Joel Kernasenko: Outlaw in der Porsche-Nische

Wo andere Menschen Blut in den Adern haben, wird Joel Kernasenkos Kreislauf von einem explosiven Gemisch aus Freiheit und Benzin getrieben. Aus einem selbst gefertigten Schaltknauf für seinen Porsche entstand mit weniger als 1.000 Euro Startkapital ein Unternehmen, das heute KundInnen bis nach Amerika erreicht. Doch zwischen internationaler Nachfrage, knappen Reserven und neuen Zöllen muss Kernasenko immer wieder entscheiden, wie viel Risiko sein Traum verträgt.

Die Zutaten zum Rezept, mit dem Großes erreicht werden kann, sind bekannt: der unbedingte Wille, etwas zu erschaffen, ein wenig Eitelkeit und natürlich ein gewisser Freiheitsdrang. Auf niemanden passen diese Zuschreibungen besser als auf Joel Kernasenko. Nichts wäre schlimmer für den Entrepreneur, als Tag für Tag an einen Bürostuhl gefesselt zu sein, an dem andere seine Talente für ihr eigenes Fortkommen nutzen. Nicht, dass er es nicht versucht hätte: Begonnen hat er seine Karriere als Grafiker, als einer von vielen in der Produktion der Kleinen Zeitung. Er habe das gebraucht, berichtet er, um zu erkennen, dass dergleichen nichts für ihn sei.

Ausgangspunkt Fotografie

Joel wollte mehr. Also begann er, in die Fotografie zu investieren, einen Bereich, in dem er – wie sich schnell zeigen sollte – ein erstaunliches Talent entwickelte. Innerhalb weniger Jahre hatte sich Joel ein renommiertes Klientel aufgebaut: Magazine, Institutionen, UnternehmerInnen, Industriebetriebe – sie alle schätzten seinen Blick für ungewöhnliche Perspektiven und handwerkliche Perfektion.

Little Italy und mehr

Diese Geschichte sollte eigentlich ein klassisches Unternehmens-Porträt werden. Geworden ist daraus eine Liebeserklärung: An Unternehmertum, …

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Unternehmerische Lernphase

Doch der Erfolg hatte seine Schattenseiten. Für den Jungunternehmer erwies sich der Weg zur dauerhaften wirtschaftlichen Stabilität als mit zahlreichen Fallen gepflastert. Und Joel tappte in viele davon. Als Corona kam, war es zunächst vorbei mit dem Höhenflug. Medien und Werbepartner konnten ihn kaum mehr buchen, der Motorsport, auf den sich Joel fotografisch spezialisiert hatte, machte eine Pause. Viel blieb nicht übrig aus dieser Zeit, außer einem alten 964er Porsche, den er günstig erworben und mit viel Liebe restauriert hatte.

„Wir wollen das Porsche-Segment ein Stück erweitern und auch andere Marken erschließen – Land Rover, BMW und ähnliche Klassiker. Da gibt es viele Fahrzeuge mit einer extrem engagierten Szene.“ Joel Kernasenko

Im Zuge dessen begann Joel zu experimentieren. Sein Perfektionismus, das Gefühl für Ästhetik und die Leidenschaft für das, womit er sich beschäftigte, ließen Erstaunliches entstehen: zunächst einen Schaltknauf für den eigenen Porsche, handgefertigt natürlich, und einen zweiten für den eines Freundes. Budget für die Entwicklung: weniger als 1000 Euro. Der Markt, wie sich bald herausstellen sollte: international.

Social Media als Vermarktungsplattform

Wobei dieser Markt zunächst einmal gar nicht wusste, dass er einer war. Wer noch nie einen solchen Schaltknauf gesehen hatte, konnte schwerlich danach suchen. Joel hatte also nicht nur ein Produkt zu verkaufen, sondern erst einmal den Wunsch danach zu wecken. Gut gemachter Social Media Content fand schnell weltweit sein Publikum. Die Community, die sich für seine Produkte interessierte, liebt diese Art Content: hundertprozentig authentisch, engagiert und immer am Punkt, mit einer krassen Mischung aus Abenteuer, Craftmanship und natürlich Porsche Enthusiasmus.

„Ich habe gelernt: Du bist Champion in der Nische der Nische der Nische. Die Leute kennen mich für gute Schaltknäufe und gute Spiegel. Punkt.“ Joel Kernasenko

NINE ELEVEN Outlaw heißt das Unternehmen, das daraus entstand. Ein Name, der zu Joel passt. Schaltknäufe und Spiegel für Menschen, denen selbst ein Porsche noch nicht persönlich genug ist. Kleine Serien, besondere Materialien und vor allem handwerklicher Anspruch. Gebaut zu 100 Prozent in Österreich. Billig ist das nicht, soll es auch nicht sein, aber wer Joel im Preis unterbieten will, wird Möglichkeiten finden. Kopisten machen bereits aggressiv Werbung auf Social Media. Joel setzt darauf, dass seine Kundschaft den Unterschied erkennt. Und tatsächlich: Sie finden ihn. Nur selten in Europa, dafür umso öfter auf der anderen Seite des Atlantiks. Zeitweise stammten rund 70 Prozent des Geschäfts aus den USA. Besonders Kalifornien hat es ihm angetan, dieses Zentrum der Porsche-Enthusiasten, in dem die Begeisterung für ein Auto nicht bei dessen Kauf endet. Für jemanden, der aus einem Schaltknauf eine Herzensangelegenheit machen kann, offenbar kein schlechter Ort.

