Hormone im Büro: Warum weibliche Biologie ein Businessfaktor ist

Was haben Hormone mit Leadership, unternehmerischer Leistung und Erfolg zu tun? Fakt ist: Weibliche Hormone beeinflussen Leistung, Fokus und Entscheidungen stärker, als man denkt. Wir haben mit der Kärntner Frauenärztin Marlene Waschnig darüber gesprochen, warum weibliche Biologie im Business mitarbeitet – und warum es Zeit ist, das offen zu thematisieren.

Leistung gilt in der Wirtschaft immer noch oft als linear: Konstant, berechenbar, jederzeit abrufbar. Wer führt, muss funktionieren – unabhängig von Tagesform, Lebensphase oder mentaler Verfassung. Dieses Ideal prägt die meisten Arbeitsmodelle und unser Verständnis von Professionalität. Doch es basiert auf einer Annahme, die vor allem männliche Biologie widerspiegelt: „Die meisten Arbeitsmodelle orientieren sich bis heute an einem linearen Leistungsverständnis, das entspricht eher dem männlichen Hormonprofil. Weibliche Hormone arbeiten zyklisch, und das beeinflusst natürlich Dinge wie Konzentration, Gelassenheit und mentale Klarheit“, erklärt Marlene Waschnig, die Ende 2025 ihre Praxis in Ferlach eröffnet hat.

Leistung nach Zyklus statt Dauerpower

Viele Fähigkeiten, die im Berufsalltag als selbstverständlich gelten – Klarheit, Gelassenheit, Fokus –, unterliegen bei Frauen natürlichen Schwankungen. Nicht als Mangel, sondern als Teil eines biologischen Rhythmus. In Phasen mit höherem Östrogenspiegel sind viele Frauen besonders kommunikativ, offen im Denken und entscheidungsfreudig. Kreative Prozesse und strategisches Planen fallen leichter. In anderen Phasen, etwa in der zweiten Zyklushälfte, verlagern sich die Stärken stärker auf Analyse, kritisches Denken und strukturiertes Arbeiten. „Das bedeutet nicht, dass Frauen im Business unzuverlässiger sind“, betont Waschnig. „Ganz im Gegenteil: Sie verfügen über verschiedene Hochleistungsmodi, die sich über den Monat hin abwechseln. Wer das ignoriert, arbeitet oft gegen die eigene Biologie. Wer es versteht, kann Energie, Entscheidungen und Arbeitsweise deutlich klüger steuern.“

Hormonelle Gesundheit im Business: Ein Tabu

Viele Unternehmerinnen tragen eine enorme Verantwortung – beruflich wie privat. Trotzdem wird über hormonelle Gesundheit im Business kaum gesprochen. Meist haben Unternehmerinnen gelernt, körperliche Signale zu ignorieren, um leistungsfähig und professionell zu wirken. „Hormonelle Gesundheit galt lange als Privatsache oder sogar als Schwäche“, sagt Waschnig. „Dabei hängen Energie, Stressresistenz und mentale Klarheit unmittelbar mit biologischen Prozessen zusammen. Enttabuisierung beginnt, wenn die hormonelle Gesundheit nicht nur als Frauenthema gesehen wird, sondern als Teil von Leistung und guter Führung. Energie, Stressresistenz und Klarheit hängen biologisch vom Körper ab – bei Frauen und Männern. Wenn wir sachlich darüber sprechen, wird das Thema normal und professionell.

„Unternehmerinnen brauchen keine Sonderbehandlung, sondern Rahmenbedingungen, in denen sie ihre Leistungsfähigkeit realistisch managen können, über Lebensphasen hinweg. Wenn wir das ernst nehmen, profitieren nicht nur die Frauen selbst, sondern ganze Unternehmen.“ Marlene Waschnig

Wechseljahre: Karriereknick oder Wettbewerbsvorteil?

Besonders deutlich zeigt sich dieser blinde Fleck in den Wechseljahren. Sie fallen häufig in eine Phase, in der Frauen über maximale berufliche Erfahrung, gefestigte Netzwerke und strategische Kompetenz verfügen. Dennoch werden sie oft als biologische Krise wahrgenommen – oder einfach ignoriert. „Das eigentliche Problem ist hier weniger die Biologie, sondern der Umgang damit“, weiß die Kärntner Gynäkologin. Mit gezielter Unterstützung und mehr Verständnis könnten Unternehmen diese Lebensphase als Ressource nutzen, statt wertvolle Führungskräfte zu verlieren. Frauen in den Wechseljahren stellen eine wirtschaftlich hoch relevante Gruppe dar – ihr Wissen und ihre Stabilität sind für Unternehmen von großem Wert.

Der weibliche Zyklus ist im Unternehmertum ein wichtiger Faktor beim Planen von Abläufen.
Unterschiedliche Zyklusphasen eigenen sich für unterschiedliche Tasks im Unternehmen. Foto: Pexels

Hormonelles Wissen als Leadership-Tool

Achtsamkeit und mentale Gesundheit galten lange als Soft Skills. Heute sind sie fixer Bestandteil moderner Führung. Hormonelles Wissen könnte der nächste Schritt sein. „Wenn es richtig eingeordnet wird, hat es großes Potenzial“, sagt Waschnig. „Hormonelles Wissen ist keine Methode, sondern eine Grundlage. Es hilft Führungskräfte, besonders Unternehmerinnen, ihre Energie, ihren Fokus und ihre Belastbarkeit realistischer zu managen. Wer versteht, wie der eigene Körper auf Stress, Verantwortung und Lebensphasen reagiert, wird langfristig klarer und nachhaltiger führen.“ Entscheidend sei, das Thema nicht zu psychologisieren oder zu moralisieren. Dann werde hormonelles Wissen zu einer Grundlage moderner Führung – für Frauen wie für Männer. Weg von permanenter Gleichförmigkeit, hin zu kluger Selbststeuerung

Der zyklische Business-Monat

Wie lässt sich Arbeit konkret zyklisch denken? Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern intelligenter – denn unterschiedliche Phasen bringen unterschiedliche Stärken mit sich:

  1. Nach der Periode befindet man sich in einer Phase von Klarheit und Neugier. Neues Denken fällt leichter, Strategien entstehen schnell. In dieser Phase können neue Projekte und kreative Konzepte leichter entstehen.
  2. Um die Zyklusmitte erleben viele Frauen ihren sozialen und mentalen Höhepunkt. Ihr Selbstvertrauen ist gestärkt und sie sind entscheidungsfreudig. Dies stellt gute Voraussetzungen für Pitches, Verhandlungen, wichtige Gespräche und große Entscheidungen dar.
  3. In der zweiten Monatshälfte wird der Blick kritischer und fokussierter. Details fallen stärker auf, Prioritäten werden klarer. Der perfekte Zeitpunkt für Analysen, Optimierung, Prüfen von Verträgen und Schaffen von Struktur.

„Der entscheidende Punkt ist: Leistung bleibt – sie verändert nur ihre Form. Wer das berücksichtigt, führt nicht weniger, sondern nachhaltiger“, sagt Waschnig. Vielleicht ist es an der Zeit, Leistung neu zu definieren: Nicht als Dauerzustand, sondern als Rhythmus.

Dr. Marlene Waschnig

Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

Terminvereinbarung unter: +43 4227 302 95

www.frauenarzt-waschnig.at 

Fotocredit: Daniel Waschnig, Pexels

Manuela Mark
Manuela Mark
Autorin | Kärnten
Ressorts: Start |Up, Life | Style, Leben |Arbeiten
mark@mut-magazin.at

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