Ihnen kann ich’s ja verraten: Ich habe eine Frau kennengelernt. Nicht auf irgendeinem Schmuddelkanal, sondern ganz offiziell auf LinkedIn. Ich hatte mein Profil ein wenig ergänzt, und plötzlich war sie da. „Hi Peter, welcome to join my online world. Does communicating in English cause you trouble?“ Schneller Klick aufs Profil: attraktive Blondine um die 30, gut gekleidet, schöner Schmuck, geschmackvolle Umgebung. Ein Eindruck, der Männerherzen höherschlagen lässt. Auch verheiratete.
Joely ist Engländerin und arbeitet im Energiesektor. King’s College, London Business School. Nein, ein bisschen Konversation auf Englisch macht überhaupt keine Probleme. „Hi Joely, not at all. But what are we communicating about?“ Zum Beispiel darüber, weshalb wir überhaupt miteinander reden: „Good, your English is very good. As for the topic we are discussing, I would first like to know why you are on my potential friends list?“, schreibt sie
London or Paris?
Ich habe keine Ahnung, wie ich auf Miss Englands Freundesliste geraten bin, und will auch keinen peinlichen Eindruck machen. „To be honest, I’ve no idea. I wish you a sucessful week. Bye, Peter“. Das war’s dann auch schon mit der unbekannten Schönheit. Doch es tritt das elfte Gebot ein: Du sollst dich nicht täuschen. Das Fräuleinwunder aus dem vereinigten Königreich lässt nicht locker: „Well, have you been to London or Paris recently?“
Damit kann ich nicht dienen, aber gänzlich provinziell geschlagen geben will ich mich auch nicht. „I’m afraid not, only Bahrain and Brussels. London and Paris would have been more glamorous, I think. Obviously you have been there. Did you enjoy your stay?“ Ein bisserl Small Talk kann ja nicht schaden. Sie spielt mit: „Okay, maybe there’s something wrong with LinkedIn’s algorithm, pushing you to my potential connections list. London and Paris are certainly charming cities with unique cultures, and I’ve thoroughly enjoyed living there. I recommend exploring them in your free time.“

Ich lese den leisen Vorwurf zwischen den Zeilen. Was hat der Schluchtenscheißer auf der Kontaktliste der Wucht vom Westend zu suchen? „I promise I didn’t impose myself. ;-)“, versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen. Tschüss, war nett. Aber zum zweiten Mal ist sie es, die dranbleibt: „Don’t worry, I’m always happy to meet great people from different fields. So do you live and work in Klagenfurt?“
Wo kämen wir hin
Öha. Als junger Mann hätte mir das offensichtliche Interesse dieses Mörderhasen enorm geschmeichelt, als fast 60-jähriger Journalist weckt es Skepsis. Aber wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge, hat der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti einmal gesagt. Also schauen wir, unverbindlich: „Klagenfurt is a small town near a lake called Wörthersee, embedded in an area we call the Alps Adriatic Region, where Austria, Italy and Slovenia meet. One hour into the mountains, two to the mediterranean sea. Where are you, if not London or Paris? Actually I explored both of them, but only as a tourist.“

