Im Green Tech Valley wird die Energiewende nicht als Verzichtsprogramm erzählt, sondern als Industrie- und Forschungsprojekt. Zwischen der Steiermark, Kärnten und dem Burgenland ist ein Cluster für Netze, Speicher, Recycling, Wasserstoff und klimaneutrale Produktion entstanden.
Klimaschutz klingt für viele UnternehmerInnen ungefähr so verlockend wie ein Seminar über Berichtspflichten mit anschließendem veganem Buffet. Nach Verzicht, Regulierung, Kosten und einer gewissen moralischen Übergriffigkeit. Im Green Tech Valley versucht man, ausgerechnet daraus eine Industrie- und Exportgeschichte zu machen. Die Steiermark, Kärnten und inzwischen auch das Burgenland bündeln Unternehmen, Forschung und Ausbildung, um grüne Technologien wirtschaftlich stärker, effizienter und international marktfähig zu machen. 300 Unternehmen, 2.300 Forschende und mehr als 30.000 Beschäftigte zeigen, dass die grüne Transformation im Süden Österreichs kein Zukunftsversprechen mehr ist, sondern längst ein Standortfaktor.
Wie weit diese Green-Tech-Erzählung zurückreicht, zeigt Viktor Kaplan. Der 1876 in Mürzzuschlag geborene Erfinder der Kaplan-Turbine steht für eine steirische Techniktradition, die lange vor der heutigen Energiewende begann. Seine Erfindung machte Wasserkraft auch bei niedrigen Fallhöhen und großen Wassermengen effizient nutzbar – und wirkt bis heute nach. Grob geschätzt werden weltweit jährlich rund 700 Terawattstunden Strom mit Kaplan-Turbinen erzeugt. Das entspricht etwa einem Viertel des gesamten EU-Stromverbrauchs.
Klimaschutz ist kein Moralthema, sondern ein Exportfeld
Heute geht es im Green Tech Valley um Netze, Speicher, Wasserstoff, Recycling, smarte Energieanwendungen, Kreislaufwirtschaft und klimaneutrale Produktion. Was in politischen Sonntagsreden oft klingt wie eine Mischung aus Bußpredigt und Powerpoint-Folie, bekommt im Green Tech Valley eine erfreulich unromantische Form. Werkshallen, Labors, Pilotanlagen, Exportmärkte und neue Ausbildungswege. Also Dinge, die man anfassen, finanzieren, bauen und im besten Fall verkaufen kann.
Green-Tech-Valley-Geschäftsführer Bernhard Puttinger bringt den wirtschaftlichen Kern dieser Entwicklung im Gespräch auf eine einfache Formel: „Die Wende heißt Investitionen.“ Das ist ein Satz, den man sich in manchen Klimadebatten auf den Besprechungstisch legen möchte. Denn die grüne Transformation ist nicht nur eine Belastung für Unternehmen, sondern auch ein Markt. Wer Transformatoren für Windparks baut, Wasserkraftwerke modernisiert, Kunststoffabfälle wieder zu Rohstoffen macht oder intelligente Ladelösungen entwickelt, rettet nicht nur ein bisschen die Welt, sondern verkauft Technologien, die weltweit gebraucht werden.

Die neue Green-Tech-Valley-Strategie gibt diesem Anspruch eine klare Richtung. Der Öko-Tech-Cluster will zu den führenden Technologiehubs für „100 Prozent Climate & Circular Solutions“ in Europa gehören. Der englische Strategiejargon ist unvermeidbar; ohne ihn glaubt heute offenbar niemand mehr, dass es ernst gemeint ist. Dahinter steht aber kein bloßes Standortmarketing, sondern der Versuch, ein leistungsfähiges Ökosystem aufzubauen. 300 Green-Tech-Unternehmen, 20 Technologieführer und 2.300 Forschende bilden bereits heute eine beachtliche Basis. Dazu kommen 8,6 Milliarden Euro Green-Tech-Umsatz und mehr als 30.000 Beschäftigte.
Vom Cluster zum Zukunftssystem
Im Gespräch spannt Puttinger den Bogen von Viktor Kaplan über die Elektrotechnik in Weiz bis zu heutigen Investitionen von Siemens Energy und ANDRITZ. Green Tech fällt eben nicht vom Himmel wie eine EU-Verordnung. Es entsteht dort, wo Menschen seit Jahrzehnten gelernt haben, mit Strom, Wasser, Maschinen, Materialien und industriellen Prozessen umzugehen.
