Lasst uns an dem Alten, so es gut ist, halten …

.… und auf diesem alten Grund Neues bauen, jede Stund! In Zeiten der KI ist es ein wenig aus der Mode gekommen, das Handwerk an sich zu feiern. Wir haben deshalb uns Beispiele dafür angesehen, wie manueller Arbeit, die seit Jahrhunderten unverändert Bestand hat, auch heute erfolgreich geführt werden kann.

Binsenweisheiten zum Thema Handwerk gibt es genug. „Handwerk hat goldenen Boden” ist eine davon und sie ist gar nicht so weit hergeholt. Denn das klassische Handwerk gewinnt gerade wieder an Bedeutung. In einer Zeit, in der die künstliche Intelligenz drauf und dran ist, Millionen Arbeitsplätze zu vernichten, ist klar, dass handwerklich qualifizierte Menschen die besseren Karten haben werden: KI kann weder Häuser bauen noch Brot backen. Im Gegenteil, die künstliche Intelligenz wird Handwerkern die Möglichkeit geben, sich wieder mehr auf das zu konzentrieren, was sie eigentlich können. Während Aufgaben wie Angebotserstellung, Kundenkommunikation, Dokumentationspflichten oder Dokumentenbearbeitung der künstlichen Intelligenz überlassen werden können.

Disruption mit Vorteilen

Handwerk ist es gewohnt, mit Disruptionen umzugehen und das nicht erst seit der industriellen Revolution. Anfang des 19 Jahrhunderts verlagerte sich Arbeit von selbstständiger Heim- und Werkstattproduktion zu ortsgebundener, arbeitsteiliger Fabrikarbeit mit Maschinen. Das hatte nicht nur Nachteile: Feste Arbeitszeiten und ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis waren der Ausgleich für die Freiheit, sein eigener Herr zu sein.

Berufe verschwanden

Klar fielen einige Berufe der industriellen Fertigung zum Opfer: Besonders stark traf es die Handweber und Teile des Schneiderhandwerks: Während eine geübte Näherin für einen Anzug mindestens drei Tage benötigte, ermöglichte die Nähmaschine bis zu sieben Anzüge pro Woche. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwanden unter anderem Laternenanzünder, Telefonvermittlerinnen und Bleischriftsetzer als Berufe.

Handwerk trotzt dem Trend

Umso beruhigender, dass sich aller Industrialisierung zum Trotz Handwerksberufe in ihrer ursprünglichen Form erhalten haben, die seit Jahrhunderten unsere Gesellschaft unterstützen. Familienbetriebe und Innovatoren haben dabei völlig unterschiedliche unternehmerische Zugänge. Gemeinsam ist ihnen, dass ihr Erfolg auf einem kompromisslosen Bekenntnis zur Qualität beruht.

Bäcker in New York

Martin Auer ist einer dieser InnovatorInnen. Das Bäckerhandwerk war ihm in die Wiege gelegt worden. Schon 1936 buk sein Großvater an einem Standort, an dem seit 1346 Brot gebacken wurde. Nach acht Jahren übernahm Martin Auers Vater die Bäckerei. 2011 kaufte er ihm das Unternehmen ab. Seither setzt Auer neue Maßstäbe als Bäcker. Sein Geheimnis: Unternehmergeist, Innovationswille und das weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt Bio-Natur-Sauerteigbrogt. Alle Bio-Brote Auers werden mit diesem Teig ohne Hefe gebacken, nur aus Mehl und Wasser. Derzeit macht Auer das in 43 Filialen, in Graz und Umgebung in Gleisdorf und Lieboch, in Wien und in Klagenfurt und Villach. Jüngst hat Martin Auer eine Filiale in New York eröffnet. Und damit den Beweis erbracht, dass altes Handwerk in neuem Gewand ungeahnte Erfolge zeitigt.

Die erste Schmiedin

Mit einer noch längeren Unternehmensgeschichte kann Lisa-Marie Müller aufwarten. DAs Handwerk ihrer Familie: Schmiedin. Seit 1675 betreibt die Familie Müller eine Schmiede und fertigt u.a. Werkzeuge. Das Hammerwerk, das heute in Frantschach-St.Gertraud angesiedelt ist, fertigt wie einst Äxte, Sensen, Messer und andere Werkzeuge. Werkzeuge, die für andere Handwerker vom Holzfäller über den Zimmerer bis zum Fleischer die Grundlage ihrer Handwerkskunst bilden. Lisa-Marie, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Vater Wolfgang führt, ist die erste Frau in der Unternehmensgeschichte, die das Werk leitet. Aus der einstigen Werkzeugschmiede ihrer Vorväter ist heute ein Betrieb entstanden, der international erfolgreich ist und 40 Mitarbeiter beschäftigt.

Freigeist fest im Sattel

Einen ganz anderen Werdegang hat der Sattler Kurt Freimüller. Er ist in Krumpendorf ansässig und sein Spezialgebiet ist nicht bloß die Herstellung von Sätteln. Nein, Freimüller ist Spezialist für die Fertigung des Spanischen Hirtensattels. Kennern ist dieser Sattel als als Montura Vaquera bekannt. Mit dem Sattlerhandwerk in Berührung gekommen war er eher zufällig: Eigentlich studierte er Medizin an der MedUni Wien, bis er im Rahmen eines Ferialjobs in den USA als Cowboy arbeitete. Zurück in Österreich wußte er, dass die Sattlerei ihm eher entspricht und begann eine Lehre in Niederösterreich.

