Europa hat einen neuen Industriepakt. Die Fabriken in Kapfenberg und Villach merken davon noch nichts. Die Industrieinvestitionen in der Steiermark sind um fast zehn Prozent gesunken. In Kärnten spricht die Wirtschaftskammer offen von „schleichender Abwanderung“. Und was bleibt vom Versprechen „Made in Europe“, wenn die Region den Anschluss verliert?
Ein Abend im Casino Velden. Rund 600 Gäste aus Wirtschaft und Politik. Das Thema des 33. Raiffeisen Konjunkturforums, ausgerichtet von den Kärntner Raiffeisenbanken und der Kleinen Zeitung, lautete: „Europa neu denken.“ Was wie eine Europaseminar-Überschrift klingt, war tatsächlich der Versuch einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Botschaft des Abends war eindeutig und sie war alarmierend: Europa verfügt über gewaltige Stärken. Aber es nützt sie nicht. Noch nicht. Die Frage, die in Velden gestellt wurde, ist dieselbe, die der kürzlich erschienene Beitrag aufgeworfen hat: Wie handlungsfähig ist Europa in einer beschleunigten Welt? Die Antworten werden inzwischen konkreter und dringlicher.
Brüssels Antwort: Der Industrial Accelerator Act
Im März 2026 legte die Europäische Kommission nach langen Verhandlungen den Industrial Accelerator Act vor. Das Ziel: industrielle Wertschöpfung in Europa halten, Abhängigkeiten von einzelnen Lieferländern reduzieren, Investitionen beschleunigen. Genehmigungsverfahren sollen vereinheitlicht werden, verbindliche Fristen eingeführt, bestimmte Projekte als „im überwiegenden öffentlichen Interesse“ eingestuft. Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung Österreich, brachte es auf den Punkt. Wenn andere Mächte Zölle und Subventionen als wirtschaftliches Druckmittel einsetzen, müsse Europa seinen Werkzeugkasten erweitern. Das ist die diplomatische Formulierung für eine sehr undiplomatische Realität: Europa verliert Industriesubstanz. Und es verliert sie schneller, als die meisten wahrhaben wollen.
- Ziel: Der Anteil der verarbeitenden Industrie am EU-BIP soll von derzeit 14,3 % bis 2035 auf mindestens 20 % steigen.
- Made in Europe bei öffentlichen Aufträgen: Ab 2029 müssen Stahl und Beton bei öffentlich finanzierten Projekten zu mindestens 25 % aus EU-Produktion stammen. Für Fahrzeuge gilt: 70 % der Komponenten müssen in Europa gefertigt sein.
- One-Stop-Shop: Ein einheitliches digitales Portal bündelt sämtliche Genehmigungsschritte. Fristen werden verbindlich – bei Überschreitung gilt in bestimmten Fällen die Genehmigung als stillschweigend erteilt.
- Industrial Acceleration Areas: Jeder Mitgliedstaat muss innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten mindestens ein solches Industrie-Beschleunigungsgebiet ausweisen – mit schnelleren Umweltprüfungen und erleichtertem Förderzugang.
- Für Österreich relevant: Energieintensive Betriebe – wie Metallverarbeitung in Kärnten oder Fahrzeugzulieferer in der Steiermark – können als Dekarbonisierungsprojekte eingestuft werden und profitieren so von beschleunigten Verfahren.
Was die Zahlen aus dem Süden Österreichs zeigen
Der Blick nach Kärnten und in die Steiermark zeigt, wie abstrakte Europapolitik auf konkrete Werksböden trifft. In der Steiermark sind die Industrieinvestitionen im vergangenen Jahr um knapp zehn Prozent gesunken. Die Konjunkturumfrage der IV-Steiermark vom dritten Quartal 2025 zeigt, dass alle abgefragten Indizes negativ ausfallen. Die Sechsmonatsperspektive deutet auf weitere Verschlechterung hin. In Kärnten ist die Lage ähnlich ernst. Michael Velmeden, Obmann der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Kärnten, spricht seit 2024 unverblümt von einer „schleichenden Abwanderung der energieintensiven Industrie“ – und nennt sie eine Tatsache, die man nicht mehr leugnen könne. Energiepreise deutlich über Vorpandemie-Niveau, Lohnkostendruck durch asymmetrische KV-Abschlüsse, schwache Auslandskonjunktur. Die Metallindustrie, in Kärnten traditionell ein Rückgrat des regionalen Wohlstands, steht unter massivem Druck. Und das in einem Moment, in dem zwei große Infrastrukturinvestitionen – die Koralmbahn und die Area Süd – eigentlich den Startschuss für einen neuen Wirtschaftsraum geben sollten. Ohne aktive Standortpolitik, könnten diese Projekte ihre wirtschaftliche Wirkung verfehlen.
