„It’s the economy, stupid!“

Der Landwirtschaftskammerwahl im Herbst verdanken wir eine Momentaufnahme des volkswirtschaftlichen Verständnisses in Kärnten: Bei einer unlängst veröffentlichten Umfrage der agrarischen Interessenvertretung landete die Landwirtschaft bei der Frage nach den wichtigsten Berufsgruppen auf Platz 2, knapp hinter den Ärzten. Diese Bodenständigkeit mag sympathisch sein, von der Lebensrealität ist sie weit entfernt: „It’s the economy, stupid“ wissen wir, seit James Carville, Chefstratege der erfolgreichen Präsidentschaftskampagne von Bill Clinton im Jahr 1992, diesen Merksatz an die Wand des Wahlkampfbüros pinnte.

Grund genug, sich die sogenannte Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in Kärnten* für das Jahr 2024 – die jüngste verfügbare Auswertung, erstellt im Dezember 2025 – genauer anzuschauen. Sie liefert ein systematisches Bild der wirtschaftlichen Aktivität und ermöglicht die Analyse der ökonomischen Leistungsfähigkeit einer Region. Und birgt einige handfeste Überraschungen.

Kärnten fällt zurück – und zeigt zugleich wirtschaftliche Stärke

Die Kärntner Wirtschaft hat 2024 einen herben Dämpfer erlitten. Während Österreich insgesamt bereits das zweite Rezessionsjahr in Folge verzeichnete (-0,7 Prozent), fiel der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Kärnten mit minus 3,6 Prozent so stark aus wie in keinem anderen Bundesland. Gleichzeitig offenbart die neue Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aber auch ein differenziertes Bild: Kärnten bleibt einer der wichtigsten Industriestandorte Österreichs – genau diese Stärke wurde 2024 allerdings zur größten Schwäche.

Infografik zur Bruttowertschöpfung in Kärnten mit Vergleich zentraler Wirtschaftssektoren wie Industrie, Gewerbe, Handel und Tourismus.
*„VOLKSWIRTSCHAFTLICHE GESAMTRECHNUNG KÄRNTEN im Jahr 2024“, Hrsg.: Land Kärnten/Statistik, Quelle: Kärntner Industie

Kärnten ist Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum

Dieses Ergebnis wirkt auf den ersten Blick überraschend, war doch Kärnten noch ein Jahr zuvor Gewinner der Statistik Austria: Das Wirtschaftswachstum für 2023 wurde nachträglich von ursprünglich -1,2 auf +1,1 Prozent korrigiert. Damit lag Kärnten sogar auf Platz zwei hinter Wien. Ausschlaggebend waren bessere Daten aus der Energiewirtschaft, dem Bau sowie den wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen.

Industrie: vom Motor zur Bremse

Der Hauptgrund für den massiven Rückgang im Jahr darauf liegt in Kärntens Wirtschaftsstruktur. Das vermeintliche Tourismusland ist nämlich im Vergleich mit anderen Bundesländern überdurchschnittlich stark industrialisiert: 36,3 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung stammen aus dem produzierenden Bereich. Österreichweit liegt dieser Anteil lediglich bei 27,4 Prozent. Kärnten zählt damit zu den am stärksten industriell geprägten Bundesländern. Damit sind Industrielle – oder Unternehmerinnen und Unternehmer generell – mit Abstand die wichtigste Berufsgruppe. Sorry, liebe Bäuerinnen und Bauern. Ihr seid die Sieger der Herzen.

