„Mein Bruder muss das Geld verdienen“

In Teil 2 unserer Serie über Kärntens Kunstmarkt spricht der größte private Sammler, Peter Liaunig, offen darüber, was es seine Familie kostet, ihr eigenes Museum zu betreiben. Dorotheum-Klagenfurt-Leiter Christian Tschuk hat es hingegen mit deutlich bodenständigerer Klientel zu tun.

Kennen Sie den Science-Fiction- Film „Dune“ (Der Wüstenplanet)“? Da graben sich diese riesigen Würmer durch den Wüstensand. Genau so wirkt das vom Architektenteam „querkraft“ geplante und 2008 eröffnete Museum Liaunig in Neuhaus/Suha, wenn man sich ihm vom Norden her über die Landesstraße nähert. Nur dass der Betonwurm hier eben durch den Hügel am Abhang der Drau geschlüpft zu sein scheint. Sein vorkragender „Kopf“ passt irgendwie zu Peter Liaunigs fröhlich-selbstironischer Bezeichnung „Geldvernichtungsmaschine“. Das Museum gehöre so zu den größten Arbeitgebern der rund 1000-Seelen-Gemeinde Neuhaus/Suha, betont Liaunig. Er selbst ist auch zur Hälfte bei der HL Museumsverwaltung GmbH angestellt und führt gemeinsam mit Elisabeth Wassertheurer die Geschäfte. Für den laufenden Betrieb wendet man jährlich rund eine halbe Mio. Euro auf. „HL“ steht übrigens für Herbert Liaunig, Peters Vater, den 2023 verstorbenen Unternehmenssanierer und Gründer des Museums. Obwohl man geneigt wäre, Peter Liaunig als hauptberuflichen Sammler zu bezeichnen, ist er eigentlich Architekt in Wien.

Mein Bruder muss das Geld verdienen
Leidenschaftlicher Kunstsammler Peter Liaunig. Foto: Walter Schramm

Bruder muss das Geld verdienen

Auf die Frage, woher denn die finanziellen Mittel für den Betrieb des Museums und die aufwändige Sammelleidenschaft kämen, antwortet er entwaffnend ehrlich: „Mein Bruder muss das Geld verdienen.“ Gemeint ist Alexander Liaunig, der sich seit 2013 um die Firmenbeteiligungen der Familie kümmert. Ohne jetzt genauer auf die rechtlichen Konstruktionen rund um die Liaunig Industrieholding AG und die Herbert Liaunig Privatstiftung einzugehen, seien hier die drei Unternehmen genannt, an denen die Familie Liaunig maßgebliche Anteile hält: WILD, der Kärntner Spezialist für Optik, Mechanik, Elektronik und Kunststoff, Binder+Co, der erfolgreiche steirische Maschinen- und Anlagenbauer im Bereich Aufbereitungs-, Umwelt- und Verpackungstechnik, schließlich Waagner-Biro Stage Systems, das Wiener Bühnentechnikunternehmen.

Sechsstelliges Ankaufsbudget

Mit deren Geschäftserfolg steht und fällt also auch das Museumsprojekt, wie Peter Liaunig unumwunden einräumt. Und das jährliche Ankaufsbudget für Nachschub an neuer Kunst kann durchaus einen mittleren 6-stelligen Betrag umfassen. Das lässt so manche öffentliche Einrichtung vor Neid erblassen, private Sammler sowieso. Momentan verhalte man sich allerdings eher zurückhaltend, verrät Liaunig. Das sei weniger der Wirtschaftslage als den Platzproblemen im Depot zuzuschreiben. Ziemlich erstaunlich bei einer Nutzfläche von (nach einer Erweiterung im Jahr 2014) insgesamt 7650 Quadratmetern. Gesammelt wird übrigens in erster Linie aktuelle österreichische Kunst, die man durch entsprechende „internationale Bezüge“ da und dort erweitere, so Liaunig. Letztere machen aber nur etwa drei Prozent der Sammlung aus.

Spektakuläre Keramik-Skulptur von Elmar Trenkwalder aus der Sammlung Liaunig. Wenn nicht – wie hier – aufgestellt, ruht sie verpackt in 37 Kisten. Foto: Gilbert Waldner

Sehr hohes kreatives Potenzial

Dass man vor allem heimische Positionen halte, habe laut Liaunig übrigens nichts mit falschem Heimatstolz zu tun: „Österreich hat wirklich gute Künstler, das kreative Potenzial hier ist sehr hoch“. Und die Künstler kennen natürlich Museum und Sammlung Liaunig. Dort vertreten zu sein, bedeutet Reputation, und Peter Liaunig sucht fast immer den direkten Kontakt. Natürlich kauft man gelegentlich auch in Aktionshäusern wie dem Dorotheum, dem Kinsky, bei Ressler oder bei Galerien und auf Messen. Das habe aber für ihn persönlich ein wenig den „Beigeschmack des Geldes“, was aus dem Munde des Repräsentanten einer so geschäftstüchtigen Familie schon ein bisschen pharisäerhaft daherkommt. Liaunig hat aber gelegentlich auch schon für kleine dreistellige Beträge Kunstwerke über willhaben.at oder Ebay gekauft. Für größere Positionen sei ihm das Online-Terrain aber dann doch zu heiß, gibt er zu.

