Sanierung statt Neubau, Bestand statt Bodenversiegelung: Was Architekt Roland Winkler als Haltung beschreibt, verfolgt das Büro nonconform mit einem konkreten Planungsansatz. Gründer Roland Gruber nennt dies Baureduktionsplanung. Dahinter steckt eine einfache Frage: Was muss tatsächlich gebaut werden – und was lässt sich durch klügere Nutzung bestehender Gebäude lösen?
Bestandsaufnahme: Steigende Baukosten, Klimaziele und knappe Budgets stellen die Bau- und Immobilienbranche vor neue Herausforderungen. Gefragt sind Konzepte, die Bestehendes besser nutzen, statt immer neu zu bauen.
Hier kommt das Moosburger Unternehmen nonconform ins Spiel. Bevor ein erster Entwurf entsteht, analysieren Roland Gruber und sein Team gemeinsam mit Auftraggebern, Nutzerinnen und Nutzern den tatsächlichen Bedarf. Ziel ist nicht möglichst viel neue Fläche, sondern möglichst viel Nutzen mit möglichst wenig baulichem Eingriff. „Der größte Hebel für Kosten- und Klimareduktion ist der Quadratmeter, der gar nicht erst bebaut wird“, sagt Gruber.

Vom Bankgebäude zum Stadtbaustein
Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt die Kärntner Sparkasse. Gemeinsam mit nonconform, einem in Österreich und Deutschland tätigen Büro für Zukunftsraum-Entwicklung, entschied sich die Bank bewusst gegen einen Neubau und für den historischen Standort am Neuen Platz in Klagenfurt. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde nicht nur modernisiert, sondern um neue Nutzungen erweitert: Neben der Bank entstanden Café, Veranstaltungsflächen, Finanzbildungsangebote und öffentlich zugängliche Bereiche. Das Ergebnis ist ein Haus, das weit über seine ursprüngliche Funktion hinaus wirkt und neues Leben in die Innenstadt bringt.

Für Gruber ist genau das der Kern der Baureduktionsplanung: Bestehende Gebäude intelligenter zu nutzen, Funktionen zu kombinieren und dadurch Kosten, Ressourcen und Boden zu sparen. Weniger bauen bedeutet dabei keinen Verzicht, sondern mehr Qualität – für Menschen, Städte und das Klima.
Wie sich diese Planungsphilosophie konkret in Architektur übersetzen lässt, zeigt das neue Headquarter der Kärntner Sparkasse am Neuen Platz in Klagenfurt. Architekt Roland Winkler erklärt im Interview, warum das Gebäude weit mehr als eine Bank ist.