Die drei strategischen Leuchttürme heißen Hydrogen Valley, Net-Zero Industry Valley und EU Circularity Lab. Sie stehen für jene Felder, in denen der Süden Österreichs künftig international stärker sichtbar werden will. Wasserstoff soll vor allem dort eingesetzt werden, wo Elektrifizierung allein nicht reicht. Das sind die Stahl-, Chemie-, Zement- und Papierindustrie und nachhaltige Treibstoffe für die Luftfahrt. Klimaneutrale Produktion wird in den nächsten Jahren zu einer Standortfrage. Kreislaufwirtschaft muss es daher vom Schlagwort zum industriellen Standard schaffen.
Damit unterscheidet sich das Green Tech Valley klar von den moralisch und ideologisch motivierten Klimaschutzdebattierern. Es geht nicht darum, Unternehmen mit grünen Begriffen zu schmücken, damit der Geschäftsbericht weniger nach Geschäftsbericht aussieht. Es geht darum, Technologien wirtschaftlich besser, effizienter und skalierbarer zu machen. Fossile Technologien waren lange deshalb erfolgreich, weil sie billig, verfügbar und industriell eingespielt waren. Green Tech wird sich nur dann durchsetzen, wenn es ökologisch richtig und ökonomisch überlegen ist. Genau an dieser Schnittstelle arbeitet der Cluster.
Unternehmen als Beweis der Strategie
Die Mitgliedsunternehmen zeigen, dass diese Strategie nicht bloß auf Papier existiert. ANDRITZ ist als globaler Anlagenbaukonzern in Wasserkraft, Pumpspeichern, Green Hydrogen und Recyclingtechnologien aktiv. Siemens Energy baut in der Oststeiermark Transformatoren und Netztechnik für die Energiewende. Saubermacher steht für die praktische Umsetzung von Kreislaufwirtschaft, digitaler Abfallwirtschaft und Stoffstrommanagement. GAW arbeitet an Verfahren, mit denen Kunststoffe hochwertiger in Kreisläufe zurückgeführt werden können.
In Kärnten ergänzen Lindner Recyclingtech, SynCycle, go-e, Sonnenkraft/Kioto/GREENoneTEC und Treibacher das Bild. Lindner liefert Maschinen, die Abfallströme für Recycling und Ersatzbrennstoffe aufbereiten. SynCycle zeigt, wie chemisches Kunststoffrecycling schwer verwertbare Abfälle wieder zu Rohstoffen machen kann. go-e ist aus einem Start-up zu einem Anbieter smarter Wallboxen gewachsen. Die Solarunternehmen rund um St. Veit stehen für Kärntens lange Sonnenenergie-Tradition. Treibacher wiederum zeigt, dass auch energie- und materialintensive Industrie Teil der grünen Transformation werden kann. Das ist vielleicht weniger instagramtauglich als ein Windrad vor einem Sonnenuntergang, aber wirtschaftlich vermutlich relevanter.
Das Burgenland fügt dem Green Tech Valley eine weitere Dimension hinzu. Dort treffen Wind, Sonne, Speicher und Netze in einer besonderen Dichte zusammen. Unternehmen wie Lumitech oder Sattler Ceno zeigen, dass Green Tech auch aus hocheffizienter Beleuchtung, technischen Textilien, Membranlösungen und Biogas-Anwendungen bestehen kann. So entsteht ein südösterreichischer Wirtschaftsraum, in dem Green Tech nicht auf eine Branche reduziert ist, sondern Energie, Industrie, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft verbindet.
Wasserstoff, KI und Kreisläufe
Die Zukunftsfelder der Strategie klingen sehr technisch. Net-Zero Production, Green Hydrogen, AI-based Energy Solutions, Digital Circularity und Closed Loops. Dahinter stehen aber konkrete Herausforderungen. Fabriken müssen energieeffizienter und klimafreundlicher produzieren. Energiesysteme müssen steuerbarer werden. Abfälle sollen nicht länger Entsorgungsproblem, sondern Rohstoffquelle sein. Batterien, Kunststoffe, Metalle und industrielle Nebenprodukte müssen in Kreisläufen gedacht werden. Wer das für eine Kleinigkeit hält, hat vermutlich noch nie versucht, eine Mülltonne ordentlich zu trennen.
