Die Treibacher Industrie AG trotzt ökonomischen Krisen und der Marginalisierung Europas. Rohstoffversorgung, Energie- und Lohnkosten, Vorstand René Haberl spricht Klartext darüber, was sich ändern muss.
Als René Haberl vor fünf Jahren mit knapp fünfzig Jahren noch einmal den großen Sprung ins kalte Wasser wagte, FunderMax verließ und bei der Treibacher Industrie AG anheuerte, war die Überraschung groß. Zu weit lagen die beiden Unternehmen auseinander. Von einem Spezialisten für Holzwerkstoffe, Platten und Laminate hin zu einem über mehr als 125 Jahre gewachsenen Chemieunternehmen mit einem riesigen Portfolio an Produkten und Anwendungen. Im M.U.T.-Gespräch muss Haberl selbst schmunzeln: „Ich entdecke wöchentlich neue Dinge und bin erstaunt, welche Anwendungen Treibacher bedient.“
Commitment für den Standort
Aber eines ist seinem alten wie seinem neuen Unternehmen gemeinsam. Es sind Familienunternehmen mit starkem Commitment für den Standort Österreich. „Man muss als Management froh sein, wenn die Eigentümer langfristig denken“, schätzt sich Haberl glücklich. Anders wäre die 130-Mio.-Euro-Investition in eine völlig neue Anlage zum Recycling von Katalysatoren für die Erdölindustrie wohl auch nicht möglich gewesen. Das sei nicht etwas, das sich in wenigen Jahren rechne, so Haberl. Aber Kreislaufwirtschaft ist einer der zentralen Schwerpunkte, auf die das Unternehmen seine wirtschaftliche Zukunft gründen will. Ob eine der größten industriellen Investitionen heute immer noch so umgesetzt werden würde? Haberl bezweifelt es. Die Umfeldbedingungen in Österreich und Europa hätten sich massiv verschlechtert. Der langwierige bürokratische Spießrutenlauf bis zur Genehmigung liegt dem Treibacher Vorstand immer noch im Magen – und das zusätzlich zu den inzwischen „ganz normalen“ bürokratischen Hürden. Dazu kämen aber mittlerweile die viel zu hohen Energiepreise: Beim Strom gegenüber Nordamerika der Faktor drei, beim Gas sogar der Faktor fünf! Auch innerhalb Europas sei das Gefälle riesig. Die Konkurrenz in Frankreich etwa profitiere immer noch vom günstigen Atomstrom. Der eben beschlossene Zoll-Deal mit den USA, der unter anderem auch Zwangsabnahmen von Öl und Gas umfasst, eröffnet für energieintensive Betriebe wie Treibacher wenig erfreuliche Perspektiven.

25 Prozent eigene Energie
In den letzten Jahren hat man bei Treibacher viel richtig gemacht. Innerhalb weniger Jahre hat man den Eigenversorgungsgrad bei Strom auf 25 Prozent hochgeschraubt. Ein riesiges Photovoltaik-Kraftwerk und die Nutzung der eigenen industriellen Abwärme waren aber nur die ersten Schritte. Fortschrittliche Batteriespeicher und irgendwann dann wohl auch Wasserstoff seien die Zukunft, so Haberl. Wenn die Kosten dafür realistisch darstellbar sind. Denn das ist keineswegs ausgemacht. Investitionen sind das eine, wettbewerbsfähige Produktionskosten das andere. Dass der internationale Stahlkonzern ArcelorMittal trotz Milliardenförderung sein Projekt zur Umrüstung eines Stahlwerks in Bremen auf Wasserstoff aufgegeben hat, war ein schwerer Rückschlag für die grüne Schwerindustrie in Europa. Da kommt auch Haberl ins Grübeln. Denn investiert wird derzeit nicht grün, sondern kohlrabenschwarz. In Indien werden in den nächsten Jahren zusätzlich 130 Mio. Tonnen ganz konventionelle Kapazitäten mit Kohle erzeugten Stahls dazukommen, wendet der TIAG-Manager ein.
