Keimzellen des Wachstums

KI-Rechenzentren sind ja bisher nur als Energie- und Wasserverschwender verschrien. Dass damit auch ungeheure Chancen verbunden sind, zeigt sich vor allem im Süden Österreichs.

Der Niedergang der europäischen Autobranche hat die Elektronikindustrie in Kärnten und der Steiermark ganz schön ins Schwitzen gebracht. Viel ungeschickter hätte die EU den Wechsel vom Verbrenner zum BEV (Battery Electric Vehicle) wohl nicht managen können. Verunsicherte Konsumenten übten sich in Kaufzurückhaltung und bescherten Herstellern wie Zulieferern leere Auftragsbücher. Auch die vom stetigen Zuwachs von Elektronikkomponenten in den Fahrzeugen verwöhnte heimische Elektronikindustrie musste sich nach neuen Kunden umsehen.

Zulieferer für KI-Rechenzentren

Da ist ihnen die völlig überraschende und blitzschnell einsetzende Boom bei riesigen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) gerade recht gekommen. Denn eines hat uns die KI-Revolution gelehrt: Die Herausforderungen sind nicht nur auf der Softwareseite enorm, sondern auch auf jener der Hardware. Ohne Chip-Spezialisten wie Nvidia, AMD oder TSMC wären die Erfolge von KI-Schmieden wie Open AI, Alphabet, Anthropic & Co erst gar nicht möglich gewesen. Vollständig abgebildet wird das unglaublich dynamische neue Geschäftsfeld damit aber bei weitem noch nicht. Dieser Markt entwickle sich schneller als alles, was wir in Jahrzehnten erlebt hätten, formuliert es der US-Elektronikkonzern Flex in einem eben veröffentlichten Blog. Davon profitiere auch der Kärntner Standort in Althofen, der seit 2025 in die globale Strategie zur Produktion von Leistungsmodulen für KI-Rechenzentren eingebunden ist. (Info hier)

So viel zur Ökologie…

Laut einer Studie der United Nations University (UNU, Institut für Wasser, Umwelt und Gesundheit) verbrauchten KI-Rechenzentren im Jahr 2025 448 Terawattstunden Strom. Würde man das in Relation zu Nationalstaaten setzen, entspräche es Platz 11 im Ranking der größten Stromverbraucher, gleich hinter Frankreich! Info hier
Setzt sich die derzeitige Entwicklung so fort, könnte sich dieser Verbrauch übrigens laut der internationalen Energieagentur bis 2030 auf 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln. Info hier
Die gigantische Steigerung der Leistung in den Rechenzentren macht immer aufwändigere Kühlungen nötig. Luftkühlung war gestern, aktuell ist Wasserkühlung Standard. Mit dem Erfolg, dass die zitierte UNU-Studie von 8,3 Billionen Litern Wasserverbrauch für die Rechenzentren ausgeht. Das entspricht der Menge, die 1,3 Mrd. Menschen in Subsahara im Jahr nutzen.

Infineon liefert Leistungshalbleiter

Was sich da im Inneren der von immer mehr KI-Traffic dominierten Rechenzentren abspielt, kann sich der Laie kaum vorstellen. Vor wenigen Jahren lag die Leistungsdichte in den so genannten Racks, also den Kästen, in denen die entsprechende Elektronik untergebracht ist, noch bei 10 bis 20 Kilowatt, in naher Zukunft werde sie bei über einem Megawatt (1 Megawatt = 1000 Kilowatt) liegen, rechnet Flex in seinem Blog vor. Neben vielem anderen spielen entsprechende elektronische Bauteile eine wichtige Rolle, wie sie etwa von Infineon in Villach kommen. Infineon erzeugt zwar selbst keine KI-Prozessoren (wie z.B. Nvidia), seine Leistungshalbleiter sorgen aber für deren effizienten Betrieb durch Stromversorgung, Energieeffizienz und Stabilität. Auch das ist inzwischen ein Mega-Geschäft. Schon 2025 hat der deutsche Halbleiterkonzern weltweit seinen Umsatz mit KI-Rechenzentren verdreifacht, meldet die Kommunikationsabteilung am Villacher Standort. Laut interner Prognose werde er hier 2026 bei 1,5 Mrd. Euro liegen, im Jahr 2027 schon bei 2,5 Mrd. Euro! Voila, da ist sie, die Alternative zur schwächelnden Autobranche.

AT&S – Europas Leiterplattenspezialist

Ähnliches, wenn nicht Größeres, spielt sich übrigens auch beim steirischen Leiterplattenhersteller AT&S ab. Vorerst einmal beim Aktienkurs, aber das reale Geschäft folgt auf dem Fuße. Seit einem Jahr hat sich der Wert der Aktie im ATX (Wiener Börsenindex) verelffacht, meldete die Tageszeitung die Presse („Economist“, 15.6.2026) kürzlich. Verträge mit dem großen Chiphersteller AMD und einem weiteren Kunden über Produktionserweiterungen bei IC-Substraten (Anm.: Träger, auf denen Mikrochips montiert sind) für KI und Hochleistungscomputer sind fixiert. AT&S ist laut Presse das einzige Unternehmen in Europa, das sowohl diese IC-Substrate baut als auch gleichzeitig die High-End-Leiterplatten erzeugt, „die als übergeordnetes Nervensystem aller Komponenten im Gerät fungieren.“ Produziert wird zwar vorwiegend in Asien, aber gesteuert wird aus Österreich.