Gerade bei Wasserstoff zeigt sich, dass Puttinger wesentlich realistischer als die Politik argumentiert. Grüner Wasserstoff ist wichtig, aber knapp und teuer. Er wird nicht die Basis jeder Alltagsanwendung sein, also nicht die wundersame Flüssigkeit, mit der wir künftig Rasenmäher, Mopeds und Frühstückstoaster betreiben. Er wird vor allem für jene Bereiche gebraucht, die anders kaum dekarbonisiert werden können. Für die Industrie bedeutet das: Wasserstoff ist kein Modewort, sondern ein neuer Sektor, der Produktion, Transport, Infrastruktur und Anwendung gleichzeitig braucht. Projekte wie das Hydrogen Valley sollen genau diese Verbindung demonstrieren.
Bei Künstlicher Intelligenz geht es weniger um Hype als um Steuerung. Energiesysteme, Netze, Speicher, Lastmanagement, Recyclinganlagen und Produktionsprozesse werden immer komplexer. Ohne digitale Werkzeuge und intelligente Algorithmen lassen sich diese Systeme kaum effizient betreiben. Damit wird Green Tech zugleich zu einem Digitalisierungsthema. Die ökologische Effizienz entsteht nicht nur durch neue Maschinen, sondern auch durch bessere Daten, bessere Prognosen und bessere Regelung. Man könnte sagen, die Maschine bleibt wichtig, aber sie braucht inzwischen ein ziemlich gutes Nervensystem.
Green Skills als Standortvorteil
Doch selbst die beste Strategie bleibt wirkungslos, wenn die Fachkräfte fehlen. Die Energiewende wird nicht von Strategiepapierschreibern erledigt, sondern von IngenieurInnen, TechnikerInnen, ForscherInnen, FacharbeiterInnen und UnternehmerInnen. Deshalb sind Green Skills ein zentraler Teil der Standortgeschichte. Die Plattform Green Transformation Academy Austria bündelt hochschulische Aus- und Weiterbildungsangebote für Green-Tech-Qualifikationen. Österreichweit wurden zuletzt 333 Angebote erfasst. Das Spektrum reicht von Zertifikatslehrgängen über Bachelor- und Masterstudien bis zu Doktoratsprogrammen.
Für Steiermark und Kärnten ist diese Bildungsdichte ein strategischer Vorteil. Die Steiermark liegt mit 105 Angeboten österreichweit vorne, gemeinsam mit Kärnten entfallen rund zwei von fünf Green-Skills-Angeboten auf den Süden Österreichs. TU Graz, Uni Graz, Montanuniversität Leoben, FH JOANNEUM, FH Kärnten und weitere Einrichtungen bilden damit jene Menschen aus, die grüne Technologien entwickeln, anwenden, verkaufen und in neue Geschäftsmodelle übersetzen können. Das klingt nüchtern, ist aber entscheidend. Denn ohne helle Köpfe bleibt selbst die schönste Technologie ein Exponat für die nächste Innovationsmesse.
So wird aus dem Green Tech Valley eine wirtschaftspolitische Infrastruktur für eine Zeit, in der Klimaschutz nur dann erfolgreich sein wird, wenn er auch produktiver, billiger und industriell stärker wird. Die Region verkauft nicht Verzicht, sondern Lösungen. Sie zeigt, dass grüne Technologien dann besonders wirksam sind, wenn sie gemeinsam mit der Wirtschaft gedacht werden. Eine grüne Zukunft entsteht nur, wenn sie gebaut wird.