Europas großer Elefant im Raum
Europa gerät einmal mehr in eine gefährliche Doppelmühle. Auf der einen Seite belasten die USA mit ihren Sonderzöllen auf Stahl und Aluminium die Grundstoffindustrie, auf der anderen Seite sollen die Investitionen in die grüne Transformation gestemmt werden und sich dann auch noch rechnen. Das sieht eher nach der großen Abwanderung betroffener Produktionen aus. Zumal sich Europa mit seinem Prinzip der Merit Order in der Strompreisbildung ein gewaltiges Eigentor geschossen hat. Ursprünglich dazu gedacht, den Ausbau Erneuerbarer Energie rentabler zu machen, hat sie sich heute zu einem wahren Strompreistreiber entwickelt. Da kann die energieintensive Industrie noch so viel Eigenerzeugung vorhalten, wenn in Zeiten der so genannten „Dunkelflaute“ Wind, Sonne und Wasserkraft auslassen und die teuren Gaskraftwerke zugeschaltet werden müssen, dann wirkt sich das extrem negativ auf die Preisentwicklung aus. Haberl kann daher dem Vorschlag von Ex-Siemens-CEO Wolfgang Hesoun nach einem grundsätzlichen Überdenken der Merit Order einiges abgewinnen. Da steht immer dieser riesengroße Elefant im Raum: Schafft es Europa mit seinen grünen Ambitionen, rechtzeitig wettbewerbsfähig zu werden, oder wird vorher schon die gesamte energie- und emissionsintensive Industrie abgewandert sein? Derzeit schaut das wirtschaftspolitisch eher nach russischem Roulette aus als nach einem erfolgversprechenden Plan.
Endlich Rohstoffversorgung sichern!
René Haberl weist aber neben den Zöllen und Energiepreisen noch auf eine ganz gefährliche dritte Front hin: die Rohstoffversorgung. Da agiere Europa nämlich ähnlich sorglos. Seit 2023 liegt der Critical Raw Materials Act der EU vor, der eigentlich den Zugang Europas zu kritischen Mineralien wie etwa den vielzitierten Seltenen Erden erleichtern soll. Außer viel geduldigem Papier sieht Haberl hier weit und breit keine Initiativen. Es brauche eine echte Anschubfinanzierung, um eigene Projekte umsetzen zu können und für den Abbau planbar zu machen. Australien gehe diesen Weg. Über ein staatliches Projekt stehen 1,2 Mrd. Dollar Risikokapital zur Verfügung, die nur bei Erfolg zurückzuzahlen seien.
Seltene Erden, dringend gebraucht
Seltene Erden, die so dringend für die Halbleiterindustrie oder Batterien benötigt werden, kommen nur in niedrigen Konzentrationen vor – verbunden mit entsprechend hohen Abbaukosten. Von den in unseren Breiten zu erwartenden umweltbedingten Widerständen gegen konkrete Projekte ganz zu schweigen. Treibacher sieht sich bei ihren eigenen Initiativen zur Rohstoffsicherung in Indonesien oder in Südafrika jedenfalls ziemlich alleingelassen. Der Zoll- und Handelskrieg mit China zeige außerdem, wie schnell einseitige Abhängigkeiten Europa hier ins Abseits drängen konnten. Nur den guten Beziehungen des Unternehmens in China sei es zu verdanken, dass man überhaupt noch beliefert werde. Haberl schlägt daher eine Doppelstrategie vor. Einerseits müsse man schnell und mit großem finanziellen Einsatz eigene Kapazitäten aufbauen und sichern, andererseits einen guten Weg mit China finden. Sein Wort in Gottes Ohr oder vielmehr in jenes der EU-Kommission!
