Pragmatisch und praxisnah baut die FH Kärnten ihr Forschungsangebot aus. Davon profitiert nicht nur der Zentralraum, sondern auch die Peripherie.
Wir sind noch kaum drin in der Innovationswerkstatt der Fachhochschule Kärnten in Villach, schon wird Prof. Erich Hartlieb bestürmt. Irgendetwas funktioniert nicht. Schnelle Hilfe ist gefragt. Und Hartlieb ist zur Stelle. Den Elfenbeinturm gibt’s hier nicht, jeder packt überall an, lernen wir. Der besonnene Oberkärntner und sein Team haben da so einiges auf die Beine gestellt in den letzten Jahren. Die FH Kärnten stemmt in ihren vier Forschungszentren, 19 Forschungsgruppen und 120 Projekten ein Forschungsvolumen von insgesamt zehn Mio. Euro (2025). Eine ordentliche Steigerung gegenüber dem Jahr 2023, wo es noch neun Mio. Euro waren. Rund 20 Prozent steuert die FH übrigens an Eigenmitteln dafür bei.
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Soziale Innovation
Und das alles geschieht durchaus in Übereinstimmung mit dem Gründungszweck der FH, der auf Praxisorientierung ausgelegt ist. Das gilt einerseits für die Ausbildung von in der regionalen Wirtschaft gebrauchten Fachkräften – fast ein Drittel studiert schon berufsbegleitend, also neben dem Job – aber andererseits auch in Forschung und Innovation. Hartlieb weiß gar nicht, wo er anfangen soll bei all den unterschiedlichen Projekten aus dem Forschungsfeld „Innovation & Entrepreneurship“. Manches klingt nur aufs erste Hinhören kompliziert.
- Da erzählt er etwa von einem grenzüberschreitenden Projekt namens SIAAR (Social Impact for the Alps-Adriatic-Region). Ein sperriger Titel, hinter dem sich sehr Konkretes verbirgt. In diesem Fall ein sozio-ökologischer Aspekt. In peripheren Regionen wie dem Mölltal entstehen leicht Lücken, wie Hartlieb sie nennt. In der Kinder- und Altenbetreuung etwa oder bei der Reintegration von Langzeitarbeitslosen. Das hat dann durchaus auch unternehmerische Relevanz, weil ohne entsprechendes Angebot Familien schnell einmal in Schwierigkeiten kommen. Die dünn gesäten Fachkräfte müssen bei Betreuungspflichten Arbeitszeit reduzieren oder gar auf den Job verzichten. In diese Lücken stößt etwa hoch engagiert der in dem Projekt mitbetreute Verein „Familia“ mit „sozialen Innovationen“ und inzwischen schon mehr als 20 Angestellten.
- Zweites Beispiel: das hoch erfolgreiche Projekt „Regionale Wertschöpfungskette im Holzbau“. Schon länger klagten kleine Waldbauern einerseits und Holzbaufirmen andererseits, dass sie von den immer gigantischeren industriellen Sägewerken – nennen wir es – geschnitten werden. Mit der Osttiroler Innovation der so genannten „Saw-Box“, die inzwischen von der Springer Maschinenfabrik produziert wird, lässt sich das Rundholz nun auch im kleineren Maßstab ähnlich effizient verwerten wie in den großen Sägewerken. Es beflügelt das Projekt rund um den Parade-Holzbauunternehmer Christoph Weissenseer. Zur technologischen Innovation gesellt sich die dezentral in der regionalen Wirtschaft umgesetzte Wertschöpfungskette.
- Drittes Beispiel: Die Entwicklung eines Kühlschranks für Supermärkte, der sich nach rechts und nach links öffnen lässt. Initiator und Co-Creation-Partner war der große Kühlgerätehersteller Liebherr in Lienz. Im Smart-Lab der FH Kärnten wurde ein rein mechanisches Konzept entwickelt, der erste Prototyp gebaut.
Werkzeug für Forscher
Stichwort Smartlab: Zu ebener Erde und im ersten Stock bietet die Innovationswerkstatt alle nur erdenkliche Infrastruktur für ihre Forscherinnen oder Gründer mit Ideen aber ohne Ausrüstung. Von der CNC-Maschine bis zum Lasercutter oder ganz großen 3D-Drucker. Inhaltlich und organisatorisch kooperiert man mit dem build!-Gründerzentrum genauso wie dem KWF (Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds), wenn es um die Hardware geht, natürlich auch mit dem GPS (Gemeinnütziges Personalservice) gleich nebenan in Villach-Magdalen. Teure Maschinen gemeinsam zu nutzen, spart jedenfalls erhebliche Kosten.

