Eine Region trotzt dem Fachkräftemangel

Die Knappheit an Arbeitskräften ist schon lange keine abstrakte Bedrohung mehr. Auch Lehrbetriebe kämpfen – immer häufiger vergebens – um junge Nachwuchskräfte. Der Verein „Zukunft Handwerk & Industrie Gailtal (ZHIG)“ begegnet dieser Negativentwicklung mit Entschlossenheit und eigener Lehrlingsakademie. Der Unternehmer und provisorische Leiter des Bundesschulcluster Karnische Region in Hermagor Werner Wölbitsch hat maßgeblich zum Aufbau dieser Fortbildungseinrichtung beigetragen.

Die Zukunftsprognosen lesen sich dramatisch: Bis 2050 wird der Anteil der Erwerbstätigen in Österreich um mehr als vier Prozent sinken, da sich bis dahin die geburtenstarke Generation der „Baby Boomer“ in die Pension verabschiedet hat. Durch die niedrige Geburtenrate kann dieser Verlust nicht ausgeglichen werden. Die Gesellschaft altert spürbar. Der Anteil der Menschen im Alter von 15 bis 23 Jahren wird bis zu diesem Zeitpunkt um 10.000 geschrumpft sein. Junge Nachwuchskräfte, die auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. Auch der Wegzug aus Kärnten spielt eine wichtige Rolle in der demografischen Entwicklung und somit für den zukünftigen Arbeitsmarkt. Besonders betroffen davon sind ländliche Regionen und Täler.

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Pfeile auf der Straße mit Schrift Bleiben oder Gehen. / Getty Images Mantinov

Warum Kärnten die nächste Generation nicht verlieren darf

Eine neue Standortstudie der Jungen Wirtschaft Kärnten in Kooperation mit UNIFORCE zeigt: Die „Next Generation“ – also junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren – fühlt sich vom Bundesland zu oft übersehen, unterschätzt und strukturell ausgebremst.

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Eine erkennbare Gegenstrategie von Bund und Land – etwa durch qualitativen Zuzug, einer signifikanten Verbesserung von Infrastruktur, Ausbildung und Berufschancen – ist nicht erkennbar. Selbst Kärntens oft zitierte Lebensqualität reicht nicht mehr aus, um vor allem junge, qualifizierte Menschen langfristig im Land zu halten. Da eine übergeordnete Meta-Strategie für den Kampf gegen den Fachkräftemangel fehlt, ist Eigeninitiative gefragt, um zumindest regional gegen den Abwärtstrend anzugehen und Perspektiven vor allem für junge Menschen zu schaffen.

Mehrwert für Lehrlinge und Unternehmen

Ein hervorragendes Beispiel dafür, in einer Mikroregion Alternativen für junge Menschen zu schaffen und gut ausgebildete sowie motivierte Nachwuchskräfte für die heimische Wirtschaft zu gewinnen und diese auch längerfristig zu halten, ist die „Lehrlingsakademie Karnische Region“. Seit 2021 bietet sie ein breites Aus- und Weiterbildungsangebot für Lehrlinge und schafft damit einen spürbaren Mehrwert für die dort angesiedelten Unternehmen.

Mit der Lehrlingsakademie propagieren wir das lebenslange Lernen als eines der wichtigsten Elemente für Jugendliche, um beruflich aber auch menschlich weiterzukommen. Werner Wölbitsch

39 regionale Unternehmen und Institutionen investieren gemeinsam – mit Eigenmitteln, Unterstützungen aus LEADER-Projekten und Förderungen der öffentlichen Hand – in dieses zukunftsweisende Ausbildungsmodell. Die sogenannte „triale“ Ausbildung ergänzt die duale Lehre, die aus fachpraktisch-theoretischem Unterricht an der Berufsschule und der Praxis im Betrieb besteht, um zusätzliche Module wie Persönlichkeitsbildung, digitale Kompetenzen, Kundenkommunikation und Projektmanagement. So entsteht ein ganzheitlicher Ausbildungsweg, der junge Talente umfassend auf die Arbeitswelt von morgen vorbereitet.

