Das 70-Mio.-Euro-Ding!

Mitten in der Rezession hat sich das Land Kärnten von 2023 auf 2024 eine Erhöhung der Personalkosten um über 70 Mio. Euro oder fast 10 Prozent genehmigt. Auch sonst ist die Schuldenentwicklung mehr als besorgniserregend. Höchste Zeit, dass die Öffentliche Verwaltung Effizienzpotenziale durch die Digitalisierung realisiert!

Der Volkswirtschaftsprofessor an der Uni Klagenfurt und Geschäftsführer des KIHS (Kärntner Institut für Höhere Studien), Norbert Wohlgemuth, ist ganz baff. Er legt den Landes-Rechnungshof-Bericht (LRH-Bericht) über den Jahresabschluss des Landes Kärnten von 2024 vor. Während in der Privatwirtschaft schon allein aufgrund der inflationsbedingt explodierenden Arbeitskosten Personalabbau angesagt ist, genehmigt sich das Land trotz Rekord-Schulden um über 70 Mio. Euro höhere Personalkosten als 2023 (insgesamt 731,34 Mio. Euro oder 18,1 Prozent des Gesamtaufwands). Damit allein könnte nicht nur das Klagenfurter Hallenbad, sondern auch noch ein Teil des geplanten Kongresszentrums am Messegelände finanziert werden!

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Begleitmusik der Zulagen

In der Begründung vermerkt der LRH lapidar: „Gründe dafür waren die Valorisierung der Bezüge und der Zulagen ab Jahresbeginn um 9,15 Prozent, die Biennalsprünge und die Effekte durch Neueinstufung im Zuge der Besoldungsreform.“ Nicht einberechnet sind übrigens die Pensionskosten, die unauffällig im „Sachaufwand“ und „Transferaufwand“ versteckt sind und für die keine Rückstellungen gebildet werden. Wir lernen: „Normale“ Lohnerhöhungen gibt es im Öffentlichen Dienst nicht, da ist immer diese polyphone Begleitmusik der Biennalsprünge, Zulagen und dann jene ominöse Besoldungsreform. Laut Beteuerungen der Politik diene sie dazu, mittels einer Erhöhung der Einstiegsgehälter gegenüber der Privatwirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben. Viele Unternehmer erleben das im Alltag freilich ganz anders: Ihnen werden wertvolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von öffentlichen Einrichtungen abgeworben. Zu verdenken ist es den „Umsattelnden“ nicht. Zu den aufgrund der regelmäßigen Besoldungsreformen durchaus konkurrenzfähigen Gehältern kommt die hohe Jobsicherheit im Öffentlichen Dienst. Der Sager „Ich verdiene zwar wenig, aber das hab ich wenigstens sicher“, stimmt hier also längst nicht mehr.

Parkinson’s Law

Für den Volkswirt ist das dann wohl eine regelrechte „Umkehrung der Werte“ (Copyright: Friedrich Nietzsche): Ausgerechnet die öffentliche Hand, die ja zum guten Teil aus Steuern und Abgaben auf die Wertschöpfung privater Unternehmen finanziert wird, wirbt ihnen die Leute ab! Dass die steigenden Personalkosten des Landes hingegen kein unverhinderbares Naturereignis sind, das man einfach so zur Kenntnis nehmen müsse, versucht Professor Wohlgemuth anhand von „Parkinson‘s Law“ zu erklären. Das Gesetz hat natürlich nichts mit der gleichnamigen Erkrankung des Nervensystems zu tun und ist auch schon ziemlich alt. Wohlgemuth hat es in einem Artikel des Wirtschaftsmagazins „The Economist“ aus den 50er Jahren gefunden. Und selbiges formuliert zwei ganz einfache Regeln (Maximen des Handelns) in Verwaltungsapparaten:

  1. Ein Beamter (engl. „Official“) will Untergebene vervielfachen, nicht Rivalen (auf der gleichen Hierarchieebene).
  2. Beamte erzeugen füreinander Arbeit (obwohl der zu erledigende Arbeitsanfall gleich bleibt).

Das Ganze wird nicht nur theoretisch durchgespielt, sondern auch anhand des massiv steigenden Personalstands im britischen „Colonial Office“ in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts untermauert. Und hat heute unvermindert Gültigkeit, wenn man sich die heimischen Apparate ansieht, die etwa jene der ungleich größeren einstigen Donaumonarchie um ein Vielfaches übertreffen.

Privatwirtschaft immer schlanker

In der Privatwirtschaft hat man sich dieses Problems längst angenommen. Tools wie „Lean Management“ (Info dazu hier) haben die Belegung der Administrationsgebäude längst schrumpfen lassen, auch wenn etwa externe bürokratische Erfordernisse wie Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD, Chemikalienregulierung (REACH) oder Verpackungsverordnung (um nur einige wenige zu nennen) den Unternehmen das Leben schwer machen.

Sachbearbeiter nicht nachbesetzen!