Maschinen von Lam Research

Im selben Artikel nennt Die Presse aber noch ein weiteres Unternehmen, das massiv von der enormen Nachfrage an Elektronik-Komponenten für KI-Rechenzentren profitiert. U.a. der Kärntner Standort des US-Herstellers von Maschinen für die Chipproduktion Lam Research. Auf die Schnelle war vor Redaktionsschluss dieses Artikels zwar keine genauere Info mehr zu bekommen, aber der Zusammenhang liegt auf der Hand.

Schnelle Kabel von Rosendahl-Nextrom

Es gibt aber natürlich auch jede Menge kleinere Unternehmen in speziellen Nischen, die am explosionsartig wachsenden Markt der KI-Rechenzentren mitnaschen. Dazu gehört etwa die steirische, zur Knill-Gruppe gehörende Rosendahl-Nextrom. Sie wurde 2025 für ihren neu entwickelten Fertigungsprozess der so genannten „Twinax Kabel“ mit dem Staatspreis Innovation ausgezeichnet. In modernen Datenzentren braucht es Verbindungen mit möglichst geringer Latenz (Verzögerung). Rosendahl-Nextrom hat ein KI-gestütztes Verfahren entwickelt, das diese Twinax-Kabel in Schaumextrusionsanlagen mit einer hochpräzisen Isolationsschicht ummantelt, das ultraschnelle Datenübertragungen ermöglicht – ein ganz wichtiger Teilaspekt zur Effizienzsteigerung in KI-Rechenzentren.

Christian Helmenstein, chefökonom der Industriellenvereinigung
Christian Helmenstein: „Wo Rechenzentren gebaut werden, sind die Keimzellen des künftigen Wachstums“, Foto: IV

Keimzellen des Wachstums

Am idealsten lassen sich die ökonomischen Vorteile eines KI-Rechenzentrums natürlich realisieren, wenn man nicht nur zuliefert, sondern gleich selbst eines baut. Im oberösterreichischen Kronstorf stellt Google gerade sein erstes in der Alpenrepublik hin. Nicht offiziell kolportiert wird eine Investitionssumme von 800.000 bis einer Mrd. Euro. „Wo Rechenzentren gebaut werden, sind die Keimzellen des künftigen Wachstums“, wird Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, ebenfalls in einem Artikel in der Presse vom zitiert („Economist“, 21.6.2026). 68 davon gibt es in Österreich und wohl bei weitem nicht alle in dieser Größenordnung. In Deutschland sind es 529, in den USA – rasch zunehmend – fast 6000, beruft sich die Presse auf den Standford AI Index Report 2026.

KI-Rechenzentrum in Kärnten?

Der Kärntner Obmann der Sparte UBIT in der Wirtschaftskammer, Martin Zendonella, träumt auch von einem Rechenzentrum in der oberösterreichischen Größenordnung. Interessierte Investoren gebe es genug, weiß er aus persönlichen Gesprächen. Und unrealistisch ist das Thema auch nicht. Die 100 Megawatt Stromverbrauch und die nötige Kühlung sind das eine. Der Mitte September in Betrieb gehende ALPSiX, ein eigener Internet Exchange Knoten für Kärnten zur direkteren Einbindung in die europäischen Datennetze, der den bisherigen Umweg über Wien überflüssig macht, ist ein weiteres gewichtiges Argument auf der Habenseite. Es bräuchte allerdings auch ein Grundstück in der Größenordnung von 10 bis 20 Hektar im Zentralraum, weiß Zandonella. Und die verfahrensbedingt zu erwartenden drei bis fünf Jahre bis zum Baubeginn sind für potenzielle Investoren auch nicht gerade einladend.

Martin Zandonella
Martin Zandonella, Obmann der Sparte Information und Consulting in der WK Kärnten. Foto: Gilbert Waldner

Schlüsseltechnologie

Die volkswirtschaftlichen Folgewirkungen der Milliardeninvestition wären jedenfalls enorm: für die Bauwirtschaft, die regionalen Energieversorger, das Gewerbe und die Dienstleistungen – nicht zuletzt aufgrund der kommunalen Abgaben für die Stadt oder Gemeinde, wo es entsteht. Wohl kaum zufällig ist übrigens der Ausbau der Rechenzentrums-Infrastruktur in der Industriestrategie der Bundesregierung als zu fördernde „Schlüsseltechnologie“ definiert.

Der Zug ist nicht abgefahren

In der Steiermark sind die Diskussionen hingegen noch nicht allzu weit gediehen. Über Forderungen nach Anbindung an europäische Hochleistungsrechner im Papier „Graz mach was!“ der Industriellenvereinigung Steiermark an die neue Stadtregierung ist man da noch nicht hinaus, erfahren wir von einem Insider. Gerade für Österreichs wichtigste Forschungsregion (Forschungsquote von 5,31 Prozent, Platz eins im Bundesländervergleich!) wäre da deutlich mehr Ambition gefragt, um besser in der so wichtigen KI-Forschung mitmischen zu können. Aber der Zug ist ja bei weitem noch nicht abgefahren durch den Koralmtunnel im Süden Österreichs.

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

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