Planung und Wartung

Energiepolitische Bedeutung:

  • Stärkung der Versorgungssicherheit im Süden Österreichs
  • Voraussetzung für Integration erneuerbarer Energien
  • Beitrag zur Netzstabilität im Alpenraum und zur Klimaneutralität 2040

Zeitplan:

  • Projekt in Vorbereitung / Genehmigungsphase
  • Umsetzung nach Abschluss der UVP und Beteiligungsverfahren

Beteiligung:

  • Transparenter Dialog über partizipation.apg.at
  • Einbindung von Gemeinden, GrundeigentümerInnen und BürgerInnen
Balken-Grafik zum Energieaustausch
© APG

APG Netz Rückgrat für die sichere Stromversorgung aller Regionen

Über das regionale Stromnetz der APG wird auch der Energieaustausch innerhalb des Landes ermöglicht. Stromüberschüsse der einzelnen Bundesländer können dadurch österreichweit verteilt und Defizite kompensiert werden. In Niederösterreich (361 GWh) und in Tirol (297 GWh) wurden im August die höchsten Energiemengen in das APG-Netz eingespeist und damit österreichweit zur Verfügung gestellt. Von Wien (480 GWh) und Kärnten (179 GWh) wurde der meiste Strom aus dem APG-Netz bezogen.

Peter Schöndorfer
Peter Schöndorfer
Autor & Podcaster | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Menschen | Meinungen, Nah | Fern
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