Das Versprechen lautet, dass die Energiewende unser Leben nicht nur sauberer, sondern auch wirtschaftlicher macht. Foto: JOT_KI
Zwölf Leitbetriebe aus dem Green Tech Valley
Steiermark
ANDRITZ AG, Graz/Weiz
• Globaler Anlagenbaukonzern
• Wasserkraft, Pumpspeicher, Green Hydrogen, Recyclingtechnologien
• Green-Tech-Pionier durch weltweite Industrie- und Exportkraft
• Großindustrie, börsennotierter Konzern
• rund 30.000 Mitarbeiter, knapp 8 Mrd. Euro Umsatz
Siemens Energy Austria, Weiz/Wollsdorf
• Transformatoren und Netztechnik für Windparks und Energienetze
• Schlüsselrolle beim Ausbau der Strominfrastruktur
• Green-Tech-Pionier, weil Energiewende ohne Netze nicht funktioniert
• Großindustrie / internationaler Energietechnologiekonzern
• Weiz/Wollsdorf: rund 450 Mitarbeiter, hohe Exportquote
AEE INTEC, Gleisdorf
• Forschungsinstitut für nachhaltige Technologien
• Solarthermie, industrielle Energieeffizienz, Gebäudetechnik, grüne Gase
• Zukunftslabor für Technologien wie direkte solare Wasserstoffgewinnung
• Angewandte Forschung, kein klassisches Unternehmen
• rund 80 Mitarbeiter, starke EU-Projektrolle
Saubermacher, Feldkirchen bei Graz
• Abfall-, Recycling- und Ressourcenwirtschaft
• Stoffstrommanagement, Batterierecycling, Smart Waste
• Green-Tech-Pionier bei praktischer Kreislaufwirtschaft
• Etabliertes Dienstleistungs- und Industrieunternehmen
• mehr als 3.000 Mitarbeiter, rund 500 Mio. Euro Umsatz
GAW technologies, Graz
• Anlagenbau für Papier-, Chemie-, Wasser- und Recyclingtechnik
• CreaSolv-Verfahren für hochwertiges Kunststoffrecycling
• Pionier zwischen mechanischem und chemischem Recycling
• Etabliertes Technologie- und Anlagenbauunternehmen
• rund 150 Mitarbeiter, 56 Mio. Euro Umsatz, sehr hohe Exportquote
Kärnten
Lindner Recyclingtech, Spittal/Drau
• Maschinen und Anlagen für Abfall- und Recyclingwirtschaft
• Schredder, Sortier- und Aufbereitungstechnologien
• Green-Tech-Pionier im industriellen Kunststoff- und Abfallrecycling
• Familiengeführtes Industrieunternehmen / Maschinenbau
• mehr als 500 Mitarbeiter weltweit
SynCycle, Kühnsdorf
• Chemisches Kunststoffrecycling
• Pyrolyse schwer verwertbarer Kunststoffabfälle zu Öl/Rohstoff
• Pionier für neue Kunststoffkreisläufe und Rezyklatquoten
• Technologie- und Skalierungsphase / Pilot- und Referenzanlagen
• Anlagenkapazität je Linie rund 8.000 Tonnen pro Jahr
go-e, Feldkirchen/St. Veit
• Smarte AC-Ladestationen und Wallboxen für E-Mobilität
• PV-Überschussladen, App-Steuerung, dynamische Stromtarife
• Green-Tech-Pionier als Kärntner Start-up- und Scale-up-Erfolg
• Vom Start-up zum wachstumsorientierten Industrieunternehmen
• über 100 Mitarbeiter, international tätig
Sonnenkraft / Kioto Solar / GREENoneTEC, St. Veit/Glan
• Solarthermie, Photovoltaik und Solarsysteme
• Kärntner Solartradition von Kollektoren bis PV-Modulen
• Green-Tech-Pionier durch frühe Solarindustrie und Systemkompetenz
• Reifer Industrie- und Gewerbeverbund
Treibacher Industrie AG, Althofen
• Spezialchemie, Metallurgie, Recycling metallhaltiger Rückstände
• Rohstoffeffizienz, kritische Metalle, Katalysator-Recycling
• Green-Tech-Pionier bei industrieller Kreislaufwirtschaft
• Großindustrie / Chemie- und Metallurgieunternehmen
• rund 800 bis 900 Mitarbeiter, mehrere hundert Mio. Euro Green-Tech-Umsatz
Burgenland
Lumitech, Jennersdorf
• LED-Lichtsysteme und intelligente Beleuchtung
• Effiziente Spezialbeleuchtung, Human Centric Lighting, Shop- und Funktionslicht
• Green-Tech-Pionier bei Energieeffizienz und smarter Gebäudetechnik
• Technologieunternehmen / Spezialist für LED-Systeme
• KMU im Technologiezentrum Jennersdorf
Sattler Ceno TOP-TEX, Rudersdorf
• Technische Membranlösungen für Biogas, Industrie und Architektur
• Biogasspeicher, Membrandächer, textile Speziallösungen
• Green-Tech-Pionier durch erneuerbare Gase und langlebige Industriemembranen
• Etabliertes Industrie- und Familienunternehmen im Sattler-Verbund
• Teil der international tätigen Sattler-Gruppe mit mehreren Produktionsstandorten