Tempo als Wettbewerbsvorteil, auch auf Landesebene
Was Kärntens Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig beim Neujahrsauftakt der Kärntner Industriellenvereinigung formulierte, deckt sich mit dem, was kürzlich bereits beschrieben wurde: Tempo ist selbst eine Form von Effizienz. Und Genehmigungsverfahren, die im Schnitt zwölf Monate dauern – bei Projekten für erneuerbare Energie oft deutlich länger – sind kein Standortvorteil, sondern ein Standortnachteil. Die IV Steiermark hat dazu eine Liste von zwanzig konkreten Vorschlägen erarbeitet. Der Kern sind verbindliche Fristen, Genehmigungsfiktion und die Digitalisierung von Behördenwegen. Kein Hexenwerk. Nur politischer Wille. „Es ist die günstigste Form der Konjunkturbelebung“, so IV-Präsident Kurt Maier und WK-Präsident Josef Herk unisono.
Was andere Regionen besser machen
Der Vergleich mit anderen europäischen Industrieregionen fällt ernster aus, als es die heimische Debatte manchmal vermuten lässt. Die Niederlande gelten in der EU als Benchmark für unternehmerfreundliche Genehmigungsverfahren. Industrieprojekte durchlaufen dort digitalisierte Einheitsprozesse mit verbindlichen Fristen, die österreichischen Verfahren strukturell ähneln sollen, aber schon heute so funktionieren, wie der Industrial Accelerator Act sie erst ab 2027 in der EU verbindlich vorschreiben will. Bayern belegt im internationalen Vergleich der industriellen Standortqualität derzeit Rang 9 unter 45 Industrienationen und liegt damit vor Deutschland insgesamt (Rang 13). Was den Freistaat von Österreich unterscheidet, ist nicht die Geographie, sondern die Konsequenz, mit der Standortpolitik als eigenständige politische Priorität behandelt wird: Ansiedlungsförderung, Energiepreiskorridore für GroßverbraucherInnen, zentrale Anlaufstellen für InvestorInnen. Das sind keine ungewöhnlichen Instrumente. Sie sind in vielen Regionen längst Standard. Was der Steiermark und Kärnten bisher fehlt, ist weniger das Wissen darüber als die politische Geschwindigkeit bei der Umsetzung. Der Industrial Accelerator Act kann dabei als Hebel wirken, aber nur, wenn die Regionen ihn aktiv nutzen und nicht abwarten, bis Brüssel Tatsachen schafft.
„Made in Europe“: Versprechen oder Mahnmal?
Manfred Wilhelmer, Vorstandssprecher der Raiffeisen Landesbank Kärnten, brachte beim Konjunkturforum in Velden eine Formulierung ein, die nachhallen sollte: „Made in Europe darf kein nostalgischer Begriff sein, sondern muss als klares Wettbewerbsversprechen verstanden werden.“ Europa neu denken beginne nicht in Brüssel, sondern in den Unternehmen – mit den Entscheidungen von heute. Der Industrial Accelerator Act ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber er ist ein europäischer Rahmen. Was innerhalb dieses Rahmens passiert – in Kärnten, in der Steiermark, in den einzelnen Betrieben und Gemeinden – das entscheidet sich regional. Muss Europa handeln? Definitiv. Doch folgen die Regionen schnell genug? Die Antwort auf diese Frage wird nicht in Brüssel gegeben. Sie wird in Wolfsberg gegeben, in Kapfenberg, in Villach. Und durch das, was Unternehmen investieren. Oder eben nicht.
