Unter seiner Intendantin Nadja Kayali erlebt das Festival „Carinthischer Sommer“ einen Höhenflug. Um den so lukrativen Kulturtourismus in Kärnten weiter zu befeuern, bräuchte es jetzt allerdings den nächsten Schritt: Das Leuchtturmprojekt Festspielhaus.
„Traumstart“ ist noch eine Untertreibung für das, was Nadja Kayali da in den letzten beiden Jahren hingelegt hat. Schon im ersten konnte sie die Publikumszahlen des größten Kärntner Sommerfestivals verdoppeln, im zweiten war es noch einmal ein Plus von 17 Prozent. Und auch heuer läuft der Kartenvorverkauf blendend: „Wir sind schon jetzt vor Beginn des Festivals da, wo wir im Vorjahr in der letzten Festspielwoche waren“, freut sich die Intendantin. In den Schoß gefallen ist ihr der Erfolg nicht. Da steckt unheimlich viel Arbeit und Verhandlungsgeschick dahinter. Anders hätte sie es wohl nicht geschafft, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) als Festivalorchester zu verpflichten. Allein damit hat sich der Carinthische Sommer auf ein völlig neues Qualitätslevel gebeamt.

Geigerin Hilary Hahn kommt
Inzwischen klopfen Künstlerinnen und Künstler bei Kayali an, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie jemals einen Auftritt in Kärnten erwägen würden. Ein Beispiel ist die große US-Geigerin Hilary Hahn, die mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Dirigent bzw. Akkordeonist Omer Meir Wellber u.a. ein Doppelkonzert für Violine und Akkordeon von Aziza Sadikova uraufführen wird (Info hier).
Erst anschließend an den CS-Auftritt tourt das Programm dann durch die großen Konzertsäle der Welt. Der Wermutstropfen ist für Kayali nur, dass man bei solchen Konzerten deutlich mehr Karten verkaufen könnte, hätte man ein entsprechendes Festspielhaus zur Verfügung. Das Congress Center Villach ist zwar inzwischen akustisch adaptiert worden, bleibt aber bei allem Bemühen am Ende doch ein Kongresshaus. Die Intendantin merkt, dass sie trotz der großen Erfolge an gewisse natürliche Grenzen stößt, die zu überschreiten es größerer Anstrengungen und politischer Entscheidungen bedarf.
Kultur als Turbo für Tourismus
Manche von Ihnen werden jetzt vielleicht denken: Das ist ja eh nur ein Elitenprogramm, das bringt der breiten Bevölkerung gar nichts. Falsch gedacht! Um dieses Argument zu entkräften, lohnt es sich, genauer auf zwei Studien zu schauen. Die eine von „T-Mona“ (Tourismus Monitor Austria) stammt aus dem Jahr 2020 (Info hier). Sie belegt, dass Kulturtouristen nicht nur deutlich mehr Geld ausgeben, sie übernachten auch in besseren Quartieren (31 Prozent in 4-Sterne-Hotels), sie bleiben länger und sie empfehlen den Kultururlaub weiter.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Leuchtendes Beispiel Salzburg
Für die zweite Studie blicken wir zum großen Nachbarn Salzburg. Da hat die Wirtschaftskammer im Jahr 2024 erheben lassen, welche Bedeutung die Festspiele für das Land und für Österreich haben. Sie schaffen jährlich 250 Mio. Euro an Wertschöpfung in Österreich, 199 Mio. Euro davon für das Land selbst. Beinahe 100 Mio. Euro fließen jährlich an Steuern zurück. Die Festspiele sichern 2943 Vollzeitarbeitsplätze in Österreich, davon fast 2600 in Salzburg selbst. Ihre Gäste geben mit 414 Euro pro Tag doppelt so viel aus wie österreichische DurchschnittstouristInnen (Info hier).
Kultur erregt Aufmerksamkeit
Bei solchen Zahlen verwundert es nicht, dass derzeit fast eine halbe Milliarde Euro in den Umbau der Festspielhäuser investiert wird. Es gibt praktisch keinen Wirtschaftszweig, der nicht von den Festspielen profitiere, weiß auch der Salzburger Wirtschaftskammer-Präsident Peter Buchmüller. Sie seien ein unverzichtbarer Standortfaktor. Die wirtschaftlichen Effekte reichen von Hotellerie und Gastronomie über Handel und Industrie bis zu persönlichen Dienstleistern aber auch anderen Kultureinrichtungen wie Galerien und Museen. Hier trifft sich die Haute Volée von Kultur UND Wirtschaft. Stadt und Land erregen international Aufmerksamkeit.
Bregenz und Grafenegg investieren
Sie mögen nun einwenden, dass Salzburg ob seiner über 100jährigen Festspiel-Tradition in einer eigenen Liga spiele. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass auch andere renommierte Festivals in Österreich kräftig investieren. Die Bregenzer Festspiele, die übrigens laut Tourismus-Geschäftsführer Robert S. Salant rund 300.000 BesucherInnen jährlich nach Vorarlberg locken, haben zwischen 2021 und 2024 sowohl Festspielhaus als auch Seebühne umgebaut und erweitert (Info hier), das niederösterreichische Festival von Pianist Rudolf Buchbinder in Grafenegg eröffnete heuer seinen neuen Saal für Kammermusik.

