Kunst, die unterschätzte Wertanlage

Der Wert von Kunst besteht nicht nur im rein Monetären. Aber auch da schlägt sie sich ganz beachtlich, wie internationale Studien zeigen. Im ersten Teil der zweiteiligen M.U.T.-Serie über den Kärntner Kunstmarkt kommen zwei Galeristinnen zu Wort: Lena Freimüller und Carolin Walker.

Bereits zum neunten Mal gab der internationale Consulting-Riese Deloitte (460.000 Beschäftigte, 56,8 Mrd. Euro Jahresumsatz) 2025 seinen „Art & Finance Report“ heraus. Der wunderschön gestaltete und reich illustrierte Über-500-Seiten-Wälzer beschäftigt sich sehr ausführlich mit internationalen Trends des Kunstmarkts und jenen Faktoren, die ihn beeinflussen. Die gute Nachricht: Es geht aufwärts. Der Wert von Kunst und Sammlerstücken, den Vermögende mit einem Investitionsspielraum von mindestens 30 Mio US-Dollar weltweit halten, stieg von 2,174 Billionen Dollar 2022 auf 2,564 Billionen 2024! Schon 2030 könnte dieser Wert auf deutlich über 3 Billionen Dollar steigen, prognostizieren die Autoren des Reports.

Kärnten backt kleinere Brötchen

Und was haben heimische Player davon? Das M.U.T.-Magazin hat mit zwei erfahrenen Galeristinnen gesprochen. Ihr Fazit: Hierzulande backt man deutlich kleinere Brötchen. Die Erkenntnis, dass die Zahl Vermögender, die international in Kunst investieren, steigt, spielt für das kleine Kärnten kaum eine Rolle. Zwischen all den Rechtsanwälten und Ärztinnen, den Steuerberatern, kleinen und mittleren Unternehmerinnen, die ihren Entrées und Besprechungsräumen etwas kulturellen Glanz verleihen wollen, verirrt sich eher selten jemand, der nach Deloitte-Definition richtig investieren will. So zumindest lassen sich die Schilderungen unserer beiden Galeristinnen interpretieren.

Kunst, die unterschätzte Wertanlage
Schloss Ebenau, Heimstätte der Galerie Walker in Weizelsdorf. Foto Galerie Walker

30 Jahre am Kunstmarkt

Beide haben die Galerien übrigens von ihren Müttern (Renate Freimüller und Judith Walker) übernommen: Lena Freimüller die Galerie 3 in Klagenfurt und Carolin Walker die Galerie Walker im Schloss Ebenau in Weizelsdorf/Rosental. Freimüller hat inzwischen auch einen Standort in Wien, Walker konzentriert sich in erster Linie auf ihr malerisches Schlösschen, eine echte touristische Attraktion südlich der Drau. Ja und beide Galerien haben inzwischen ziemlich exakt drei Jahrzehnte am Kärntner Markt überdauert, der schon einmal deutlich größer war. Erinnern wir uns etwa an legendäre Kunstvermittlerinnen wie Heiderose Hildebrand, Josefine Nitsch, Inge Freund oder Irmgard Bohunovsky-Bärnthaler, die die Kärntner Nachkriegs-Kunstszene geprägt haben, deren Galerien aber keine Nachfolge fanden.

Viel weibliche Kundschaft

Freimüller hat das Konzept ihrer Mutter ordentlich umgekrempelt. Mit Verve und zusätzlich aufwändigem Online-Marketing präsentiert sie seit 2020 vor allem junge und oft auch ziemlich experimentelle Kunst, darunter auffällig viele Künstlerinnen. Dazu passt auch, dass mehr als die Hälfte ihrer Kundinnen Frauen sind. Sie will gerade in Kärnten die Schwelle zum Erwerb eines Kunstwerks möglichst niedrig halten. Aber das ist gar nicht so einfach. Schon den Standort im zweiten Stock eines verwinkelten Altbaus am Alten Platz 25 in Klagenfurt muss man erst mal finden. Immerhin erreicht man ihn barrierefrei.

Kunst, die unterschätzte Wertanlage
Lena Freimüller, Galeristin in Klagenfurt und Wien. Foto Joanna Pianka

Kunst-Wert überdauert Krisen

Dann hat man vielleicht ein passendes Bild oder Objekt gefunden, und schon sieht man sich mit der finanziellen Hürde konfrontiert. Zwar bietet Freimüller immer auch Kleinigkeiten für niedrige dreistellige Beträge an, große Kunst kostet allerdings großes Geld. Auch wenn die Consulter von Deloitte überzeugend vermitteln, dass sich Kunst sogar in der aktuellen Welt multipler Krisen preislich überraschend sicher hält, bleibt Otto Normalverbraucher skeptisch. In der Rezession sind Konsumenten mit ihrem Geld in Scharen ins vermeintlich sichere Gold geflüchtet. Vor den Filialen der Münze Österreich bilden sich lange Schlangen, während heuer nachfragebedingt zwei der wichtigsten Kunstmessen in Wien abgesagt wurden.

