Die Rückkehr der Bäcker

Eine Zeitlang schien es so, als würde das Handwerk der Bäcker aussterben. Backboxen schossen wie Schwammerl aus dem Boden, die Billigware fand enormen Absatz. Doch in der jüngsten Vergangenheit erobern sich die heimischen Bäcker ihre Kundschaft zurück. Einer davon ist der Familienbetrieb Stocklauser, der heute seinen elften Laden eröffnet.

Es ist vier Uhr. Alles schläft, als Samuel Stocklauser in den finsteren Morgenstunden des 26. Jänner die letzten noch warmen Brotwecken an das Auslieferungsteam übergibt ehe sie die anderen zehn Standorte in Kärnten und der Steiermark anfahren. Sein Reich ist die Backstube in Weitensfeld und doch sieht man den jungen Mann auch immer wieder in einer der Verkaufsfilialen. So auch heute, wenn er sich extra auf den Weg vom Gurktal in die Kärntner Landeshauptstadt macht. Dieser Tag wird für den jungen Bäcker noch lange in Erinnerung bleiben, denn an diesem Montag eröffnet er die nächste Filiale des Familienunternehmens. Und die kam gänzlich unerwartet, war nicht am Reißbrett als Firmenstrategie von langer Hand geplant. „Ich glaube, dass Dinge zum richtigen Zeitpunkt passieren“, ist der 22-Jährige überzeugt, dessen Familie eine Extraportion Gottvertrauen hat. „Uns ist wichtig, dass an diesem Standort ein Bäcker nachfolgt. Schon vor der Eröffnung haben wir gespürt, dass uns die Menschen sehr dankbar dafür sind.“

Nahversorgung mit Geschichte

Mit nunmehr elf Bäckereifilialen in Kärnten und der Steiermark ist der Familienbetrieb Stocklauser nicht mehr zu übersehen und erbringt eine erhebliche Leistung als Nahversorger. Fast schon nostalgisch sind die außergewöhnlichen Gai-Fahrten, die früher noch mit Pferdekutsche – heutzutage mit dem Lieferwagen durchgeführt werden. Auf diesen wöchentlichen Touren bringen die Fahrer Gebäck bis nach Grades, in den Wimitzgraben oder Zwischenbergen.

Zwei junge Damen und ein junger Herr in Tracht fertigen Kokosbusserl mit einer Spritztüte an.
Jeanine, Rebecca und Samuel Stocklauser sind Teil des bis zu 70-köpfigen Teams an MitarbeiterInnen. Foto: Stocklauser

Brauchtum trifft auf Instagram – und funktioniert

Die Anforderungen an ein Unternehmen sind heutzutage groß. Es muss den Spagat zwischen Tradition und Digitalisierung schaffen. Im neuen Laden am Fleischmarkt spürt man diese Haltung sofort. Da arbeiten drei junge Menschen aus einer Familie – Samuel, Athina und Jeanine – und leben den Bäckeralltag aus voller Überzeugung. Und das steckt an: Mit Corona stockte der Bäckerbetrieb seine Produktion hoch, da die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln deutlich stieg. In dieser Zeit gewann die Firma viele neue Kunden – auch über Social Media. Als Pistazien in aller Munde waren, setzte die Familie auch diesen Trend um. Aktuell kommen dank Athina Stocklauser viele wegen der Zimtschnecken, die gerade einen Hype auf Instagram & Co. erleben.

Qualität statt Kampfpreis

Ob die Backboxen das wirtschaftliche Bestehen nicht zunehmend unter Druck setzen würden? „Qualität hat seinen Preis“, kontert Samuel Stocklauser selbstsicher. Der Wurstpreis seines regionalen Fleischlieferanten habe auch seine Berechtigung. „Bevor wir den Preis runterreißen, schauen wir, dass wir die Qualität für unsere Kunden erhöhen.“ Und Stocklauser erzählt, wie er mit Menschen ins Gespräch kommt, die sich über den kleinen Luxus im Alltag freuen, ihre Semmel bei einem echten Bäcker zu holen können.

