„Luft ist ein Lebensmittel“

Seit der Pandemie ist die Lufttechnik im Aufwind. Aber auch wenn sich große Player der Branche wie der Klagenfurter Familienbetrieb Pichler noch so sehr ins Zeug legen, der Großteil der österreichischen Schülerinnen und Schüler wird 2026/2027 weiter in schlecht belüfteten Klassen leiden.

Wir treten aus der schwülen Spätsommerhitze in den Besprechungsraum bei Pichler-Lufttechnik ein. Angenehme Kühle umfängt uns, aber das ist es nicht allein. Gernot Pichler, der das Unternehmen seit vielen Jahren gemeinsam mit seinem Vater Johann leitet, zeigt auf ein unscheinbares kleines Gerät. Eine Ampel, wie sich herausstellt. Sie steht gerade auf grün. Würde der CO₂-Gehalt in der Luft z.B. aufgrund des Ausatmens zahlreicher Menschen im Raum steigen, dann spränge die Ampel auf gelb, bei Überschreiten des Grenzwerts sogar auf rot. Um letzteres zu verhindern, braucht es eine entsprechende Lüftungsanlage. Denn steigt der CO₂-Gehalt in der Raumluft über 1000 ppm (parts per million, Teile pro Million), empfinden wir das nicht nur als unangenehm, es fällt uns auch schwerer, uns zu konzentrieren. Von anderen gesundheitsrelevanten Themen wie Krankheitserregern oder Feinstaub gar nicht zu reden.

Luftgüte-Richtlinien gibt es schon

Wenig überraschend stehen da seit der Pandemie vor allem Schulgebäude im Fokus. Die heuer schon früh einsetzende brütende Rekordhitze hat sie noch mehr in Verruf gebracht. Was bei Neubauten inzwischen endlich über entsprechende Richtlinien der EU (EPBD – Energy Performance of Buildings Directive) geregelt wird, ist im Altbestand vor allem bei den in die Verantwortung der überwiegend notorisch verschuldeten Gemeinden ressortierenden Volksschulen noch weitgehend Theorie. Die inzwischen auch vom österreichischen Institut für Bautechnik bestätigten bzw. übernommenen Richtlinien verknüpfen endlich die Energieeffizienz von Gebäuden mit hoher Raumluftqualität und entsprechender Lüftungstechnik, betont Pichler. Denn „Luft ist ein Lebensmittel“, bringt er es auf den Punkt.

Schülerinnen und Schüler dicht gedrängt und müde in einer schlecht belüfteten Schulklasse.
Schlechte Luft in Schulklassen macht SchülerInnen müde und fördert die Verbreitung von Infektionen, Foto: Adobe Firefly

„Dicke Luft“ in Schulklassen

Und was haben die ins neue Schuljahr startenden Schülerinnen und Schüler davon? Wenig! Die Technische Universität Graz ging in einer im Vorjahr publizierten Studie davon aus, dass in mehr als drei Vierteln aller Klassenzimmer, der erwähnte Grenzwert von 1000 ppm in der Raumluft regelmäßig überschritten wird (Info hier). Schätzungen gehen davon aus, dass es einen dreistelligen Millionenbetrag kosten würde, alle Schulgebäude in Österreich entsprechend auszustatten. Es ist schon erstaunlich österreichisch, wie lang es gedauert hat, bis die Diskussion über die Misere im öffentlichen Bewusstsein ankam. In einem Großteil der Schulen wird den „Insassen“ wohl auch in den kommenden Jahren nichts anderes übrig bleiben, als regelmäßig die Fenster zu öffnen, um für den nötigen Luftaustausch zu sorgen. Besser geht es da etwa den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums in Völkermarkt. In ihrem Neubau arbeitet schon eine Lüftungsanlage von Pichler.

Mobile Klimageräte bringen’s nicht

Die im heurigen Rekordsommer rasch total ausverkauften rein mobilen Klimageräte haben übrigens einen gewaltigen Nachteil. Sie tauschen die Luft nicht aus, das schädliche CO₂ verbleibt daher im Raum. Wer zusätzlich vielleicht noch eine Gastherme betreibt, riskiert sogar eine lebensbedrohliche Kohlenmonoxidvergiftung. Moderne Lufttechnik leistet deutlich mehr. Sie be- und entlüftet, be- und entfeuchtet, kühlt oder wärmt. Der mit eingebaute Wärmetauscher hilft Energie zu sparen, weil er Kälte oder Wärme rückgewinnt, erklärt Pichler. Wer also Nägel mit Köpfen machen will, der investiert besser gleich in die deutlich nachhaltigere und im Betrieb kostengünstigere Lüftung.

Ideallösung für Niedrigenergiehäuser

Dabei stattet Pichler bei Weitem nicht nur große Gebäude mit seinen Lüftungsanlagen aus. Seit dem Jahr 2007 leistet man sich eine eigene Entwicklungsabteilung mit zwölf Beschäftigten, die etwa auch „PKOM4“ erdacht hat, ein Wärmepumpen-Kombigerät, das in den kompakten Ausmaßen von 200 mal 70 mal 70 cm in Niedrigenergiehäusern oder Wohnungen gleich vier Funktionen gleichzeitig erfüllt: Heizung, Kühlung, Lüftung und Warmwasser! In Kombination mit einer Photovoltaikanlage am Dach erreicht man damit einen Energieautarkiegrad von 70 bis 80 Prozent. Verkauft wurde es schon zu Tausenden bis nach Frankreich, Belgien oder Großbritannien, freut sich Pichler.