Es zählt nicht nur das Monetäre

Wer in Kunst investiert, weiß es offenbar besser. Denn Kunstwerke bieten neben dem ihnen zugeschriebenen monetären Wert noch diesen anderen. Gemeint ist nicht nur das Prestige, ein Bild von jener oder jenem im Wohnzimmer hängen zu haben. „Kunst ist ein Fenster zur Welt, sie schürt die Vorstellungskraft. Wir brauchen sie für Kreativität und Innovation in der Gesellschaft“, versucht Freimüller die Faszination, die sie mit vielen ihrer KundInnen teilt, in Worte zu fassen. Die beiden Herausgeber des Art & Finance Reports legen zwar noch etwas mehr Pathos hinein, meinen aber durchaus das Gleiche: „In einer Welt, die von Unsicherheit, Hyperindividualismus, rasantem technologischen Wandel und schwindenden Bezugspunkten geprägt ist, bieten Kunst und Kultur die Möglichkeit, wieder zueinander zu finden. Sie helfen uns, Werte zu teilen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und unsere Menschlichkeit zu stärken.“

Galerien sind die Torwächter

Werte teilen, Gemeinsamkeiten entdecken – Freimüller betont, wie wichtig da die Galerien als Vermittler sind. Genau hier findet ja im Idealfall auch der Austausch mit den Kunstschaffenden statt. GaleristInnen seien aber auch die Gatekeeper, die Torwächter, die Qualitätskontrolle im Kunstmarkt. Hier kaufen die großen Museen genauso wie die kleinen Haushalte. Das garantiere auch Verlässlichkeit und Wertstabilität, betont die Galeristin. Der Markt brauche diese Verlässlichkeit.

Kunst, die unterschätzte Wertanlage
Galeristin Carolin Walker im Skulpturengarten des Schlosses Ebenau mit einer Arbeit von Johann Feilacher. Foto Dieter Arbeiter

Kunst-Kunden sind sympathisch

Carolin Walker von der Galerie Walker kann das nur bestätigen: „Meine Kunden sind zu 99 Prozent extrem wertschätzende, sympathische und offene Menschen“, kommt sie regelrecht ins Schwärmen. Dabei hätten sie so unterschiedliche Hintergründe. Sie erzählt von einem jungen Stammkunden, der sich erst die Kunstbücher ausgeliehen habe, dann zum Gespräch wiedergekommen sei und schließlich ein Werk vom 2010 verstorbenen, bekannten Kärntner Maler und Bildhauer Bruno Gironcoli erstanden habe, auf Raten übrigens. Walker bezeichnet diese persönliche Betreuung ihrer Kunden als ebenso beglückend wie fordernd.

Kleiner Kosmos im Rosental

Wenn man mit der Galeristin so durch die Räume im Schloss Ebenau flaniert, dann gewinnt man den Eindruck, es hier mit einem kleinen aber feinen Kosmos zu tun zu haben, in dem die wichtigsten Protagonisten – die Künstlerinnen und Künstler, die Vermittlerin, die Käuferinnen und Käufer – einander regelrecht umkreisen. Hier findet man die großen Namen nicht nur der Kärntner Kunst. Die im Herbst eröffnete Ausstellung mit Arbeiten von Valentin Oman, der gerade erst seinen 90er gefeiert hat, wurde schon verlängert. Jene von Christine de Pauli ist für April in Vorbereitung.

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Valentin Oman vor seinen arbeiten anlässlich der Ausstellung Spuren/Sledi im Oktober 2025 im Schloss Ebenau. Foto Oman

Das andere Kärntenbild

Walker betont aber auch einen anderen Aspekt ihrer Arbeit. Es sei ihr wesentlich, ein auch im übertragenen Sinne anderes Kärntenbild zu zeichnen. Deshalb kontaktiert sie im Sommer auch die Hotels, macht auf ihre Ausstellungen aufmerksam, lockt so kunst- und kulturaffines Publikum ins Schloss. Und das gibt ja bekanntlich deutlich mehr aus als der Durchschnittsurlauber (Info dazu hier). Da seien über die Jahre sehr erfreuliche und nachhaltige Kooperationen mit dem Tourismus entstanden, freut sich Walker, die ca. zwei bis drei große Ausstellungen pro Jahr anbietet. In der kalten Jahreszeit stehen Besucherinteresse und Aufwand beim Heizen in keinem Verhältnis zueinander. Leben kann sie von der Galerie, aber die Kosten vor allem für die Erhaltung des Schlosses seien enorm hoch. Der Kunstraum in Klagenfurt gegenüber dem Umfallkrankenhaus werde nur noch sporadisch bespielt. Um einen dritten Ausstellungsort, den Pfarrhof in Saak/Nötsch, kümmere sich weiterhin ihre Mutter. Da werden heuer übrigens Arbeiten von Christian Ludwig Attersee gezeigt.

