Der Ölpreis ist gefallen. Die Meerenge ist – vorläufig – wieder offen. Und alle atmen durch.
Diesel kostet trotzdem noch 30 Cent mehr pro Liter als vor dem Krieg. Das Preisniveau bleibt. Die Erleichterung nicht. Doch Gewöhnung ist keine Lösung. Sie ist nur eine bequeme Art, das Problem zu ignorieren. Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel koordinierte Angriffe auf den Iran. Seitdem hat sich die Welt verändert. Ignorieren kann sich Österreich, als eine der offensten Volkswirtschaften Europas, schlichtweg nicht leisten.
Anfang Juni 2026, drei Monate nach Kriegsbeginn: Der Brent-Ölpreis hat sich von seinem Hoch bei 119 Dollar nach dem frisch angekündigten Deal auf rund 83 Dollar zurückgezogen. Die Märkte atmen durch und an Stammtischen hört man die Parole „Wir haben uns dran gewöhnt.“ Doch Gewöhnung ist nicht dasselbe wie Erholung. Preise, die sich auf einem erhöhten Niveau einpendeln, fallen nicht mehr zurück. Sie werden zur neuen Normalität.
Vorerst offen
Am 14. Juni einigten sich die USA und der Iran auf ein Rahmenabkommen. Trump verkündete auf Truth Social: „Das Abkommen mit der Islamischen Republik Iran ist nun vollständig“ – und ordnete die Öffnung der Straße von Hormus an, durch die rund 20 Prozent des global gehandelten Öls fließen. Der Brent-Preis fiel sofort um fast fünf Prozent auf rund 83 Dollar. Die Märkte jubeln. Doch Ökonomen und Reeder warnen vor verfrühter Entwarnung. Der Waffenstillstand gilt zunächst 60 Tage – in denen über ein umfassenderes Abkommen verhandelt werden soll, das auch Sanktionslockerungen beinhalten könnte. Bis dahin bleibt die Gefahr real, dass Hormus wieder geschlossen wird. Und selbst wenn der Deal hält: Die Spritpreise werden nicht auf das Vorkrisenniveau zurückfallen. Die eigentliche Geschichte des Iran-Kriegs ist nicht die aktuelle Einigung. Sie ist das, was die 107 Tage Blockade strukturell hinterlassen haben. Das zeigt auch ein Blick zurück: Am 17. April hatte der Iran die Meerenge für genau einen Tag geöffnet – dann sofort wieder geschlossen, weil die USA ihre Seeblockade nicht aufhoben. Drei Monate Krieg, ein Tag Hoffnung, wieder geschlossen. Und nun ein Deal, dessen Nachhaltigkeit noch niemand einschätzen kann.
Ölpreis Brent: rund 83 USD/Barrel (Stand 15. Juni 2026) – über 22 % höher als vor Kriegsbeginn (28. Februar: ~68 USD)
Straße von Hormus: Trump ordnet Öffnung an (14. Juni). 60-Tägiger Waffenstillstand – Nachhaltigkeit offen. Iran hat noch nicht offiziell unterzeichnet.
Rahmenabkommen: Vermittelt durch Pakistan. Beinhaltet mögliche Sanktionslockerungen. Kernfragen (Atomprogramm, dauerhafte Hormus-Öffnung) noch ungelöst.
Österreich: OeNB senkt Wachstumsprognose 2026 auf 0,5 % (Interimsprognose 24. März). Inflation auf 2,7 % angehoben. Im Negativszenario leichte Rezession möglich.
WIFO/IHS (10. April): WIFO 0,9 % Wachstum, IHS 0,5 %. Inflation zwischen 2,7 und 2,9 %. Ohne Iran-Krieg wären es 1,2 bzw. 1,0 % gewesen.
ifo-Geschäftsklimaindex Deutschland (Ende April): 84,4 Punkte – tiefster Stand seit der Corona-Krise.
Diesel Österreich: 1,830 Euro/Liter (WKO, 1. Juni 2026). Jahresdurchschnitt 2025: 1,537 Euro. Differenz: rund 30 Cent pro Liter.