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Lohnstückkosten müssen runter
Die Luft wird jedenfalls auch für die eigentlich sehr ertragreiche Treibacher Industrie AG deutlich dünner, wie Haberl zugibt. Zu sehr hängen Umsatz und Unternehmenserfolg von der erwähnten Rohstoffversorgung ab. Man sei jedenfalls dazu verurteilt die Produktivität zu steigern. Zu den steigenden Energie- und Rohstoffkosten gesellen sich nämlich inzwischen die extrem gewachsenen Arbeitskosten. Ein Plus von 25 Prozent in den letzten zwei/drei Jahren – da sei man gezwungen, alle Potenziale der Automatisierung und Digitalisierung auszuschöpfen. „Die Lohnstückkosten in Österreich müssen runter“, redet Haberl Klartext. Hier liege Österreich inzwischen auf einem Niveau mit der Schweiz und über Deutschland. Das zeigt sich auch am Arbeitsmarkt. Treibacher hat kürzlich bei einer Ausschreibung auf eine Stelle 120 Bewerber registriert. Die aktuelle Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung Kärnten weist einen Anteil von 38 Prozent ihrer Mitgliedsbetriebe aus, die in den nächsten Monaten Stellen abbauen wollen. Da ist etwas ins Rutschen gekommen. Das Gespenst der Entindustrialisierung steht gleich neben dem großen Elefanten schon mitten im Raum.
Von rustikal bis rein
Mit der Weitergabe von Unternehmensdaten ist Haberl vorsichtig. Einerseits sind Familienunternehmen da traditionell eher zugeknöpft, andererseits hängt es natürlich auch von den vielen Variablen vor allem in der Rohstoffversorgung ab. Im Jahr 2023 machte man mit 900 Beschäftigten (davon 700 in Treibach) einen Umsatz von 637 Mio. Euro. Die Zahlen für 2024 sind noch nicht veröffentlicht, dürften sich aber laut Haberl in ähnlichen Dimensionen bewegen. Zuletzt war man mit der Geschäftslage nicht unzufrieden, obwohl der Treibacher-Manager angesichts der unsicheren Lage einiges an Vorziehkäufen vermutet. Das Unternehmen ist hierarchisch sehr flach in vier Business-Units gegliedert, die von der sehr „rustikalen Schmelze“ (Haberl) bis zum Reinraum reichen. Die vier Bereiche:
- Stahl und Gießereiindustrie – Metallurgie und Recycling
- Hartmetalle und Energiespeicher – Hartmetalle und Vorstoffe
- Seltene Erden Chemie
- AFM Advanced Functional Materials – das Portfolio umfasst etwa Kontrastmittel für medizinische Untersuchungen genauso wie Beschichtung von Flugzeugturbinen.
Unermüdlicher Erfindergeist
Es lohnt sich, die sehr übersichtliche Liste der unzähligen Anwendungen von Treibacher Produkten zu konsultieren, um sich einen Überblick über die riesige Erfahrung des Unternehmens in so vielen Spezialbereichen zu verschaffen (Details hier). Zündsteine für Feuerzeuge produziert Treibacher übrigens seit 122 Jahren. Der unermüdliche Erfindergeist des berühmten Gründers Auer von Welsbach ist heute noch Leitstern. Die Forschungsquote beträgt 1,5 Prozent und jedenfalls einen – wie Haberl betont – angesichts des gewaltigen Umsatzes namhaften Betrag. Aber wohin soll die Reise in Zukunft gehen? Haberl nennt die großen Themen Energietransformation oder die Wasserstoff-Wertschöpfungskette, also Brennstoffzellen oder Legierungen für Wasserstoffspeicher. Und wir gehen nach dem Gespräch jedenfalls mit dem guten Gefühl weg, dass man sich in der Treibacher Industrie AG intensiv mit der Zukunft des Unternehmens beschäftigt – wehe den Verantwortlichen auch noch so scharfer Wind ökonomischer Krisen entgegen.