Kunst, die unterschätzte Wertanlage
Aktuelle Ausstellung in der Galerie 3 Klagenfurt: Eric Kressnig „Like Likeness“. Foto Johannes Puch

Von der Psychologie in die Galerie

Lena Freimüller verfolgt eine ganz andere Strategie. Die Späteinsteigerin hatte ja zunächst einen völlig anderen Karriereweg eingeschlagen. Sie arbeitete wissenschaftlich als klinische Psychologin und Konfliktforscherin, ehe sie sich 2020 mit Mitte vierzig entschloss, die Galerie zu übernehmen und ihr „Interesse für systemische Zusammenhänge und Prozesse der partizipativen Forschung“ in die Kunstwelt mitzunehmen. „Transfer“ sei dabei ihre Leidenschaft. Konkret bedeutet das einfach wahnsinnig viel Arbeit. Website, Podcast und Instagram, anfänglich hat sie das alles selbst bespielt. Inzwischen hat sie vier Mitarbeitende, beschäftigt zusätzlich Fotografen, Grafikerin, Transporteure etc. Im Vorjahr hat sich das Unternehmen erstmals gerechnet. Endlich könne sie wieder ruhig schlafen.

Kunst, die unterschätzte Wertanlage
Gut besuchte Eröffnung der aktuellen Ausstellung in der Galerie 3 in Wien: Arbeiten von Daniel Domig und Sofia Goscinski. Foto eSeL.at

Sechs Ausstellungen pro Jahr

Freimüller schafft an beiden Standorten sechs Ausstellungen pro Jahr, ist zusätzlich aber auch auf Kunstmessen präsent. Nach Düsseldorf nimmt sie heuer die in Wien lebende Kärntner Künstlerin Maria Legat mit. Das ist überhaupt so ein Erfolgsmodell, das sie für sich entdeckt hat: Kärntner Künstlerinnen und Künstler, die weggezogen sind, zurückzuholen, indem sie sie in der Galerie 3 präsentiert. Das gilt etwa auch für die aktuelle Ausstellung mit Werken von Eric Kressnig. Die zweite Künstlerin, Elisabeth Wedenig, gehört zu den wenigen ins Land Heimgekehrten.

Nachwuchspreis für Bildende Kunst

Dazu schreibt Freimüller auch den „Nachwuchspreis für Bildende Kunst“ aus, der vom Land Kärnten (5000 Euro), von Fundermax (3000 Euro) und der Wietersdorfer Gruppe (2000 Euro) gesponsert wird. Die Ausschreibung für die aktuelle Ausgabe war mit Dezember 2025 befristet. Eine Jury aus KulturjournalistInnen, KuratorInnen und ExpertInnen entscheidet zunächst über die sechsköpfige Shortlist jener, die im Klagenfurter Künstlerhaus ausgestellt werden, anschließend über die drei PreisträgerInnen.

Säule der Vermögensverwaltung

Der Frage, ob es in der Kärntner Provinz schwerer sei, Kunst zu präsentieren und zu verkaufen, wollen sich die beiden engagierten Galeristinnen gar nicht erst stellen. Beide sind sie mit einer guten Portion Idealismus am Werk. Sie sehen sich aber auch als so etwas wie Nahversorgerinnen und lassen sich nicht so schnell entmutigen. Dafür haben sie schon zu viel harte Aufbauarbeit geleistet. Und wenn es wahr ist, dann hat der zitierte Art & Finance Report von Deloitte trotz der widrigen Umstände in dieser zunehmend unberechenbaren Welt eine ermutigende Botschaft für sie: „Kunst und Sammlerstücke sind kein Nischenprodukt mehr. Sie bilden eine strategische Säule der Vermögensverwaltung der nächsten Generation und bieten Vermögensverwaltern eine einzigartige Möglichkeit, mit ihren Kunden dort in Kontakt zu treten, wo Emotionen, Sinnhaftigkeit, Kultur und Finanzen zusammenfließen.“

Im zweiten Teil unserer Serie über den Kunstmarkt kommen Kärntens größter Kunstsammler und der Leiter des einzigen Auktionshauses im Land zu Wort.

Wie funktioniert der Kunstmarkt?

Man unterscheidet den Primär- und den Sekundärmarkt.

  • Der Primärmarkt wird von den Galerien geprägt, die als Vermittler zwischen den KünstlerInnen und SammlerInnen auftreten. Sie entdecken/präsentieren die Kunst und setzen damit Trends. Käufer sind hier natürlich nicht nur Privatpersonen, sondern auch Institutionen wie Museen. Ankäufe von Museen können den Marktwert der Kunst enorm steigern. Eine wichtige Rolle spielen hier übrigens auch Kunstmessen.
  • Der Sekundärmarkt läuft über Auktionshäuser wie Christie’s, Sotheby’s oder in Österreich das Dorotheum oder „im Kinsky“. Sie verkaufen/versteigern bereits etablierte Kunst, oft hochpreisig und setzen damit auch Preisbenchmarks.
  • Digitale Verkaufsplattformen wie „Artsper“ oder „Artnet“ erleichtern zwar den Zugang zum Markt, können aber das Live-Erlebnis von Kunst nicht ersetzen.
Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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