Was Deglobalisierung konkret bedeutet
Seit 2019 hat sich der Einsatz internationaler Sanktionen mehr als verdreifacht. Exportbeschränkungen für strategische Rohstoffe wuchsen zwischen 2009 und 2023 sogar um das Fünffache. Die USA verhängten Zölle als wirtschaftspolitische Druckmittel, China schränkte den Export seltener Erden ein. Laut einer Analyse der WKO waren im zweiten Quartal 2025 weltweit rund 45 Prozent aller untersuchten Unternehmen von Zöllen betroffen. Diese strukturelle Entwicklung ist nicht Iran-bedingt, sondern ein weiterer, nun dramatisch eskalierter Ausdruck davon. Geökonomik – der Einsatz wirtschaftlicher Mittel als politisches Machtinstrument – ist längst kein Ausnahmefall mehr, sondern das neue Normal. Was sich seit März verändert hat: Das Tempo. Niemand hatte damit gerechnet, dass Hormus zwei Monate nach Kriegsbeginn noch immer zu ist.
Kärnten und die Steiermark: besonders exponiert
Österreich ist eine kleine, offene Volkswirtschaft. Ihr Wohlstand basiert auf Exporten. Und innerhalb Österreichs sind Kärnten und die Steiermark besonders exponiert: Kärnten erwirtschaftet rund 59 Prozent seiner Bruttowertschöpfung im industriellen Umfeld, die Steiermark ist ähnlich strukturiert. Beide Bundesländer hängen stark an der deutschen Industrie – und die steckt selbst in der Krise. Der ifo-Index fällt Ende April auf 84,4 Punkte, den tiefsten Stand seit der Coronakrise. Jeder weitere Tag ohne Öllieferungen durch Hormus erhöhe das Rezessionsrisiko, so Chefvolkswirt Alexander Krüger von Hauck Aufhäuser Lampe. Und selbst nach einer Einigung brauche der Markt längere Zeit zur Normalisierung: „Schiffe können nicht alle gleichzeitig beladen losfahren, Produktionsanlagen sind zu reparieren.“ Für die steirische Industrie, die ohnehin seit Monaten mit negativen Konjunkturindikatoren kämpft, kommt das zur Unzeit. Und die energieintensive Kärntner Metallindustrie, die schon vor dem Iran-Konflikt mit strukturell zu hohen Energiepreisen zu kämpfen hatte, steht nun vor einer weiteren Kostenwelle.
Die politische Antwort: zwischen Schutz und Offenheit
Europa versucht zu reagieren. Der Industrial Accelerator Act, im März 2026 von der EU-Kommission vorgelegt, soll industrielle Wertschöpfung auf dem Kontinent halten, Genehmigungsverfahren beschleunigen und Abhängigkeiten reduzieren. Österreich hat auf Kärntner Initiative hin eine länderübergreifende Standort-Deklaration erarbeitet. Gleichzeitig warnt die Industriellenvereinigung vor dem Irrweg des Protektionismus. Exportorientierte Länder wie Österreich profitieren besonders stark von Freihandelsabkommen – die EU hat Abkommen mit Ländern, die rund 21 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung repräsentieren. Jedes neue Abkommen stärkt den Puffer gegen bilaterale Abhängigkeiten. Mit 1. Mai 2026 ist das Mercosur-Abkommen zwischen EU und Südamerika in Kraft getreten – ein Gegengewicht zur aktuellen Instabilität, das in der Krisendebatte kaum Beachtung findet. Die Antwort auf Deglobalisierung kann also nicht Abschottung sein. Aber sie muss Resilienz bedeuten: diversifizierte Lieferketten, niedrigere Energiekosten, schnellere Genehmigungsverfahren, mehr Eigenversorgung bei kritischen Materialien.
Was konkret in der Region passiert
Die Energie Steiermark hat im Februar 2026 ihre Strompreise um 17 Prozent gesenkt – ein positives regionales Signal. In Kärnten hat die KELAG bereits 2025 die Gewerbestromtarife um 22 Prozent gesenkt. Diese Schritte sind wichtig. Sie sind aber nicht ausreichend, solange die Energiepreise in Österreich strukturell höher liegen als in anderen EU-Regionen und weit über dem internationalen Wettbewerbsniveau. Was Kärnten und die Steiermark in dieser Lage brauchen, ist keine Schockstarre, sondern das, was das Raiffeisen Konjunkturforum 2026 in Velden auf den Begriff brachte: Mut zur Entscheidung. Europa neu denken beginnt nicht in Brüssel, sondern auf den Betriebsgeländen in Kapfenberg und Villach und in den Büros von Landesregierungen, die jetzt Rahmenbedingungen schaffen müssen, nicht abwarten dürfen. Die Straße von Hormus wird irgendwann wieder geöffnet sein. Die Deglobalisierung wird bleiben.
