Narrenhochburg mit Anspruch

Das total ausverkaufte 31. Bleiburger Faschingskabarett der Kulturinitiative KIB ist ein Wirtschaftsmotor für die Region und spielt Geld für das laufende Kulturprogramm ein. Auch deshalb ist Bleiburg keine Abwanderungsgemeinde.

KIB-Obmann Arthur Ottowitz führt uns hinunter in die Katakomben des Bleiburger Grenzlandheims. Künstlergarderoben, Maske, Buffett – schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung herrscht hier reges Treiben. Ein Teil der Combo, die uns wenig später alle regelrecht aus den Sesseln reißen wird, spielt sich ein oder glüht vielmehr vor. Ein Geburtstag wird gefeiert und man trinkt sich für den am nächsten Tag geplanten Besuch des Villacher Faschings Mut an. Zwischendurch huschen ein paar fertig für die erste Nummer kostümierte Darstellerinnen durch den Raum. Die Maske ist nur durch einen Vorhang vom Buffett getrennt. Eintritt? Natürlich streng verboten!

Dann erscheint ER, „Fipo“ Hainz, seines Zeichens Senior-Chef des Eisenwarenunternehmens „Der Zwick“, gleichzeitig Leiter dieses beachtlichen Faschingsunternehmens. Schwarz gewandet und nur im Gesicht weiß geschminkt, meint man fast Gustav Gründgens als legendären Mephisto in Goethes Faust vor sich zu haben. Tatsächlich gibt das eiserne Gründungsmitglied sowohl der Kulturinitiative Bleiburg als auch des Faschingskabaretts wenig später im Sketch „Hallo…wie“ kurz den Sensenmann. Seinen großen Auftritt als Pensionist bei der Vorsorgeuntersuchung hat er dann erst nach der Pause.

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Tragende Säulen des Bleiburger Faschingskabaretts: Leiter „Fipo“ Hainz und KIB-Obmann Arthur Ottowitz, Foto: Gilbert Waldner

Alle strengen sich doppelt an

Es ist diese offenbar unwiderstehliche Mischung aus mitten im regionalen Leben stehenden Darstellerinnen und Darstellern mit ungeahnten Talenten und schmissiger, dabei hochprofessionell dargebotener Musik, die wohl den Reiz dieses Bleiburger Faschingskabaretts ausmacht. Anders als in so manch anderer Gemeinde ist man hier bereit, die Extra-Meile zu gehen, sich in allem doppelt so sehr anzustrengen. Dazu gehören zumeist wohl überlegte und jedenfalls anständig gelernte Texte, professionelle Ton- und Lichtregie, Hilfstruppen, die während kurzer Musikbrücken die Bühne umbauen, aufwändig gestaltete Videoanimationen usw. usw. Das Ganze macht so gar nicht den Eindruck einer improvisierten Schulaufführung. Fipos Tochter Johanna ist professionelle Schauspielerin und zeichnet für die Regie verantwortlich. Die andere Tochter, Magdalena, ist direkt in die Fußstapfen ihres Vaters getreten: Sie hat den elterlichen Betrieb übernommen und spielt auch gleich in mehreren Sketches mit. Dabei ist die Familie Hainz beileibe nicht die einzige, die sich hier generationenübergreifend ins Geschehen wirft.

Hunderte auf Warteliste

Wir begeben uns hinauf in den Gastronomiebereich des Grenzlandheims und treffen Stefan Breznik, ebenfalls Gründungsmitglied der Kulturinitiative, Wirt und Hotelier. Auch er ist kulturaffin, hat aber natürlich immer das Geschäft im Hinterkopf. Gemeinsam mit Ottowitz setzt er die ökonomischen Bausteine dieser heuer bereits in der 31. Auflage laufenden Institution im Kärntner Fasching zusammen: 16 Vorstellungen, also deutlich mehr als in Villach (10) oder Klagenfurt (9). Mit jeweils 370 zahlenden Gästen ist jede einzelne Vorstellung komplett ausverkauft. Hunderte lauern in Wartelisten auf mögliche Ausfälle. Es ist fast wie beim Eurovision Songcontest. Keine zwei Stunden nach Öffnung der Ticket-Hotline sind alle Karten weg.

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DarstellerInnen, MusikerInnen und Technikpersonal: Alle Beteiligten am Bleiburger Faschingskabarett. Foto: KIB

Kulturinitiative subventioniert sich selbst

Allein daraus lukriert der Verein heuer rund 280.000 Euro brutto an Einnahmen. Davon gehen Spesen und Honorare etwa für einen Teil der Musikerinnen und Musiker weg. Alles, was an Bühnenmaterial, für die Bewerbung oder an sonstigen Dienstleistungen benötigt wird, organisiert man in erster Linie im Ort oder in der Region. Die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne arbeiten allerdings rein ehrenamtlich. So bleibt trotz insgesamt 70 Beteiligten auch ein ordentlicher Batzen Geld übrig, wie Ottowitz verschmitzt einräumt. Der wird dann allerdings nicht verteilt, sondern reinvestiert. Und zwar in das laufende Kulturprogramm: Info hier. Die Kulturinitiative subventioniert sich also quasi selbst. Anders könnte man sich Top-Acts wie jenen des legendären Jazzrock-Drummers Billy Cobham, der am 16. Mai 2026 im Grenzlandheim seinen 82. Geburtstag feiern wird, wohl kaum leisten.

