Wenn in Brüssel über internationale Handelsabkommen diskutiert wird, klingt das für viele Unternehmer in Villach, Klagenfurt, Graz oder Kapfenberg zunächst weit weg. Doch das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten – Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay – hat das Potenzial, gerade für Kärnten und die Steiermark zu einem echten Exportturbo zu werden.
Sowohl Kärnten als auch die Steiermark leben wirtschaftlich vom internationalen Austausch. Maschinenbau, Automobilindustrie, Umwelttechnik, Holzverarbeitung und Elektronik – kaum eine Branche, die nicht stark exportgetrieben ist. Allein die Steiermark erwirtschaftet mehr als die Hälfte ihres Bruttoregionalprodukts im Auslandsgeschäft, Kärnten folgt dicht dahinter. Für diese Unternehmen bedeutet Mercosur vor allem eines: leichteren Zugang zu einem Markt mit über 260 Millionen Konsumenten. Ein Markt, der bislang durch hohe Zölle und bürokratische Hürden oft schwer zugänglich war. Nicht zuletzt deshalb wird dieses Abkommen von den Interessensvertretern begrüßt. „In einer Welt, in der Protektionismus und Abschottung zunehmen, kann die Antwort darauf nur regelbasierter Freihandel und neue verlässliche Partnerschaften sein“ , meint etwa IV-Präsident Georg Knill. „Das Mercosur-Abkommen muss nun rasch ratifiziert und umgesetzt werden, damit es seine Wirkung für Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit entfalten kann“ , so Knill.
Zölle runter, Chancen rauf
Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schulz stößt ins gleiche Horn: „Die Unterzeichnung des EU-Mercosur-Abkommens ist ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend ist nun, dass das Abkommen rasch ratifiziert wird… KMU sind das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Sie profitieren von klaren Regeln im internationalen Handel, dem Abbau von Zöllen und Bürokratie sowie besseren Marktzugangsbedingungen.“ Aktuell liegen die Importzölle in Südamerika auf europäische Industrieprodukte teilweise bei bis zu 35 Prozent. Für einen Maschinenbauer aus der Obersteiermark oder einen Anlagenbauer aus Kärnten macht das den Unterschied zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Preisnachteil. Mit dem Abkommen würden diese Zölle schrittweise wegfallen. Produkte „Made in Styria“ oder „Made in Carinthia“ könnten damit deutlich günstiger angeboten werden. Besonders profitieren würden:
- Automotive-Zulieferer
- Maschinen- und Anlagenbauer
- Umwelt- und Recyclingtechnologien
- Holz- und Papierindustrie
- Medizintechnik und Elektronik
Gerade für viele Hidden Champions, die in Lateinamerika bereits aktiv sind, könnte Mercosur zum Türöffner für neue Großaufträge werden.
Neue Märkte für Innovation
Südamerika steht vor massiven Investitionen in Infrastruktur, Energieversorgung, Mobilität und Umwelttechnik. Themen, bei denen steirische und Kärntner Unternehmen international zur Spitze gehören. Beispiel Energie: Der Ausbau erneuerbarer Energien in Brasilien und Argentinien eröffnet Chancen für Unternehmen aus dem Green-Tech-Cluster Steiermark. Turbinen, Steuerungssysteme, Wasserkraft-Know-how oder Abfallverwertungslösungen – alles Felder, in denen heimische Firmen führend sind. Auch im Bereich Bahntechnik, Logistik und Industrieautomatisierung entstehen neue Nachfragepotenziale. Für viele Mittelständler bedeutet das: größere Stückzahlen, langfristige Projekte und neue Partnerschaften.
Mehr Rechtssicherheit, weniger Bürokratie
Neben dem Abbau von Zöllen ist ein oft unterschätzter Aspekt die Rechtssicherheit. Einheitliche Standards, transparente Vergaberegeln und der Abbau technischer Handelshemmnisse erleichtern Geschäfte enorm. Für ein mittelständisches Unternehmen ist es ein großer Unterschied, ob es jedes Land einzeln regulativ erschließen muss – oder ob ein klarer gemeinsamer Rahmen gilt. Mercosur würde genau das schaffen. Die Kritik am Abkommen kommt häufig aus dem Agrarbereich. Tatsächlich wird Mercosur den Import bestimmter Lebensmittel erleichtern. Doch für Kärnten und die Steiermark überwiegen auch hier die Chancen. Regionale Qualitätsprodukte – Wein, Käse, Spezialitäten – könnten leichter exportiert werden. Gleichzeitig bleibt Europa durch strenge Umwelt- und Qualitätsauflagen geschützt. Für viele Betriebe bietet Südamerika sogar neue Absatzmärkte im Premiumsegment.
