Diese Geschichte sollte eigentlich ein klassisches Unternehmens-Porträt werden. Geworden ist daraus eine Liebeserklärung: An Unternehmertum, guten Geschmack und ein Lebensgefühl, das all das und noch mehr miteinander verbindet und in einer kleinen Seitengasse der Grazer Altstadt konzentriert.
Die Hofgasse in Graz war lange Zeit so etwas wie der Sidekick der Sporgasse. Historisch ist sie zweifellos ebenso wertvoll wie architektonisch, denn sie beginnt am Burgtor und endet an der Stiegenkirche. Auf ihren nur 275 Metern säumt sie die Grazer Burg, den Dom und das Mausoleum, die alte Universität, das Schauspielhaus und den prachtvollen Freiheitsplatz, bevor sie – vorbei am uralten Jesuitenkolleg und dem berühmten Portal der Hofbäckerei Edegger Tax – in die Sporgasse mündet. Nicht umsonst nennt man dieses Viertel die Stadtkrone. Es ist erstaunlich viel Italien, das hier vor Jahrhunderten seinen Ausgang nahm und sich bis heute verdichtet.
100 Meter Unternehmergeist
Und doch sind es die letzten 100 Meter, auf denen in den vergangenen zehn, 15 Jahren etwas entstanden ist, das selten geworden ist. 100 Meter, auf denen sich traditionell guter Geschmack mit jener lässigen Eleganz mischt, die die ItalienerInnen „Sprezzatura“ nennen. Hier geben Mode, Gastronomie und Kunst den Takt vor. Orchestriert wird dieses kleine Konzert von Unternehmerpersönlichkeiten, wie man sie nicht oft findet. Ein Blick hinter die Kulissen in die Lebensgeschichten jener Menschen, die hier ein Angebot schaffen, das nachgefragter kaum sein könnte, lohnt sich. Ihre Geschichten erzählen vom Ringen um Erfolg, von Ehrgeiz und Scheitern. Vom Wiederaufstehen und Weitermachen. Von Tradition und Innovation. Hier trifft Laissez-faire auf Risiko. Disziplin auf ein Arbeitsethos, das auch einmal einen Prosecco oder zwei vor dem Geschäft zulässt. Wer hier ein Geschäft betreibt, tut das nicht aus dem Antrieb, reich zu werden. Es geht um etwas anderes: sich den Traum zu erfüllen, das zu machen, was man liebt. Und was man kann.
Vom Koch zum Couturier
Seit er 2019 die Boutique s’Finks am Freiheitsplatz von Gabriele Kriebernegg übernommen hat, ist ihr ehemaliger Mitarbeiter Herbert Traumüller eine der prägenden Persönlichkeiten der Grazer Hofgasse. s’Finks ist die erste Adresse für außergewöhnliche Ball- und Abendmode für Damen, Traumüller ist die kreative Kraft hinter den Entwürfen. Der gelernte Koch/Kellner, der sich das Nähen autodidaktisch beigebracht hatte, baute die Mini-Boutique Schritt für Schritt aus, nutzte Chance um Chance, um seine Geschäftsfläche auf die heute 180 Quadratmeter zu erweitern. Heute ist er als Couturier weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und sitzt immer noch selbst an der Nähmaschine, obwohl ein Mitarbeiterinnenstab ihn dabei unterstützt.
Man sieht ihn manchmal gemeinsam mit dem Künstler Hannes Mair auf einer der öffentlichen Sitzgelegenheiten in der Hofgasse plaudern und einen Espresso trinken. Mair hat die Räumlichkeiten des ehemaligen “Hoffriseur Ingrid” übernommen und führt dort jetzt eine Galerie und ein Atelier. Die Kunst ist ihm nicht in die Wiege gelegt worden, erzählt er manchmal; er entstammt einer Kärntner Beamtenfamilie und musste sich erst im Bühnenbau und in der Innenausstattung beweisen, bevor er sich seinen Traum erfüllte, vom Malen leben zu können.
Mode im ersten Stock
Auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse hat Markus Bauer ein kleines, feines Geschäft für handgemachtes Schuhwerk von Alois Prutsch übernommen. Die Kunst, mit der Bauer die Füße seiner KundInnen bekleidet, steht der von Mair oder s’Finks um nichts nach. Bauer ist mit seiner Schuhmanufaktur auch in Salzburg und Innsbruck vertreten. In Graz ist er im gleichen Haus untergebracht wie Stefan Kalchs Boutique Sunsetstar. Sunsetstar verfolgt seit mehr als 25 Jahren ein kompromissloses Konzept. Die Boutique vertreibt Brands vornehmlich für Herren. Sie kommt ohne Auslage aus, die Geschäftsräumlichkeiten sind im ersten Stock des Hauses in einer Altbauwohnung zu finden. Sunsetstars ist nichts für Walk-ins, wie man sie schräg gegenüber in der etwas legereren Boutique The Box antrifft. Man muss wissen, wann geöffnet ist – dann spaziert man einfach in den ersten Stock, lässt sich die Tür öffnen und findet sich mitten im größten und edelsten begehbaren Kleiderschrank der Stadt wieder, bei exzellenter Beratung und wahlweise Kaffee oder Whiskey.