Luftaufnahme des Fundermax-Industriestandorts in Kärnten mit Produktionshallen, Bahnstrecke, vorbeifahrendem Güterzug und umliegender Wald- und Wiesenlandschaft.
Fundermax – hier das Werk in St. Veit – ist Weltmarktführer für hochwertige Fassadenplatten und Anbieter einer dekorativen Produktpalette für den Innenausbau. Foto: Kärntner Industrie

Stärke als Schwäche

Genau diese industrielle Stärke erwies sich 2024 jedoch als Achillesferse: Die Industrie verzeichnete real einen Einbruch von 9,9 Prozent – den höchsten Rückgang aller Bundesländer. Besonders stark betroffen war die Warenherstellung mit minus 11,8 Prozent. Auch Energieversorgung (-9,8 Prozent) und Bauwirtschaft (-6,0 Prozent) verloren deutlich an Wertschöpfung. Allein die Warenherstellung belastete das Gesamtergebnis um 2,6 Prozentpunkte und war damit der wichtigste Treiber der Rezession.

Großes Holzlager mit meterhoch gestapelten Baumstämmen und industrieller Infrastruktur in einer alpinen Region Kärntens.
Kärnten ist nach der Steiermark das zweitwaldreichste Bundesland Österreichs. Hochwertiges Holz ist ein Exportschlager. Foto: Kärntner Industrie

Kärnten bleibt Industrieland

Gerade deshalb liefert die Studie auch eine zweite wichtige Botschaft: Trotz des Rückschlags ist Kärnten langfristig wirtschaftlich robuster geworden. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der produzierende Sektor durchschnittlich stärker als der Dienstleistungsbereich. Sein Anteil an der gesamten Bruttowertschöpfung stieg von 32,6 auf 36,3 Prozent. Kärnten entwickelt sich damit zunehmend zu einem Industriestandort – deutlich stärker als Österreich insgesamt. Überdurchschnittlich vertreten sind insbesondere

· die Herstellung von Waren,

· die Energieversorgung sowie

· das Gesundheits- und Sozialwesen.

Weniger ins Gewicht fallen dagegen Handel sowie Information und Kommunikation. Diese Struktur macht Kärnten in Boomphasen besonders dynamisch – in wirtschaftlichen Abschwüngen aber auch anfälliger.

Drohnenaufnahme des Unternehmens GREENoneTEC mit großflächigen Produktionshallen, Solarpaneelen am Dach und angrenzendem Gewerbegebiet.
GREENoneTEC entwickelt und produziert in St. Veit thermische Solarkollektoren und Befestigungssysteme in kundenspezifischen OEM-Ausführungen. Foto: Kärntner Industrie

Harter Fight zwischen Bundesländern

Auch beim Bruttoregionalprodukt pro Einwohner zeigt sich der Rückschlag. 2024 erwirtschaftete jede Kärntnerin und jeder Kärntner rund 49.600 Euro Wirtschaftsleistung. Das bedeutet Rang sieben unter den neun Bundesländern, der Österreichschnitt liegt bei 53.800 Euro. Spitzenreiter bleiben Salzburg (65.800 Euro), Wien (61.900 Euro) und Tirol (57.700 Euro).

Kopf-an-Kopf-Rennen in der AREA Süd

Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit dem „AREA Süd“-Partner Steiermark: 2023 hatte Kärnten die Steiermark beim Pro-Kopf-BIP erstmals überholt und 95 Prozent des Österreichschnitts erreicht. Durch den Einbruch 2024 fiel Kärnten jedoch wieder auf 92 Prozent zurück und wurde erneut von der Steiermark (93 Prozent) knapp abgehängt. Immerhin zeigt der längerfristige Trend weiterhin nach oben: Während Kärnten in den 2000er-Jahren durchschnittlich nur rund 85 Prozent des österreichischen Pro-Kopf-Niveaus erreichte, liegt dieser Wert in den ersten Jahren der 2020er bereits bei rund 91 Prozent.

Fragwürdiger Lichtblick

Nicht alle Branchen entwickelten sich negativ. Zu den Gewinnern des Jahres 2024 zählten

· Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (+4,8 Prozent),

· Öffentliche Verwaltung (+4,0 Prozent),

· Bildung (+3,9 Prozent),

· Gesundheits- und Sozialwesen (+3,2 Prozent).