Freundlich, aber unverbindlich bleibt auch sie: „It sounds like your town has a unique location. Perhaps I could explore Klagenfurt and get to know the local people and culture when I go skiing in Innsbruck before Christmas. Perhaps you could share more local information with me so I can get a general idea of what it’s like? Besides London and Paris, I frequently travel to various cities in the EU for business.“ Ich schicke ihr einen Link zu visitcarinthia.at, empfehle ihr das Hotel Hochschober – und schau mir ihr LinkedIn-Profil noch einmal genauer an. Drei Fotos, ein paar repostete Beiträge, ein wenig Berufserfahrung, aktuell „Non Executive Director“ – aber nirgends finde ich Fotos oder andere Spuren von Joely Thomas, die – so steht es da – das Unternehmen „EnergyServ“ seit sechs Jahren gegenüber Shareholdern, Stakeholdern, Regierung und Kunden vertritt, „to foster good relationships and trust.“
The Adriatic Friend
Mein Vertrauen in Joely schwindet eher. Dafür scheint die Wirkung meines schriftlichen Charmes zuzunehmen: Plötzlich kündigt Joely ihren Besuch in Klagenfurt noch vor Weihnachten an, sie möchte mich zum Essen einladen und die regionalen Spezialitäten kennenlernen. Ich stelle ihr natürlich sofort einen Ausflug in die kulinarischen Köstlichkeiten der Alpen-Adria-Region zwischen Hausmannskost und Mittelmeeresfrüchteküche in Aussicht, was unsere junge Freundschaft auf ein neues Level hebt. „Wow, that’s great! I’m so happy to meet such a warm and friendly Adriatic friend here. LinkedIn isn’t the best way to connect, though. I suggest we add a common contact method to keep in touch so I can easily get more information about the local area through you. What do you think?“
Wir landen also kurzerhand auf WhatsApp, und schon am selben Abend schickt mir meine neue Freundin ein Foto vom London Eye: „As night falls, London becomes a city of extraordinary romance. I’m taking a stroll along the Thames. Have you finished work and returned home?“ Das ist der Moment, in dem ich einen anderen Freund einschalte: ChatGPT. „Warum sollte eine hübsche Frau, die man auf LinkedIn zufällig kennenlernt, den Kontakt auf Whatsapp verlegen und dann abends ein Foto von einem romantischen Spaziergang an der Themse schicken?“, frage ich.
Gut möglich, dass die KI bei der Frage geschmunzelt hat. Die Antwort war weniger lustig: Was ich ihr geschildert habe, ist ein klassischer „Romance Scam“. Die Kontaktaufnahme erfolgt auf einer seriösen Plattform wie LinkedIn oder Instagram, das Gespräch wird aber rasch auf WhatsApp verlegt. Es folgen Fotos, Alltagserzählungen, schnell eine freundschaftlich oder romantisch wirkende Kommunikation. Nach einiger Zeit kommen subtile Themen wie „Investments“, „Krypto“, „Probleme im Ausland“, „Reisekosten“ oder „Kontosperrung“. Diese Masche trägt auch den schönen Namen „Pig Butchering“ – wörtlich übersetzt Schweineschlachtung.
Anfüttern und schlachten
Ich stelle ChatGPT den gesamten Gesprächsverlauf zur Verfügung. Die Einschätzung ist eindeutig: „Das ist ein mustergültiges Beispiel für einen professionell geführten Scam-Dialog, genauer gesagt für die ‚Pig Butchering‘- oder ‚LinkedIn Romance/Investment Scam‘-Masche.“ Die besorgte Frage nach den Englischkenntnissen ist ein beliebter Einstiegsschmäh. Der Wechsel zu WhatsApp ist für die Beurteilung durch die KI der entscheidende Schritt: Der Kontakt soll auf eine Plattform verlagert werden, auf der Betrüger freier agieren können (keine Meldefunktion, keine Moderation). „Sobald du dort bist, beginnt der Aufbau einer ‚Vertrautheit‘, oft mit Fotos wie dem London-Eye-Bild. Skifahren, Essen, Romantik, Reisen – all das sind emotionale Themen, die Nähe schaffen sollen. Danach folgt in 90 % der Fälle (innerhalb einiger Tage oder Wochen) ein Gespräch über Krypto, Aktien, Investments oder „einen Freund, der erfolgreich tradet.“

Ab dann kann es teuer werden. Der Schaden der „Anfüttern und schlachten“-Methode wird weltweit auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Regelrechte Betrugsfabriken vor allem in Asien knüpfen persönliche Beziehungen – bis die Fake-Identität ein Investment vorschlägt, bei dem sie selbst schon toll verdient hat. Einen Investment-Geheimtipp verrät, bei dem man unbedingt dabei sein muss. Oder einen Notfall vortäuscht, der finanzielle Hilfe erfordert. Oft geht es anfangs nur um kleine Summen, die – sogar mit Gewinn – zurückfließen. Bis der eigentliche Scam passiert und das Profil gelöscht, die WhatsApp-Nummer nicht mehr erreichbar und das Geld unwiederbringlich verschwunden ist.
Meine neue Freundin Joely muss jetzt ganz stark sein. Ich habe sie auf allen Kanälen blockiert und gemeldet. Und sollte sie tatsächlich nur eine gutaussehende, kultivierte junge Frau auf der Suche nach einem älteren, übergewichtigen Vater von drei Kindern sein: Es hätte ohnehin nichts aus uns werden können. Ich bin schon glücklich verheiratet.
Alle Fotos: LinkedIn, Joely Thomas
