Der sechstlängste Eisenbahntunnel der Welt, 250 Stundenkilometer, eine knappe Dreiviertelstunde zwischen Graz und Klagenfurt: Mit bemerkenswerten Eckdaten schafft die fast sechs Milliarden Euro teure Koralmbahn einen neuen Wirtschaftsraum im Süden. Warum das eine gute Nachricht ist, was nun geschehen muss und wie wichtig dabei „mehr M.U.T.“ ist, erzählen die Wirtschaftskammerpräsidenten Josef Herk (Steiermark) und Jürgen Mandl (Kärnten) in der Doppelconférence.
M.U.T.: Sehr geehrte Präsidenten, die Koralmbahn wird oft als historischer Wendepunkt für den Süden Österreichs bezeichnet. Was wird sich aus Ihrer Sicht in den ersten fünf Jahren nach Inbetriebnahme konkret für Unternehmen, Arbeitsmärkte und Investitionen verändern?
Josef Herk: Aus steirischer Sicht wird der Wirtschaftsraum deutlich größer. Unternehmen bekommen Zugang zu einem erweiterten Arbeitsmarkt, Lieferketten werden kürzer und effizienter. Besonders für Industrie, Forschung und Logistik ist das ein echter Standortvorteil. Die Koralmbahn ist nicht nur ein enormes Infrastrukturprojekt, sondern auch ein Wirtschaftsbeschleuniger.
Jürgen Mandl: Für Kärnten bedeutet die Koralmbahn vor allem einen massiven Zugewinn an Erreichbarkeit. Klagenfurt rückt in unter einer Stunde an Graz heran – das verändert Pendlerströme, Unternehmensstandorte und Investitionsentscheidungen. Wir rechnen mit neuen Betriebsansiedlungen entlang der Achse und einer stärkeren Vernetzung unserer Industrie mit der steirischen Innovationslandschaft.
Wann wird aus der Idee der AREA Süd ein tatsächlich funktionierender gemeinsamer Wirtschaftsraum – und woran werden Unternehmerinnen und Unternehmer das im Alltag spüren?
Mandl: Die AREA Süd ist dann im Alltag angekommen, wenn Unternehmen nicht mehr in Landesgrenzen denken müssen – etwa bei Förderungen, Fachkräften oder Kooperationen. Erste Projekte zeigen, dass das funktioniert. Ziel ist, dass der Süden Österreichs als ein starker Wirtschaftsraum wahrgenommen wird, nicht als zwei unterschiedliche Bundesländer.
Herk: Wir sind hier bereits am Weg von der Vision zur Umsetzung schon ein Stück vorangekommen. Gemeinsame Cluster, Forschungskooperationen und Standortmarketing sind konkrete Schritte. Entscheidend ist, dass wir international geschlossen auftreten – als Raum mit über einer Million Menschen, starker Industrie und hoher Innovationskraft.
Kärnten und Steiermark standen wirtschaftlich über Jahrzehnte im Standortwettbewerb. Wo braucht es künftig bewusst mehr Kooperation – und wo darf gesunder Wettbewerb bleiben?
Herk: Kooperation ist heute wichtiger als Konkurrenz. International konkurrieren wir mit Regionen in Deutschland, Italien oder Osteuropa – nicht mit Kärnten.
Wenn wir unsere Stärken bündeln, gewinnen beide Seiten. Erfolgsentscheidend wird sein, dass die AREA Süd zu einem neuen Möglichkeitsraum für alle Regionen wird – auch für jene, die nicht direkt an der Bahnstrecke liegen. Dazu haben wir bereits eine umfassende Maßnahmenagenda ausgearbeitet, die man auf www.area-sued.at nachlesen und downloaden kann.
Mandl: Ein gewisser Wettbewerb bleibt gesund, zum Beispiel bei Innovationen.
