Großer Deal für die Mobilität von morgen

Ein mexikanischer Leichtbau-Riese greift nach steirischem Industrie-Know-how: Mit der Übernahme des GF-Automobilgeschäfts macht Nemak Altenmarkt und St. Gallen zu Schlüsselstandorten seiner E-Mobilitätsstrategie – und schlägt damit ein neues Kapitel für mehr als 600 Beschäftigte im Bezirk Liezen auf.

Seit Jahrzehnten sind die Werke in Altenmarkt und St. Gallen Teil einer Lieferkette, die man im Alltag kaum sieht, ohne die moderne Autos aber nicht gebaut werden könnten. Nun hat diese Lieferkette einen neuen Eigentümer. Der mexikanische Automobilzulieferer Nemak hat die Übernahme des Automobilgeschäfts von GF Casting Solutions abgeschlossen. Der Schritt war bereits im Juli des vergangenen Jahres angekündigt worden, nun sind die behördlichen Genehmigungen und Abschlussbedingungen erfüllt. Für Nemak ist es mehr als ein Zukauf. Es ist ein strategischer Eingriff in die eigene Zukunft.

Denn die Automobilindustrie befindet sich in einer Phase, in der Verbrennungsmotoren zwar relevant bleiben, aber Wachstum in E-Mobilität, Leichtbau und in jene komplexen Gusslösungen, die Fahrzeuge effizienter, leichter und produktionsfreundlicher machen.

Genau dort bringt GF Casting Solutions Know-how ein – und genau dort will Nemak seine Position ausbauen.

Ein Deal mit industrieller Tiefe

Die Transaktion umfasst das Automobilgeschäft von GF Casting Solutions mit Hauptsitz in der Schweiz, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in der Schweiz sowie neun Produktionsstandorte in Österreich, China, Deutschland, Rumänien und den USA. Rund 2.500 Beschäftigte wechseln damit in den Einflussbereich von Nemak. Das übernommene Geschäft erzielte 2024 einen Jahresumsatz von rund 707 Millionen US-Dollar. Der Unternehmenswert der Transaktion wird mit 336 Millionen US-Dollar angegeben; 216 Millionen US-Dollar wurden bei Abschluss als Vorauszahlung geleistet, der Restbetrag soll über mehrere Jahre freigegeben werden.

Mit GF Casting Solutions kommt ein Geschäft hinzu, dessen Produktportfolio zu rund 80 Prozent auf E-Mobilität sowie Struktur- und Fahrwerksanwendungen ausgerichtet ist. Damit verschiebt Nemak sein Profil weiter weg von der klassischen Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor.

Auch die Kundenliste zeigt, warum der Deal strategisch reizvoll ist. Zum übernommenen Geschäft gehören Beziehungen unter anderem zu Audi, BMW, Jaguar-Land Rover, Mercedes-Benz, Porsche, Volkswagen, Volvo.

Produktion Autoteile. Druckguss
Bearbeitungslinie für Volvo AMT Getriebegehäuse. Foto: Nemak

Regionale Standorte in globaler Strategie

Besonders sichtbar wird der Eigentümerwechsel in Österreich. Die Standorte Altenmarkt und St. Gallen im Bezirk Liezen zählen zu den technologisch bedeutenden Produktionsstätten im bisherigen Netzwerk von GF Casting Solutions. Mehr als 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fertigen dort komplexe Druckgussteile aus Aluminium und Magnesium.

Der Standort Altenmarkt hat eine lange industrielle Geschichte. Gegründet wurde das Unternehmen 1972, seit 1999 gehörte es zu Georg Fischer. In diesen zweieinhalb Jahrzehnten hat sich die Fläche deutlich vergrößert: von rund 15.000 Quadratmetern überdachter Betriebsfläche im Jahr 2000 auf etwa 40.000 Quadratmeter im Jahr 2025. Mit dem Ankauf eines Standorts in St. Gallen im Jahr 2022 wurde die regionale Präsenz zusätzlich erweitert.