Auf dem Foto sind sieben Personen zu sehen, die eine Rafting-Tour unternehmen, Das Schlachboot hat am Ufer angelegt und eine Person ist bereits ausgestiegen.
Junge Lehrlinge lernen an der Lehrlingsakademie Softskills als Ergänzung zur dualen Ausbildung. Unter anderem stehen Stressbewältigung und Kommunikation auf dem Lehrplan. Foto: Lehrlingsakademie

„Wir ergänzen die zweigleisige Lehre um die sogenannten Soft Skills für Lehrlinge aus dem gewerblichen Bereich. Im Rahmen der einjährigen Wirtschaftsfachschule wecken wir Interesse an der Lehre, geben jungen Menschen die Möglichkeit, sich auszuprobieren, und helfen so, Nachwuchs für die Betriebe der Region zu schaffen“, fasst Werner Wölbitsch, langjähriger Projektleiter der Lehrlingsakademie und maßgeblich an deren Aufbau beteiligt, die Ziele zusammen.

Das Image der Lehre aufpolieren

Die Lehre hat bis heute mit kaum zu erklärenden Imageproblemen zu kämpfen. Deshalb setzen die Lehrlingsakademie und Wölbitsch stark auf Information und suchen den Kontakt zu Firmen. „Wir laden immer wieder Unternehmen in die Klassen ein, um den SchülerInnen einen Eindruck von diversen Berufen zu vermitteln. Oft bringen sie Lehrlinge mit, die aus ihrem Alltag berichten und authentisch vermitteln, wie eine Ausbildung in den jeweiligen Betrieben aussieht.“

In den vier Jahren ihres Bestehens hat die Lehrlingsakademie 75 Lehrlingen wertvolle Zusatzqualifikationen vermittelt. „Ich freue mich sehr darüber, dass sich mittlerweile auch MaturantInnen für eine Lehre entscheiden. In den letzten Jahren gab es einen spürbaren Wechsel in der Beurteilung dieser Ausbildungsform. Junge Menschen sehen darin heute vermehrt eine große Karrierechance. Mit unserer Arbeit wollen wir diese Entwicklung natürlich bestmöglich unterstützen“, freut sich Wölbitsch.

Die alten Geschlechterrollen, die sich in den Tälern vielleicht noch etwas hartnäckiger halten als in den Städten, werden langsam aber stetig aufgebrochen. Jungen Frauen, die sich mittlerweile im Handwerk ausbilden lassen, sind selbstbewusst und ehrgeizig. Sie wollen etwas erreichen und wissen, was sie wollen. Werner Wölbitsch

Loyalität und Bindung an das Unternehmen

Die Lehrlingsakademie wird von einer breiten Basis regionaler Unternehmen getragen. Um die Ausbildung dort zu ermöglichen, stellen die Betriebe ihre Lehrlinge freitags für die insgesamt 80 Lerneinheiten frei. Den zusätzlichen Samstag investieren die TeilnehmerInnen dann auf Eigeninitiative. „Durch die Lehrlingsakademie schaffen wir loyale und starke MitarbeiterInnen. Es gibt weniger Ausfälle und eine stärkere Bindung an das Unternehmen. Ein spürbarer Benefit für die teilnehmenden Betriebe“, so Wölbitsch.

Auf dem Bild sind Absolventen und Ausbilder der Lehrlingsakademie zu sehen.
Seit ihrem Bestehen hat die Lehrlingakademie 75 Lehrlinge weitergebildet. Die Ausbildungsschwerpunkte werden von den Betrieben mitgestaltet. Foto: Lehrlingsakademie

Durch die enge Verbindung mit der Wirtschaft können die Bedürfnisse der Unternehmen außerdem schnell erfasst und in das Weiterbildungsprogramm eingebaut werden. Wölbitsch: „Auf der jährlichen Mitgliederversammlung des ZHIG haben die Mitglieder die Möglichkeit, ihren Bedarf an Ausbildungsschwerpunkten anzumelden. Wir versuchen dann, die Wünsche in unser Angebot aufzunehmen.“ So werden auf unbürokratischem Weg den Entwicklungen und wechselnden Herausforderungen am Arbeitsmarkt beziehungsweise in der Ausbildung Rechnung getragen. Davon profitieren Unternehmen und Lehrlinge, deren Wert und Können durch die Ausbildung stark ausgebaut wird.

Shortcut:

Die Lehrlingsakademie Karnische Region wurde 2021 auf Initiative des Vereins „Zukunft Handwerk & Industrie Gailtal (ZHIG)“ gegründet. In den vier Jahren ihres Bestehens hat die Akademie 75 Lehrlinge weitergebildet. Der Lehrplan setzt auf sogenannte Softskills wie wie Persönlichkeitsbildung, digitale Kompetenzen, Kundenkommunikation und Projektmanagement.

Weitere Informationen:

Jan Leber
Jan Leber
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