Aber bei großen gemeinsamen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, der Infrastruktur oder noch mehr Internationalisierung müssen wir zusammenarbeiten. Gemeinsam sind wir einfach stärker. Mehr Menschen, mehr Märkte,
mehr Möglichkeiten – das ist nicht nur ein platter PR-Slogan, sondern beinharte Realität.
Was sind derzeit die größten strukturellen oder politischen Bremsklötze bei der engeren wirtschaftlichen Verzahnung der beiden Bundesländer?
Mandl: Die größte Hürde ist oft die unterschiedliche Verwaltungspraxis und Gesetzeslage. Unternehmen stoßen auf verschiedene Verfahren, Fristen, Auflagen, Ansprechpartner. Das bremst Tempo und Investitionen. In der Harmonisierung der Spielregeln liegt zweifelsohne einer der Schlüssel zum Erfolg.
Herk: Um fair zu sein: Auch die politische Abstimmung braucht Zeit. Viele Bereiche sind historisch getrennt gewachsen. Aber hier müssen wir mutiger werden und pragmatische Lösungen finden, statt alles doppelt zu organisieren.

Braucht es mittelfristig gemeinsame Behördenstrukturen, abgestimmte Förderstellen oder One-Stop-Shops für Unternehmen im Raum AREA Süd – und wie realistisch ist das?
Mandl: Gemeinsame Serviceplattformen oder One-Stop-Shops für Unternehmen wären ein großer Fortschritt. Niemand versteht, warum man für ähnliche Projekte in zwei Ländern unterschiedliche Wege gehen muss.
Herk: Ich halte abgestimmte Strukturen nicht nur für realistisch, sondern für ein Gebot der Stunde – vor allem digital. Gemeinsame Fördercalls, koordinierte Genehmigungen oder zentrale Anlaufstellen würden den Wirtschaftsraum deutlich effizienter machen.
Wie können Bildungsangebote, Fachhochschulen, Universitäten und Lehrlingssysteme besser aufeinander abgestimmt werden, um einen gemeinsamen Arbeitsmarkt Süd zu schaffen?
Herk: Die Steiermark bringt starke Hochschulen und Forschung mit, Kärnten viel Industriekompetenz. Wenn wir das systematisch verbinden, entsteht ein enormes Potenzial – vor allem für Technik, Digitalisierung und Green Tech.
Mandl: Wir brauchen eine stärkere Abstimmung zwischen Kärntner und steirischen Bildungseinrichtungen. Studienangebote, Lehrlingsprogramme und Weiterbildungen sollten sich ergänzen, nicht konkurrieren. So schaffen wir einen echten gemeinsamen Arbeitsmarkt.
Die Forderung nach „mehr Mut“ nehmen Sie wörtlich: Das ursprünglich in Kärnten erscheinende Print- und nunmehrige Online-Magazin M.U.T. des Wirtschaftsbundes wird seit Jahresbeginn auch auf die Steiermark ausgerollt. Ein Signal der Gemeinsamkeit?
Herk: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns am Anfang eines langen Integrationsprozesses befinden. Mit der AREA Süd entsteht ein Wirtschaftsstandort neuer Dimension, der mehr Austausch, mehr Sichtbarkeit und mehr gegenseitiges Verständnis braucht. Ein gemeinsames Online-Magazin schafft dafür einen wichtigen kommunikativen Rahmen und bringt Unternehmen, Ideen und Themen über Landesgrenzen hinweg zusammen.
Mandl: Wir setzen im eigenen Verantwortungsbereich um, was wir auch von anderen verlangen. Wenn der Süden Österreichs wirtschaftlich enger zusammenwächst, braucht diese Entwicklung eine zeitgemäße, gemeinsame Stimme. M.U.T. kann genau das: Es macht wirtschaftliche Dynamiken sichtbar, fördert den Dialog und stärkt die Identität der jungen AREA Süd als integrierter Wirtschaftsraum.
Danke für das Gespräch.