„Das Gebäude leistet Stadtarbeit“
Architekt Roland Winkler über die Haltung, nicht nur Bank zu sein, und die bedrohte Spezies Stadt, für die das neue, alte Bauwerk ein wahres Geschenk ist.
M.U.T.: Das Gebäude am Neuen Platz prägt das Stadtbild Klagenfurts seit Jahrhunderten. Wie bewahrt man Geschichte und schafft gleichzeitig ein Gebäude für die nächsten Jahrzehnte?
Roland Winkler: Über Architektur redet man nicht, man redet in ihr. Architektur ist nicht eine schöne Form, eine schöne Farbe, ein schöner Raum. Architektur ist immer dazwischen. Das wusste man vor 500 Jahren und verwendete Hausfassaden, um damit Stadt zu erschaffen. Heute schaffen wir es gerade noch, mit Wänden ein Haus zu bauen – die Stadt spielt dabei keine Rolle mehr. Am Neuen Platz haben wir die alten Ansätze aufgegriffen und sie ins Heute geholt: Das Haus als Detail einer Stadt.
Ihr Entwurf setzt bewusst auf Sanierung statt Neubau. Warum ist der Erhalt bestehender Bausubstanz aus Ihrer Sicht nicht nur eine Frage des Denkmalschutzes, sondern auch der Nachhaltigkeit?
Jedes nichtgebaute Haus braucht keine Zufahrt, keine Infrastruktur, keine Versiegelung des Bodens. Jede aktivierte alte Bausubstanz verhindert Leerstand, nutzt bestehende Strukturen, nutzt die Lebenslinien der Altstädte – hält sie am Leben, erzählt die Geschichte weiter. Unsere neuen Städte sind meist Anhäufungen aus Eigeninteressen – sie wachsen nicht, erneuern sich nicht von innen heraus. Sie schwellen nur an.
Die Kärntner Sparkasse spricht davon, dass das neue Haus weit mehr als eine Bank sein soll – ein Ort der Begegnung mit Gastronomie, Finanzbildung und öffentlichen Bereichen. Wie übersetzt man einen solchen gesellschaftlichen Anspruch in Architektur?
Architektur ist Hintergrund. Architektur ist aber auch Haltung. Die Entscheidung der Kärntner Sparkasse für den Erhalt, für ihre Kunden, für ihre Stadt und gegen das Abwandern, gegen das einfachere Neubauen, war sehr schwierig und sehr mutig. Auch das ist Haltung. Wie oft sind öffentliche oder halböffentliche Einrichtungen – Schulen, Einkaufstempel, Ämter – in die Peripherie abgewandert und haben die Energie mitgenommen, aus der Innenstadt abgezogen. Wen wundert´s, dass diese stirbt?
Die Sparkasse bleibt im Zentrum, versteht die Rolle, die hier zu spielen ist, die Haltung, die einzunehmen ist: Ein Teil des Stadtlebens zu werden, nicht nur Bank zu sein, sondern das Erdgeschoss zu öffnen. Nicht nur für interne Geschäfte, sondern für das Stadtleben, zum Kaffeetrinken, für Kinder, einfach um sich zu treffen. Vom Neuen Platz zum Benediktinermarkt indoor flanieren zu können, weil es vielleicht regnet oder man Geld vom Bankomaten braucht oder noch Zeit für einen Snack auf der Dachterrasse bleibt. Das ist Haltung, und das ist ein Geschenk an die Stadt.
Das Gebäude öffnet sich im Erdgeschoß stärker zum Neuen Platz, während die historische Fassade erhalten blieb. Welche Botschaft soll diese neue Offenheit nach außen vermitteln?
Architektur ist das, was dazwischen ist. Zum Beispiel zwischen dem neuen Platz und dem Benediktinermarkt. Oder zwischen Einkaufen und Ausgehen. Oder zwischen zwei Terminen. Architektur füllt den Raum mit Möglichkeiten für unsere Absichten. Sie stellt sich nicht in den Weg, sie macht ihn. Sie stellt sich nicht aus. Man stellt sich hinein.
Aus diesen Überlegungen heraus wurden sämtliche Öffnungen im Erdgeschoss gleich einer Arkade bis zum Boden gezogen. Das Haus spricht damit eine Einladung aus.
Wenn Besucher das neue Haus betreten – woran würden Sie erkennen, dass Ihre architektonische Idee aufgegangen ist? Gibt es einen Moment oder einen Raum, auf den Sie besonders stolz sind?
Betritt man das Gebäude über das geöffnete Erdgeschoss und besucht über den Panoramalift, der durch den Innenhof auf die Dachterrasse führt, das Restaurant, so bewegt man sich dabei ausschließlich an einladenden, offenen, kommunikativen Raumzonen vorbei – alles freundlich, entspannt, gut durchlichtet. Aber wo ist eigentlich die Bank? Das ist wohl, was das Gebäude herausragend schafft: eine Arbeitswelt zu schaffen, die sich wie Freizeit anfühlt.
Sie begleiten seit vielen Jahren anspruchsvolle Bauprojekte, sind mehrfacher Landesbaupreisträger. Wo ordnet sich der Umbau des Neuen Platzes 14 in Ihrer eigenen Laufbahn ein – und was nehmen Sie aus diesem Projekt persönlich mit?
Vorausgeschickt: Dieses Projekt haben wir – wie das Wien Museum und das Kärnten Museum – mit Ferdinand Čertov Architekten verwirklicht. Dieses Projekt bietet in besonderer Weise einen sehr unterschätzten Beitrag zur Nachhaltigkeit an: Ein Haus, das sich der Öffentlichkeit nicht verschließt, die Erdgeschosszone öffnet, Gastronomie anbietet, Angebote für Kinder bereithält, überhaupt am bestehenden Standort verbleibt und die alte Bausubstanz aktiviert, setzt einen Anker in die Stadt, der unbezahlbar ist, weil er das gesamte Umfeld stabilisiert und gleich einem Organ im Körper die Zyklen und Kreisläufe antreibt. Das ist tatsächliche Nachhaltigkeit! Das Gebäude leistet Stadtarbeit, das ist schon etwas Bemerkenswertes.
Ferdinand Čertov
nonconform ideenwerkstatt
Feldkirchner Str. 2, 9062 Moosburg



