In seiner Kolumne „Selbst & ständig“ schreibt unser Autor Ljubisa Buzic über das Leben als Ein-Personen-Unternehmen – mit persönlichen Erfahrungen, Aha-Momenten und einer Portion Selbstironie. Diesmal: Ein digitaler Trend, bei dem Selbstständige aufpassen sollten.
Letzens bekomme ich eine Mail von einem Agentur-Kunden, mit dem ich sehr gerne und zum Glück auch viel zusammenarbeite. Er lädt mich ein, seiner Asana-Gruppe beizutreten. Für alle, die es nicht kennen: Asana ist kein Yoga-Stil und auch kein Trommelworkshop, sondern eines dieser coolen modernen Work-Management-Tools, auf die vor allem Menschen aus dem Marketing abfahren.
Der älteste Millennial
Jetzt muss man wissen: Ich bin absolut kein Digital-Verweigerer. Als Gerade-Noch-Millennial mit Baujahr 1981 (ich hab mir sagen lassen, dass es dafür den nicht sehr schmeichelhaften Begriff „Geriatric Millennial“ gibt) bin ich es grundsätzlich gewohnt, mich an technische Innovationen und Umbrüche anzupassen.
Ich gehöre zu der Generation, die sich den Umgang mit dem Computer als Teenager selbst beigebracht hat. An vielen Nachmittagen mit dem aufgeschlagenen Windows 98 Handbuch neben der Tastatur habe ich ein Grundwissen erworben, das mich heute sowohl für die Älteren als auch für die Jüngeren zum digitalen Problemlöse-Bären macht.
Analoge Kindheit, digitale Jugend
Ich war bei Social Media dabei als es noch aus Myspace und StudiVZ bestand, experimentierte von Anfang an mit KI (und wurde dabei immer KI-kritischer) und zahle an der Kasse mit meinem Handy statt mit der Karte (was mir als notorischem Geldbörsen-zuhause-Vergesser wirklich das Leben erleichtert).
Ich nutze diverse Clouds, Messenger und sonstige Tools für meine Arbeit als Journalist ebenso selbstverständlich wie Notizblock und Diktiergerät. Soll heißen: Ich bin durchaus jemand, der bei neuen Dingen mitgeht. Aber irgendwie kommen mir in letzter Zeit ein paar ernste Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser ganzen „immer schneller, immer neuer“-Mentalität. Man nennt es auch Shiny New Thing Syndrom.
The New Hot Shit
Besagtes Work-Management-Tool, das sich selbst als „Schaltzentrale, von wo aus wir alles steuern, um effizienter zu arbeiten und mehr zu schaffen“ bezeichnet, soll also nun unsere Arbeitsabläufe verbessern. Und weil ich den Namen der Plattform schon öfter bei den coolen Kids unter den Selbstständigen und Agentur-Menschen gehört habe, gebe ich der Sache erst mal eine Chance.
„Sie haben eine neue Nachricht“
Während ich also seit ein paar Wochen mit diesem Tool arbeite, bemerke ich die ersten Veränderungen vor allem an einer Sache: Meinem E-Mail-Postfach. Statt dass mir mein Kunde jetzt eine Mail schreibt, schreibt er einen Kommentar auf die Plattform. Welche ihrerseits eine Mail an mich schickt, damit ich auf die Plattform gehe und mir den Kommentar ansehe, den der Kunde mir geschrieben hat.
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Zum Artikel →Jetzt könnte man darüber lästern und es gut sein lassen. Aber die Neuerung kommt leider mit ein paar unerwünschten Nebenwirkungen. Denn tatsächlich bekomme ich nun kaum noch klassische Mails von meinem Kunden. Anstatt dass wir uns schreiben oder anrufen, tippen wir nur noch Mini-Kommentare in das Tool. „Ist schon weitergeschickt“ oder „Übernimmt die Claudia“. Briefings werden kommentarlos als neue Aufgabe hochgeladen, die ich abhaken kann. Aufgaben verschwinden einfach, wenn ich fertig bin.
Aber eine Sache fehlt: Alles, was man sonst noch in einer Mail schreiben würde, alles Persönliche und Zwischenmenschliche. Alles, was neben der reinen Sachinfo rüberkommt und dafür sorgt, dass wir unser Gegenüber nach und nach besser kennenlernen.
Kommunikation und Beziehung
In der Sache bin ich vielleicht wirklich altmodisch. Aber ich möchte mit den Menschen, mit denen ich arbeite, auch eine Beziehung aufbauen. Gerade als Freelancer ist das überlebenswichtig. Das macht den Unterschied aus, ob ich oder irgendwer anders einen Auftrag bekommt.
Ohne den kleinen Nebenbemerkungen zwischen dem Geschäftlichen, bin ich einfach nur ein Name in einer App, der Aufgaben abarbeitet. Und damit auch austauschbar und ersetzbar. Was passieren wird, wenn irgendwann auf allen nur noch unsere KI-Agenten miteinander kommunizieren, will ich mir gar nicht ausmalen. Effizient wird das sicher. Schön wahrscheinlich nicht.
In Kontakt bleiben
Für mich bedeutet diese Entwicklung, dass ich mich in Zukunft noch mehr bemühen muss, in Kontakt zu bleiben. Gute Arbeitsbeziehungen aufzubauen und zu pflegen. Es wird noch wichtiger, Rahmen zu finden, in denen man zusammenkommt. Events, Aktivitäten und Real-Life-Termine – ja, auch für uns Networking-Muffel.
Und ich kann nur hoffen, dass wir bei all der digitalen Effizient nicht vergessen, dass wir immer noch mit Menschen arbeiten. Zumindest bis das nächste Shiny New Thing um die Ecke biegt.