Weiterbildung in Andalusien

Nach der Lehrabschlussprüfung zog es ihn nach Spanien, wo er die Kunst der Herstellung des Montura Vaquera erlernte. Als er dann genug von Andalusien hatte, ließ sich der Freigeist dort nieder, wo er aufgewachsen war: Am Wörthersee. Dort stellt er bis heute als One-Man-Show alles her, was man aus Leder herstellen kann – vom Zaumzeug über den Gürtel bis zum Sattel nach Maß.

Von Kenzo zum Krawattenbedrucker

Gemeinsam mit seiner Frau führt Markus Walch, der den Betrieb von seiner Mutter übernommen hatte, in Bad Aussee eine der letzten Textil-Handdruckereien Österreichs. Markus Walch ist Künstler und Handwerker gleichermaßen und wer einmal seine Manufaktur besucht hat, dem wird bewusst, wie eng Handwerk und Ästhetik beieinander liegen. Tücher, Krawatten, Seiden-, Baumwoll- und Leinenstoffe führen dem Besucher vor Augen, warum ein handbedruckter Stoff ein Wertstück ist, das sich von industriell gefertigter Massenware wohltuend unterscheidet.

Designanspruch in jedem Stück

Jedes Stück ist ein Unikat, ohne maschinelle Hilfe von Hand mit einer der 500 Modeln – so nennt man die Druckstempel – gefertigt. Die älteste dieser Modeln stammt aus dem Jahr 1880 und als Kapital des Hauses werden sie sorgsam bewahrt. Die Kunst des Handdruckes liegt in den Designs, die aus den Modeln und Farben entstehen. Um es zu erlernen, ließ sich Markus Walch bei renommierten Designern wie Kenzo und Castelbajac in Paris sowie bei Harry Who in Sydney ausbilden, seine Frau Susanne ist ebenfalls gelernte Designerin.

UNESCO-Weltkultur aus Ferlach

Traditionelle Handwerkskunst, die weltberühmt wurde, kommt aus Ferlach: Die Kärntner Büchsenmacher genießen seit Jahrhunderten international wegen ihrer ebenso kunstfertig wie präzise gefertigten Jagdgewehren herausragenden Ruf. Das Handwerk eines Ferlacher Büchsenmachers ist so speziell, dass es von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt wird. Elf dieser Büchsenmachermeister:innen üben ihr Handwerk derzeit in Ferlach aus und beschäftigen bis zu 10 Mitarbeiter. Bis eine Büchse fertig ist, müssen verschiedene, hochspezialisierte Berufe zusammenwirken. GraveurInnen, SchäfterInnen, BüchsenmacherInnen bringen Metall und Holz zusammen und schaffen begehrte Einzelstücke. Die Kunst des Büchsenmachens wird über eine Fachschule und als Lehrberuf weitergegeben. Das Beherrschen der Technik gilt als eine der anspruchsvollsten Aufgaben unter den Lehrberufen.

Filigrane Fingerübungen

Präzision und Kunstfertigkeit prägen auch den Beruf des Uhrmachers. Auch dieses Handwerk hat sich bei aller Digitalisierung und industrieller Fertigung bis heute gehalten und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Zwar haben sich durch Smartphone & Co die Zeitablese-Gewohnheiten der Menschen verändert, Uhren sind aber gerade wegen ihrer mechanischen Präzision begehrte Statussymbole geworden. Uhrenhäuser wie Weikhard in Graz (der seit dem Jahr 1680 in Graz tätig ist) verbinden diese Handwerkskunst oft mit einer zweiten, die ebenfalls eine ruhige Hand erfordert und mit großen Werten hantiert: Dem Handwerk eines Gold- und Silberschmiedes.

Sehnsucht nach Mechanik

Es ist vielleicht gerade in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft überwiegend digital funktioniert, die Sehnsucht nach rein mechanischen Funktionen und handgefertigter, werthaltiger Ästhetik. Allein der globale Markt für Luxusuhren wird auf über 62 Milliarden Dollar geschätzt. Im Familienunternehmen Weikhard jedenfalls zeugt die ikonische „Weikhard-Uhr“, seit Generationen Treffpunkt der GrazerInnen, von der Tradition eines Handwerksbetriebes, der seit Jahrhunderten nachgefragt ist.

Museale Handwerkskunst:

Landesmuseum Kärnten, Abteilung Volkskunde: Sammlungs- und Wissenschaftszentrum, 9020 Klagenfurt am Wörthersee, Liberogasse 6
T: +43 (0)50 536-30599, E: willkommen@kaernten.museum Öffnungszeiten: Besuch nach vorheriger Terminvereinbarung!

Volkskundemuseum am Paulustor, Paulustorgasse 11-13a, 8010 Graz, T: +43 316 8017 9900 E: volkskunde@museum-joanneum.at, Öffnungszeiten Mi-So, Fei 10-18 Uhr

 

Hannes Roth
Hannes Roth
Autor | Steiermark
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Start | Up
roth@mut-magazin.at

M.U.T. auf Youtube

M.U.T.letter

Wissen, was die Wirtschaft bewegt.

Das könnte Sie auch interessieren