Ein Café als Rückzugsort

Während an der Verkaufstheke zu Stoßzeiten Trubel herrscht, kommen andere, um im Café etwas Ruhe zu genießen. Auf der Turrach hat Chefin Andrea Stocklauser in Sachen Einrichtung ihre Handschrift hinterlassen. Umgeben von viel heimeligen Holz und Fellen saß ich erst kürzlich dort bei einer guten Tasse Tee und blickte auf den verschneiten Schoberriegel. Auch in den anderen Filialen findet man schnell seinen Lieblingsplatz.

Familienbetrieb im besten Sinn

Dass Stocklauser ein richtiges Familienunternehmen ist, merkt man schnell. Da und dort helfen Schwester Athina und Mutter Andrea aus. Erstere in Klagenfurt, zweitere oft auf der Turrach. Samuel ist meist in der Backstube in Weitensfeld anzutreffen, sein Vater liefert persönlich in die Steiermark aus. Aktuell haben sie auch einen Konditorlehrling. „Wir geben jedem eine Chance“, betont der Gurktaler. Der Beruf habe natürlich seine Herausforderungen, wenn es um die Arbeitszeit am Morgen geht. Selbst hat Samuel beim Mitbewerb gelernt, um die Betriebsblindheit zu verhindern und keine Sonderstellung unter den MitarbeiterInnen zu bekommen: „Beim Wienerroither war ich einfach nur ein Lehrling.“

Samuel Stocklauser formt in der Backstube mit einem Spritzbeutel feine Gebäckstücke auf einem Blech. Die Szene zeigt konzentrierte Handarbeit in einem holzverkleideten Raum und vermittelt traditionelle Backkunst in moderner Umgebung.
Bäckerhandwerk seit 1908: Mit ruhiger Hand und viel Erfahrung setzt Samuel Stocklauser auf Qualität, Handwerk und Liebe zum Detail – statt auf schnelle Massenware.

Ein Brot mit bald 150 Jahren Geschichte

Welche Besonderheiten die Backstube hervorbrächte, wollte ich auch noch wissen. „Mein Favorit ist das Bergsteigerbrot“, antwortet Stocklauser rasch. Seit 1878 im Sortiment ist das Hausbrot, so sein Vater Hannes, der gerade in voller Fahrradmontur bei der Tür hereinkommt. Nun gönnt er sich nach der langen Anreise per Zweirad aus dem Gurktal einen Kaffee. Sein Ur-ur-Großvater habe es vom Miklauzhof, wo er gelernt hatte, mitgebracht. Über die Walz kam dieser dann zur Firma Gorton, deren Bäckerei er führte und schlussendlich übernahm.

Heute fertigt der Familienbetrieb 2000 bis 6000 Semmeln – je nach Wochentag – täglich. Dafür läuft die „Semmelstraße“, wie Samuel sie nennt, aber auch deutlich über zehn Stunden durch. Neben seinen eigenen Filialen beliefert der Betrieb noch 750 Großkunden und mit der Hochrindl, der Flattnitz, dem Kreischberg und der Turrach sogar vier Skigebiete. Diese Zahlen toppt nur der Papstbesuch von 1986, zu dem die Bäckerei 30.000 Semmeln auslieferte, erinnert sich Vater Hannes.

Wachstum mit Maß

Auch neben den Großbäckereien wollen die Stocklausers weiterhin wachsen. „Ich wünsche mir, dass die Bäckerzunft in Zukunft bestehen bleibt“, sinniert Samuel, bevor ich mich mit einer Bärentatze verabschiede, die ich bereits vor vielen Jahren auf der Hochrindl schätzen gelernt habe, als es in meinem Urlaub weit und breit keinen Bäcker gab.

Das sind die elf Stocklauser-Filialen:

  1. Weitensfeld (Stammhaus)
  2. Turrach
  3. Murau
  4. St. Lorenzen ob Murau
  5. Stadl-Predlitz
  6. Gurk
  7. Althofen
  8. Klagenfurt Benediktinerplatz
  9. Klagenfurt Obirstraße
  10. Klagenfurt Bahnhofstraße
  11. Klagenfurt Fleischmarkt
Isabella Schöndorfer
Isabella Schöndorfer
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