Vorteile für Kärnten und Steiermark
Oft wird bei Handelsabkommen nur an Konzerne gedacht. Doch gerade KMU profitieren besonders stark. Ein Maschinenbauer aus Wolfsberg oder ein Hightech-Start-up aus Graz kann plötzlich zu Konditionen anbieten, die zuvor nur großen Playern möglich waren. Auch Dienstleister – von Ingenieurbüros bis zu IT-Unternehmen – erhalten neue Möglichkeiten. Lateinamerika digitalisiert rasant und sucht europäisches Know-how. Jeder zusätzliche Exportauftrag bedeutet Arbeitsplätze in Leoben, Weiz oder Spittal an der Drau. Die Erfahrung zeigt: Regionen mit hoher Exportquote weisen höhere Einkommen, stabilere Beschäftigung und mehr Innovationskraft auf.
Mercosur ist daher nicht nur ein Abkommen zwischen Staaten, sondern ein konkretes Konjunkturprogramm für Industrieregionen wie die unsere. Dementsprechend groß war die Erleichterung in der Wirtschaft, als das Abkommen nach 25 Jahren Verhandlung endlich unterzeichnet worden war. „Die heutige Beschlussfassung zum EU-Mercosur-Abkommen war zweifellos mühsam und von intensiven Diskussionen begleitet. Umso größer ist meine Erleichterung, dass es letztlich gelungen ist, diesen wichtigen Schritt zu setzen“, ließ etwa WK-Kärnten Präsident Jürgen Mandl nach der Unterzeichnung verlauten.
Dass das MERCOSUR-Abkommen klarere Rahmenbedingungen und reduzierte Kosten für europäische Exporteure bringen werde, sieht auch ICS-Chef Karl Hartlieb. Auch in der Steiermark werde man quer durch alle Branchen einen Anstieg der Exporte sehen, ist er überzeugt. „Das Freihandelsabkommen beseitigt aber kurzfristig weder nicht-tarifäre Handelshemmnisse noch ändert es Wirtschaftspraktiken“, so Hartleb. „Beide Faktoren dämpfen sicherlich die möglichen positiven Effekte des Abkommens. Hier gilt es dann sicherlich weiterzuarbeiten, wobei gerade die Harmonisierung bzw. gegenseitige Anerkennung von Normen für unsere Tech-Exporteure besonders wichtig wären.“
Steiniger Weg zur Ratifizierung
Der Konjunktiv kommt dabei nicht von ungefähr, hat das Europäische Parlament doch beschlossen, das EU-Mercosur-Abkommen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) auf seine Vereinbarkeit mit den EU-Verträgen prüfen zu lassen. Dieser Schritt verzögert die Ratifizierung des Abkommens voraussichtlich um 16 bis 24 Monate. Ein Ärgernis, aber kein Hindernis, wie Experten befinden. Auch Karl Hartleb ist sich sicher, dass die Auswirkungen der Verzögerung sich in Grenzen halten werden – wesentlich sei nun einmal das Commitment: „Die Unterschrift unter das Mercosour-Abkommen alleine ist bereits eine ganz wichtige Ansage seitens zweier großer Wirtschaftsräume in Richtung Freihandel und rules based order – etwas was kleine Volkswirtschaften wie unsere dringend benötigen“, so Hartleb.
Da auch die nationalen Parlamente der südamerikanischen Partner-Länder dem Abkommen erst zustimmen müssten, ist er überzeugt, sei „ein rascher Beschluss über eine provisorische Anwendbarkeit des Abkommens seitens der EU Kommission nicht notwendig“, der diesbezügliche Druck einiger EU-Mitgliedsstaaten werde aber zunehmen. „Ich würde auch erwarten, dass der Fokus im Bereich der EU-Handelspolitik nun stark auf die rasche Implementierung des historischen Freihandelsabkommens mit Indien gerichtet wird, sodass es gut sein kann, dass man seitens der Kommission die EUGH-Entscheidung über das MERCOSUR-Abkommen abwarten wird, um es dann mit größerer rechtlicher Sicherheit zu implementieren.“
Ein Deal, der zu uns passt
Natürlich wird kein Handelsabkommen alle Probleme lösen. Doch für zwei Bundesländer, deren Wirtschaft stark, international und technologieorientiert ist, überwiegen klar die Vorteile. Mercosur eröffnet neue Märkte, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und schafft Perspektiven für Unternehmen aller Größen. Für Kärnten und die Steiermark könnte es eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Projekte der kommenden Jahre werden. Das Mercosur-Abkommen bietet ungeahnte Chancen für Kärnten und Steiermark – sie müssen nur genutzt werden.
Oder anders gesagt: Was für die Mur und die Drau gilt, gilt auch für die Wirtschaft – je freier der Fluss, desto stärker die Kraft.