Hofkeller, Cantinetta und Cicchetti
Sie alle sind Teil des besonderen Hofgasse-Flairs, das für KundenInnen und UnternehmerInnen gleichermaßen Faszinosum ist. Dazu trägt auch die Gastronomie der Hofgasse bei. Dort trifft man sich tagsüber, wenn der Kundenansturm sich in Grenzen hält, in einem der vier unmittelbar nebeneinander liegenden italienischen Lokale. Deren ältestes ist der Hofkeller, der seit Generationen unter wechselnden Eigentümern und Gastronomiekonzepten für kulinarische Exzellenz steht – die letzten Jahre war es „Peppino” im Hofkeller, der Betreiber hat sich zurückgezogen und einem Nachfolger das Feld überlassen: Dem in Klagenfurt und Graz wohlbekannten ehemaligen Politiker Christian Dumpelnik, der gemeinsam mit dem Grazer Ex-Vizebürgermeister Mario Eustaccio nun das Lokal unter neuem Namen aber mit alter Mannschaft weiter betreibt.
Während die Cantinetta Mittags und Abends weiterhin durch punktgenaue, simple und gerade dadurch exzellente italienische Küche glänzt, füllt Mario Eustaccio die Lücke zwischen den Hauptmahlzeiten mit Prosecco, Espresso und Cicchetti, wie man sie aus der Lagune um Venedig kennt. „Italienische Küche lebt von ihrer Einfachheit. Es geht um die Harmonie weniger, sorgfältig ausgewählter Zutaten. Wenn das Produkt von hoher Qualität ist, braucht es keine Überinszenierung“, sagt Cantinetta Capocuoco Riccardo Tettamanti. Das kommt bei den Gästen an, ungeachtet der postpolitischen Troubles der beiden Eigentümer trifft sich hier Gott und die Welt aus dem Netzwerk der ehemaligen Politiker.
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Café Cosimo: Platzhirsch
Cosimo Ursi mit seinem Café Cosimo ist der Dreh- und Angelpunkt der Hofgasse. Seine schrägen Rolltramezzini sind mindestens ebenso episch wie die berühmten Frankowitsch-Brötchen, sein Negroni brächte selbst den alten Graf Camillo Negroni zum Lächeln und der Prosecco, den er karaffenweise ausschenkt, muntert Heerscharen von GrazerInnen und TouristInnen auf. Cosimo ist eine italienische Bar ohne Schickimicki-Anspruch. Es ist keine hippe In-Bar und gerade deshalb ein Szene Treffpunkt für die lokalen „Über-Geld-spricht-man-nicht”-Lebensgefühlafficionados. Hier trinkt der pensionierte, aber immer noch einflussreiche Richter seinen Espresso mit dem Traditionsjuwelier, der hohe Landesbeamte bereitet sich auf seinen Termin in der Burg vor, die Kinder von ÄrztInnen und RechtsanwältInnen feiern hier ihre Sponsionen. Die umliegenden UnternehmerInnen kommen hierher zum piccolo colazione, man trifft sich zu Mittag auf eine Pasta, plaudert am späten Nachmittag bei einem Apero und versumpert mitunter in die Abendstunden hinein.


Hofbäckerei und italienische Delikatessen
Gleich nebenan ist die Hofbäckerei, ein Solitär unter den Grazer Bäckereien, die sich dem Trend zum Lifestylebäcker konsequent verweigert. Das Portal spricht für sich, keine Stadtführung kommt daran vorbei. Der Verkaufsraum ist schlicht, nur das Notwendigste steht hier: Eine übersichtliche Verkaufstheke, ein paar Regale – mehr braucht Erfolg nicht, wenn die Qualität stimmt. Die stimmt auch im “Brigante”, dem italienischen Bistro und Delikatessengeschäft, dessen Inhaber eine Definition italienischer Speisequalität sind. Hier findet man, was das Herz begehrt: Von edlen Weinen und eingelegtem Gemüse über Käse und Schinken bis hin zu frischen Pesce, Austern und Kaviar – entweder zum Mitnehmen oder bereits zu einem der exzellenten Gerichte auf der Bistrokarte verarbeitet.

Lebensgefühl und Mut
Vielleicht ist Graz deshalb um ein kleines Stück Italien reicher geworden. Nicht, weil hier besonders viele ItalienerInnen leben und arbeiten. Sondern weil sich auf kaum hundert Metern eine Handvoll UnternehmerInnen den Mut bewahrt haben, ihre eigene Vorstellung vom guten Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Die Hofgasse verlässt man mit dem leisen Gedanken, bald wiederzukommen – nicht nur zum Einkaufen, sondern um für einen Moment Teil dieses ganz besonderen Lebensgefühls zu sein.