Gebäude mit Aufschrift Nemak
Auch das Werk in St. Gallen, von GF Casting Solutions im Jahr 2022 gekauft, gehört jetzt zum mexikanischen Konzern. Foto: Nemak

Auch die wirtschaftlichen Eckdaten sind bemerkenswert. In den vergangenen 25 Jahren erwirtschaftete der Standort einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro. Das Investitionsvolumen lag im selben Zeitraum bei 274 Millionen Euro. 2025 wurden rund 18.000 Tonnen Rohmaterial verarbeitet; der Jahresumsatz belief sich auf 210 Millionen Euro. Heute stehen 24 Druckgussmaschinen mit Schließkräften von bis zu 4.400 Tonnen zur Verfügung, ergänzt durch 50 Bearbeitungszentren, drei Wärmebehandlungsanlagen, eine Beschichtungsanlage sowie einen eigenen Werkzeugbau mit interner Ersatzteilfertigung und 3D-Druck.

Warum der Zeitpunkt zählt

Die Übernahme fällt in eine Phase, in der Automobilzulieferer unter doppeltem Druck stehen. Einerseits verlangen Hersteller leichtere, komplexere und nachhaltigere Bauteile. Andererseits müssen Zulieferer ihre Werke auslasten, Investitionen finanzieren und sich gegen Wettbewerber behaupten, die global skalieren.

Nemak setzt mit dem Kauf auf Größe, Technologie und Kundenzugang. Das Unternehmen beschäftigte 2025 weltweit rund 23.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, betrieb 44 Produktionsstätten und zehn Produktentwicklungszentren und erzielte einen Umsatz von 4,9 Milliarden US-Dollar. Der eigentliche Mehrwert der Übernahme liegt jedoch nicht allein in zusätzlicher Reichweite. Während Nemak im Aluminiumdruckguss bereits breit aufgestellt ist, bringt vor allem Altenmarkt eine Kompetenz ein, die im bisherigen Nemak-Netzwerk fehlte: Magnesiumdruckguss.

Druckgussmaschine für Autoteile
Druckguss in Altenmarkt: Moderne Anlagen fertigen Leichtbauteile für internationale Automobilhersteller. Foto: Nemak

Zwischen Zuversicht und offenen Fragen

Für die Beschäftigten in Altenmarkt und St. Gallen beginnt nun die entscheidende Phase nicht mit der Vertragsunterzeichnung, sondern mit der Integration.

Der Austausch mit den neuen Schwesterwerken laufe bereits und werde als offen und konstruktiv beschrieben, so Geschäftsführer Christian Heigl. Man befinde sich in der Eingliederung in den Nemak-Konzern. Welche konkreten Auswirkungen die neuen Eigentümerpläne auf die regionalen Standorte haben werden, werde sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

„Die Zusammenarbeit bietet eine gute Grundlage, um Synergien zu nutzen und gemeinsame Potenziale zu erschließen. Gleichzeitig schafft der gemeinsame Dialog Transparenz und fördert das gegenseitige Verständnis innerhalb des Konzerns.“ Christian Heigl

Die Ausgangslage der österreichischen Standorte ist solide. Altenmarkt verfügt über eine hohe technische Ausstattung, eingespielte Prozesse und eine breite Kundenbasis. Hinzu kommt ein Faktor, der in der Industrie oft unterschätzt wird: langjähriges Erfahrungswissen. Viele Mitarbeitende kennen die anspruchsvollen Druckgussprozesse seit Jahren, teils seit Jahrzehnten. Ihr Know-how, ihre Routine und ihr Verständnis für Material, Maschinen und Kundenanforderungen machen den Standort zu mehr als einer Produktionsfläche. Zudem liegen bereits Neuaufträge vor, unter anderem für Scharnieraufnahmen des Audi Q8 sowie Federbeinaufnahmen für den Porsche M1.

Der Druckguss in Altenmarkt wird also weiterlaufen. Doch der Rahmen hat sich verändert. Aus GF Casting Solutions wird Nemak. Aus einem Schweizer Konzernteil wird ein Baustein in der Wachstumsstrategie eines mexikanischen Leichtbauspezialisten.

Tina Tritscher
Tina Tritscher
Autorin | Steiermark
Ressorts: Life | Style, Schaffens | Kraft, Hart | Herzlich
tritscher@mut-magazin.at

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