„Österreich hat wirklich gute Künstler.“ Peter Liaunig

Liaunigs sind Getriebene

Kommen wir schließlich zur Gretchenfrage: Wozu baut man eine derart umfangreiche Sammlung auf? Von einer späteren Übernahme durch die Öffentliche Hand will Liaunig jedenfalls nichts wissen. Das sei schon öfter gründlich schief gegangen (z.B. im Fall der Sammlung Essl). Im Gespräch stellt sich dann vielmehr heraus, dass er auf diese quasi genetisch vermittelte Sammelleidenschaft in der Familie vertraut. Schon sein Urgroßvater habe damit begonnen, Miniaturen zusammenzutragen. Im großen Stil legten dann seine Eltern (Eva und Herbert Liaunig) in den 60er Jahren los. „Wir Liaunigs sind Getriebene“, bringt er es auf den Punkt. Der alte Werbe-Claim „Wenn ich nur aufhören könnt“, fällt einem beiläufig ein. Oder das obsessive Personal aus romantischen Novellen von E.T.A. Hoffmann.

Leidenschaft kommt von Leiden

Peter Liaunig hofft auf seine Kinder, obwohl er sich noch gut erinnern kann, was für eine „Horrorvorstellung“ die Fortführung der Sammlung für ihn im jugendlichen Alter einst bedeutet hatte: die viele Arbeit, das Wort „Leiden“, das in Leidenschaft stecke! Er hätte wohl oft auch lieber einen schönen Sommerurlaub gemacht als sich im Museum abzurackern, resümiert er etwas wehmütig. Was denn Museum und Sammlung so wert seien, wollen wir abschließend wissen. „Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag“, gibt sich der Sammler vorsichtig. Aber jedenfalls einen wachsenden.

Mein Bruder muss das Geld verdienen
Christian Tschuk, Leiter des Dorotheums in Klagenfurt. Foto: Dorotheum, Jost & Bayer GnbR

Auktionshaus, auf Nummer sicher

Für Christian Tschuk, den Chef von Kärntens einzigem Auktionshaus, dem Dorotheum in Klagenfurt, wäre die Familie Liaunig wohl der Prototyp für eine nachhaltige Strategie: „Nur wer langfristig denkt, manchmal über Generationen, kann über Wertsteigerungen berichten“, sagt er im Interview. Wer in kleinerem Rahmen lieber auf Nummer sicher gehen möchte, der liegt beim Auktionshaus richtig, wo man bereits etablierte Künstlerinnen und Künstler findet. Oft würden private Sammler ihren Fokus auf Kärntner Künstlerinnen und Künstler oder auf Landschaftsbilder mit der Darstellung der unmittelbaren Umgebung legen, beschreibt Tschuk den typischen Kunden und ergänzt: „Schon mit kleinem Budget kann man qualitätsvolle Kunstwerke ersteigern. Für Top-Künstler, wie zum Beispiel Maria Lassnig, Werner Berg, Kiki Kogelnik, oder Hans Staudacher muss man schon tiefer in die Tasche greifen.“ Als Einstieg empfiehlt der Kunstexperte übrigens Druckgrafiken. Da seien die Werke von etablierten und prominenten Künstlern budgetschonender als z. B. Gemälde. Auf Qualität und Erhaltungszustand sei aber in jedem Fall zu achten.

„Wir bieten auch Besichtigungen vor Ort an.“ Christian Tschuk

Begutachtung vor Ort

Das funktioniert aber natürlich auch umgekehrt. Wer interessante Kunstwerke zu Hause hat, der kann sie über Auktionen verkaufen. „Als besonderes Service bieten wir auch Besichtigungen vor Ort an. Das bedeutet, dass ich Objekte im Rahmen von Hausbesuchen begutachte und bewerte. Und das alles im Rahmen einer Auktion. Übersteigt der erzielte Preis bei der Auktion den Rufpreis, so bekommt auch der Verkäufer den höheren Erlös – es ist eine transparente Form des Verkaufs“, beschreibt Tschuk den besonderen Service seines Hauses.

Rekordjahr für Dorotheum

Von Krisenstimmung sei übrigens am Auktionsmarkt wenig zu spüren, betont der Leiter des Dorotheum in Klagenfurt. Man blicke auf das geschäftlich erfolgreichste Jahr der Geschichte zurück. Deshalb sei man immer auf der Suche nach hochkarätiger Kunst, erziele für seine Kunden Weltrekordpreise und hohe Ansteigerungen, allen voran im Bereich der Moderne und der Zeitgenössischen Kunst. Das Dorotheum beschäftigt in Kärnten 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Österreichweit (mit Niederlassungen in nahezu allen Bundesländern) arbeiten rund 650 Personen.

Mein Bruder muss das Geld verdienen
Jüngst vom Dorotheum Klagenfurt um 100.000 Euro versteigert: Werner Bergs Gemälde „Eisschießen – Kleinsee 1967. Foto: wernerberg.com

Kärntner Auktionsrekorde

Die spektakulärsten Kärntner Auktionserfolge in jüngster Vergangenheit betrafen übrigens zwei Arbeiten des bekannten, 1981 in seiner Wahlheimat Kärnten verstorbenen, Expressionisten Werner Berg: die beiden Ölgemälde „Eisschießen – Kleinsee“ und „Autobus“ erreichten jeweils Meistbote von 100.000 Euro. Aber egal, wie viel man für Kunst ausgeben möchte, am Ende zähle bei Sammlern laut Tschuk vor allem eines: „Hauptmotivation ist meines Erachtens die Freude an der Kunst und die Freude, sich mit schönen Dingen zu umgeben.“

Teil 1 unserer Serie über den Kärntner Kunstmarkt, ein Gespräch mit zwei Kärntner Galeristinnen finden Sie hier

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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