 

Nur: Von Begeisterung allein bezahlt man keine Rechnungen. Jahrelang floss praktisch alles, was hereinkam, wieder ins Unternehmen. Neue Produkte, Fertigung, der nächste Schritt. Joel selbst entnahm so gut wie nichts. Erst 2022 begann er, Geld herauszunehmen. Das Geschäft war aus eigener Kraft gewachsen. Die finanzielle Sicherheit hielt nicht Schritt.

Zäsuren Corona und Donald Trump

Corona hatte dabei zwei Gesichter. Während die Fotografie ausgebremst wurde, wuchs das Unternehmen in kurzer Zeit stark. Was nach einer geglückten Rettung klingt, wurde nach Joels Darstellung zur nächsten Falle: Rechtlich und steuerlich sei das Geschäft falsch aufgestellt gewesen, erhebliche Corona-Hilfen seien ihm deshalb entgangen. Die Folgen, erzählt er, beschäftigen ihn bis heute, und sie sind Teil der Geschichte darüber, wie es österreichischen Unternehmen nach Corona auch gehen kann: Zu wenig Geld im richtigen Moment. Weiterarbeiten. Familie, Unternehmen und Schlaf unter einen Hut bringen müssen.

Einfuhrzölle und Steuerpolitik

Von einer Krise in die nächste taumeln: Einfuhrzölle, Steuerpolitik. Dass ihm dabei die Geduld mit den heimischen Verhältnissen ausgeht, überrascht wenig. Teure Messen, auf denen zu wenig verkauft wird. Frachtkosten. Vorschriften und Nachweispflichten. Österreich, Deutschland, Europa: Für Joel sind das zunehmend Orte, an denen der Aufwand wächst, ohne dass das Geschäft mitwächst. Seine KundInnen sitzen ohnehin anderswo – in den USA, in Kanada, also überall dort, wo die Community noch leben darf, ohne unter den Generalverdacht des Kapitalisten zu fallen, nur weil man Porsche fährt.

Grüner Porsche 911 der Baureihe 964 auf einer verschneiten Alpenstraße
Freiheit auf vier Rädern: Der Porsche 964 wurde zum Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Unternehmergeschichte. Foto: Mike oh Media

Apropos: Die Community, die Joel bedient und deren Teil er ist, besitzen ihre 911er nicht um anzugeben oder um eine Midlifecrisis zu kompensieren. Es sind Typen, Persönlichkeiten, die dieses Auto fahren, die es oft halbverrostet gekauft und mühsam wieder in Gang gebracht haben. Sie sind ein wenig verrückt, leben das Hank Moody-Leben aus Californication, jener Kultserie aus den frühen 2000ern, die von dem Kampf menschlicher Seelen erzählt, die sich nicht verbiegen lassen wollen und doch irgendwie den Konventionen entsprechen müssen.

Amerika als Hoffnungsland

Also wieder Amerika. Diesmal nicht nur als Absatzmarkt. Joel erwägt eine eigene Gesellschaft in den USA, die seine Produkte direkt importiert und vertreibt. Näher an den Kundinnen und Kunden, kürzere Wege für Waren und Geld. Dafür braucht es Kapital und Joel ist durchaus bereit, dafür Opfer zu bringen. Um sein Unternehmen zu finanzieren, hatte er schon einmal seine Grenzen überschritten und dafür ausgerechnet jenes Auto, mit dem er in der Community so richtig bekannt wurde, verkauft: Ein wunderschöner, perfekt umgebauter Porsche Safari 944er.

Es ist eine eigentümliche Pointe: Das Auto, an dem er seine Idee entwickelte, musste gehen, damit die Idee weiterfahren konnte. Bis er ihn zurückkaufen kann, wird einige Zeit vergehen. Es gibt eine ähnliche Geschichte von Sly Stallone und seinem Hund, den er zunächst verkaufte und dann von der ersten Gage um den 10-fachen Preis wieder zurückkaufte. Der Vorgang erzählt einiges darüber, was Selbstständigkeit bedeutet, wenn hinter dem Unternehmen keine großen Geldgeber stehen. Sondern ein Unternehmer, der seinem Traum unbedingt folgt.

Mehr Entrepreneurship, bitte!

Joel wünscht sich mehr von solchen Menschen. Und weniger Angst davor, dass etwas schiefgehen könnte. Unternehmertum gehöre in die Schulen, findet er; wer etwas aufbauen wolle, brauche einfachere Bedingungen. Nicht jeder Versuch gelingt. Das weiß er selbst am besten. Was ihn trotzdem weitermachen lässt, hat sein Vater in einen Satz gefasst. Er passt zu Joel, zu seinem Freiheitsdrang und wohl auch zu diesem Unternehmen: „Aufgeben tut man maximal einen Brief.“

Hannes Roth
Hannes Roth
Autor | Steiermark
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Start | Up
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