Längst leisten aber auch schon Digitalisierung allgemein und Künstliche Intelligenz im Speziellen einen wertvollen Beitrag zur Verschlankung von Verwaltungsstrukturen. Bis in heimische Tintenburgen ist das aber noch nicht ansatzweise durchgedrungen, scheint zumindest Michael Zettel vom Österreich-Ableger des großen internationalen Strategie- und Unternehmensberater Accenture überzeugt zu sein (Die Presse vom 13. November 2025 – den Link erspart sich der Autor hier wegen der Bezahlschranke). Deshalb warnt Zettel auch davor, im Zuge von Sparpaketen im öffentlichen Sektor die IT-Budgets zusammenzustreichen. Im Gegenteil, die müssten sogar leicht erhöht werden, um dann reiche Ernte einzufahren. Würde allein die Sachbearbeitung in Ämtern und Behörden durchgängig automatisiert und digitalisiert werden, könnte der Staat jährlich bis zu drei Mrd. Euro einsparen, wird Zettel von der Presse zitiert. Es gehe ihm ausdrücklich nicht um „Lehrer, Polizisten und dergleichen“, es gehe um das Verwaltungspersonal. Das Zeitfenster sei jetzt ideal. Bis 2033 gehe rund die Hälfte der Beamten aus der Babyboomer-Generation in Pension. WIFO-Ökonom Michael Böheim stößt im selben Artikel ins selbe Horn: „Kein einziger Babyboomer, der aus einer rein administrativen Tätigkeit in Pension geht, sollte nachbesetzt werden.“

[totalpoll id=“10460″]

Schulden wachsen dreimal stärker als Wirtschaft!

Dass die Kärntner Landesregierung angesichts ihrer dramatischen Schuldenentwicklung hier nicht längst handelt, ist unverständlich. Im Voranschlag für das Jahr 2026 ist laut Prof. Wohlgemuth wieder ein Plus bei den Personalkosten von rund 50 Mio. Euro vorgesehen. Die Landesschulden wachsen laut der ihm vorliegenden Prognose bis 2029 gegenüber 2024 um 56 Prozent auf 6,3 Mrd. Euro, während das Bruttoregionalprodukt im selben Zeitraum nur um etwa 17 Prozent zunimmt. „Die Schulden steigen dreimal so stark wie die Wirtschaftsleistung“, empört sich Wohlgemuth. Das sei nicht nachhaltig.

Stabiles Fundament?

Dass Finanzreferentin Gaby Schaunig in der Pressekonferenz zur Präsentation des Landesvoranschlags für 2026 „trotz herausfordernder Rahmenbedingungen“ davon spricht, dass es gelungen sei, „den Kärntner Landeshaushalt für die Jahre 2026 bis 2029 auf ein stabiles Fundament zu stellen“ (LPD vom 13.11.2025), ist – vorsichtig formuliert – höchst fragwürdig. Die Neuverschuldung (Netto-Finanzierungssaldo) beträgt 429,6 Mio. Euro! Da spielen die 107 Mio. Euro, um die man angeblich die Neuverschuldung gesenkt habe, kaum eine Rolle. Für nachfolgende Generationen ist das kein Rucksack, sondern eher ein Big-Bag – sollte uns die EU nicht noch zeitnah die Troika schicken, die dann in griechischer Manier den sozialen Kahlschlag vorschreibt.

Beschäftigungspolitik war gestern

So wie bisher kann es jedenfalls nicht weitergehen. Ein bisschen interne Aufgabenreform hier und ein bisschen Zusammenlegung von Abteilungen da sind keine tragfähige Lösung. Angesichts der Dramatik der Lage wird sich die Politik mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass die Zeiten der Beschäftigungspolitik über den öffentlichen Dienst vorbei sind. Da werden nämlich in Zukunft dieselben harten Effizienzkriterien gelten müssen wie in der Privatwirtschaft, um Leistungen für die Bürger aufrechterhalten zu können. Das gilt vor allem für die aufgrund der Demografie finanziell explodierenden Bereiche Gesundheit und Pflege. Auch da sieht Accenture übrigens ein Einsparungsvolumen von vier Mrd. Euro pro Jahr durch Digitalisierung. Größtes Problem laut Michael Zettel: „die Steuerung der Patienten“. Man müsse Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen und da sei die telefonische Anlaufstelle „1450“ das „Digitalverbrechen des 21. Jahrhunderts“.

Freunde wird er sich da keine gemacht haben im Gesundheitswesen. Die Wahrscheinlichkeit ist also relativ hoch, dass das trotzig verteidigte Chaos in den Zuständigkeiten fröhlich weitergeht. Bis es tatsächlich nicht mehr nur um die Konsolidierung der IT-Systeme geht, die laut Accenture allein eine halbe Mrd. Euro einsparen würde oder um die Schließung überflüssiger Krankenhausstandorte. Denn dann kämen die wirklich harten Einschnitte bei den Leistungen.

Gilbert Waldner
Gilbert Waldner
Autor | Kärnten
Ressorts: Wirtschaft | Politik, Hart | Herzlich, Öko | Logisch
waldner@mut-magazin.at

M.U.T. auf Youtube

M.U.T.letter

Wissen, was die Wirtschaft bewegt.

Das könnte Sie auch interessieren