Kärnten hat Nachholbedarf
Und wie schaut es in Kärnten aus? Im Dezember 2025 hatte noch der damalige Kulturreferent und Landeshauptmann Peter Kaiser gemeinsam mit Tourismusreferent Sebastian Schuschnig die Kooperation von Kultur und Tourismus in Form einer neuen digitalen Plattform verkündet, die Veranstaltungen und sonstiges Angebot präsentiere. Sie ist inzwischen fixer Bestandteil der Kärntner Kulturstrategie, die nach dem Abschied Kaisers die neue Kulturreferentin Gaby Schaunig zusammen mit Kulturinitiativen Anfang Mai präsentierte. Aber die höhere Sichtbarkeit des aktuellen Angebots wird es wohl allein nicht bringen. Denn Kärnten hat in Sachen Kulturtourismus großen Aufholbedarf. Laut einer von der Kärnten Werbung veröffentlichten Gästebefragung für das Jahr 2025 gaben hier nur vier Prozent der Urlauber an, wegen der Kultur gekommen zu sein. Österreichweit waren es hingegen sieben Prozent.
Festivalhaus als Leuchtturm
Mit einer Verschiebung in die deutlich zahlungskräftigere und anhänglichere Klientel der Kulturtouristen ließe sich im stagnierenden Kärntner Sommertourismus einiges bewegen, ist nicht nur die Intendantin des Carinthischen Sommers überzeugt. Seit Jahren läuft die politische Diskussion über Leuchttürme und Publikumsmagneten. Allein Entscheidungen sind nie gefallen. Vielleicht sollte man mal ernsthaft über ein neues multifunktionales und architektonisch spektakuläres Festspielhaus in Villach nachdenken, in dem Kayali und ihre NachfolgerInnen dann auch großes Musiktheater anbieten könnten – Zugpferde sowohl in Salzburg als auch in Bregenz.
Kultureffekt Koralmbahn
Die Intendantin denkt also schon weit in die Zukunft, dabei bewegt sie sich noch mitten in den Mühen der Ebene. Mit ihrem sechsköpfigen Team hat sie das Festival organisatorisch, finanziell und künstlerisch total umgekrempelt. Sehen und hören kann das Publikum vor allem das Künstlerische. Vom 2. Juli bis zum 2. August werden unter dem Motto „fern & nah“ Musik und Literatur Brücken zwischen Generationen und Genres, West und Ost geschlagen. Eine inspirierende Mischung aus großen Konzerten (etliche Ur- und österreichische Erstaufführungen!) und vielen kleineren Formaten: Musikwanderungen, die beliebten Morgenkonzerte, aber auch Lesungen von u.a. Birgit Minichmayer und Joachim Meyerhoff. Zu den zahlreichen spannenden Aufführungsorten kommt heuer übrigens auch das frisch renovierte Kärntner Landesmuseum. Kayali lebt das Twin-City-Projekt zwischen Klagenfurt und Villach. Sie schielt aber auch nach Graz. Die Koralmbahn beginnt sich im Kartenverkauf auszuwirken, stellt das Carinthische Kartenbüro fest.

Musikwissenschaft und Buchhaltung
Kayali ist studierte Musikwissenschaftlerin und Soziologin, hat ihren Job künstlerisch in so prominenten Häusern wie dem Burgtheater (unter Claus Peymann), als Assistentin von Christoph Marthaler an der Berliner Volksbühne gelernt und gemacht. Sie war jahrelang bei den Salzburger Festspielen tätig. 2007 kam sie zu ORF und Ö1. Von 2022 bis 2024 leitete sie zuletzt das Festival Imago Dei in Krems. Sie hat aber auch eine Buchhaltungsprüfung, die sie befähigt, den für das Publikum wenig sichtbaren Bereich der inneren Organisation und Finanzen zu überblicken: Controlling, Rechnungswesen, IT und Ticketing, alles steht inzwischen auf neuen Beinen. Eine Riesenaufgabe, aber bei einem Jahresbudget von 1,8 Mio. Euro unerlässlich. Hauptsubventionsgeber und Sponsoren sind übrigens Land, Bund, Stadt Villach und Kärntner Sparkasse Privatstiftung.
Hier geht es zum Programm des Carinthischen Sommers.