Werkzeug in Köpfen
Der womöglich noch relevantere Raum findet sich aber im Stock darüber in der Innovationswerkstatt selbst: Ein heller mittlerer Konferenzsaal, den man mit auf Rollen laufenden Tischen und Stühlen sehr variabel gestalten kann, ein großes Display und Flipcharts – so weit so unspektakulär. Denn hier wird das Werkzeug in den Köpfen bewegt. Wer schon mal was von „Design Thinking“ gehört oder gar selbst mitgemacht hat, weiß, wie spannend es ist, mit anderen Menschen aus allen Richtungen in einem geschickt gesteuerten Prozess aus über 500 Ideen drei bis fünf realistische und umsetzbare Konzepte zu destillieren. Der Wood Cube als Spezialfall des Tiny House für die Hasslacher Gruppe ist hier ebenso erdacht worden wie ein spezieller Klimaziegel gegen die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen. Entscheidend für jede dieser Entwicklungen ist natürlich die passende Definition der Problemstellung, die einen entsprechend hohen Stellenwert im Prozess bekommt.
Büro im Schiffscontainer
Neben Smart Lab und Innovationswerkstatt bietet die FH hier aber auch noch die Gründergarage. Weil im Hauptgebäude kein Platz mehr war, um vielversprechende Gründungsprojekte in der Phase des Übergangs hin zum Markt zu unterstützen, hat man sich eine ebenso einfache wie pfiffige Lösung einfallen lassen. Gleich neben dem Parkplatz stapeln sich – finanziell unterstützt von der Kärntner Sparkasse und Kärntner Unternehmen – ein paar zu Minibüros umgestaltete ehemalige Schiffscontainer. Dort können die Gründer ganz in Ruhe ihren Absprung in die endgültige Selbständigkeit vorbereiten.
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Der Betonversteher
Wir treffen den Baumeister und Bauingenieur Andreas Wolfthaler. Der Oberösterreicher hat zuerst eine Maurerlehre mit Matura absolviert, ehe er an der FH Kärnten studierte. Er beschäftigt sich mit vielfältigen Anwendungen im Bereich Beton. Sein derzeit spannendstes Projekt sind neue Rezepturen. Die immer massivere Besteuerung von Treibhausgasen führt nämlich dazu, dass der in der Produktion enorm CO2-emittierende Grundbestandteil Zement immer teurer wird. Es ist daher Gebot der Stunde, dessen Anteil möglichst so zu reduzieren, dass die Materialeigenschaften dadurch nicht beeinträchtigt werden. Dabei greift Wolfthaler immer wieder auf Laborausstattung und Expertennetzwerk der FH Kärnten zurück.
Dezentrale Innovationsräume
Ob die vielen Standorte der FH Kärnten in Spittal, Villach, Feldkirchen und Klagenfurt eine gute Idee sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Politik will offenbar nicht dran rütteln. Definitiv bewährt habe sich allerdings das wachsende Netzwerk von den beschriebenen Innovations-Räumen, wie Hartlieb betont. Sie reichen von Kötschach-Mauthen im Westen über die genannten Standorte der FH bis nach St. Stefan im Lavanttal. Dort hat sich die FH Kärnten am Standort der PMS-Gruppe (Elektro- und Schaltanlagenbau) als „Technikum Kärnten“ einquartiert und bietet für regionale Studierende auch Unterrichtsräume an. Das Lavanttal ist – gemessen am Anteil der Wertschöpfung – Kärntens industriestärkster Bezirk. Die Fahrzeiten vor allem auch für die berufsbegleitend Studierenden aus der Region reduzieren sich erheblich. Durch die Koralmbahn und den nahen Zentralbahnhof wird sich die Erreichbarkeit noch einmal deutlich verbessern. Jedenfalls ist durch diese dezentrale Struktur garantiert, dass in den jeweiligen Regionen genau die Themen bearbeitet werden, die für sie wichtig sind.
K.u.K. Forschungszentralismus
Die FH Kärnten hat jedenfalls mit ihren Kooperationspartnern aus Institutionen und Wirtschaft geholfen, die Hemmschwelle hin zu Innovation und Forschung deutlich zu senken. Und das ist bitter nötig. Sieht man nämlich ab von Kärntens Platzhirsch Infineon, der den Löwenanteil der Forschungsausgaben im Land stemmt, dann fiel zumindest in der Statistik bis zum Jahr 2021 auf, dass die Zahl der forschenden Betrieben kontinuierlich sank (Hintergrund dazu hier). Da ist es ein erfreuliches Signal, dass der KWF die Zahl der Projekte in Forschung und Entwicklung von 2023 auf 2024 um 75 Prozent steigern konnte. Der Kärntner universitäre Sektor trägt bei, was er kann.
In der luxuriösen Lage der Bundeshauptstadt Wien ist er allerdings nicht. Dort kommen laut aktueller Erhebung der Statistik Austria (2023) 47,6 Prozent der Forschungsausgaben (insgesamt 3,95 Mrd. Euro) vom universitären Sektor, der Rest von Unternehmen. In Kärnten ist es ganz anders: 10,7 Prozent (von insgesamt 0,9 Mrd. Euro) auf Seiten der Unis, 89,3 Prozent auf der der Unternehmen (und da vor allem von Infineon).
Fakt ist: in der Universitätspolitik herrscht in Österreich immer noch monarchischer Zentralismus. Die großen Budgets werden in der K.u.K. Bundeshauptstadt verbraten, Bundesländern wie Kärnten bleiben die Brosamen. In Anbetracht dessen ist es schon erstaunlich, was die kleine FH Kärnten dennoch bewegt.
