Wie kann man dem Fachkräftemangel langfristig entgegenwirken? Die Wirtschaftsbund-Ortsgruppe Jagerberg setzt dort an, wo Berufsorientierung normalerweise noch keine Rolle spielt: in der Volksschule. Mit dem Projekt „Volksschule trifft Wirtschaft“ erhalten Kinder bereits in der 3. und 4. Schulstufe spannende Einblicke in regionale Unternehmen und Berufsbilder.
Initiiert wurde das Projekt vor drei Jahren von Richard Kaufmann, Obmann der Wirtschaftsbund-Ortsgruppe Jagerberg, und seinem Stellvertreter Paul König. Ihr Ziel: Kindern frühzeitig die Vielfalt der regionalen Wirtschaft näher zu bringen und das Bewusstsein für berufliche Chancen in der eigenen Heimatregion zu stärken.
Wirtschaft hautnah erleben
Jedes Schuljahr öffnen mehrere regionale Betriebe ihre Türen für die Schülerinnen und Schüler der Volksschule Jagerberg. Zusätzlich stand 2026 ein Besuch im „Technikhaus für Kinder“ in Feldbach auf dem Programm. Die Exkursionen ermöglichen altersgerechte Einblicke in die Arbeitswelt und machen sichtbar, welche Unternehmen und Berufe direkt vor der eigenen Haustür zu finden sind.

Organisiert werden die Betriebsbesuche vom Team der Wirtschaftsbund-Ortsgruppe Jagerberg. Sämtliche Kosten – etwa für Busfahrten oder die Verpflegung der Kinder – werden übernommen. Unterstützung erhält das Projekt zudem von der Gemeinde Jagerberg.
„Kinder sind in diesem Alter besonders aufnahmefähig. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, bleiben oft lange in Erinnerung“, erklärt Richard Kaufmann.
Das „Jagerberger Modell“
Während klassische Berufsorientierung meist erst ab der 6. Schulstufe beginnt, setzt das Jagerberger Modell bewusst früher an. Für Kaufmann und König ist das ein entscheidender Erfolgsfaktor.
„Die Politik sollte mehr für die Lehrlinge und für die Lehrbetriebe machen, damit die Lehre weiter an Attraktivität gewinnt.“ Richard Kaufmann
„Wir möchten den Kindern zeigen, dass neben akademischen Laufbahnen auch eine Lehre spannende Perspektiven bietet. In der 3. und 4. Schulstufe ist das Interesse an neuen Themen besonders groß. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler die Betriebsbesuche mit großer Begeisterung aufnehmen“, betonen die Initiatoren.
Das Projekt verfolgt damit nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern adressiert auch eine der größten Herausforderungen vieler Unternehmen: die Sicherung künftiger Fachkräfte.
Win-win-Situation für Schulen und Betriebe
Zu den bisherigen Teilnehmern zählen unter anderem die Firma Eder Fensterbänke in Grasdorf, die Gaulhofer Manufaktur in Jagerberg sowie der Friseursalon Home of Hair.
Für Anna-Lena Warasdin, Juniorchefin von Eder Fensterbänke, liegt der Mehrwert auf der Hand: „Viele Kinder wissen gar nicht, welche innovativen Unternehmen es in ihrer unmittelbaren Umgebung gibt. Solche Projekte schaffen Verständnis für regionale Wertschöpfung und zeigen Perspektiven für die eigene Zukunft auf.“

Auch Christian Tippelreither, Geschäftsführer der Gaulhofer Manufaktur, sieht klare Vorteile: „Wir beschäftigen rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überwiegend aus der Region. Neben dem Werkstoff Holz wollten wir den Kindern vor allem vermitteln, welchen Wert regionale Arbeitsplätze haben.“
Andrea Strohmaier, Inhaberin von Home of Hair, nutzte die Gelegenheit, um mit Vorurteilen aufzuräumen: „Die Kinder konnten erleben, dass unser Beruf weit mehr umfasst als nur Haare schneiden.“
Bildungsprojekt mit Vorbildwirkung
Für die Volksschule Jagerberg ist das Projekt ein wichtiger Baustein moderner Berufsbildung. Schulleiterin Julia Hopfer sieht darin weit mehr als reine Betriebsbesichtigungen: „Die Kinder lernen die Vielfalt beruflicher Tätigkeiten kennen und entwickeln ein Verständnis dafür, welche Menschen und Unternehmen hinter den Produkten und Dienstleistungen ihres Alltags stehen. Gleichzeitig werden wirtschaftliche Zusammenhänge und regionale Wertschöpfung greifbar.“
„Aus meiner Sicht leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur frühen Berufsbildung in der Volksschule.“ Julia Hopfer
Die Initiative stößt auch über die Gemeindegrenzen hinaus auf Interesse. Unterstützt von der WKO Südoststeiermark und MeinJob Südoststeiermark wurde „Volksschule trifft Wirtschaft“ bereits mit dem Innovationspreis für Bildung 2024 des Steirischen Vulkanlands ausgezeichnet.

Nach drei Jahren erfolgreicher Umsetzung verfolgen die Initiatoren ein ambitioniertes Ziel: Das Modell soll weitere Schulen und Regionen inspirieren. „Wenn mehr Gemeinden ähnliche Projekte umsetzen, können wir langfristig einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel leisten und gleichzeitig das regionale Denken stärken. Davon profitieren insbesondere kleine und mittlere Betriebe“, so Richard Kaufmann.
Das Beispiel aus Jagerberg zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Fachkräftesicherung nicht erst bei der Lehrlingssuche beginnt – sondern bereits in der Volksschule.
„UnternehmerIN macht Schule“
Auch Frau in der Wirtschaft Kärnten hat ein Projekt zur Berufsorientierung initiiert. Im Rahmen von „UnternehmerIN macht Schule“ wurden Schülerinnen und Schüler des 3. Lehrjahres Konditoren mit ihrer Fachlehrerin Tatjana Trodt an der Fachberufsschule Warmbad Villach besucht. Nach einem Gründerworkshop mit Sabine Inschick gaben Nicole Tradel („StressBurner“) und Astrid Radl („Astrids Garage“) spannende Einblicke in die Welt des Unternehmertums. Sie erzählten von ihrem Weg als Unternehmerinnen, von Herausforderungen, Chancen und davon, was mit Mut, Leidenschaft und Unternehmergeist alles möglich ist. Resümee: Ein inspirierender Austausch, der Mut macht, eigene Ideen zu verfolgen und berufliche Chancen aktiv zu.