Gut geölte Maschine

Der weite Wirkungskreis in Europa bedingt übrigens, dass man sich ausschließlich um die Entwicklung, Fertigung und Auslieferung der Anlagen kümmert. Die Montage vor Ort übernehmen Installationsfirmen, also Kunden und Partner, stellt der Firmenchef klar. Der Produktionsstandort in Klagenfurt läuft wie eine gut geölte Maschine. Komponenten kommen von überall auf der Welt. Geschäftsbeziehungen mit Pionieren der Lüftungstechnik aus Skandinavien reichen oft über 35 Jahre zurück. In den Werkshallen wird gebogen, geschnitten, geschweißt. An der Rampe hinter dem Hochregallager werden fortlaufend die Lkw beladen – 14 eigene und weitere sieben von Speditionen. Am Freigelände sieht man überall Wickelfalzrohre in verschiedensten Dimensionen. Rohre sind der wohl materialaufwändigste Teil der Lüftungsanlagen.

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330 Beschäftigte international

Neben dem stetig wachsenden Klagenfurter Standort wird auch in Tschechien und Bosnien produziert. Risikoverteilung und flexible Produktionsauslastung sind für Pichler das Argument. Sein Unternehmen gehört sicher zu den Balkan-Pionieren. Auch hier reichen die Geschäftsbeziehungen zurück bis in die Ära Ex-Jugoslawiens. Dass Bosnien noch nicht Mitglied der EU ist, bedauert Pichler. Die Grenzabfertigung bleibt lästig und partiell unberechenbar. Inzwischen hat das Unternehmen sieben Vertriebsniederlassungen vornehmlich in den Nachbarländern, wohin auch der Löwenanteil der Exporte geht. Die Exportquote beziffert Pichler mit rund 20 Prozent. 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind allein in der Zentrale in Klagenfurt tätig, mit allen Auslandsstandorten kommt man auf 330, die (nur in Österreich) rund 55 Mio. Euro Umsatz erwirtschaften. Investiert wird laufend in die Erweiterung der Produktion, in Innovation und in die Organisation. Derzeit werden gerade der Eingangsbereich und Büros in Klagenfurt ausgebaut. Rund eine bis 1,5 Mio. Euro sind das jährlich, meint Pichler. Eine immer größere Rolle spielt übrigens der Bereich Service und Wartung der Lüftungsgeräte. Dabei greift man auf Online-Lösungen im sogenannten Internet of Things zurück. So melden sich diese Geräte gleich selbst, wenn sie Wartung brauchen.

Viele Fachkräfte aus HTL

Und woher kommen die Fachkräfte? Pichler ist inzwischen ziemlich international aufgestellt. Einen Schwerpunkt bildet sicher der Balkan, aber auch aus Tschechien, Deutschland, Asien kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wichtigste Zielgruppe für technische Jobs sind bei Pichler die HTL-Absolventinnen und Absolventen. Allein heuer im Sommer absolvierten 16 HTL-Schülerinnen und Schüler ein Praktikum bei Pichler. Etliche von ihnen heuern direkt nach der Schule beim Betrieb an. Für das so genannte „Onboarding“ neuer Leute nimmt man sich hier viel Zeit. Denn Wissensmanagement und Unternehmenskultur sind hier großgeschrieben. Demgegenüber spielt die Lehrlingsausbildung derzeit noch eine untergeordnete Rolle. Lehrlinge werden nur im Bürobereich aufgenommen, hier gibt es auch erfolgreiche Lehrabschlüsse mit Eintritt in das Unternehmen Pichler. Die einschlägige technische Lehre der Installations- und Gebäudetechnik mit dem Hauptmodul Lüftungstechnik wird in Österreich nur an Berufsschulen in Wien und im Burgenland angeboten. Das ist für Pichler einfach zu weit weg.

Generationenwechsel

In drei Jahren wird Pichler Lufttechnik sein 70-jähriges Jubiläum feiern. Gernot Pichlers Vater Johann musste nach dem frühen Tod des Großvaters schon mit 21 Jahren den Betrieb übernehmen. Er war es auch, der die Weichen in Richtung Lufttechnik stellte und den Firmenaufbau vorantrieb. Für den Juniorchef war der Einstieg vergleichsweise sanft. Er absolvierte die HTL, studierte in Graz BWL, sammelte wichtige Auslandserfahrung. Obwohl Johann Pichler nicht mehr im Tagesgeschäft tätig ist, besprechen die beiden alle wichtigen strategischen Entscheidungen. Und die nächste Generation klopft auch schon an. Eine der beiden Töchter machte heuer ihr Praktikum im Betrieb, die zweite bei einem wichtigen Lieferanten. Es sei noch viel zu früh, um etwas Definitives sagen zu können, wiegelt der stolze Vater ab. Schließlich will er ihnen buchstäblich die Luft zum Atmen lassen.

 

Pichler Gesellschaft m.b.H.

Beschäftigte: 330, davon 220 in Klagenfurt

Umsatz: 55 Mio. Euro

Exportquote: 20 Prozent

Durchschnittliche Investitionen/Jahr: 1–1,5 Mio. Euro

Johann Pichler

Große Referenzprojekte:

Merkur Campus Graz

Styria Media Center Graz
Lakeside Park Klagenfurt
Orbi Tower Wien
ÖAMTC-Zentrale Wien
Gymnasium Völkermarkt
Studierendenwohnheim in Berlin mit 250 Wohnungen

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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