Ebenso erfreulich wie auch bedenklich ist, dass sich ausgerechnet das – öffentlich finanzierte – Gesundheits- und Sozialwesen zur wichtigen Stütze der VGR entwickelte und den größten positiven Wachstumsbeitrag lieferte. Der Dienstleistungssektor insgesamt konnte den Einbruch der Industrie allerdings nicht kompensieren. Seine reale Wertschöpfung legte lediglich um 0,1 Prozent zu.

Luftaufnahme des Unternehmensstandorts von CMS mit Büro- und Produktionsgebäuden, Parkplätzen und umliegenden Gewerbeflächen.
cms electronics in Klagenfurt ist ein führender Fertigungsdienstleister (EMS) für die Elektronikindustrie und bietet Komplettlösungen von der Entwicklung bis zur Serienfertigung. Foto: Kärntner Industrie

Einkommen steigen

Interessant ist der Blick auf die privaten Haushalte: Das verfügbare Einkommen der Kärntner stieg 2024 um beachtliche 7,8 Prozent auf rund 17,1 Milliarden Euro. Damit gehört Kärnten zu den Bundesländern mit den stärksten Einkommenszuwächsen. Dennoch bleibt die Ausgangslage ernüchternd: Mit einem verfügbaren Einkommen von durchschnittlich 30.100 Euro pro Einwohner liegt Kärnten österreichweit weiterhin nur auf Rang acht. Lediglich Wien weist mit 28.200 Euro einen niedrigeren Wert auf. Der Österreichschnitt beträgt 30.400 Euro, Spitzenreiter ist Niederösterreich mit 31.600 Euro.

Gleichzeitig zeigt sich aber ein positiver Langfristtrend: Das Einkommen der Kärntner wächst in den vergangenen fünf Jahren leicht schneller als im Bundesdurchschnitt. Kärnten nähert sich damit Schritt für Schritt dem österreichischen Niveau an, auch wenn die Lücke noch nicht geschlossen ist.

Die eigentliche Geschichte steckt hinter den Zahlen

Wer ausschließlich auf den Rekordrückgang von 3,6 Prozent blickt, übersieht leicht den eigentlichen Befund dieser Studie: Kärnten ist nicht deshalb Schlusslicht, weil seine Wirtschaft grundsätzlich schwach wäre. Vielmehr zeigt sich die Kehrseite eines Bundeslandes, das in den vergangenen Jahren seine industrielle Basis deutlich ausgebaut hat. Gerade jene Branchen, die Kärnten wirtschaftlich stark machen, standen 2024 besonders unter Druck.

Wie wichtig ist jetzt die Landwirtschaft?

Die Zahlen erzählen deshalb zwei Geschichten zugleich: kurzfristig die schwerste Rezession aller Bundesländer – langfristig aber auch den Strukturwandel hin zu einem leistungsfähigen Industriestandort, dessen Erfolg auch künftig stark von der internationalen Konjunktur abhängen wird. Die Landwirtschaft ist in einer entwickelten Volkswirtschaft immer noch wichtig aus Sicht der Eigenversorgung mit Lebensmitteln, wegen des starken Exportfaktors Holz und der Erhaltung der bäuerlich geprägten Kulturlandschaften, für Einheimische wie auch für Touristen.

In nackten Zahlen ist sie jedoch ein sehr kleiner Wirtschaftsfaktor: Der Anteil der Land- und Forstwirtschaft (inkl. Fischerei) an der gesamten Bruttowertschöpfung in Kärnten beträgt in Kärnten 1,6 Prozent, in Österreich sind es sogar nur 1,4 Prozent. Oder anders formuliert: Rund 98 von 100 Euro Wertschöpfung entstehen in Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen. Und deshalb geht es immer – immer! – um die Wirtschaft.

Peter Schöndorfer
Peter Schöndorfer
Autor & Podcaster | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Menschen | Meinungen, Nah | Fern
schoendorfer@mut-magazin.at

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