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Wirt Stefan Breznik betreut die Gastronomie im Grenzlandheim. Foto: Gilbert Waldner

Logistik ist alles

Stefan Breznik war von Anfang an als Gastronom an Bord und hat zwischendurch ganz schön Lehrgeld gezahlt. Er habe zunächst ziemlich erfolglos versucht, Getränke und sogar Speisen im gedroschen vollen Veranstaltungssaal zu servieren. Das störte den Ablauf, führte zu langen Wartezeiten und unzufriedenen Gästen. Der hohe Personaleinsatz brachte ihm Verluste ein, bis er alles umstellte. Heute holen sich die Gäste ihre Speisen und Getränke selbst im Gastro-Bereich ab, was trotz geringerem Personalaufwand (10 Leute) rasch und fast reibungslos funktioniert. Logistik ist alles. Der Chef selbst zapft im Akkord Bier – stets mit einem Lächeln.

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Highlight des Bleiburger Faschingskabaretts: die Combo. Foto KIB

Alleinstellungsmerkmal

Aber das Faschingskabarett wirkt sich zunehmend auf Brezniks Stammhaus aus. Weil immer mehr Auswärtige nach den Vorstellungen nicht mehr heimfahren wollen, sind auch seine Hotelbetten am Hauptplatz in Bleiburg gut belegt – Abendessen vor der Show inklusive! Er und Ottowitz sind sich einig, dass sich Bleiburg mit seinem Faschingskabarett in der touristischen „Saure-Gurken-Zeit“ zwischen Neujahr und den Semesterferien eine Art Alleinstellungsmerkmal erkämpft hat. Sowohl die Sketches als auch die Musikbrücken decken ein weites Panorama unterschiedlicher Geschmäcker ab. Ein bisschen Politik (Ex-Finanzminister Grasser und Immobilientycoon Benko im Häfen), ein bisschen Lebensstil (Alles Bio?, Vorsorge), ein bisschen Aktuelles (Songcontest) und viel Beziehungskiste mit zwar persiflierten aber ziemlich üblichen Mann-Frau-Rollenklischees.

Die Musik reicht von der Operette über Hardrock, Techno, Schlager, Polka bis zu Popballaden und Jazz. Egal was die wunderbare, heuer von Bassist Stefan Thaler geleitete Combo angreift, es zündet. Das sind bei weitem nicht nur Umbaubrücken zwischen den einzelnen Nummern, das sind echte Highlights – nicht nur, wenn der Obmann der Kulturinitiative selbst in die Tasten seines Akkordeons greift oder mit einer seiner zahlreichen Mundharmonikas soliert.

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Der Sketch „Im Häfen“ mit Ex-Finanzminister Grasser und Immobilientycoon Benko. Foto: KIB

Volks- und Hochkultur

Ottowitz repräsentiert so stimmig das, was man heute fast nur noch in Bleiburg findet: den Spagat zwischen Volks- und Hochkultur, der hier so mühelos gelingt. Gerade eben hat der Kärntner Kulturpreisträger 2023 mit seiner „Harp“ die international aufsehenerregende Ausstellung „noble Begierden“ im Palais Liechtenstein in Wien eröffnet, gleich anschließend spielt er in der Faschingscombo. Einerseits zeichnet er als Marktmeister für die Organisation des bodenständigen Bleiburger Wiesenmarkts verantwortlich, andererseits aber auch als Leiter des Werner Berg Museums für weit über die Grenzen des Landes attraktive Sonderausstellungen. Da werden die stark mit der Südkärntner Landschaft und ihren Menschen verbundenen Bilder des ursprünglich deutschen Expressionisten mit internationalen Größen wie zuletzt Pier Paolo Pasolini, oder vorher auch Gottfried Helnwein kombiniert, was Zehntausende ins Unterland lockt. Die heurige Ausstellung steht unter dem Titel „Mikrokosmen“ und stellt Werner Berg Mercedes Helnwein und Alberto Giacometti gegenüber. Infos hier

„Der Friedhof in New York ist doppelt so groß wie Bleiburg. Dafür ist Bleiburg doppelt so tot.“ Philipp Hainz

Zum Narren machen?

Im ersten Teil des heurigen Faschingskabaretts begibt sich die „Frau Mally“ alias Silvana Kert im melodiösem Unterkärntner Singsang voller weicher Konsonanten nach Wien, wo sie – schadenfroh belacht – von einem Fettnäpfchen ins andere hüpft. Darin liegt so viel sympathisches Selbstbewusstsein aber auch eine gewisse Koketterie. Denn die Bleiburger und wir alle im Publikum wissen es natürlich besser. Ähnlich klingt es, wenn Fipo Hainz später ziemlich deftig folgenden Vergleich anstellt: „Der Friedhof in New York ist doppelt so groß wie Bleiburg. Dafür ist Bleiburg doppelt so tot!“ Eine wohl nur im Fasching erlaubte böse Ironie, die im Gegensatz zu vielen peripheren Abwanderungsgemeinden in Kärnten gar nicht stimmt.

Im Jahr 2013 hatte das Städtchen am Fuß der Petzen 3918 Einwohnerinnen und Einwohner. 2025 waren es schon 3983. Mit der Koralmbahn rückt man näher an die vielversprechende neue Wirtschaftsachse zwischen den Großräumen Graz und Klagenfurt/Villach heran. Wäre doch gelacht, wenn sich dieses schmucke Städtchen mit seinen umtriebigen, weltläufigen und kulturaffinen Bürgerinnen und Bürgern da nicht wieder ganz vorne positionieren würde. Zum Narren wird man sich sicher nicht machen – jedenfalls nicht im übertragenen Sinn.

Noch mehr Lust auf Fasching? Hier geht’s zur steirischen Variante im Ausseerland.

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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